Im Zwielicht: Zwischen Recht und Gerechtigkeit
Die bekannte und renommierte Autorin Elisa Hoven hat mit “Feine Risse” den zweiten Band über die Strafverteidigerin Eva Herbergen vorgelegt. Wie der Titel schon sagt, sind es oft minimale Unterschiede ...
Die bekannte und renommierte Autorin Elisa Hoven hat mit “Feine Risse” den zweiten Band über die Strafverteidigerin Eva Herbergen vorgelegt. Wie der Titel schon sagt, sind es oft minimale Unterschiede eines Tatherganges, die den Ausschlag geben, welches Urteil über einen Straftäter gefällt wird. Ebenso feine Unterschiede führen zu einer völlig anderen Sichtweise, wenn man ein Verbrechen vom Standpunkt der persönlichen Moral aus betrachtet. Was ist jetzt Recht- und was ist gerecht?
Die Autorin, selbst Juristin, die Strafrecht an der Universität Leipzig lehrt und Richterin im Sächsischen Verfassungsgerichtshof ist, greift für ihren Roman auf spektakuläre Kriminalfälle zurück, die sie an die Geschichte des Buches anpasst und mit einem fiktiven Ende versieht. So ergeben sich nicht nur Einsichten in die Arbeitsweise der Justiz und der Ermittlungsbehörden, sondern auch die spannende Aufarbeitung von Verbrechen mit all ihren Facetten wie der Berichterstattung in den Medien und der öffentlichen Meinung. Um diesen Roman zu lesen, muss man aber keine Rechtskenntnisse haben, es geht um Taten, die in der Realität begangen wurden und deren Beurteilung durch die Gerichte zu Diskussionen Anlass geben kann.
Elisa Hoven hat als Hauptfiguren für ihren Roman das Ehepaar Herbergen gewählt. Eva ist eine bekannte und gefragte Strafverteidigerin, ihr Ehemann Peter lehrt an der Universität und steht knapp vor dem Ruhestand. So erfahren die Lesenden nicht nur die Sichtweise von Eva über den Gang der Gerichtsverfahren, die Beurteilung der Mandanten, die Zweifel am richtigen Vorgehen der Verteidigung und die Bewertung von Beweisen, sondern Peter bringt auch eine andere, persönliche Meinung zu den Fällen ein. Diese Fälle werden einigen Lesenden bekannt sein: Die Fahrt eines Betrunkenen, der ein Kind niederfährt und Fahrerflucht begeht; der Bergunfall eines Managers, der mit Bergführer eine zu schwere Tour geht oder das entführte Kind, dessen Aufenthaltsort der Entführer nicht preisgeben will. Die Aufzählung ist nur beispielhaft für die sehr gut ausgewählten spektakulären Verbrechen und ihre Aufarbeitung.
Ebenso wichtig ist die schöne, innige und gleichberechtigte Beziehung der Eheleute Eva und Peter, die selbst in ein länger zurückliegendes Kapitalverbrechen verwickelt werden, das Peters Familie betrifft. Während Peter eher zögerlich ist, veranlasst Eva die Auswertung der alten Spuren, das Ergebnis ist schockierend. Soll Eva Peter damit konfrontieren, denn wie wird er sein bisheriges Leben im Licht dieser neuen Erkenntnisse bewerten?
Abseits der Verbrechen beschäftigt sich das Buch mit ernsten, persönlichen Themen. Wie will man das eigene Alter verbringen, wie sich auf den Ruhestand vorbereiten? Soll Eva auch beruflich kürzer treten, wenn Peter in Pension ist? Darf man alten Bekannten vertrauen oder wird dieses Vertrauen missbraucht? Hier geht es nicht um Recht und Gerechtigkeit sondern um wichtige Lebensentscheidungen, um Weichen, die man für das eigene Schicksal stellt.
“Feine Risse” ist ein in gut verständlicher Sprache geschriebener spannender und interessanter Roman, der zwischen Realität und Fiktion changiert, ein Buch, das man am liebsten im einem Rutsch lesen möchte. Die Charaktere aller Protagonisten sind lebensnah ausgearbeitet, die Lesenden fühlen sich direkt in das Geschehen versetzt und beziehen unwillkürlich Stellung zu den jeweiligen Rechtsfragen und Schicksalen. Dieses Buch beeindruckt einerseits durch große Sachkenntnis, andererseits aber auch durch Empathie, sowohl für die Opfer als auch manchmal sogar für die Täter. Für mich war es ein Lesehighlight, ich empfehle es gerne und bewerte es mit fünf Sternen.