Einfach toll!
DIE LIEBESHUNGRIGEN
Karine Tuil
ET: 15.05.26
Lehman fühlt sich ausgebrannt, demoralisiert und greift immer häufiger zur Flasche. Was war passiert? Vor einem Jahr war er noch der Präsident Frankreichs. ...
DIE LIEBESHUNGRIGEN
Karine Tuil
ET: 15.05.26
Lehman fühlt sich ausgebrannt, demoralisiert und greift immer häufiger zur Flasche. Was war passiert? Vor einem Jahr war er noch der Präsident Frankreichs. Er hatte seine langjährige Ehefrau, die ihm über Jahre den Rücken freigehalten und ihre eigene Karriere für ihn zurückgestellt hatte, für eine zwanzig Jahre jüngere Schauspielerin verlassen. Es lief alles gut! Dann kriselte auch diese neue Beziehung. Gleichzeitig warfen ihm linke Politiker*innen vor, sich mit den Rechten verbündet zu haben. Sein Ansehen schwand, das Vertrauen seiner Anhänger und Wähler ging verloren, und schließlich verlor er die nächste Präsidentschaftswahl. Er musste den Élysée-Palast räumen.
Doch damit nicht genug: Nun soll er sich auch noch einer Befragung der Finanzermittler stellen. Währenddessen erhält seine zweite Ehefrau die Spielfilmrolle ihres Lebens. Für Lehman, der ohnehin an seiner Entmachtung und dem Verlust seines früheren Lebens knabbert, ist all das ein weiterer Grund, noch tiefer ins Glas zu schauen.
Wer jetzt denkt, damit sei die Handlung von Karine Tuils neuem, äußerst klugen Roman bereits erzählt, irrt. DIE LIEBESHUNGRIGEN ist ein vielschichtiger, dicht erzählter Roman mit zahlreichen Figuren und Handlungssträngen, der dabei nie überladen wirkt. Es geht um Macht und Anerkennung, um #MeToo, toxische Beziehungen, gesellschaftliche Erwartungen und Femizid.
Besonders gefallen haben mir die unterschiedlichen Erzählperspektiven, durch die sich nach und nach ein immer größeres Bild zusammensetzt. Hinzu kommen zahlreiche kleine Wendungen, die die Geschichte durchgehend spannend halten.
Lieblingszitat:
"Im Leben eines verheirateten Paars kommt der Zeitpunkt, an dem es in einer angenehmen Behaglichkeit, einer tröstlichen Zuneigung erstarrt, das ist angenehm, friedlich, wohltuend. Man unterhält sich mit einer etwas aufgesetzten Zärtlichkeit, man streichelt sich noch ein wenig. Der eine ist für den anderen zu einer Art Haustier geworden.“ (S. 30)
Fazit:
Ein vielschichtiger und gesellschaftskritischer Roman über Macht, Abhängigkeiten und zwischenmenschliche Dynamiken. Karine Tuil zeigt eindrucksvoll, welchem Druck politische Akteure ausgesetzt sind, und verknüpft dies mit Themen wie Femizid, Beziehungen und gesellschaftlichen Machtstrukturen. Klug erzählt und absolut lesenswert.
5/5