Profilbild von Camuseauflauf

Camuseauflauf

Lesejury-Mitglied
offline

Camuseauflauf ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Camuseauflauf über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.05.2026

Fahle Handlungsstränge mitten ins Herz

Ins fahle Herz des Sommers
1

Eine spannende Dystopie von Andreas Eschbach - darauf hatte ich mich schon gefreut. Zuletzt hatte ich von diesem Autor "Freiheitsgeld" gelesen, ein Gedankenexperiment mit unerwarteten Wendungen, das mich ...

Eine spannende Dystopie von Andreas Eschbach - darauf hatte ich mich schon gefreut. Zuletzt hatte ich von diesem Autor "Freiheitsgeld" gelesen, ein Gedankenexperiment mit unerwarteten Wendungen, das mich völlig fasziniert hatte. Ähnliches hatte ich auch von dem Hörbuch "Ins fahle Herz des Sommers" erwartet.

Wie auch schon bei "Freiheitsgeld" lässt sich Eschbach am Anfang Zeit, um die einzelnen Charaktere vorzustellen und den Rahmen für die Geschichte aufzuspannen. Atmosphärisch und eindringlich beschreibt er die schier aussichtslose Situation, in welcher sich der Hauptcharakter Fausto befindet: Seine Heimat in Frankreich ist aufgrund des schnell fortschreitenden Klimawandels kaum noch bewohnbar, die wüstenähnlichen Bedingungen haben die meisten Menschen in den Norden vertrieben. Die Stimme von Matthias Koeberlin unterstreicht die düstere Stimmung und vermag es, dem Leser die Trockenheit und die unbarmherzige Hitze eindrücklich ins Gedächtnis zu brennen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine kleine verlassene Stadt mit einer überschaubaren Anzahl an Bewohnern. Eine alte Dame und der Pfarrer sind neben Fausto die einzigen in der Stadt Verbliebenen, während die abgeschottet lebende Bauersfamilie Braque ihre Farm am Rande der Stadt stoisch weiter bewirtschaftet und sich aus den Angelegenheiten der anderen heraushält. Dies ändert sich, als eine junge Frau namens Valerie in der Stadt auftaucht. Sie scheint mit den veränderten Klimaverhältnissen bestens klarzukommen und gibt den Bewohnern damit ein Rätsel auf. Ihre Herkunft ist ungewiss und generell scheint Valerie ein sehr sonderlicher Mensch zu sein. Als neben Valerie dann auch noch andere Gestalten in der Stadt auftauchen, wächst das Misstrauen von Fausto. Valerie wird zu dem wichtigsten Menschen in seinem Leben, doch er bleibt skeptisch, wird beinahe paranoid und muss feststellen, dass nicht nur er Interesse an Valerie hat. Von unterschiedlichen Motivationen angetrieben, versuchen sowohl die Fremden als auch die Familie Braque Valerie von Fausto fernzuhalten. Es entbrennt ein Wettstreit um ihre Gunst, wobei jede Partei ihre eigenen Methoden anwendet. Über allem schwebt die Ungewissheit von Valeries Vergangenheit und die der Fremden, welche ähnlich seltsam wie die junge Frau zu sein scheinen.

Valeries Geheimnis durchschaut der Hörer schnell, es braucht nur wenige Details in der Geschichte, die der Autor wie Brotkrumen ausstreut, um den Hörer auf den richtigen Pfad zu führen. Manchmal wirkt es jedoch, als habe der Autor gleich einen Laib Brot auf den Weg gelegt, sodass der Überraschungseffekt ausbleibt und der Hörer sich nicht einmal anstrengen muss, das Rätsel zu lösen. Bei anderen Themen hingegen bleibt der Hörer ratlos zurück, da auch bis zum Ende nicht aufgelöst wird, was es damit auf sich hat.

Die Überlegungen, die Andreas Eschbach in das Buch einfließen lässt, sind spannend und regen zum Nachdenken an. Wie viel Zeit bleibt uns noch, ehe wir uns in einer ähnlichen Lage wie Fausto befinden? Der Klimawandel ist nicht mehr aufzuhalten und so wird die Stimmung, die die Geschichte transportiert, automatisch zu einer Zukunftsvision, die es dringend zu vermeiden gilt. Das Szenario, in welchem Fausto lebt, wirkt realistisch und erschreckend wenig futuristisch. Dennoch wirkt die Geschichte nicht zu Ende erzählt und greift viele Themen auf, die schlussendlich im Sande verlaufen.
Not macht bekanntlich erfinderisch. Während Fausto und seine Mitüberlebenden ihre Notlage mit verschiedenen Überlebenstricks halbwegs erträglich machen, scheint der Autor selbst in Not geraten zu sein, die Geschichte schnellstmöglich zu Ende bringen zu müssen. Vielleicht liegt es an der gekürzten Fassung des Hörbuchs oder an der fehlenden Zeit, die Eschbach vermutlich hatte, um die abgestimmten Abgabetermine einhalten zu können. Vielleicht fehlte ihm letzten Endes auch die Muse, ein stimmiges Ende zu finden, das alle aufgeworfenen Fragen beantwortet. Möglicherweise war jedoch genau dieses Gefühl vom Autor beabsichtigt: Den Leser bzw. Hörer im letzten Viertel des Buches durch die Handlung preschen zu lassen, um die Geschichte dann abrupt zu beenden und ihn mit dem unbefriedigenden Gefühl zurückzulassen, nur einen Teil des Hintergrundes erahnen zu können. Das Ende kam ebenso schnell und unerwartet, wie die Seuche und die Verschlimmerung der Klimaverhältnisse, bevor die Völkerwanderung in den Norden begann.

Auf mich wirkte „Ins fahle Herz des Sommers“ wie ein Kapitel eines Buches, welches eigentlich aus mehreren Erzählsträngen besteht. Am Ende ist es dem Leser überlassen, seinen eigenen Erzählstrang hinzu zu dichten und zu hoffen, dass er sich selbst nicht in naher Zukunft in einer ähnlichen Situation wie Fausto befindet. Das beängstigende Gefühl, dass das Ende von Fausto oder der Menschheit, wie wir sie kennen, schneller ihr Ende finden könnte, als uns lieb ist, verfolgt den Hörer auch noch, nachdem der letzte Ton von Matthias Koeberlins Stimme verklungen ist. Zurück bleiben auch ein seltsam trockener Hals und ein Kloß, welcher im selbigen zu sitzen scheint.
Zusammenfassend ist es wahrscheinlich nicht Andreas Eschbergs bestes Werk, doch trotz der Lücken in der Erzählung lohnt es sich allein schon der Stimmung wegen, Matthias Koeberlin zu lauschen, wie er unsere potenzielle Zukunft schildert.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Sprecher
  • Thema
  • Cover
Veröffentlicht am 07.12.2025

Eine rasante Flucht durch die klirrende Kälte

Der Weg des ewigen Winters
0

Der finnische Autor Niilo Sevänen nimmt den Leser im Jahr 1007 n. Chr. mit auf eine Reise durch einen ewigen unnatürlichen Winter, der die Welt seit sieben Jahren fest im Griff hat. Nichts ist mehr so, ...

Der finnische Autor Niilo Sevänen nimmt den Leser im Jahr 1007 n. Chr. mit auf eine Reise durch einen ewigen unnatürlichen Winter, der die Welt seit sieben Jahren fest im Griff hat. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Die Ernten fallen spärlich aus, weil der Winter Jahr um Jahr viel zu früh einbricht, klirrende Kälte zieht in die Häuser der Menschen ein und gruselige Bestien schlagen sich durch den Schnee und machen Jagd auf jegliches Leben außerhalb der Stadttore. Mittendrin in dieser düsteren Szenerie befindet sich Halla, ein kleines blondes Mädchen, das magische Kräfte in sich birgt. Gemeinsam mit ihrem Onkel Orpheus versucht sie ihren Verfolgern und Wesen zu entfliehen, die sie um jeden Preis in ihre Gewalt bringen wollen. Nicht nur in der realen Welt, sondern auch in ihrer eigenen Traumwelt wird sie heimgesucht, wobei beide Welten immer mehr miteinander zu verschwimmen scheinen.
Auf ihrer Flucht finden sie und Orpheus Verbündete und Halla lernt, ihre Magie einzusetzen.
Gleichzeitig eröffnet der Autor mehrere Erzählstränge, die teilweise ineinanderfließen und den Grund für den ewigen Winter und die Bedeutung der weißen Hexe für seine Entstehung ergründen.
So gibt es neben Konstantinopel, dem Ort, an dem Hallas Flucht beginnt, auch einen zweiten Schauplatz um Theophanu, die Kaiserin des byzantinischen Reiches. Diese versucht, ihren verschollenen Sohn Otto ausfindig zu machen, der im Kampf gegen die weiße Hexe verschwand. Unterstützt wird sie dabei von einem Gefangenen, der sein Gedächtnis verloren hat.

Der Sänger der finnischen Melodic-Death-Metal-Band INSOMNIUM beginnt mit diesem Buch ein nordisches Fantasy-Epos, das Geschichte und Fantasy vereint. Nordische Mythologie spielt hier eine ebenso wichtige Rolle wie das griechisch-römische Pantheon. Zwar sind nicht alle historischen Begebenheiten und Personen korrekt eingebunden, dies tut der Geschichte jedoch keinen Abbruch. Obwohl die Geschichte in der Vergangenheit spielt, hat sie deutliche aktuelle Bezüge wie beispielsweise dem Klimawandel. Dieser wird in der Geschichte umgekehrt, hat jedoch einen genauso großen Einfluss auf das Leben und die Gesellschaft wie in der heutigen Zeit.
Die Handlung wird spannend erzählt, der flüssige Schreibstil des Autors lässt den Leser schnell in die Handlung eintauchen. Die einzelnen Schauplätze werden lebendig erzählt, auch wenn die Welt um sie herum zu sterben scheint. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Halla, bei deren Flucht der Leser mitfiebert. Die Handlung wird schnell erzählt, Szenen wechseln rasant, sodass man als Leser selbst den Eindruck gewinnt, auf der Flucht zu sein. Die vielen unterschiedlichen Erzählstränge und die mit ihnen verknüpften Charaktere unterstützen dieses Leseerlebnis. Allerdings wirkt die Vielzahl an Informationen und Charakteren oft auch überwältigend und verwirrend, sodass ich beispielsweise einzelne Kapitel im Nachgang nochmal lesen musste, weil mir bestimmte Sachverhalte wieder entfallen waren. Das bremst das Lesetempo dann doch. Hilfreich fand ich aber vor allem die Karte im Inneren des Buches, mit Hilfe derer sich die Flucht- und Reiserouten gut nachvollziehen lesen. Ein Personenglossar wäre dennoch nützlich gewesen.
Besonders gut gefällt mir, wie die unterschiedlichen Charaktere dargestellt werden. So gewinnt beispielsweise Skadi, eine Kopfgeldjägerin, im Laufe der Geschichte immer mehr an Tiefe. Auch Orpheus, der zu Beginn völlig überfordert wirkt, wächst in seine Rolle als Beschützer seiner Nichte immer mehr hinein. Die Charakterentwicklung erfolgt zwar wenig überraschend und ist absehbar, wirkt jedoch logisch und durchdacht.
Seltsam hingegen fand ich Hallas Traumsequenzen, diese waren mir zu abstrakt. Passend zu Hallas Alter waren sie im Vergleich zum Rest des Buches recht kindlich gehalten, allerdings haben sie direkten Einfluss auf die realen Geschehnisse, sodass die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit immer mehr verschwimmt. Auch der sprechende Fuchs, der der Gruppe den Weg weist, ist sicherlich ein netter Gedanke, gerade im Bezug auf die Mythologie, allerdings bringt die Fuchsgestalt an sich in meinen Augen keinen Mehrwert für die Geschichte.
Interessant war, dass man sich während des Lesens nie sicher sein konnte, wer Freund und wer Feind ist. So schwingen beim Lesen immer ein gewisses Unbehagen und der Drang mit, Halla zuzurufen, dass sie niemandem vertrauen soll.

Der Autor schafft es scheinbar mühelos, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Das Buch ist perfekt geeignet, um es an einem Stück, eingekuschelt in eine warme Decke mit einer Tasse Tee zu lesen – am besten, wenn es draußen gerade winterlich ist. Wirklich Tiefgang hat die Geschichte aber leider nicht. Sie ist spannend, lässt aber so viele Zusammenhänge und Hintergründe offen, dass fraglich ist, ob man diese in nur einem weiteren Band beantworten kann. Am Ende des ersten Bandes bleibt der Leser mit dem unbefriedigenden Gefühl zurück, mitten aus der Geschichte gerissen worden zu sein.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Fantasy