Platzhalter für Profilbild

TineBook87

aktives Lesejury-Mitglied
offline

TineBook87 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TineBook87 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.06.2026

„Und ich muss gar nichts, außer zu leben.“ – letzter Satz

Statt aus dem Fenster zu schauen
0

Ich habe so eine Marotte, entweder gleich zu Beginn oder im ersten Drittel des Buches, blättere ich mich zum Ende & lese den letzten Satz, nur den letzten & ausschließlich diesen. Hier hat er sofort etwas ...

Ich habe so eine Marotte, entweder gleich zu Beginn oder im ersten Drittel des Buches, blättere ich mich zum Ende & lese den letzten Satz, nur den letzten & ausschließlich diesen. Hier hat er sofort etwas in mir ausgelöst & ich ahnte, dass dieses Buch besonders ist.

Anna Katharina Scheidemantel hat mich nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil, ich bin jetzt noch wehmütig, dass ich dieses Buch schon beendet habe, dass ich nicht mehr gedanklich in Günderode die Hühner füttere, den Garten pflege, Wände streiche, in den Tümpel springe. Als ich in den letzten Zügen war, habe ich einer Bekannten geschrieben wie ich es genieße & mir jetzt schon eine Fortsetzung wünsche. Wenn Sophie als 70-jährige in ihrer nicht mehr ganz so Ruine sitzt & ihren Enkeln jetzt wirklich von diesem Abenteuer, dieser Entscheidung in ihrem Leben erzählt.

Für alle die noch nichts von diesem Roman gehört oder gelesen haben & sich jetzt fragen: Hühner? Ruine? Wtf? Sophie, Mitte zwanzig, im Hamsterrad von Uni, Etwas werden wollen oder müssen, zwischen Excellisten & Leitz-Ordnern gefangen, kauft in einem Moment der Unsicherheit eine Schnäppchen-Ruine irgendwo im Nirgendwo. Oder war es doch ein Moment der Klarheit der sie zu dieser Tat bewegt hat?

Ich könnte ewig über dieses Buch schreiben, was es für eine therapeutische Wirkung hat & ja ich finde, dass man es vielen Menschen mit mentalen Sorgen in die Hand drücken sollte: „Lies!“ Darüber wie ich mich selbst wiedererkannt habe, in der Umbauphase einer nicht ganz so Ruine wie Sophie ihrer, aber doch weit entfernt von neu & modernisiert. Über Existenzängste, ob man das Alles schafft, ob es die dümmste Idee war das zu tun, aber eben auch über die Zufriedenheit, Etwas selbst geschafft zu haben, über die Erkenntnis, dass man zu gern gedankliche Worst-case-Szenarien durchspielt, die so nie eintreten, die Erkenntnis das eben nicht jede Kleinigkeit ein Drama ist & sich die Gesellschaft vielleicht mal wieder abgewöhnen sollte, eines daraus zu machen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.06.2026

Die Mutsch macht Urlaub?

Pina fällt aus
0

Ein Satz, eine Frage, eine Aussage! Ein Alternativ-Titel? Pina, alleinerziehende Mutter & obwohl ihre Person titelgebend ist, spielt sie nur eine untergeordnete Rolle, denn Pina fällt aus! Aus all ihren ...

Ein Satz, eine Frage, eine Aussage! Ein Alternativ-Titel? Pina, alleinerziehende Mutter & obwohl ihre Person titelgebend ist, spielt sie nur eine untergeordnete Rolle, denn Pina fällt aus! Aus all ihren Pflichten, die sich um das Muttersein, die Versorgung & den Alltag um Leo drehen.

„Leo, 20, Hansastraße 22, ich werde Busfahrer.“ Sohn, Autist, arbeitet in der Werkstatt, zu der er täglich mit dem Bus gefahren wird. All das könnte Leo sagen, tut er aber nicht. Leos Kopf funktioniert anders, Leo kommuniziert anders, in Fragen die für ihn Aussagen sind. Leo braucht Routinen, damit er ruhig bleibt, damit in seinem Kopf kein Chaos entsteht.

„Zola, 18, nein 16, Hansastraße 22, Versagerin.“ Ist für mich die tragende Figur in diesem Buch. Sie nimmt sich Leo am meisten an & will zeigen, dass sie das kann. Sie, die von ihrem Vater in sein Mietshaus gesteckt wurde & bis zum Ausfall von Pina in ihrem eigenen Tag-Nacht-Rhythmus lebt.

„Inge Russeck, 86, Hansastraße 22, geht nicht mehr einkaufen.“ Soll wie jede Woche kurz auf Leo aufpassen, damit Pina einkaufen gehen kann. 1 bis 1,5 h länger nicht, das ist eine von Leos Routinen, die an Tag X so erstmals durchbrochen wird.

„Wojtek Borszcykowski, 34, Hansastraße 22, macht Home office.“ Tatsächlich kommt er Mentalität von Leo am nächsten. Trotz oder gerade deshalb, muss er von den beiden Damen in seine Rolle geschupst werden.

„Drei Vögel für Leo“ nennt sich die Gruppe, die nach dem Pina vom Einkaufen nicht zurückkommt, sich um den eigentlich erwachsenen Leo kümmert.

Dieses Buch zeigt wundervoll auf, was wir zu leisten im Stande sind, wenn wir wollen, die Frage stellt sich aber auch, ob wir denn müssen? Zwischenmenschlich ein feinfühliges Werk über Unterschiede, Vorurteile, Inklusion, Verständnis & ein miteinander das möglich ist, wenn jeder einmal nicht nur an sich selbst denkt.

Dieses Buch war für mich kein Highlight, aber ein schönes Buch, was sich mit ernsten Themen auf eine Art beschäftigt, dass ich auch jetzt noch über einzelne Passagen nachdenke. Danke an Vera Zischke für diese Zeilen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.06.2026

Wie Ödnis so einen Sog erzeugen kann?

Ich, die ich Männer nicht kannte
0

Einem über 30 Jahre alten BookTok-Hype konnte ich mich nicht entziehen. TikTok gibt es noch nicht so lange, denken jetzt einige. Das stimmt, aber den Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jacqueline ...

Einem über 30 Jahre alten BookTok-Hype konnte ich mich nicht entziehen. TikTok gibt es noch nicht so lange, denken jetzt einige. Das stimmt, aber den Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jacqueline Harpamnn, welcher 1995 erstmals erschienen ist & dank TikTok eine Wiederbelebung erfahren hat. Ich kann Marie-Luise Goldmann nur zustimmen, die am 9. März 2026 (welch Zufall, dass das mein Geburtstag ist) in Welt am Sonntag meinte: „… vermutlich das Beste, was TikTok je angestoßen hat!“

„Mir fehlen wohl einige der Erfahrungen, die einen erst zum Menschen machen.“ S. 133

Was ist so besonders an dieser Dystopie? Alles & Nichts könnte man sagen. 39 Frauen & 1 Mädchen gefangen in einem unterirdischen Käfig, einem künstlichen Zeitrhythmus ausgesetzt, Tag für Tag eine Routine, die sie selbst nicht beeinflussen können, bewacht von Männern, die nicht sprechen, aber alles sehen. Ein Ereignis was den Frauen & dem Mädchen zur Flucht verhilft. Eine Flucht wohin?

Der Roman erzählt eindringlich & doch mit einer Ruhe, wie es den Frauen & der Kleinen im Käfig als auch in der Außenwelt ergeht. Eine Außenwelt, die anders ist, als Alles was die Frauen kannten, die Kleine, im Käfig aufgewachsen kannte Nichts. Weites Land, Ödnis …

„Sie fragte sich, wann wie begriffen hatten, dass wir im Freien genauso ausweglos gefangen waren wie hinter den Gittern des Käfigs.“ S. 142/143

Der Klappentext verrät Alles & Nichts. Der Roman wirft viele Fragen auf, die sich jeder selbst beantworten muss. Was macht Menschsein aus? Ist es das, was die Gesellschaft aus uns macht? Was wären wir ohne andere Menschen, ohne gewohnten Alltag, ohne das Leben selbst? Ist es angeboren, entwickelt es sich natürlich? Kann es verkümmern, wenn man es nicht auslebt? Kommen Emotionen ohne zwischenmenschliche Interaktion überhaupt auf?

„Zeit ist etwas Menschliches“ S. 210

Dieses Buch darf zu keiner Zeit wieder in Vergessenheit geraten. Es ist ein außergewöhnliches Werk & schade, das die Autorin den verspäteten Ruhm nicht mehr erleben kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.05.2026

Zwei Realitäten, die ein Riss trennt

Solange ein Streichholz brennt
0

Kein anderer Satz in diesem Buch, beschreibt die Kluft zwischen den Leben von Alina & Bohm, von arm & reich, von ein Heim haben & obdachlos sein, besser als dieser.

Christian Huber hat mit diesem Werk ...

Kein anderer Satz in diesem Buch, beschreibt die Kluft zwischen den Leben von Alina & Bohm, von arm & reich, von ein Heim haben & obdachlos sein, besser als dieser.

Christian Huber hat mit diesem Werk eine besondere Geschichte geschaffen, eine Geschichte über Menschen die unterschiedlich nicht sein könnten & doch Menschen sind, die etwas eint, außer das Mensch sein an sich, dem Gefühl nicht genug zu sein, den Sorgen, die wohl ein jeder mit sich trägt.

Der Roman beschreibt auf eine zarte & gleichzeitig ungeschönte Art & Weise wie es Menschen in unserer Gesellschaft ergeht, wenn sie durch das Raster fallen, welchen Vorurteilen sie ausgesetzt. Vorurteile die manche scheinbar vergessen lassen, dass auch sie in diese Lage kommen könnten, Vorurteile die manche vergessen lassen, dass es sich auch hier um Menschen handelt.

Langsam & durch ihre inneren Unsicherheiten geleitet, nähern sich Alina & Bohm in der Geschichte immer näher an. Menschlich ist dies sehr schön beschrieben & die Gedanken die beide haben, zeigt nur einmal mehr wie ähnlich sie sich sind, trotz der gesellschaftlichen Unterschiede. Trotzdem fand ich die erste Hälfte des Romans besser, als die zweite. Die Beschreibung von Bohms Leben auf der Straße, was eigentlich eine Woche im Zuge einer Reportage begleitet werden soll, wich immer mehr den zwischenmenschlichen Annäherungen. Das war schön zu lesen, jedoch hätte ich mir gewünscht, dass die Reportage und damit verbundenen Sequenzen im ganzen Buch ihren Stellenwert gehabt hätten.

Das sind jetzt first-life-problems & jammern auf hohem Niveau, bei einem Thema was so facettenreich in ein Buch gesteckt wurde.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.05.2026

Braucht dieses Buch eine Triggerwarnung?

Die Namen
0

Vorweg, ich habe dieses Buch voller Begeisterung gelesen! Obwohl ich dies beinahe nicht getan hätte, da mich der Klappentext nicht abgeholt hat. Danke für Empfehlung, das in diesem Buch so viel mehr steckt.

Das ...

Vorweg, ich habe dieses Buch voller Begeisterung gelesen! Obwohl ich dies beinahe nicht getan hätte, da mich der Klappentext nicht abgeholt hat. Danke für Empfehlung, das in diesem Buch so viel mehr steckt.

Das Buch beginnt mit der Geburt von Bear, Julian & Gordon. Keine Drillinge, auch nicht zufällig am selben Tag geborene Kinder, sondern ein Mensch, der in drei parallel verlaufenden Handlungssträngen mit unterschiedlichen Namen, Entscheidungen, Situationen aufwächst & erwachsen wird. Der erwachsen wird trotz eines Vaters der nicht „nett“ ist …

Da bin ich auch schon beim Kern der Sache. Der Inhalt polarisiert. Beim Lesen bin ich gehäuft über Beiträge & Stimmen gestoßen, die finden, dass es hier eine Triggerwarnung gebraucht hätte. Für alle, die das Buch noch nicht gelesen haben, kurz ohne zu spoilern, häusliche Gewalt ist ein großes Thema in diesem Roman.

Ich musste über diese Forderung nachdenken, verstehe auch den Hintergrund. Seitdem schwirrt mir Einiges dazu im Kopf herum. Ist es vielleicht richtig nicht vor Allem zu warnen, um ein Thema, vor dem gesellschaftlich auch gerne mal die Augen verschlossen werden, weil es einen selbst nicht betrifft & man somit die Negativität, die real ist, nicht einfach wegschieben kann? Fangen wir an vor Allem warnen zu wollen & irgendwann zu müssen? Ich überspitze jetzt mal. Gehen wir in ferner Zukunft ins Museum & die Exponate sind verhangen, mit Hinweisschildern versehen, weil es gegebenenfalls Dinge zeigt, die aufwühlen könnten? Ist der Zeitgeist, dass wir entstehende Emotionen, vor dem Entstehen einen Riegel vorschieben? Wäre eine Ausweitung der Altersbeschränkung eine Alternative? Ich könnte die Gedanken ewig weiterführen, leider lässt die Zeichenbegrenzung das nicht zu …

Nicht das ich für unsensibel & empathielos gehalten werde. Ich habe leider im Bekanntenkreis auch eine Person (hoffe das es nur eine ist & war), die über Jahre ein Opfer war. Ich bin dankbar, dass in der Vergangenheitsform schreiben zu können. Hier habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine Thematisierung sicherlich nicht einfach ist, aber schlimmer ist, das Schweigen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere