„Und ich muss gar nichts, außer zu leben.“ – letzter Satz
Ich habe so eine Marotte, entweder gleich zu Beginn oder im ersten Drittel des Buches, blättere ich mich zum Ende & lese den letzten Satz, nur den letzten & ausschließlich diesen. Hier hat er sofort etwas ...
Ich habe so eine Marotte, entweder gleich zu Beginn oder im ersten Drittel des Buches, blättere ich mich zum Ende & lese den letzten Satz, nur den letzten & ausschließlich diesen. Hier hat er sofort etwas in mir ausgelöst & ich ahnte, dass dieses Buch besonders ist.
Anna Katharina Scheidemantel hat mich nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil, ich bin jetzt noch wehmütig, dass ich dieses Buch schon beendet habe, dass ich nicht mehr gedanklich in Günderode die Hühner füttere, den Garten pflege, Wände streiche, in den Tümpel springe. Als ich in den letzten Zügen war, habe ich einer Bekannten geschrieben wie ich es genieße & mir jetzt schon eine Fortsetzung wünsche. Wenn Sophie als 70-jährige in ihrer nicht mehr ganz so Ruine sitzt & ihren Enkeln jetzt wirklich von diesem Abenteuer, dieser Entscheidung in ihrem Leben erzählt.
Für alle die noch nichts von diesem Roman gehört oder gelesen haben & sich jetzt fragen: Hühner? Ruine? Wtf? Sophie, Mitte zwanzig, im Hamsterrad von Uni, Etwas werden wollen oder müssen, zwischen Excellisten & Leitz-Ordnern gefangen, kauft in einem Moment der Unsicherheit eine Schnäppchen-Ruine irgendwo im Nirgendwo. Oder war es doch ein Moment der Klarheit der sie zu dieser Tat bewegt hat?
Ich könnte ewig über dieses Buch schreiben, was es für eine therapeutische Wirkung hat & ja ich finde, dass man es vielen Menschen mit mentalen Sorgen in die Hand drücken sollte: „Lies!“ Darüber wie ich mich selbst wiedererkannt habe, in der Umbauphase einer nicht ganz so Ruine wie Sophie ihrer, aber doch weit entfernt von neu & modernisiert. Über Existenzängste, ob man das Alles schafft, ob es die dümmste Idee war das zu tun, aber eben auch über die Zufriedenheit, Etwas selbst geschafft zu haben, über die Erkenntnis, dass man zu gern gedankliche Worst-case-Szenarien durchspielt, die so nie eintreten, die Erkenntnis das eben nicht jede Kleinigkeit ein Drama ist & sich die Gesellschaft vielleicht mal wieder abgewöhnen sollte, eines daraus zu machen.