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Veröffentlicht am 26.02.2025

Teenager verschwunden

Schmerz
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Die Polizistin Dora wird seit einem Einsatz, bei dem sie eine schwere Kopfverletzung erlitt, von Schmerzen geplagt. Voll einsatzfähig ist sie seitdem nicht und meist ist sie im Innendienst. Ihr Kollege ...

Die Polizistin Dora wird seit einem Einsatz, bei dem sie eine schwere Kopfverletzung erlitt, von Schmerzen geplagt. Voll einsatzfähig ist sie seitdem nicht und meist ist sie im Innendienst. Ihr Kollege Rado wird von einer Aktion ausgeschlossen, weil befürchtet wird, dass er den Zielpersonen zu nahe stehen könnte. Nun während beinahe alle Polizeikräfte woanders gebunden sind, kommt die Meldung herein, dass eine jugendliche Person verschwunden ist. Aus dieser Not heraus werden Dora und Rado losgeschickt, um etwas zu dem Verschwinden von Morgan herauszufinden. Dabei ergeben sich erstmal wenige Hinweise, möglicherweise ist Morgan einfach abgehauen.

Mit diesem Reihenstart finden die Außenseiter Dora und Rado zu einem ungewöhnlichen Team zusammen. Für Dora ist das Leben seit ihrer Verletzung anders geworden. Sie hat den Eindruck, dass sie manchmal mehr sieht und empfindet als andere. Damit hat sie schon einige Fälle weitergebracht, eher zum Unmut der Kollegen. Rado dagegen, hat serbische Wurzeln, wobei seine Verwandten nicht alle eine weiße Weste haben. Trotzdem hat er sich bei der Polizei hochgearbeitet. Manchmal fragt er sich jedoch, ob er das volle Vertrauen genießt. Und nun ist ein junger Mensch verschwunden und so richtig besorgt scheint niemand zu sein. Doch Dora hat sofort ein ungutes Gefühl.

Dieser spannende Kriminalroman ist in Island angesiedelt. Der bodenständige Rado und die impulsiv empfindsame Dora bilden ein Zufallsteam, dass unerwartet gut harmoniert. Zwar fragt man sich, wie die eigentlich schwerkranke Dora weiterarbeiten kann und zusätzlich gerät sie in bedrohliche Situationen, bei denen man sich fragt, inwieweit sie für die Handlung entscheidend sind. Von diesem kleinen Manko abgesehen entwickelt sich die Geschichte fesselnd. Das Schicksal der verschwundenen Person ist ungewöhnlich und nimmt einen unerwarteten Verlauf. Ebenso überraschend ist das Ergebnis der Razzia. Dora und Rado wachsen dabei mehr zusammen als sie wohl selbst erwartet haben. Diese Reihe startet gut und macht neugierig auf weitere Fälle. Die Neugier kann mit einem Folgeband gestillt werden, der bereits angekündigt ist.

Der Umschlag des Buches ist ansprechend gestaltet. Durch den Farbschnitt gerät er noch auffälliger und wird somit zum echten Hingucker.

Veröffentlicht am 23.02.2025

Geteilter Vater

Mickey und Arlo
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Mit Leib und Seele ist Mickey Vorschullehrerin und natürlich trinkt sie nicht in der Schule. Doch eines Tages wird der fünfjährige Ian nicht abgeholt. Eigenmächtig entscheidet Mickey, ihn selbst nach hause ...

Mit Leib und Seele ist Mickey Vorschullehrerin und natürlich trinkt sie nicht in der Schule. Doch eines Tages wird der fünfjährige Ian nicht abgeholt. Eigenmächtig entscheidet Mickey, ihn selbst nach hause zu bringen. Sie ahnt nicht, welche Schwierigkeiten sie sich damit einhandelt. Als Mickey erfährt, dass ihr verstorbener Vater ihr eine Menge Geld hinterlassen hat, ist sei wie vom Donner gerührt. Ihr Vater, ein Alkoholiker, hat ihre Mutter verlassen, als Mickey erst kurz zu Schule ging. Doch das Geld ist an eine Bedingung geknüpft, Mickey muss sieben Therapiestunden ablegen. Arlo hatte den besten Vater, den sie sich vorstellen konnte. Und sie hat ihn gepflegt bis zum Schluss. Als sie erfährt, dass ihre unbekannte Halbschwester das ganze Geld erbt, ist sie wie vom Donner gerührt.

Zwei Frauen, Schwestern, die sich nie kennengelernt haben. Wie hätte das Leben sein könnten, wenn sie sich immer gekannt hätten? Auf Beide hat der Vater, der als Alkoholiker häufig fies und unleidlich war, ihrer beider Leben beeinflusst? Mickey wollte nie so werden wie er und doch trinkt sie jeden Tag, manchmal bis zum Augenstillstand. Also meinte immer, sie müsse seine Sucht managen und doch ist er gestorben. Und nun? Die Therapiestunden mit Mickey erweisen sich auch als nicht so einfach.

Eine ungewöhnliche, aber nicht völlig abwegige Geschichte, die einen mitnimmt. Auch wenn man selbst die Problematik mit der Sucht nicht so ganz versteht, weil man Glück gehabt hat und damit nur am Rande in Berührung kam, so berührt die Geschichte doch. Sie stellt die Schwestern mit ihren Stärken und Schwächen dar, menschlich wie Menschen eben sind. Sie hadern mit sich, ihrem toten Vater und den anderen Menschen, die in ihrem Leben sind oder auch gerade nicht. Es ist sehr berührend beschrieben, wie sie versuchen, etwas zu ändern, nicht immer erfolgreich. Und dennoch stehen sie auf, wenn sie gescheitert sind und versuchen von Neuem, zu einer Lösung zu finden. Das zeigt große Empathie und ist auch wegen der klaren Sprache sehr angenehm zu lesen.

Die Darstellung der zwei Frauen auf dem Cover, die zusammen und doch irgendwie getrennt sind, ist sehr treffend und passt gut zu dem Roman.

Veröffentlicht am 21.02.2025

Der Pilot

Nacht der Ruinen
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Während des letzten großen Angriffs auf Köln im März 1945 wird ein amerikanischer Bomber abgeschossen. Einer der Piloten kann sich mit einem Fallschirm retten. Kurze Zeit später wird der amerikanische ...

Während des letzten großen Angriffs auf Köln im März 1945 wird ein amerikanischer Bomber abgeschossen. Einer der Piloten kann sich mit einem Fallschirm retten. Kurze Zeit später wird der amerikanische Soldat Joe Salmon, der früher Joseph Salomon hieß, nach Köln geschickt, um einen Lynchmord aufzuklären. Salmon stammt aus Köln. Glücklicherweise konnte er nach der Kristallnacht noch aus Deutschland fliehen. Und jetzt durchstreift er mit dem britischen Kriegsreporter George Orwell die zerstörte Stadt. Zur Tarnung soll für die wenigen in den Trümmern lebenden Kölner eine Zeitung herausgegeben werden. Doch insgeheim begibt sich Joe auf die Suche nach dem Mörder und nach dem, was noch von seiner Vergangenheit übrig ist.

Der Krieg ist noch nicht ganz vorbei, aber das tausendjährige Reich ist in Köln zum Glück beendet. Joe Salmon erkennt seine Stadt kaum wieder. Nahezu alles ist zerstört. Wasser und Strom gibt es kaum. Das bekommen auch die Amerikaner zu spüren, die sich in den weniger noch stehenden Häusern einquartiert haben. Auf der Suche nach dem vermeintlichen Mörder erfährt Salmon wie es nun in Köln zugeht. Viele wollen die Nazi-Zeit möglichst schnell vergessen, daran, dass sie selbst mitgemacht haben, erinnern sie sich lieber nicht. Nur wenige Menschen haben es geschafft, aufrecht die Zeit zu überstehen.

Mit seinem neuen Roman bringt Cay Rademacher seinen Lesern eine weit entfernte, aber vielleicht nicht so ferne Zeit nahe. Die Zerstörungen sowohl an Leib und Leben als auch an Häusern und der ganzen Infrastruktur einer Stadt werden sehr eindrücklich und bildhaft geschildert. Hinzu kommt die spannende Suche nach einem Mörder. Kleinste Puzzleteile müssen zusammengefügt werden, um auf eine Geschichte zu kommen, von der man annehmen kann, dass Joe nicht sicher ist, ob er sie überhaupt wissen wollte. Beklemmend wird es, wenn Joe bei seinen Ermittlungen erfährt, wie die Nazis ihre Mitmenschen, auch Kinder, bewerteten und darüber urteilten, ob ihr Lebens des Lebens wert ist. Manchmal gerät die Erzählung etwas kleinteilig. Doch die dramatischen Ereignisse ergreifen einen beim Lesen und man hofft, dass man so eine Zeit nie erleben muss.

Veröffentlicht am 18.02.2025

Berliner Platte

Achtzehnter Stock
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Wanda lebt mit ihrer fünfjährigen Tochter Karlie in einem Berliner Plattenbau. Eigentlich wollte sie nie so werden wie ihre Mutter, die mehr scheinen wollte als sie war. Aber irgendwie wurde Wanda arbeitslos, ...

Wanda lebt mit ihrer fünfjährigen Tochter Karlie in einem Berliner Plattenbau. Eigentlich wollte sie nie so werden wie ihre Mutter, die mehr scheinen wollte als sie war. Aber irgendwie wurde Wanda arbeitslos, allein erziehend und immer knapp bei Kasse, weil sie keine Stütze beantragen will. Seit ihrer Schulzeit träumt Wanda von einer Karriere als Schauspielerin. Allerdings raubt ihr eine schwere Erkrankung Karlies den Agenten und damit jede Chance. So sieht es jedoch zunächst aus. Wenigstens hat Karlie in der Platte eine beste Freundin Aylin und deren Mutter hilft Wanda oft, wenn sie mal einen Babysitter braucht.

In ihrem Debütroman geht die Autorin der Frage nach, ob man der Platte entkommen kann. Wanda hat die Wohnung nur, weil ihr Onkel, der den günstigen Mietvertrag abgeschlossen hatte, ihr die Wohnung untervermietet hat. Obwohl sie dort einigermaßen klarkommt, ist es ihr unangenehm, anderen Menschen zu erzählen, wo sie lebt. Als sie den Schauspieler Adam kennenlernt, sieht sie ihre Chance gekommen, vergisst aber Karlie zu erwähnen. Dadurch muss sie häufig herum jonglieren, damit Karlie während ihrer Abwesenheit zu versorgen. Aber was, wenn Aylins Mutter mal keine Zeit hat. Wanda fällt es manchmal schwer zu entscheiden, was wichtiger ist, ihr Kind, die Arbeit oder Adam.

Die Platte ist schon in und wieder mal Schauplatz von Romanen oder Filmen. Wenn man das selbst nicht so kennt, weil es das auf dem Land einfach nicht gibt, weckt der Klappentext des Roman Interesse. Wie wird Wanda mit der Chance umgehen, ihren Traum doch noch zu verwirklichen? Weiß sie zu schätzen, dass sie sich meistens auf Aylins Mutter verlassen kann? Da kommt man selbst ins Überlegen. Reichtum und Oberflächlichkeit oder Armut und Freundschaft? Um welchen Preis kann man seine finanzielle Situation verbessern? Wo ist die Grenze? Man sollte die Platte vielleicht nicht romantisieren, aber sie ist genauso ein zuhause, eine Nachbarschaft wie die meisten anderen auch. Dramatisch und mitreißend ist die Schilderung von Karlies Erkrankung, die wirklich ans Herz geht. Nicht immer versteht man Wandas Entscheidungen, gerade wenn es darum geht, dass sie Karlie nicht erwähnt. Toll ist jedoch, wie sie sich doch befreit und zu sich selbst steht. Dass man den Wolken im achtzehnten Stock etwas näher ist, wird durch das farblich schön gestaltete Cover deutlich.

Veröffentlicht am 16.02.2025

Für die ehemaligen Optimisten

Die Achse der Autokraten
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Wenn man sich fragt, was schief läuft in dieser Welt in diesen Tagen, dann könnte dieses Buch zumindest einen Teil der Antwort geben. In Deutschland erschien es am 10.Oktober 2024, also noch vor der Wahl ...

Wenn man sich fragt, was schief läuft in dieser Welt in diesen Tagen, dann könnte dieses Buch zumindest einen Teil der Antwort geben. In Deutschland erschien es am 10.Oktober 2024, also noch vor der Wahl in Amerika, zu einer Zeit, in der man noch denken konnte, Amerika gehöre zu den freiheitlichen Demokratien. Natürlich kann mit einem Aufsatz von knapp 200 Seiten nicht jedes Rätsel gelöst werden, aber man bekommt doch einen Eindruck darüber, wie es läuft in autokratisch geführten Staaten. In Staaten, in denen man keine Rücksicht nehmen muss und schlimme Dinge einfach macht, weil man es kann. Man bekommt Strukturen aufgezeigt über persönliches Zusammenwirken der Autokraten, über finanzielle Ströme und Strukturen und auch wirtschaftliche Ziele oder Zwänge. Auch im Hinblick auf die Nutzung von Social Media zum Wohle und zum Machterhalt der Autokratien, zur Destabilisierung der Demokratien ist einiges zu erfahren. Da kann einem beim Lesen Angst und Bange werden, vor allem wenn man seine eigene Welt irgendwie erhalten möchte. Ein paar Hinweise gibt es, was getan werden könnte. Doch dazu müssten Staatenlenker für das Volk und die Demokratie eintreten und das Volk müsste auch mitmachen. Transparenz wäre ein gutes Stichwort. Nur mag sich der Silberschein am Horizont nicht so recht auftun. Das Buch ist den Optimisten gewidmet, doch es wird wohl eher von den ehemaligen Optimisten gelesen. Natürlich wird es weiterhin Hoffnung geben, allerdings wird die Arbeit schwieriger.

Die Autorin bekam den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2024 für ihr Gesamtwerk.