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Veröffentlicht am 19.09.2025

DasDorf

Blutbrot
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Die Grenze zwischen Österreich und Italien, der Brenner-Pass. Nach dem zweiten Weltkrieg werden Nationalsozialisten über die Grenze geschleust und ihnen wird bei der Flucht häufig nach Südamerika geholfen. ...

Die Grenze zwischen Österreich und Italien, der Brenner-Pass. Nach dem zweiten Weltkrieg werden Nationalsozialisten über die Grenze geschleust und ihnen wird bei der Flucht häufig nach Südamerika geholfen. Davon will man später nichts mehr wissen. Aber die Tatsachen sind da, die Erinnerungen sind da. Jede Familie muss sich fragen, was sie Vorfahren, Väter, Großväter, Mütter, Großmütter damals getan haben. Wie können sie damit leben, dass sie den schlimmsten Verbrechern ihrer Zeit geholfen haben? Eine Rechtfertigung gibt es nicht. Doch sie versuchen es, sie waren keine Nazis, die waren ja auch Menschen. Kann man das wirklich so sehen?

Als Theatertext hat dieses Werk eine ungewöhnliche Form und ist mit ungefähr siebzig Seiten auch nicht so lang. Dennoch löst es etwas aus. Man spürt das Schweigen, das nicht drüber reden wollen. Da ist sich das Dorf einig. Auch die schleichende Veränderung des Brotes wird auf eine eindringliche Art beschrieben, die einen den Appetit verlieren lässt. Das Dorf und seine Menschen haben etwas weniger Angenehmes aus ihrem Ort und seinen Bewohnern gemacht. Das Schweigen herrscht dort ebenso wie in Deutschland, wo die Schuld kaum angesprochen und aufgearbeitet wurde. Die Autorin hält es dem Dorf vor wie einen Spiegel. Sie nimmt ihre eigene Familie nicht aus.

Ein beeindruckender und beklemmender Text, der nachdenklich stimmt. Zwar fragt man sich zu Beginn, wie sich der Klappentext im Dorf wiederfindet. Vielleicht ist aber auch gerade das der Ausdruck des Schweigens. Das Geschehene tritt nach und nach zu Tage. Es schaudert einen beim Lesen und es ist gut vorstellbar, dass die Worte gesprochen noch mehr funktionieren. Die Zeit des Sprechens ist jetzt, da es immer weniger Menschen gibt, die man fragen kann.

Der Text gehört zu den Nominierten für den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises 2025.


4,5 Sterne

Veröffentlicht am 18.09.2025

Cohen

Maror
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Im Jahr 2003 wird der Polizist Avi zu einem Tatort gerufen. Eine Autobombe ist explodiert und mehrere Menschen wurden getötet. Chief Inspector Cohen leitet den Einsatz und er beauftragt Avi mit weiteren ...

Im Jahr 2003 wird der Polizist Avi zu einem Tatort gerufen. Eine Autobombe ist explodiert und mehrere Menschen wurden getötet. Chief Inspector Cohen leitet den Einsatz und er beauftragt Avi mit weiteren Ermittlungen. Dann geht es zurück ins Jahr 1974. Es sind die Anfangsjahre Cohens bei der Polizei. Mit seinem Partner untersucht er eine Reihe von Morden an jungen Frauen. Eine der ersten Getöteten war wohl eine Cousine. Nun ist wieder eine junge Frau getötet worden. In Verdacht gerät ihr Lebensgefährte. Die Beweislage ist allerdings dünn. Als ein weitere Verdächtiger gefunden wird, erscheint für Cohen die Sache klar.

Über mehrere Jahrzehnte spannt sich die Handlung dieses Thrillers. Israel ist teilweise von Krieg und Gewalt geprägt. Doch teilweise wollen die Menschen auch nur in ihrem Staat in Sicherheit leben. Was sind sie bereit dafür einzusetzen? Cohen beginnt als kleiner Streifenpolizist, wie er selber sagt. Über die Zeit baut er sich allerdings seine Netzwerke auf, in die er auch Kollegen hineinzieht. Nicht immer geht es damit ganz mit rechten Dingen zu. Und auch die politische Situation verändert sich. Auch über die Jahre hin und über Ländergrenzen scheinen viele Fäden bei Cohen zusammenzulaufen.

Sowohl das Cover als auch der Klappentext lassen auf einen spannenden Thriller schließen. Dass sich die Handlung über mehrere Jahrzehnte ausdehnt, wird erst während der Lektüre klar. Auch dass es manchmal reichlich brutal zugeht, merkt man erst beim Lesen. Um die Lösung von Fällen scheint es weniger zu gehen. Dafür erhält man eine ernüchternde Beschreibung um die Vorgänge zwischen Polizisten und Gangstern. Eher nebenbei erwähnt, werden Hintergründe zu den Entwicklungen in Israel. Gerade die Themen, die man als interessant empfunden hätte werden nur angerissen. In Laufe der Lektüre dieses immerhin über sechshundertseitigen Romans sind schon einige Zusammenhänge zu erkennen. Und an den schonungslos präzisen Schilderungen erkennt man die genaue Recherche. Ob dieser Thriller die Erwartungen erfüllen kann, muss jeder Leser oder jede Leserin selbst entscheiden.

Veröffentlicht am 17.09.2025

Nicknames

Miss Merkel: Mord unterm Weihnachtsbaum
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Eigentlich wollten die Ex-Kanzlerin Angela Merkel und ihre Familie Weihnachten mit den Obamas am Strand verbringen. Angela merkt aber, das ist nicht das Richtige für sie und Achim. Sie kehren zurück nach ...

Eigentlich wollten die Ex-Kanzlerin Angela Merkel und ihre Familie Weihnachten mit den Obamas am Strand verbringen. Angela merkt aber, das ist nicht das Richtige für sie und Achim. Sie kehren zurück nach Deutschland und werden zum ersten Mal ein Weihnachtsfest in Klein Freudenstadt verbringen. Die vorweihnachtliche Stimmung wird jedoch jäh getrübt als sie einen toten Weihnachtsmann finden, der kopfüber in ihrem Kamin steckt, Das ist schon etwas schockierend. Aber nur ein wenig, insgeheim freut sich Angela, dass sie wieder ermitteln kann. Nie hätte sie gedacht, dass sie das so erfüllend finden würde. Der Tote war allerdings nicht der einzige Weihnachtsmann, der zu dieser Zeit Geschenke im Ort ausliefert.

Zum fünften Mal bekommen die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel, ihr Mann Achim und Bodyguard Mike es unerwartet mit einem Todesfall zu tun. Doch auch der Täter oder die Täterin werden auf dem linken Fuß erwischt, war doch damit zu rechnen, dass der Tote erst viel später gefunden wird. Und nun werden Angela und Achim nicht nur mit Toten konfrontiert, nein, jemand fängt auch noch damit an, seine Freundin Puffeline zu nennen. Das ist Achims Angela vorbehalten. Müssen sie sich jetzt etwas was anderes einfallen lassen? Vorrang hat natürlich die Lösung des Rätsels um den toten Weihnachtsmann.

Dieses weihnachtliche Hörbuch wird wie immer ganz hervorragend gelesen und in Szene gesetzt von Nana Spier. Man freut sich auf und über Miss Merkel.

In diesem Band wird Miss Merkel ihrem Ruf als Wissenschaftlerin gerecht, sie muss sich wahrlich in die Sache hineindenken, um neue Möglichkeiten zu finden. Und gleichzeitig bekommt sie es gewissermaßen mit dem Geist der Weihnacht zu tun. Sie kann nichts dafür, dass Achim manchmal ein wenig leiden muss. Das Setting ergibt einige wirklich erquickliche Hörerlebnisse, die einen zum Schmunzeln bringen und gute Laune verbreiten. Ob man den kleinen Ausflug in andere Sphären für Miss Merkel als hundertprozentig passend empfindet, kann so eine Sache sein. Auch wirkt der Roman mit knapp zweihundert Seiten und das Hörbuch mit etwas über vier Stunden im Vergleich mit den anderen Bänden eher schnell dahin geschrieben. Doch natürlich bietet er sehr gute Unterhaltung mit einigen sehr lustigen Szenen. Man möchte Miss Merkel und ihre Lieben nicht mehr missen.

Veröffentlicht am 15.09.2025

Das Vermächtnis

Die blaue Stunde
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Die Künstlerin Vanessa Chapman hat einer Stiftung ihre Kunstwerke und Aufzeichnungen vermacht. Allerdings haben die Verwalter der Stiftung den Verdacht, dass nicht alles übergeben wurde, worauf sie eigentlich ...

Die Künstlerin Vanessa Chapman hat einer Stiftung ihre Kunstwerke und Aufzeichnungen vermacht. Allerdings haben die Verwalter der Stiftung den Verdacht, dass nicht alles übergeben wurde, worauf sie eigentlich einen Anspruch geltend machen könnten. Dann äußert auch noch ein Ausstellungsbesucher die Vermutung, die Künstlerin habe in einem ihrer Werke etwas verarbeitet, das wie ein menschlicher Knochen aussieht. Es wird beschlossen, dass Kurator James Becker die Gezeiteninsel, auf der Chapman lebte, besuchen soll, um die dort lebende Ärztin und Gefährtin der Verstorbenen um weitere Informationen zu bitten. Diese lebt allerdings sehr zurückgezogen und ist von dem Gedanken an Gesellschaft nicht begeistert.

In welcher Beziehung standen Grace und Vanessa genau? Immerhin lebten sie auf Eris Island bis Vanessa starb und die Künstlerin hat ihrer Freundin das Haus vererbt. Wieso aber hat sie die Kunstwerke der Stiftung vermacht, wenn sie sich mit dem inzwischen verstorbenen Stifter überworfen hatte? Und was ist mit den angeblich nicht übergebenen Arbeiten? Fragen, die sich auch James Becker stellt. Der werdende Vater möchte seine hochschwangere Frau eigentlich nicht alleine lassen. Und doch wegen des mutmaßlichen Knochenfundes muss einfach Klarheit geschaffen werden. Und Becker scheint einen Draht zu Grace zu haben und sie gibt ihm einige Unterlagen und Tagebücher.

Mit diesem Mix aus erzählten Passagen, Tagebucheinträgen und manchen Zeitungsausschnitten erhält dieser Thriller viel Tempo. Darüber kommen vielleicht einige Erzähl-Ansätze zu kurz. Interessant ist die Schilderung von Vanessas Leben als Künstlerin. Sie wirkt wie eine mondäne Kreative, die sich in der Gesellschaft bewegen kann, selbige aber über hat. Grace erweckt den Eindruck als sei sie wie eine Nebenhandlung im Leben, unscheinbar und ohne ausgeprägten Kunstsinn. Man fragt sich wieso die Frauen so zusammengeschweißt waren. Auch James Becker fühlt sich als Kurator nicht wohl. Zwar hat er Intelligenz und Kunstverständnis, aber seine einfache Herkunft steht ihm vor allem bei der Frau des Stifters im Weg. Es entwickelt sich ein vielschichtiger Thriller mit kleinen Ecken und Kanten, der eine sehr kurzweilige Lektüre bietet.

Veröffentlicht am 14.09.2025

Großmutter Veronikas Geheimnis

Wer mit den Toten spricht
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Das hätte die Sektionsassistentin Cassie Raven nie erwartet. Nach einem kleinen Schlaganfall eröffnet ihr ihre geliebte Oma Veronika, dass Cassies Vater nicht tot ist, wie sie immer behauptet hat, sondern ...

Das hätte die Sektionsassistentin Cassie Raven nie erwartet. Nach einem kleinen Schlaganfall eröffnet ihr ihre geliebte Oma Veronika, dass Cassies Vater nicht tot ist, wie sie immer behauptet hat, sondern dass er ihre Mutter getötet hat und dafür verurteilt wurde. Cassie ist verwirrt, plötzlich hat sie einen Vater, der ein Mörder sein soll. Dann nimmt ihr Vater Callum Kontakt mit ihr auf und behauptet, er hätte ihrer Mutter nie etwas antun können. Was soll Cassie davon halten? Glauben möchte sie Callum schon gerne. Bei ihren Nachforschungen findet Cassie tatsächlich Ungereimtheiten. Sie hofft, dass die Polizistin Phylida Flyte ihr noch weiter helfen kann.

Zum zweiten Mal stellen Cassie Raven und Phylida Flyte gemeinsame Ermittlungen an. Diesmal betrifft es Cassie sehr persönlich. Nachdem sie erfahren hat, was mit ihrer Mutter, an die sie sich nur vage erinnern kann, passiert ist, möchte sie wissen, was genau passiert ist. Eigentlich darf Phylida nicht helfen, aber sie weiß um Cassies Gespür für die Toten und die Lebenden und deshalb gibt sie weiter, was ihr möglich ist. Schließlich hat Cassie bei dem tragischen Tod eines Jugendlichen auch wieder bewiesen, wie gut die Toten bei ihr aufgehoben sind. Mit großer Zuwendung hat sie einen Hinweis auf die wahre Todesursache gefunden.

Aus dieser Mischung aus spannenden Ermittlungen um die Toten, die Cassie Raven zur Ansicht bekommt und wie sie gerade in diesem Fall in ihrem Inneren getroffen ist, en Kriminalroman, der sehr besonders ist. Sowohl Cassie als auch Phylida sind empfindsame Frauen, die ihre Gefühle manchmal hinter einer Maske verbergen. Umso mehr berührt es dann, wenn sie sich öffnen und einen Blick in ihr Inneres ermöglichen. Dieser Fall wird Cassies Leben verändern und mit seinen Wendungen fesselt er beim Lesen. Natürlich kann und soll nicht jeder Fall so persönlich sein, aber hier funktioniert das Konzept sehr gut.

Schön wie die Vorleserin Sandra Voss den einzelnen Personen eine wiedererkennbare Stimme verleiht. Das macht Freude beim Zuhören.