Roman | Über eine Welt, in der sich jeder selbst der Nächste ist | hochklassige Spannung von Bestsellerautor Jo Nesbø!
Günther Frauenlob (Übersetzer)
Ein erschreckend realistischer Roman – relevant, dramatisch, wahr
Nach einer verheerenden Pandemie ist die Welt nicht wiederzuerkennen: Massenarbeitslosigkeit und Armut haben das demokratische Gleichgewicht gekippt, marodierende Banden beherrschen die Straßen der großen Stadt. Colin Lowe, einer der reichsten Unternehmer des Landes, rettet sich mit seiner Familie auf die Insel der Ratten. Derweil wütet sein Sohn Brad mit seiner Bande auf dem Festland und verschont nicht einmal Colins engsten Freund Will. Als er dessen Tochter Amy bei einem Überfall in seine Gewalt bringt, sinnt Will auf Rache. Sein Feldzug führt ihn auf das Dach eines Hochhauses, Schauplatz eines gnadenlosen Countdowns auf Leben und Tod.
Dieses Buch hat das Potential wie
Herr der Fliegen
oder
Farm der Tiere
zu ihrer Zeit.
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Inhaltlich war mir das Buch stellenweise allerdings fast zu düster. Die Brutalität der Welt wird sehr eindringlich dargestellt, und einige Szenen haben bei mir ein beklemmendes Gefühl hinterlassen. Besonders ...
Inhaltlich war mir das Buch stellenweise allerdings fast zu düster. Die Brutalität der Welt wird sehr eindringlich dargestellt, und einige Szenen haben bei mir ein beklemmendes Gefühl hinterlassen. Besonders kritisch sehe ich die enthaltenen Vergewaltigungsszenen. Für mich hätten diese nicht unbedingt sein müssen, da die Geschichte auch ohne sie bereits deutlich macht, wie grausam und hoffnungslos diese Zukunft ist. Ist leider ein häufiges Phänomen, welches mir besonders bei Männlichen Autoren auffällt bei dieser Art von Genre. Besonders bei einem so kurzen Buch eine mehrfach Vergewaltigung und eine Versuchte Vergewaltigung (diese ist nur nicht passiert weil sie vorher umgebracht worden ist!) zu erwähnen fand ich absolut daneben.
Dieses Buch zeichnet ein erschreckend düsteres Zukunftsszenario. Nach einer Pandemie sind gesellschaftliche Strukturen weitgehend zusammengebrochen, Banden kontrollieren die Straßen und die Kluft zwischen Arm und Reich ist größer denn je. Besonders interessant fand ich dabei den Kontrast zwischen den Resten einer noch funktionierenden gesellschaftlichen Ordnung und dem absoluten Ausnahmezustand, der an vielen Stellen bereits herrscht. Dadurch wirkte die Welt gleichzeitig realistisch und beklemmend.
Das Hörbuch wird von zwei Sprechern gelesen, was mir sehr gut gefallen hat. Die wechselnden Perspektiven wurden dadurch besonders lebendig und beide Sprecher haben die Geschichte überzeugend und authentisch transportiert.
Trotzdem fand ich den Roman insgesamt interessant, vor allem weil er weniger wie ein klassischer Krimi wirkt, sondern vielmehr wie eine gesellschaftskritische Dystopie. Die Geschichte stellt die Frage, was passiert, wenn Recht, Ordnung und soziale Sicherheit immer weiter zerfallen. Gerade dieser Gedanke bleibt auch nach dem Ende noch im Kopf.
Mit "Insel der Ratten" legt Jo Nesbø einen dystopischen Thriller vor, der am 25.06.2026 bei Ullstein (print) bzw. Hörbuch Hamburg Verlag (Audio) erschienen ist. Die deutsche Übersetzung stammt von Günther ...
Mit "Insel der Ratten" legt Jo Nesbø einen dystopischen Thriller vor, der am 25.06.2026 bei Ullstein (print) bzw. Hörbuch Hamburg Verlag (Audio) erschienen ist. Die deutsche Übersetzung stammt von Günther Frauenlob. Das Hörbuch wird von Oliver Siebeck und Jenny Laura Bischoff gesprochen.
Die Ausgangslage klingt zunächst vielversprechend: Nach einer verheerenden Pandemie sind Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt weitgehend kollabiert. Armut und Perspektivlosigkeit prägen den Alltag vieler Menschen, während sich die Superreichen in Sicherheit bringen. Als der Unternehmer Colin Lowe mit seiner Familie auf die sogenannte Insel der Ratten flieht und sein Sohn Brad auf dem Festland selbst Teil der Gewaltspirale wird, entfaltet sich eine Geschichte über soziale Ungleichheit, Macht und die Frage, was von einer Gesellschaft übrig bleibt, wenn ihre Grundpfeiler wegbrechen.
Meine Meinung
Ich interessiere mich sehr für moralische Fragestellungen und gesellschaftliche Entwicklungen, daher hat mich das Buch angesprochen. Leider hat es für mich nicht halten können, was es verspricht. Schon bei meinem letzten Jo-Nesbø-Hörbuch, "Der König", hatte ich gemerkt, dass sein Erzählstil nicht wirklich zu meinem Lesegeschmack passt. Eigentlich hatte ich mir damals vorgenommen, vorerst kein weiteres Hörbuch des Autors zu hören. Trotzdem hat mich bei Insel der Ratten das Cover und vor allem die dystopische Prämisse neugierig gemacht. Im Nachhinein hätte ich vermutlich auf mein Bauchgefühl hören sollen.
Mein größtes Problem war, dass mich die Geschichte von Beginn an in eine Welt wirft, die zwar interessant klingt, deren Regeln und Strukturen aber kaum erklärt werden. Statt die gesellschaftlichen Veränderungen, politischen Entwicklungen oder den Zerfall demokratischer Institutionen näher auszuleuchten, setzt die Handlung sehr schnell auf Eskalation und Gewalt. Dabei hatte ich während des Hörens ständig sooo viele Fragen im Kopf: Wie genau ist diese Welt entstanden? Wie funktionieren die gesellschaftlichen Strukturen? Warum haben sich bestimmte Machtverhältnisse so entwickelt? Gerade weil die Prämisse so viele spannende politische und soziale Fragen aufwirft, hätte ich mir deutlich mehr Worldbuilding gewünscht.
Die Handlung springt schnell von einem dramatischen Ereignis zum nächsten, ohne dass man ausreichend Zeit bekommt, sich in der Welt oder zu orientieren, oder die Figuren zu verstehen. Dadurch konnte ich auch keine emotionale Bindung an die Charaktere aufbauen. Die (kurze) Länge des Hörbuchs hat sich daher auch eher zusätzlich als Nachteil erwiesen. Hinzu kommt die aus meiner Sicht unnötig hohe Brutalität. Natürlich darf ein dystopischer Thriller grausam sein. Gerade Geschichten über gesellschaftlichen Zusammenbruch kommen selten ohne Gewalt aus. Aber für mein Gefühl war die hier zur Schau gestellte Brutalität eher Selbstzweck als erzählerische Notwendigkeit.
An den Sprecher:innen lag meine Enttäuschung allerdings nicht. Oliver Siebeck und Jenny Laura Bischoff machen ihre Sache professionell und transportieren die düstere Atmosphäre glaubwürdig. Das Problem ist nur: Auch die beste Vertonung kann einen Inhalt nicht retten, mit dem man selbst wenig anfangen kann.
Fazit
"Insel der Ratten" ist ein Hörbuch, das große gesellschaftliche Fragen stellt und eine erschreckend plausible Zukunftsvision entwirft. Die Grundidee rund um Pandemie, soziale Ungleichheit, demokratischen Verfall und die Abschottung der Superreichen fand ich ausgesprochen spannend. Leider blieb die Umsetzung für mich deutlich hinter diesem Potenzial zurück. Zu wenig Worldbuilding, zu viele offene Fragen, blasse Figuren und eine Brutalität, die mich abgestoßen hat, sorgten dafür, dass ich emotional und gedanklich nie wirklich in die Geschichte hineingefunden habe.
Wer harte dystopische Thriller mit viel Gewalt und düsteren Zukunftsszenarien mag, könnte hier durchaus auf seine Kosten kommen. Wenn ihr jedoch vor allem an moralischen Grauzonen, gesellschaftlichen Fragestellungen und differenzierten Justiz- oder Demokratie-Diskursen interessiert seid, würde ich persönlich eher zu Büchern von Ferdinand von Schirach oder Elisa Hoven greifen.
Vielen Dank an netgalley.de & den Hörbuch Hamburg Verlag für das Rezensionsexemplar.
Nach einer Pandemie zeigt sich, dass viel schlimmer als ein Virus die Angst der Menschen ist. Die Welt hat sich verändert und bestehende Probleme wurden noch schlimmer. Während Plünderungen und Gewalttaten ...
Nach einer Pandemie zeigt sich, dass viel schlimmer als ein Virus die Angst der Menschen ist. Die Welt hat sich verändert und bestehende Probleme wurden noch schlimmer. Während Plünderungen und Gewalttaten an die Tagesordnung rücken, versuchen die Reichen sich sichere Stützpunkte zu errichten. So auch Colin Lowe, der in weiser Voraussicht bereits vor Ausbruch der Pandemie die Insel der Ratten gekauft und gesichert hat. Scharfschützen bewachen ihn und seine Familie – mit Ausnahme seines Sohns Brad, der Anführer einer der großen Banden geworden ist. Auch Colins langjähriger Freund, Will, bleibt mit seiner Familie nicht von Brad verschont. Wills Frau wird mehrfach vergewaltigt und seine Tochter Amy entführt. Da Colin dies nicht wahrhaben möchte, beschließt Will selbst für Gerechtigkeit zu sorgen. Denn wie er, selbst Jurist, feststellen muss, ist die Justiz nicht in der Lage gegen den Sohn des Superreichen vorzugehen.
Das Buch hat etwa 200 Seiten – allerdings im Taschenbuchformat, woran auch der Pappdeckel nichts ändert. Es ist also gar nicht verwunderlich, dass das Buch nicht sonderlich in die Tiefe geht. Ebenso wenig überrascht es dann, ganz hinten im Buch zu entdecken, dass es sich eigentlich um eine Kurzgeschichte aus einem Sammelband von 2021 handelt. Nun wurde diese Erzählung also als eigenständiges Buch – mit entsprechendem Preis – veröffentlicht.
Ein Kritikpunkt sind für mich die für ein Buch zu wenig ausgearbeiteten Figuren. Will ließ sich für mich beispielsweise nicht richtig greifen: Glaubt er nun an die Justiz oder nicht? Ist er so gegen Selbstjustiz oder eben nicht? Außerdem bleibt er überraschend gefühlskalt und seine Äußerungen stehen für mich im Kontrast zu dem, was wir als Leser von seinen Gefühlen mitbekommen – insbesondere wenn es um Amy geht. Aber auch andere Figuren wie Wills Frau kaufe ich dem Autor nicht ab: Traumatisiert von der mehrfachen Vergewaltigung, aber nicht traumatisiert genug, um nach einem Gemetzel durch ihren Mann mit ihm zu schlafen. Oder wenn es um die Pandemie geht, die irgendwie schon, irgendwie aber auch nicht Auslöser der ganzen Situation ist: Würden die Gefangenen freigelassen werden, wenn sich die Krankheit zuerst in den Gefängnissen zeigt? Damit die Häftlinge sich nicht so schnell anstecken? Ernsthaft? Und oh Wunder, dann hat sich das Ganze ausgebreitet (S.18)? Zudem ist das Buch oft unnötig brutal. Generell machen mir solche Szenen eigentlich nicht viel aus, sofern sie in die Atmosphäre des Buchs eingebunden, nachvollziehbar dargestellt oder irgendwie später aufgearbeitet werden. Hier wirkten sie auf mich aber eher wie kleine Schocker, um doch ein bisschen Spannung auf die wenigen Seiten zu bekommen. Wie ein Jumpscare in einem schlechten Horrorfilm, damit man nicht einschläft.
Hin und wieder versucht Nesbø philosophische Ideen zu Schuld, Gerechtigkeit, Recht und Strafe einzustreuen. Hier muss ich aber sagen, dass diese Gedankengänge wenig ausgearbeitet wirken. Ich hatte immer wieder das Gefühl, es würde ein (kläglicher) Versuch unternommen, etwas im Stil von Ferdinand von Schirach zu schreiben, dessen Bücher (und auch Kurzgeschichten) ich sehr gerne gelesen habe. Es ist durchaus möglich, solche Themen auch auf etwa 200 Seiten zu behandeln. Jo Nesbø gelingt dies hier aber nicht. Das Preis-Leistungs-Verhältnis finde ich absolut unangemessen. Für mich war dies der erste – und vorerst auch letzte – Nesbø.