Platzhalter für Profilbild

kathieder

Lesejury Profi
offline

kathieder ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit kathieder über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.03.2026

Leise Worte mit großer Wirkung

Die Liste der Lebenden
0

Der schlichte, beinahe etwas skizzenhafte Cover verbirgt, welch starke Geschichte sich hinter diesem verbirgt.

Nach dem größten Schiffsunglück des 19. Jahrhunderts, dem Brand und anschließendem Untergang ...

Der schlichte, beinahe etwas skizzenhafte Cover verbirgt, welch starke Geschichte sich hinter diesem verbirgt.

Nach dem größten Schiffsunglück des 19. Jahrhunderts, dem Brand und anschließendem Untergang der "Austria" treibt Henriette Wulff allein auf einer Holztür auf den erbarmungslosen Wogen des Meeres. In Gedanken ist sie dabei aber Meilenweit weg, bei ihrem Freund, Hans Christian Andersen, bekannt für seine wunderschönen, aber unendlich traurigen Märchen.

Dieselbe Melancholie fängt auch der Autor Stefan Kutzenberger ein. Sie ist das Grundgerüst, auf dem diese Geschichte steht, die dieses Buch zu etwas ganz Besonderem macht.

Als Briefdialog verfasst berichten Henriette und Andersen abwechselnd von ihren Gedanken und Gefühlen: zu dem Unglück, zu den politischen Turbulenzen der Zeit, die Hoffnung, welche Amerika damals für die Menschen noch verkörperte, bis hin zu ihren Emotionen und Wünschen.

Meilenweit getrennt treffen sich ihre Gedanken und weben eine fiktive Geschichte mitten hinein in die wahren Begebenheiten der Zeit. Denn all dies, das Schiffsunglück, die Protagonisten, den freundschaftlichen Briefwechsel davor. Das alles gab es wirklich. Nur dieser letzte Gedankenaustausch, in seiner mutigen Verletzlichkeit, den gab es nicht.

"Die Liste der Lebenden" gab es, gibt es immer noch, doch wie Anderson es richtig erkannte, braucht es Mut, diese zu lesen. Denn mit der Gewissheit stirbt auch die Hoffnung.

Es ist ein unglaublich berührendes Buch und ein Muss für all jene, die historische Begebenheiten in Romanform gegossen lieben. Doch trotz seiner wenig anmutenden Seiten dauert es, dieses Buch zu lesen. Denn die Geschichte fordert die Zeit ein, die sie braucht, um anzukommen und verstanden zu werden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.02.2026

Zwischen Spannung und Humor

Die Reise ans Ende der Geschichte
0

Der eiserne Vorhang fällt und die Welt, diese unerschütterliche Weltordnung, die die letzten Jahrzehnte geprägt hatte, brach zusammen. Wie ein Luftballon nach einem Kontakt mit einer Nadelspitze. Oder ...

Der eiserne Vorhang fällt und die Welt, diese unerschütterliche Weltordnung, die die letzten Jahrzehnte geprägt hatte, brach zusammen. Wie ein Luftballon nach einem Kontakt mit einer Nadelspitze. Oder einem Kaktus. Von einem Tag auf den anderen war nichts mehr wie zuvor. Aus zwei Teilen Deutschlands wurde einer, zumindest formell die Grenze, die Europa durchschnitten hatte, war verschwunden und die UdSSR war nicht mehr da.

In dieser Zeit, die gleichermaßen geprägt war von einem Gefühl der Freiheit sowie der Unsicherheit. Mit einem Schlag ist alles anders und keiner weiß, wie es weitergehen wird.

Als Vertreter dieser beiden polarisierenden Gefühle stellt Kristof Magnusson seine Charaktere Jakob Dreiser und Dieter Germeshausen vor.

Jakob Dreiser, der unbekümmerte Dichter, liebt es zu reden, über Gott und die Welt, über alles und jeden. Er besitzt die Gabe, ein Vertrauen in der Gesprächsbasis aufzubauen, die Menschen vertrauen ihm alles an. Aber mit der enormen Freiheit, die plötzlich entstanden ist, fällt für ihn auch die Spannung, das Risiko, der Nervenkitzel, den Rede Reise begleitete. Mit anderen Worte, das schillernde Leben, bekam einen schalen Geschmack der Langeweile.

Dieter Germeshausen hingegen ist ein alter Vertreter des Systems. Als Mitglied des deutschen Geheimdienstes lebte er von diesen Grenzen, von den Geheimnissen und Intrigen. Sein Arbeitsbereich fällt gemeinsam mit den Blockaden zusammen. Nicht nur seine Arbeit, sein aufgebautes Netzwerk, sein gesamter Lebensinhalt.

Dieter trifft auf Jakob und mit einem Mal fasst er einen Entschluss: der Dichter wäre der perfekte Spion, ein letztes Aufbäumen seinerseits, bevor die Welt sich komplett ändert, um ihn zurückzulassen.

„Aber nur, weil es eine komische Vorstellung ist, kann man das ja trotzdem ernst nehmen.“

Mit leichter, sarkastischer Sprache erzählt Kristof Magnusson die Geschichte zweier Männer, die die Wirren dieser Zeit durchleben, mit so unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten und dennoch dieselbe Reise antreten. Es ist ein wunderbar unterhaltsames Buch, immer offen für Überraschungen. Gehalten in trockener Sprache, und die Seiten laufen unter den Fingern dahin, auch wenn der Spannungsbogen eher flach gehalten wird. Die Geschichte lebt durch die komisch überzeichneten Figuren, die trotz ihrer Skurrilität ein gewisses Maß an Liebenswürdigkeit besitzen und somit ihren Platz im Herzen der Leserinnen und Leser behaupten.

„Die Reise ans Ende der Geschichte“ ist definitiv kein James Bond oder John le Carré, aber die Anspielungen sind dennoch erkennbar und gepaart mit dieser trockenen Sprache ein absoluter Lesegenuss.


dieses Zitat wurde direkt aus dem Buch entnommen

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.02.2026

Tödliche Beziehungen

The Exes
0

Mit den ersten Zeilen ist der Leser/die Leserin bereits mitten im Geschehen. Die Ehe von Natalie und ihrem Mann James scheint auf Messers Schneide zu stehen, auch wenn der Grund dafür vorerst noch im Verborgenen ...

Mit den ersten Zeilen ist der Leser/die Leserin bereits mitten im Geschehen. Die Ehe von Natalie und ihrem Mann James scheint auf Messers Schneide zu stehen, auch wenn der Grund dafür vorerst noch im Verborgenen liegt. Die Unsicherheit, die Natalie ausströmt, greift bereits nach wenige Seiten auf den/die unbeteiligten Beobachter/in über. Der weinende Ehemann in dem einen Zimmer, die Hausparty im unteren Stock reflektiert sie über ihre bereits vergangenen und gescheiterten Beziehungen mittels Zeitsprüngen und Briefen, die sie offenbar selbst einmal verfasst hatte.

Schritt für Schritt zieht die Autorin ihre Leserinnen und Leser hinein in das dramatische Leben von Natalie, deren Händchen für die falschen Männer den Grundstock für die Geschichte legt. Gemeinsam mit der Psychologin blättern wir Schicht um Schicht von ihrem Leben auf, um durch die neuentdeckten Informationen einen völlig neuen Blick auf die Gesamtsituation zu bekommen.

Das Erste, was mir ins Auge stach, war der Titel. The Exes erinnerte mich stark an einen Steve McQueen, der einen Film über Witwen drehte. Waren die Frauen dort gezwungen, die dunklen Machenschaften ihrer Männer aufzunehmen, um einer Strafe zu entgehen, so scheint die Gefahr in dieser Geschichte von Natalie selbst auszugehen. Die intensiven, aus der ich-Perspektive geschriebenen Passagen, die durch die Zeiten springen, wechseln sich ab mit inneren Monologen und Briefen, die über Vergangenes reflektieren.

Trotz der regelmäßigen Wechsel zwischen Erzähler/in und Zeiten gelingt es der Autorin, unentwegt Spannung aufzubauen. Langsam, aber unaufhörlich, dringen wir immer tiefer in die Vergangenheit von Natalie ein, lernen sie und vor allem, die Menschen in ihrem Leben besser kennen. Die stete Bedrohung, dass ihr vergangenes Leben ihr aktuelles zerstört, hängt wie ein Damoklesschwert über ihr und schnell steht sie vor der Frage, wie weit sie gehen darf, um ihr Leben, wie sie es kennt, zu beschützen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.11.2025

Der Schatten des Manuskrips

Das Antiquariat am alten Friedhof
0

Leipzig, eine Stadt der Bücher

Auch in dem vierten Band über die graphischen Viertel finden wir uns in Leipzig wieder. Und wieder schwebt der Schatten der Veränderung über der Geschichte. Und wieder steht ...

Leipzig, eine Stadt der Bücher

Auch in dem vierten Band über die graphischen Viertel finden wir uns in Leipzig wieder. Und wieder schwebt der Schatten der Veränderung über der Geschichte. Und wieder steht ein Buch in der Mitte der Handlung. Ein Buch, welches das Leben aller beteiligten für immer verändert.

In den 1930er Jahren folgen wir vier Studenten, Felix, Vadim, Eddie und Julius, die auf ihrer Jagd nach Abenteuern und dem Wunsch, gegen die Ansichten und Vorschriften der Eltern zu rebellieren, in einen Konflikt hineingezogen werden, der um einiges größer ist, als sie jemals für möglich gehalten hätten.

Fünfzehn Jahre später, am Ende des Krieges 1945, kehrt Felix zurück in seine Heimatstadt Leipzig und erneut erheben sich die Schatten von damals. Die Schatten, die das Leben der vier Freunde von damals aus den Fugen gehoben hatten.

Stein für Stein rollt Felix die Geschichte auf, trifft ehemalige Bekannte und vermittelt zwischen polizeilichen Behörden und Geheimdiensten. Puzzleteil für Puzzleteil fügt sich das Gesamtbild zusammen, verrät Motive und Schicksale, die immer dichter miteinander verstrickt werden.

Langsam, aber unaufhörlich bahnt sich die Katastrophe an. Der stete Wechsel zwischen den beiden Zeiten erhöht die Spannung, bis sie zu zerreißen droht. Zahlreiche Anspielungen und Vorzeichen nehmen mögliche Handlungsvorläufe vorweg, ohne zu viel zu verraten. Die Geheimnisse der Vergangenheit vermischen sich mit der okkulten Besessenheit von Hitler, Stalin und deren obersten Befehlshabern.

„Der Krieg machte sie alle zu Gefangenen. Die Lügen, die sie überleben ließen, waren ihre Ketten und die Umstände ihr Kerker.“

So deutlich wie in bisher keinem seiner Bücher zeigt Kai Meyer, wie stark der Krieg Menschen verändern kann, wie schnell Jugendlicher Leichtsinn in brutale Realität münden kann, wie oft die Unschuldigen zu Opfern der Gewalt und der Umstände werden können und wie welch gefährliche Waffen Bücher in den Händen der falschen Person werden können.

„Immerhin waren es Bücher, die Stalin an die Macht gebracht haben […] Bücher haben den Zaren gestürzt, Bücher haben die russischen Juden aus dem Land getrieben, und Bücher haben zur Revolution aufgerufen. Und am Ende werden es wieder Bücher sein, die Stalins Regime beenden. Bücher, die irgendwer im Exil oder im Arbeitslager schreibt.“

„Das Antiquariat am alten Friedhof“ ist ein erneutes Meisterwerk von Kai Meyer, der seinen Leserinnen und Lesern mit seiner bildgewaltigen Sprache erneut vor Augen führt, wie schmal der Grat zwischen Mut und Leichtsinn, zwischen oberflächlicher Freundschaft und tiefer Verbundenheit ist.

Wie auch bei den anderen Bänden müssen die Vorgänger der Reihe nicht gelesen werden. Dennoch findet sich die eine oder andere bekannte Figur zwischen den Seiten wieder. Genau wie der sanfte Schimmer der Hoffnung, der jedes Mal erscheint, sobald einer, der schon so vieles war, ein Gärtner, ein blinder Passagier, ein Kindermädchen, ein Buchbinder, ein Dolmetscher, ein Spion, wieder einmal das Wort ergreift:

„Jeder hat einen Koffer dabei. Nur wir nicht. Beste Voraussetzungen für ein neues Leben. […] Ein Neuanfang mit nichts. Eine neue Stadt, ein neuer Name. Vielleicht etwas Besseres als das, was war“

"Diese Stellen wurden direkt aus dem Buch, Auflage Oktober 2025, entnommen"

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.10.2025

Ein absoluter Gewinn

We are Austria
0

Es ist kein Buch, dass einmal gelesen wird, nur um anschließend im Regal zu verstauben. Das knallige Cover gepaart mit dem beinahe Comicartigen Design sticht einfach heraus.

Auf 170 bunten Seiten werden ...

Es ist kein Buch, dass einmal gelesen wird, nur um anschließend im Regal zu verstauben. Das knallige Cover gepaart mit dem beinahe Comicartigen Design sticht einfach heraus.

Auf 170 bunten Seiten werden 77 faszinierende Österreicherinnen vorgestellt, einige bekannt, andere weniger aber eines verbindet sie alle: sie haben ihr Schicksal nicht einfach angenommen sondern sind aufgestanden, haben für ihr Ziel gekämpft: von der Kaiserin Maria Theresia über die Fußballlegende Edith Klinger bis hin zu Christina Stürmer. In kurzen, steckbriefartigen Erzählungen in einfacher Sprache und aus der jeweiligen Sichtweise der Frau werden die Namen zu Geschichten und die Geschichten zu Inspirationen.

Alphabetisch, nach Vornamen, reihen sich die Portraits aneinander, eine Seite Text, dazu eine Seite mit einer Abbildung, im Stil von Andy Warhol. Zusätzlich zeigen die jeweiligen Linien unterhalb des Namens an, in welchem Bereich die Frau gewirkt hat: in der Politik, in der Wissenschaft, im Sport, in der Kunstszene, der Literatur oder in anderen Bereichen.

"We are Austria" ist ein Buch, das immer wieder den Weg in die Hände der Leserinnen und Leser findet: als Nachschlagewerk, als Inspirationsquelle oder einfach Neugierde. Ein Buch, gefüllt mit Geschichten, die die Welt, wie wir sie kennen, geprägt und geformt haben und es immer noch tun.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Charaktere