Familienleben mit Tabuthema
Vergiss michZutiefst erschütternd, welche Spuren Sucht in einer Familie hinterlässt
Der Roman „Vergiss mich“ von Alex Schulman befasst sich mit einem Thema, das auch in seiner eigenen Familie totgeschwiegen wird: ...
Zutiefst erschütternd, welche Spuren Sucht in einer Familie hinterlässt
Der Roman „Vergiss mich“ von Alex Schulman befasst sich mit einem Thema, das auch in seiner eigenen Familie totgeschwiegen wird: der Alkoholsucht der Mutter.
Die frühen Kindheitserinnerungen an seine Mutter sind für Alex erstmal überaus positive, bis- sie das Trinken anfängt und sich ihr Charakter massiv verändert und die drei Kinder für sie eher Last als Glück bedeuten.
Es geht nunmehr darum, die Mutter nicht mehr zu stören, mit ihren Launen und ihrer Unberechenbarkeit umzugehen und viel zu früh Verantwortung zu tragen, die die Mutter aufgrund ihrer Krankheit nicht mehr übernehmen kann.
Als Alex als Erwachsener immer wieder die Auswirkungen dieser belastenden Kindheit zu spüren bekommt, konfrontiert er seine Mutter endlich und nach Jahren mit dem echten Problem. Kontaktabbruch.
Später dann, als Alex und sein Bruder die Mutter aus dem Ferienhaus, an dem auch viele schöne Erinnerungen hängen, aus ihrer Misere „retten“ und in die Stadt zurückbringen, nimmt diese nach langem Anlauf das Angebot wahr, sich in eine Klinik zu begeben.
Mir wurde durch den Roman von Alex Schulman klar, wie tabuisiert das Thema selbst in der engsten Familie sein kann und wie sehr sich Betroffene gegen die Erkenntnis sperren können, dass sie dringend Hilfe brauchen.
Ich finde, es ist Alex Schulman sehr gut gelungen, einen liebevollen, sprachlich leichten, aber dennoch klaren Roman über seine Mutter zu schreiben, in dem er sich nicht nur auf ihre Schattenseiten fixiert, sondern immer wieder deutlich wird, dass es sich hier um eine tolle, intelligente, witzige und interessante Frau handelt, die krank ist- nicht um eine schlechte Mutter, die per se ihre Kinder vernachlässigt.
Diese Sicht auf die Situation fand ich sehr wertschätzend und trotzdem frage ich mich schon, warum sich nie jemand getraut hat, das Thema viel früher anzusprechen und Hilfe anzubieten. Wie traurig, dass die Familienmitglieder unter dieser Abhängigkeit ihr Leben lang selbst extrem leiden. Allein die nächtlichen Nachrichten der Mutter lassen mich zusammenzucken.
Einprägsam waren auch die Momente der Ehrlichkeit, in denen Alex zugibt, Harmonie um jeden Preis aufrecht erhalten zu wollen und auch seine eigene Familie für den Frieden mit seiner Mutter „opfert“.
„Ich sage ebenfalls nichts, um abzuwarten, wie lange das Schweigen dauert. Zwischen den Sekunden vergeht wahnsinnig viel Zeit.“