Fahle Handlungsstränge mitten ins Herz
Eine spannende Dystopie von Andreas Eschbach - darauf hatte ich mich schon gefreut. Zuletzt hatte ich von diesem Autor "Freiheitsgeld" gelesen, ein Gedankenexperiment mit unerwarteten Wendungen, das mich ...
Eine spannende Dystopie von Andreas Eschbach - darauf hatte ich mich schon gefreut. Zuletzt hatte ich von diesem Autor "Freiheitsgeld" gelesen, ein Gedankenexperiment mit unerwarteten Wendungen, das mich völlig fasziniert hatte. Ähnliches hatte ich auch von dem Hörbuch "Ins fahle Herz des Sommers" erwartet.
Wie auch schon bei "Freiheitsgeld" lässt sich Eschbach am Anfang Zeit, um die einzelnen Charaktere vorzustellen und den Rahmen für die Geschichte aufzuspannen. Atmosphärisch und eindringlich beschreibt er die schier aussichtslose Situation, in welcher sich der Hauptcharakter Fausto befindet: Seine Heimat in Frankreich ist aufgrund des schnell fortschreitenden Klimawandels kaum noch bewohnbar, die wüstenähnlichen Bedingungen haben die meisten Menschen in den Norden vertrieben. Die Stimme von Matthias Koeberlin unterstreicht die düstere Stimmung und vermag es, dem Leser die Trockenheit und die unbarmherzige Hitze eindrücklich ins Gedächtnis zu brennen.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine kleine verlassene Stadt mit einer überschaubaren Anzahl an Bewohnern. Eine alte Dame und der Pfarrer sind neben Fausto die einzigen in der Stadt Verbliebenen, während die abgeschottet lebende Bauersfamilie Braque ihre Farm am Rande der Stadt stoisch weiter bewirtschaftet und sich aus den Angelegenheiten der anderen heraushält. Dies ändert sich, als eine junge Frau namens Valerie in der Stadt auftaucht. Sie scheint mit den veränderten Klimaverhältnissen bestens klarzukommen und gibt den Bewohnern damit ein Rätsel auf. Ihre Herkunft ist ungewiss und generell scheint Valerie ein sehr sonderlicher Mensch zu sein. Als neben Valerie dann auch noch andere Gestalten in der Stadt auftauchen, wächst das Misstrauen von Fausto. Valerie wird zu dem wichtigsten Menschen in seinem Leben, doch er bleibt skeptisch, wird beinahe paranoid und muss feststellen, dass nicht nur er Interesse an Valerie hat. Von unterschiedlichen Motivationen angetrieben, versuchen sowohl die Fremden als auch die Familie Braque Valerie von Fausto fernzuhalten. Es entbrennt ein Wettstreit um ihre Gunst, wobei jede Partei ihre eigenen Methoden anwendet. Über allem schwebt die Ungewissheit von Valeries Vergangenheit und die der Fremden, welche ähnlich seltsam wie die junge Frau zu sein scheinen.
Valeries Geheimnis durchschaut der Hörer schnell, es braucht nur wenige Details in der Geschichte, die der Autor wie Brotkrumen ausstreut, um den Hörer auf den richtigen Pfad zu führen. Manchmal wirkt es jedoch, als habe der Autor gleich einen Laib Brot auf den Weg gelegt, sodass der Überraschungseffekt ausbleibt und der Hörer sich nicht einmal anstrengen muss, das Rätsel zu lösen. Bei anderen Themen hingegen bleibt der Hörer ratlos zurück, da auch bis zum Ende nicht aufgelöst wird, was es damit auf sich hat.
Die Überlegungen, die Andreas Eschbach in das Buch einfließen lässt, sind spannend und regen zum Nachdenken an. Wie viel Zeit bleibt uns noch, ehe wir uns in einer ähnlichen Lage wie Fausto befinden? Der Klimawandel ist nicht mehr aufzuhalten und so wird die Stimmung, die die Geschichte transportiert, automatisch zu einer Zukunftsvision, die es dringend zu vermeiden gilt. Das Szenario, in welchem Fausto lebt, wirkt realistisch und erschreckend wenig futuristisch. Dennoch wirkt die Geschichte nicht zu Ende erzählt und greift viele Themen auf, die schlussendlich im Sande verlaufen.
Not macht bekanntlich erfinderisch. Während Fausto und seine Mitüberlebenden ihre Notlage mit verschiedenen Überlebenstricks halbwegs erträglich machen, scheint der Autor selbst in Not geraten zu sein, die Geschichte schnellstmöglich zu Ende bringen zu müssen. Vielleicht liegt es an der gekürzten Fassung des Hörbuchs oder an der fehlenden Zeit, die Eschbach vermutlich hatte, um die abgestimmten Abgabetermine einhalten zu können. Vielleicht fehlte ihm letzten Endes auch die Muse, ein stimmiges Ende zu finden, das alle aufgeworfenen Fragen beantwortet. Möglicherweise war jedoch genau dieses Gefühl vom Autor beabsichtigt: Den Leser bzw. Hörer im letzten Viertel des Buches durch die Handlung preschen zu lassen, um die Geschichte dann abrupt zu beenden und ihn mit dem unbefriedigenden Gefühl zurückzulassen, nur einen Teil des Hintergrundes erahnen zu können. Das Ende kam ebenso schnell und unerwartet, wie die Seuche und die Verschlimmerung der Klimaverhältnisse, bevor die Völkerwanderung in den Norden begann.
Auf mich wirkte „Ins fahle Herz des Sommers“ wie ein Kapitel eines Buches, welches eigentlich aus mehreren Erzählsträngen besteht. Am Ende ist es dem Leser überlassen, seinen eigenen Erzählstrang hinzu zu dichten und zu hoffen, dass er sich selbst nicht in naher Zukunft in einer ähnlichen Situation wie Fausto befindet. Das beängstigende Gefühl, dass das Ende von Fausto oder der Menschheit, wie wir sie kennen, schneller ihr Ende finden könnte, als uns lieb ist, verfolgt den Hörer auch noch, nachdem der letzte Ton von Matthias Koeberlins Stimme verklungen ist. Zurück bleiben auch ein seltsam trockener Hals und ein Kloß, welcher im selbigen zu sitzen scheint.
Zusammenfassend ist es wahrscheinlich nicht Andreas Eschbergs bestes Werk, doch trotz der Lücken in der Erzählung lohnt es sich allein schon der Stimmung wegen, Matthias Koeberlin zu lauschen, wie er unsere potenzielle Zukunft schildert.