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Veröffentlicht am 13.06.2025

Familienleben mit Tabuthema

Vergiss mich
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Zutiefst erschütternd, welche Spuren Sucht in einer Familie hinterlässt
Der Roman „Vergiss mich“ von Alex Schulman befasst sich mit einem Thema, das auch in seiner eigenen Familie totgeschwiegen wird: ...

Zutiefst erschütternd, welche Spuren Sucht in einer Familie hinterlässt
Der Roman „Vergiss mich“ von Alex Schulman befasst sich mit einem Thema, das auch in seiner eigenen Familie totgeschwiegen wird: der Alkoholsucht der Mutter.
Die frühen Kindheitserinnerungen an seine Mutter sind für Alex erstmal überaus positive, bis- sie das Trinken anfängt und sich ihr Charakter massiv verändert und die drei Kinder für sie eher Last als Glück bedeuten.
Es geht nunmehr darum, die Mutter nicht mehr zu stören, mit ihren Launen und ihrer Unberechenbarkeit umzugehen und viel zu früh Verantwortung zu tragen, die die Mutter aufgrund ihrer Krankheit nicht mehr übernehmen kann.
Als Alex als Erwachsener immer wieder die Auswirkungen dieser belastenden Kindheit zu spüren bekommt, konfrontiert er seine Mutter endlich und nach Jahren mit dem echten Problem. Kontaktabbruch.
Später dann, als Alex und sein Bruder die Mutter aus dem Ferienhaus, an dem auch viele schöne Erinnerungen hängen, aus ihrer Misere „retten“ und in die Stadt zurückbringen, nimmt diese nach langem Anlauf das Angebot wahr, sich in eine Klinik zu begeben.

Mir wurde durch den Roman von Alex Schulman klar, wie tabuisiert das Thema selbst in der engsten Familie sein kann und wie sehr sich Betroffene gegen die Erkenntnis sperren können, dass sie dringend Hilfe brauchen.

Ich finde, es ist Alex Schulman sehr gut gelungen, einen liebevollen, sprachlich leichten, aber dennoch klaren Roman über seine Mutter zu schreiben, in dem er sich nicht nur auf ihre Schattenseiten fixiert, sondern immer wieder deutlich wird, dass es sich hier um eine tolle, intelligente, witzige und interessante Frau handelt, die krank ist- nicht um eine schlechte Mutter, die per se ihre Kinder vernachlässigt.

Diese Sicht auf die Situation fand ich sehr wertschätzend und trotzdem frage ich mich schon, warum sich nie jemand getraut hat, das Thema viel früher anzusprechen und Hilfe anzubieten. Wie traurig, dass die Familienmitglieder unter dieser Abhängigkeit ihr Leben lang selbst extrem leiden. Allein die nächtlichen Nachrichten der Mutter lassen mich zusammenzucken.

Einprägsam waren auch die Momente der Ehrlichkeit, in denen Alex zugibt, Harmonie um jeden Preis aufrecht erhalten zu wollen und auch seine eigene Familie für den Frieden mit seiner Mutter „opfert“.

„Ich sage ebenfalls nichts, um abzuwarten, wie lange das Schweigen dauert. Zwischen den Sekunden vergeht wahnsinnig viel Zeit.“

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Veröffentlicht am 13.06.2025

Biografie meets Kopfkino

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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In Henning Sussebachs Roman „Anna oder: was von einem Leben bleibt. Die Geschichte meiner Urgroßmutter“ (ja, der Titel ist etwas sperrig) geht es um die Rekonstruktion eines Lebens anhand spärlich ...

In Henning Sussebachs Roman „Anna oder: was von einem Leben bleibt. Die Geschichte meiner Urgroßmutter“ (ja, der Titel ist etwas sperrig) geht es um die Rekonstruktion eines Lebens anhand spärlich vorhandener Dokumente und Erbstücke oder Fotos aus dem Leben von Anna.

Anna Kalthoff kam im Alter von 20 Jahren 1887 als Lehrerin in das kleine Dorf Cobbenrode im Sauerland. Nach dem Tod ihres Vaters wurde sie von ihrer Mutter aus ihrem Heimatort Horn die Niederland geschickt, wo sie sich in Steyl im St. Josefskloster auf dem Lehrerdienst vorbereitete.
In Cobbenrode nun verliebte sie sich in Clemens Vogelheim, der ein moderner Mann gewesen zu sein scheint: Er besaß ein Fahrrad und gründete den „Verein Sport“. Weder dem Familienoberhaupt Vogelheim noch dem Staat gefiel jedoch diese Liaison der Lehrerin mit dem Kaufmannssohn und so konnten die beiden erst sehr viel später (nach dem Tod des Vaters und der Aufgabe der Lehrposition) heiraten.
Die glückliche Zeit hielt leider nur kurz an und Anna heiratete erneut, dieses Mal einen sehr introvertierten Mann, Bernhard Raesfeld. Aus der ersten Ehe brachte sie einen Sohn mit, in der zweiten kam eine Tochter zur Welt.
Anna starb 1932 mit 65 Jahren.

Dieses Gerüst einer Biografie dient dem Autor als Grundlage seines Buches. Er verwebt zeitgeschichtliche Ereignisse mit den Lebensstationen seiner Uroma, was ich sehr gelungen fand, um einen besseren Eindruck von der Welt, in der Anna lebte, zu bekommen.

Trotzdem bleibt vieles reine Spekulation und das Bild von Anna, das beim Lesen kreiert wird, ist abhängig von den Ideen und der Vorstellungskraft des Urenkels und auch der Lesenden. Ich habe mich gefragt, ob es mich stört, wenn ein biografisches Buch überwiegend auf Vermutungen basiert. Hmmm.
Ich denke, Henning Sussebach gelingt durch seine Offenheit und den Hinweis darauf, dass alles auch hätte anders sein können, hier durchaus der Spagat zwischen Biografie und Kopfkino.

Ich mochte das Buch, weil es mir einen Einblick in die mögliche Lebenswelt auch meiner Uroma präsentiert hat. Trotzdem hat es mich nicht vom Hocker gehauen. Aber das ist bei dieser Art der Erzählung vielleicht ja auch gar nicht die Intention.

„Wohl jeder Mensch kennt das tiefe Erschrecken, wenn ihm bewusst wird, wie sehr seine Existenz auf Zufällen beruht.“


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Veröffentlicht am 03.06.2025

Es geht weiter- wenn auch anders

Das leise Platzen unserer Träume
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Ich mochte den Titel, ich hatte schon viel über dieses Buch gehört. Und jetzt hab ich „Das leise Platzen unserer Träume“ von Eva Lohmann dann auch mal gelesen.

Nachdem David und Jule aufs Dorf gezogen ...

Ich mochte den Titel, ich hatte schon viel über dieses Buch gehört. Und jetzt hab ich „Das leise Platzen unserer Träume“ von Eva Lohmann dann auch mal gelesen.

Nachdem David und Jule aufs Dorf gezogen sind, zeigt sich, dass das Familienleben, das sie sich erträumt hatten, so nicht eintreffen wird.

Die beiden entfernen sich trotz gemeinsamer Arbeit am Traumhaus immer mehr voneinander. Als Davids Affaire mit der alleinerziehenden Mutter Hellen zu Tage kommt, verändert sich in vielen Leben vieles.

Ich fand die wechselnde Erzählperspektive erst mal gewöhnungsbedürftig. Dass Hellen Jule in ihren Passagen direkt anspricht, hat mich erst irritiert, später fand ich es dann aber eine gute Idee, weil sich mir so Hellens Charakter recht gut erschlossen hat.

Gefallen hat mir der ehrliche Ton, mit dem Jule den leisen Untergang ihrer Beziehung schildert.

Obwohl ich den Roman schnell und auch überwiegend gerne gelesen habe, fand ich doch einiges zu konstruiert und nicht glaubhaft. Auch sprachlich gab es ein paar Sätze, die ich merkwürdig fand: Die Yogafrauen würden „verzückt“ sein und sich an den Töpfen der vorgekochten Suppe „selbst helfen“.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich gerade gegen Schluss alles viel zu schnell dann eben doch wieder im Idyll auflöst. Die Annäherung der beiden Frauen, die Adaption (oder eben nicht) ans Dorfleben, die Rolle Davids- das alles war für meinen Geschmack plötzlich alles kein echtes Thema mehr.

Es geht ja nun mal um Trennung, Verletzung und das Weitermachen unter erschwerten Bedingungen. Da darf die Geschichte für mich dann auch realistischer enden und mehr Zeit einnehmen.

„Alles, was sie empfanden, war jenes Verständnis, das Menschen erst dann füreinander aufbringen können, wenn das Leben die eigenen Träume schon ein paarmal zerschossen hat.“

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Veröffentlicht am 29.05.2025

unterschiedliche Lebenspläne

Wo wir uns treffen
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Nach dem Tod des dominanten Familienpatriarchen Philip Brooke kehren seine drei erwachsenen Kinder – Frannie, Milo und Isa – auf das ländliche Anwesen in Sussex zurück. Frannie lebt dort bereits mit ihrer ...

Nach dem Tod des dominanten Familienpatriarchen Philip Brooke kehren seine drei erwachsenen Kinder – Frannie, Milo und Isa – auf das ländliche Anwesen in Sussex zurück. Frannie lebt dort bereits mit ihrer Tochter und verfolgt ehrgeizige ökologische Pläne für das Land, während ihre Geschwister sich mit ganz anderen Themen beschäftigen. Nach und nach kommen tief verdrängte Wahrheiten ans Licht – darunter koloniale Vergangenheit der Brookes, die von Schuld, Verdrängung und Missbrauch geprägt ist. Auch die Frage, wie traumatisch diese Vergangenheit für einige Familienmitglieder war, spielt eine Rolle.

Ich hatte echt Lust auf die Story – altes Haus, England-Vibes, Familiengeheimnisse – klang genau nach meinem Ding. Aber beim Lesen hab ich schnell gemerkt: Der Stil ist einfach nicht meins. Die Sprache wirkte auf mich extrem überladen, fast so, als wollte die Autorin in jeden Absatz alles reinpacken, was irgendwie schön klingt oder was sie sich irgendwann mal als Gedankenblitz oder nette Formulierung notiert hatte.

Auch die Erzählweise war mir zu dicht – es wurde so viel im Voraus angedeutet und erzählt, dass kaum Raum zum Eintauchen blieb. Milos Idee einer „psychedelischen Revolution“ und die Planung einer entsprechenden Klinik hat mich gar nicht abgeholt und ich fand sie irgendwie unpassend schräg.

Ich kann aber trotzdem vorstellen, dass das Buch Zuspruch findet, für mich kann ich zusammenfassend aber leider nur sagen: honey, you're just not my cup of tea.

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Veröffentlicht am 29.05.2025

Spannender Roman über das Leben einer Diplomatin

Die Diplomatin
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Der Roman „Die Diplomatin“ von Lucy Fricke startet in Montevideo, wo Fred als Diplomatin für die Bundesrepublik Deutschland arbeitet.

Nach dem Verschwinden einer Touristin muss Fred letztendlich Uruguay ...

Der Roman „Die Diplomatin“ von Lucy Fricke startet in Montevideo, wo Fred als Diplomatin für die Bundesrepublik Deutschland arbeitet.

Nach dem Verschwinden einer Touristin muss Fred letztendlich Uruguay verlassen und wir treffen sie zwei Jahre später in der Türkei wieder, wo sie mittlerweile in Istanbul als Kinsulin die Festlichkeiten zum Dritten Oktober vorbereitet.

Sie trifft dort den Journalisten David Fabian wieder, in den sie sich verguckt, der aber aufgrund seiner politischen Recherchen schnell in echte Gefahr gerät. Als Diplomatin setzt Fred sich nicht nur für ihn, sondern auch für Baris und dessen Mutter Meral ein, die in Istanbul als politisch Inhaftierte ungerechtfertigt im Gefängnis sitzt. Als dann auch noch Baris in die Bredouille gerät, wird deutlich, wie schmal der Grat der Diplomatie ist, auf dem Fred sich entlanghangelt.

Ich mochte, wie Lucy Fricke das Leben der Diplomatin in gradliniger und authentischer Sprache darstellt. Sie lässt genug Platz, zwischen den Zeilen zu lesen und sich nicht im Detail erzählte Teile der Geschichte zu erschließen.

Obwohl viele verschiedene Erzählstränge parallel laufen, empfand ich die Geschichte in keiner Weise als verzettelt oder zerrissen.

Sich der Thematik der Diplomatie in einem Roman zu widmen, fand ich sehr spannend und bereichernd.

„Meine übliche Flucht in den Plural, in die Funktion, das Amt, die Regierung. Wenn ich wollte, war ich nur ein Land,“

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