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Veröffentlicht am 03.04.2025

Eine schlau konstruierte Geschichte

Das Fest
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„Das Fest“ ist mein erstes Buch von Lucy Fricke und ich war sehr begeistert. Sie schafft es meisterinnenhaft, subtile Botschaften ohne viele Schnörkel zu vermitteln.

Überwiegend habe ich das Buch als ...

„Das Fest“ ist mein erstes Buch von Lucy Fricke und ich war sehr begeistert. Sie schafft es meisterinnenhaft, subtile Botschaften ohne viele Schnörkel zu vermitteln.

Überwiegend habe ich das Buch als Hörbuch gehört und fand es von Bettina Hoppe wirklich großartig eingesprochen. Sie gibt den Figuren Lebhaftigkeit und macht ihre Unterscheidung voneinander leichter. Denn, und das wäre mein einziger Kritikpunkt, im Text selbst arbeitet Fricke zwar mit direkter Rede, jedoch ohne Anführungszeichen, was die Unterscheidung von Erzählstimme und Dialog nicht immer leicht macht.

Abgesehen von meiner formellen Kritik war ich jedoch vom Inhalt hin und weg! Jakob ist von seinem 50. Geburtstag alles andere als begeistert, blickt pessimistisch in die Zukunft und möchte dem Tag am liebsten keinerlei Aufmerksamkeit schenken. Seine Freundin Ellen sieht das jedoch anders und so reisen wir an Jakobs Seite in seine Vergangenheit ohne uns aus der Gegenwart wegzubewegen.

Die geschickte Erzählweise hat mir in ihrer Verschränkung von Vergangenem und Gegenwärtigem richtig gut gefallen. Die Sprache ist schörkellos und klar, transportiert jedoch subtil ganz viel. Während Jakobs Körper regelrecht tragikomisch innerhalb eines Tages rasant verfällt, wächst er auf mentaler und sozialer Ebene fast über sich hinaus. Die Handlung ist schlau konstruiert, alles wirkt organisch und doch manchmal auch auffällig schicksalhaft. Alle Figuren sind glaubhaft, vielschichtig und in ihrer Aufrichtigkeit herzerwärmend. Außerdem geht es in der Geschichte nicht nur um Jakob, was ich besonders am Ende einen schönen Twist fand.

Fricke schenkt uns hier eine sehr kurzweilige Geschichte rund um Vergebung, Zwischenmenschliches im Allgemeinen und Liebe im Speziellen. Der Roman ist auf seine besondere Art inspirierend, ohne dabei das Leben zu romantisieren. Er kommuniziert stattdessen ganz klar: Das Altern ist von Veränderungen geprägt, die Angst machen können, aber gemeinsam besser auszuhalten sind.

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Veröffentlicht am 02.04.2025

Eine Kapitalismuskritik voller Biss, Zynismus und trockenem Humor

Geht so
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Marisa befindet sich in dem Widerspruch, in welchem sich wohl alle kapitalismuskritischen Menschen befinden: Sie durchblickt die Wirkweisen von Werbung, Patriarchat und Wettbewerbskultur, kann sich selbigen ...

Marisa befindet sich in dem Widerspruch, in welchem sich wohl alle kapitalismuskritischen Menschen befinden: Sie durchblickt die Wirkweisen von Werbung, Patriarchat und Wettbewerbskultur, kann sich selbigen aber nicht vollends entziehen. Stattdessen arbeitet sie sogar selbst seit Jahren in einer Werbeagentur und trägt so auch aktiv zu unnötigem Konsum bei. Die Protagonistin ist von ihrem Bullshit-Job abgrundtief gelangweilt und versucht, so wenig wie möglich in ihn zu investieren. Deshalb tut sie 90 % der Zeit eigentlich nur so, als würde sie gerade etwas ganz Wichtiges erledigen oder wäre völlig von den Socken ob eines neuen Produkts, welches wieder einmal absolut gar keinen Mehrwert für die Menschen haben wird.

Der Text ist bissig und stellenweise bitterböse, was ich thematisch absolut passend und einfach großartig fand! Mehrfach habe ich laut aufgelacht, obwohl die Situation eigentlich zum Schreien wäre. Wer kein Problem hat mit trockenem Humor und Zynismus, wird das bestimmt ähnlich empfinden.

Primär habe ich mit der Protagonistin mitgelitten, aber richtig sympathisch wurde sie (und damit auch die Autorin) mir aufgrund von 2 Stellen. Zum einen ist sie überaus freundlich zu den Stadttauben, die sie trifft, und erkennt deren Wert als zu Unrecht verachtete Wesen an. Zum anderen gibt es eine kurze Sequenz, in der über 6arbeit als das gesprochen wird, was sie eben ist: Arbeit. Nicht mehr und nicht weniger, hier wird weder glorifiziert noch verteufelt. Wir alle müssen Geld verdienen und wenn wir das nicht müssten, würden wir wahrscheinlich nicht lohnarbeiten - egal, in welchem Feld.

Die erste Hälfte des Buches war schon echt deprimierend, weil Marisa so feststeckt in ihrem nachvollziehbaren Frust und dabei auch ziemlich isoliert ist. Aber dann liefert uns die Autorin glücklicherweise Erleichterung in Form eines tollen Gesprächs mit einer früheren Freundin. Beide öffnen sich, sind ehrlich miteinander und können darüber connecten. Das war Balsam für’s Herz und kommuniziert deutlich: Ein Leben im Falschen kann nur im Miteinander irgendwie richtig werden.

Den E-Mail-Verlauf kurz vor Ende fand ich einfach HILARIOUS! 🤣 Zum Schluss selbst habe ich wiederum ambivalente Gefühle und kann nicht abschließend beurteilen, ob ich ihn gelungen fand. Zum einen ändert sich kurzzeitig der Erzählstil, zum anderen ist er einfach ziemlich realitätsfern. Gleichzeitig greift er einen wiederholten Gedanken Marisas auf und ich wüsste auch nicht wirklich, wie die Geschichte besser hätte enden können. Ich spreche deshalb eine klare Leseempfehlung mit Diskussionspotenzial aus.

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Veröffentlicht am 02.04.2025

Eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe

Heartsick
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Dieses Buch hat mein Leben verändert. Und das meine ich völlig ohne Übertreibung und Pathos. Es ist einfach ein unglaublich schlaues Werk, ein Zuhause für viele unliebsame Gefühle, ein Jahreshighlight, ...

Dieses Buch hat mein Leben verändert. Und das meine ich völlig ohne Übertreibung und Pathos. Es ist einfach ein unglaublich schlaues Werk, ein Zuhause für viele unliebsame Gefühle, ein Jahreshighlight, ein süchtigmachendes Buch.

Jessie Stephens erzählt anonymisiert die Geschichten von drei echten Menschen, ganz konkret deren Liebe, dem Verlust dieser Liebe und allem, was danach passiert. Ich mag Bücher, die in der Lage sind, Gefühle stehen zu lassen, ihnen Raum zu geben und nicht den Anspruch haben, irgendetwas heile zu machen.

Und genau das passiert in „Heartsick“ auch nicht. Es ist von vornherein völlig klar, wie die Geschichten der drei Menschen enden werden. Damit tut es beim Lesen auch schon von Anfang an weh, obwohl Vieles gut erscheint. Alle porträtierten Personen sind absolut spannend. Ana ist seit 25 Jahren in einer Ehe mit Kindern, liebt aber auch einen anderen Mann und gerät angesichts der zu fällenden Entscheidung in einen Strudel aus Aufregung, Lügen und vor allem Schmerz. Patrick hat seine erste Beziehung mit Caitlin und wir dürfen ihn bei all dem Schönen und Erschütternden begleiten. Claire trifft auf Meggie und was schön beginnt, bekommt irgendwann schlimme Risse.

Das Sachbuch, welches wie ein Roman geschrieben und damit schlicht rasant zu lesen ist, gibt einem Gefühl, das oft existenziell bedrohlich erscheint, einfach wertfrei Raum. Die Charaktere treffen manchmal fragwürdige Entscheidungen, doch das lässt schlicht Raum für die Komplexität menschlichen Lebens und Liebens. Der Schmerz, den ich beim Lesen empfunden habe, sorgt gleichzeitig für das heilsame Gefühl eines Miteinanders. Trauer aufgrund einer Trennung fühlt sich für die Betroffenen fundamental an - warum gibt es für sie gesellschaftlich aber so gar keinen Akzeptanzraum oder wenn, dann nur zeitlich begrenzt? Wieso haben wir keine Trauerrituale, die auch im Falle einer Trennung greifen?

Stephens versucht nicht, diese Fragen zu beantworten, sondern vielmehr Worte zu finden für etwas, das so oft in Einsamkeit verarbeitet oder gar verdrängt wird. Sie schreibt so nah, so respektvoll über diese Menschen, versucht sie nicht in eine Form zu pressen und verwehrt sich jeglichen Urteils. Durch diese Echtheit kann wahrscheinlich jede:r Leser:in etwas aus diesem Werk ziehen und das macht es auch so wertvoll. Ich habe mich besonders in einer Figur so sehr wiedergefunden, dass es mir physische Schmerzen bereitet hat. Gleichzeitig hat es mir aber auch geholfen, einen Teil meines eigenen Lebens noch einmal neu zu betrachten.

„Jede romantische Zurückweisung steht für ein ungelebtes Leben. Für einen Weg, der an einer Klippe endet. […] Ich habe den Eindruck, dass wir diesen Teil unserer Realität nicht ernst genug nehmen.“

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Veröffentlicht am 02.04.2025

Eine ruhige Geschichte über das Glück im Einfachen

Leonard und Paul
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Wer eine handlungsgetriebene, spannungsgeladene Geschichte erwartet, wird hier nicht glücklich. Wer aber auf der Suche ist nach einem Buch, das seine überaus liebenswerten Figuren mit viel Ruhe beobachtet, ...

Wer eine handlungsgetriebene, spannungsgeladene Geschichte erwartet, wird hier nicht glücklich. Wer aber auf der Suche ist nach einem Buch, das seine überaus liebenswerten Figuren mit viel Ruhe beobachtet, ist mit „Leonard und Paul“ an der richtigen Stelle!

Phasenweise habe ich zudem das Hörbuch gehört, welches ich sehr gut umgesetzt fand und empfehlen möchte. Der Sprecher ist der Besonderheit der Protagonist*innen absolut gerecht geworden.

Der Text selbst ist von einer angenehmen Ruhe geprägt. Es gibt keine überbordenden Krisen im Alltag der Figuren, lediglich das Leben selbst wirft das ein oder andere Hindernis auf, welchem aber stets mit viel Rationalität und Pragmatismus begegnet wird. Dabei empfinde ich die Geschichte aber nicht als grundlegend langweilig, wenn nur mit der entsprechenden Erwartung an sie herangegangen wird.

Leonard wohnt nach dem Tod seiner Mutter allein im Haus und verbringt neben seinem Beruf als Ghostwriter von Kinderlexika viel Zeit mit seinem besten Freund Paul. Beide sind von ähnlichem Naturell: sanft, introvertiert, geduldig, überlegt und auf Korrektheit im Umgang mit anderen bedacht. In ihren Dialogen, die das gemeinsame Spielen begleiten, tauschen sie sich in einer solchen Detailverliebtheit über vermeintlich Unwichtiges aus, dass ich als Leserin die Situation auf gutmütige Art unterhaltsam fand. Beide sind Menschen, die wohl oft als „eigenartig“ einklassiert werden und mir gefällt sehr, dass der Autor diesen fragwürdigen Impuls bei den Lesenden aufzubrechen vermag.

Auch die Nebenfiguren wie Pauls Schwester Grace, deren Verlobter Andrew sowie Pauls Eltern Peter und Helen sind einfach durch und durch liebenswerte Charaktere. Dabei schafft der Autor es, sie nicht unauthentisch oder romantisiert zu zeichnen, sondern auf herzerwärmende Art glaubhaft. Sie sorgen sich umeinander, sind sicherlich nicht perfekt, aber einander stets zugewandt und einfach freundlich.

Gleichzeitig wird die klare, beobachtende Sprache von einem feinen Humor begleitet, die sich aus der Kuriosität so mancher Situation, der seitens der Figuren mit absoluter Ernsthaftigkeit begegnet wird, speist. Etwa, wenn Paul voller Tatendrang versucht, für einen Wettbewerb die perfekte E-Mail-Grußformel zu entwerfen - nicht des Gewinnes wegen, sondern aus reiner Hilfsbereitschaft. Und ich sage mal so: Das Ergebnis hat mich ebenso amüsiert wie begeistert! 😅

Ein wirklich tolles Buch, das aufgrund seiner Ruhe eine Alltagsflucht sein kann, dadurch aber auch ein paar Längen hat. Wen das zu sehr stört, kann auf das Hörbuch zurückgreifen und wird da sicher glücklicher werden. Ich fand beide Formen gut, halte die richtige Erwartungshaltung bei diesem Buch aber für ein Schlüsselelement. Die Einfachheit der Figuren und deren Glücks ist auf unpathetische Art inspirierend und hat mir schlicht gut getan.

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Veröffentlicht am 29.03.2025

Sprunghafte, um sich selbst kreisende Protagonistin - leider kein Buch für mich

Nowhere Heart Land
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Ich schätze den Ansatz und das Verlagsprogramm des Pola-Verlags wirklich sehr, aber die erste Direktveröffentlichung war für mich leider eine herbe Enttäuschung. Das liegt zum einen am Schreibstil, für ...

Ich schätze den Ansatz und das Verlagsprogramm des Pola-Verlags wirklich sehr, aber die erste Direktveröffentlichung war für mich leider eine herbe Enttäuschung. Das liegt zum einen am Schreibstil, für den mensch wohl einfach gemacht sein muss, und zum anderen an der Hauptfigur, die im Zentrum der Handlung steht. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, andere Figuren erscheinen nur am Rand. In solchen Fällen brauche ich entweder eine handlungsgetriebene Erzählung oder eine emotional vielschichtige, nahbare Protagonistin. Beides ist in meinen Augen nicht geglückt.

Rosa ist einfach (und damit steht und fällt meine Bewertung) eine mir unglaublich unsympathische Protagonistin. Sie dreht sich eigentlich die ganze Zeit nur um sich selbst, ihre Vergangenheit und irgendwelche Fantasien zu bereits vergangenen Freundinnenschaften, ohne sich aber auch nur in irgendeiner Form um diese zu bemühen. Sie ist absolut grenzüberschreitend und stalkt so zum Beispiel ihre ehemalige Freundin Leni, verfolgt diese und deren Kinder sogar bei einem privaten Ausflug. Gleichzeitig interessiert sie sich dann aber auch überhaupt nicht für Leni, sondern will nur die eigene Wahrnehmung schildern. Wie kann eine Figur denn so egozentrisch sein und sich dann fragen, warum sich Menschen von ihr abgewendet haben? Auch ihre kurzen Treffen mit Männern sind immer kühl, distanziert und einfach komplett uninteressiert von ihrer Seite aus. Nicht, dass sie irgendwem irgendetwas schuldig wäre, aber wer Beziehungen haben möchte, muss halt auch in sie investieren. Sie hat mich einfach die ganze Zeit nur genervt. Selbst, als sie später im Buch mit Konsequenzen für ihr Handeln bedacht wird, denkt sie noch, dass sie einfach missverstanden ist. Meine Güte! 😠

Rosa ist auch regelrecht besessen von ihrer Vergangenheit im Kloster, was ich in dieser Intensität einfach nicht nachvollziehen konnte. Klar, sie hat ihre Mutter Conny jung verloren, was eine traumatische Erfahrung sein kann. Aber die Beziehung zu Conny wird an keiner Stelle so wirklich emotional beschrieben, sodass ich sie nicht greifen kann und mir das Verständnis für Rosas kindliches Festhalten an allem Alten fehlt. Es findet kein Wachstum statt, keine Selbstreflexion (bis auf wenige Momente), stattdessen säuft sie sich regelmäßig halb in die Bewusstlosigkeit und raucht maßlos. Der Trope ist ja leider noch immer ein zweifelhafter Standard, hier hat er meiner Genervtheit die Krone aufgesetzt. Progressiv finde ich diese Darstellung wirklich nicht.

Als Tag zum Buch wurde auch Klassismus angegeben, was ich für eine fehlleitende Angabe halte. Leni und ihr erfahrener Klassismus sowie die frühere Armut kommen nur in wenigen Sätzen vor, ohne dass es irgendeine Relevanz für die Handlung hat oder Reflexionsprozesse bei mir angestoßen hätte.

Der Schreibstil hat mir leider auch gar nicht zugesagt. Die eingestreuten englischen Phrasen sollen sicherlich Rosas Entfremdung zur Muttersprache und auch zu den deutschen Wurzeln abbilden, ich fand sie aber äußerst unauthentisch gesetzt. Es wird mit einer poetischen, sprunghaften, emotional wenig tiefen Sprache gearbeitet, die mir einfach nicht gefällt. Zu oft war ich nach 3 Sätzen raus aus dem Lesefluss, weil Rosa schon wieder zum nächsten Gedanken springt, bei dem dann manchmal nicht einmal klar ist, ob er der Realität oder ihrer Fantasie entspringt. Teilweise verschwimmen auch die Erzählperspektiven, sodass es sich im späteren Verlauf des Buches irgendwie so anfühlte, wie ich mir eine Psychose vorstelle. Mein Lesefluss wurde zum Ende hin etwas besser, aber bis zum Schluss fehlte mir jeglicher emotionaler Tiefgang und ich behalte das Buch in erschöpfender Erinnerung.

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