Eine rasante Flucht durch die klirrende Kälte
Der Weg des ewigen WintersDer finnische Autor Niilo Sevänen nimmt den Leser im Jahr 1007 n. Chr. mit auf eine Reise durch einen ewigen unnatürlichen Winter, der die Welt seit sieben Jahren fest im Griff hat. Nichts ist mehr so, ...
Der finnische Autor Niilo Sevänen nimmt den Leser im Jahr 1007 n. Chr. mit auf eine Reise durch einen ewigen unnatürlichen Winter, der die Welt seit sieben Jahren fest im Griff hat. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Die Ernten fallen spärlich aus, weil der Winter Jahr um Jahr viel zu früh einbricht, klirrende Kälte zieht in die Häuser der Menschen ein und gruselige Bestien schlagen sich durch den Schnee und machen Jagd auf jegliches Leben außerhalb der Stadttore. Mittendrin in dieser düsteren Szenerie befindet sich Halla, ein kleines blondes Mädchen, das magische Kräfte in sich birgt. Gemeinsam mit ihrem Onkel Orpheus versucht sie ihren Verfolgern und Wesen zu entfliehen, die sie um jeden Preis in ihre Gewalt bringen wollen. Nicht nur in der realen Welt, sondern auch in ihrer eigenen Traumwelt wird sie heimgesucht, wobei beide Welten immer mehr miteinander zu verschwimmen scheinen.
Auf ihrer Flucht finden sie und Orpheus Verbündete und Halla lernt, ihre Magie einzusetzen.
Gleichzeitig eröffnet der Autor mehrere Erzählstränge, die teilweise ineinanderfließen und den Grund für den ewigen Winter und die Bedeutung der weißen Hexe für seine Entstehung ergründen.
So gibt es neben Konstantinopel, dem Ort, an dem Hallas Flucht beginnt, auch einen zweiten Schauplatz um Theophanu, die Kaiserin des byzantinischen Reiches. Diese versucht, ihren verschollenen Sohn Otto ausfindig zu machen, der im Kampf gegen die weiße Hexe verschwand. Unterstützt wird sie dabei von einem Gefangenen, der sein Gedächtnis verloren hat.
Der Sänger der finnischen Melodic-Death-Metal-Band INSOMNIUM beginnt mit diesem Buch ein nordisches Fantasy-Epos, das Geschichte und Fantasy vereint. Nordische Mythologie spielt hier eine ebenso wichtige Rolle wie das griechisch-römische Pantheon. Zwar sind nicht alle historischen Begebenheiten und Personen korrekt eingebunden, dies tut der Geschichte jedoch keinen Abbruch. Obwohl die Geschichte in der Vergangenheit spielt, hat sie deutliche aktuelle Bezüge wie beispielsweise dem Klimawandel. Dieser wird in der Geschichte umgekehrt, hat jedoch einen genauso großen Einfluss auf das Leben und die Gesellschaft wie in der heutigen Zeit.
Die Handlung wird spannend erzählt, der flüssige Schreibstil des Autors lässt den Leser schnell in die Handlung eintauchen. Die einzelnen Schauplätze werden lebendig erzählt, auch wenn die Welt um sie herum zu sterben scheint. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Halla, bei deren Flucht der Leser mitfiebert. Die Handlung wird schnell erzählt, Szenen wechseln rasant, sodass man als Leser selbst den Eindruck gewinnt, auf der Flucht zu sein. Die vielen unterschiedlichen Erzählstränge und die mit ihnen verknüpften Charaktere unterstützen dieses Leseerlebnis. Allerdings wirkt die Vielzahl an Informationen und Charakteren oft auch überwältigend und verwirrend, sodass ich beispielsweise einzelne Kapitel im Nachgang nochmal lesen musste, weil mir bestimmte Sachverhalte wieder entfallen waren. Das bremst das Lesetempo dann doch. Hilfreich fand ich aber vor allem die Karte im Inneren des Buches, mit Hilfe derer sich die Flucht- und Reiserouten gut nachvollziehen lesen. Ein Personenglossar wäre dennoch nützlich gewesen.
Besonders gut gefällt mir, wie die unterschiedlichen Charaktere dargestellt werden. So gewinnt beispielsweise Skadi, eine Kopfgeldjägerin, im Laufe der Geschichte immer mehr an Tiefe. Auch Orpheus, der zu Beginn völlig überfordert wirkt, wächst in seine Rolle als Beschützer seiner Nichte immer mehr hinein. Die Charakterentwicklung erfolgt zwar wenig überraschend und ist absehbar, wirkt jedoch logisch und durchdacht.
Seltsam hingegen fand ich Hallas Traumsequenzen, diese waren mir zu abstrakt. Passend zu Hallas Alter waren sie im Vergleich zum Rest des Buches recht kindlich gehalten, allerdings haben sie direkten Einfluss auf die realen Geschehnisse, sodass die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit immer mehr verschwimmt. Auch der sprechende Fuchs, der der Gruppe den Weg weist, ist sicherlich ein netter Gedanke, gerade im Bezug auf die Mythologie, allerdings bringt die Fuchsgestalt an sich in meinen Augen keinen Mehrwert für die Geschichte.
Interessant war, dass man sich während des Lesens nie sicher sein konnte, wer Freund und wer Feind ist. So schwingen beim Lesen immer ein gewisses Unbehagen und der Drang mit, Halla zuzurufen, dass sie niemandem vertrauen soll.
Der Autor schafft es scheinbar mühelos, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Das Buch ist perfekt geeignet, um es an einem Stück, eingekuschelt in eine warme Decke mit einer Tasse Tee zu lesen – am besten, wenn es draußen gerade winterlich ist. Wirklich Tiefgang hat die Geschichte aber leider nicht. Sie ist spannend, lässt aber so viele Zusammenhänge und Hintergründe offen, dass fraglich ist, ob man diese in nur einem weiteren Band beantworten kann. Am Ende des ersten Bandes bleibt der Leser mit dem unbefriedigenden Gefühl zurück, mitten aus der Geschichte gerissen worden zu sein.