Zwei Frauen, die Jahrhunderte trennen – der Wunsch nach Selbstbestimmung, der sie verbindet
Im Hamburger Marschland lebt ums Jahr 1580 Abelke Bleken. Sie führt allein einen Hof, trotzt Jahreszeiten und Gezeiten. Und sie versucht, sich gegen ihre Nachbarn zu behaupten, in einer Zeit, die für unabhängige Frauen lebensgefährlich ist. Fast fünfhundert Jahre später zieht Britta Stoever mit ihrem Mann und ihren Kindern in die Marschlandschaft. Ihre Arbeit als Geografin hat sie für die Familie aufgegeben, das neue Zuhause ist ihr noch fremd. Sie unternimmt lange Spaziergänge durch die karge Landschaft, beobachtet die Natur und lernt, in Bracks und Deichlinien die Spuren der Vergangenheit zu lesen. Dabei stößt Britta auf das Leben der Abelke, auf Ausgrenzungen und Ungerechtigkeiten, die beängstigend aktuell sind. Fasziniert taucht sie tiefer und tiefer ein – und merkt,
wie viel sie im Leben der anderen Frau über sich selbst erfährt.
»Marschlande« von Jarka Kubsova erzählt von zwei Frauen, die einander in ihren Kämpfen um Selbstbestimmung und Sichtbarkeit über die Jahrhunderte hinweg die Hand reichen.
'Dies ist ein weiblicher Text, geschrieben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Wie spät es ist. Wie viel sich verändert hat. Wie wenig.'
Ein Geist in der Kehle, Doireann Ni Ghriofa
Dieses voran gestellte ...
'Dies ist ein weiblicher Text, geschrieben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Wie spät es ist. Wie viel sich verändert hat. Wie wenig.'
Ein Geist in der Kehle, Doireann Ni Ghriofa
Dieses voran gestellte Zitat drückt genau das aus, was auch meine Gedanken zu dem Roman Marschlande sind:
Zwei Stränge - die historischen Ereignisse um Abelke Bleken und um Britta 500 Jahre später.
Abelke, die Kämpferin, die so mies und hinterhältig bestohlen wurde. Und der letztendlich sogar das Leben gestohlen wurde. Ich danke den Frauen in der Hamburger Gegend, die an sie erinnern. (Obwohl ich Geschichte in HH studierte, hatte ich damals nie von ihr gehört).
Es macht mich sehr traurig, dass es damals so schlimm, so ekelhaft war. Es macht mich traurig, dass es heute noch immer so schlimm und ekelhaft ist wie Frauen behandelt werden. Frauen haben so viel Kraft, aber es sind immer noch zu wenig Frauen, die sich auflehnen. Wir sind 50 % der Bevölkerung eines jeden Landes!
Danke Jarka Kubsova für eine starke Erzählung. Der Titel passt exzellent - einfach nur ein regionales Wort; auch das Umschlagsbild - ein schlichtes Bild, was so viel sagt. So lange Autorinnen wie J. Kubsova schreiben, geht die Hoffnung auf Veränderung nicht verloren... Frau - Leben - Freiheit!
Absolut mitreißend und spannend verknüpft die Autorin hier die beiden Zeitstränge aus der Jetztzeit und dem Jahr 1580. Die Geschichte der Abelke Bleken, einer Bäuerin in den Marschlanden vor Hamburg, die ...
Absolut mitreißend und spannend verknüpft die Autorin hier die beiden Zeitstränge aus der Jetztzeit und dem Jahr 1580. Die Geschichte der Abelke Bleken, einer Bäuerin in den Marschlanden vor Hamburg, die ihren Hof entgegen jeder Norm 1580 allein bewirtschaftet mit allen Konsequenzen entgegen der Traditionen, mit dem geltenden Deichrecht und der Deichpflicht für die Anwohner. Spannend sind diese historischen Hintergründe in eine Geschichte gebracht und gut recherchiert. Unter die Haut ging mir die Schilderung einer verheerenden Sturmflut und die Ignoranz der Männer auf die Warnungen einer Frau. Der zweite Strang um die Geologin Britta Stoever und ihre Familie, die in die Marschlande zieht, zeigt viele der heutigen immer noch vorhandenen Schwierigkeiten einer Frau mit Kindern, Wiedereinstieg in den Beruf und Neuorientierung auf. Geschickt, wie beide Geschichten ineinandergreifen, da Britta sich mit der Landschaft und den Menschen der Gegend auseinandersetzen muss und so beginnt, die Vergangenheit der Gegend zu recherchieren. Ein starker Roman, die die Frauen im Fokus hat, aber nicht einseitig, sondern auch zeigt, welchen Preis man für was zahlen muss. Tolles Lesehighlight!
Sehr viel geschichtlich Interessantes aus Ochsenwerder, einem ländlichen Hamburger Stadtteil dem Gebiet der Vier- und Marschlande, über das tragische, harte Leben der Bäuerin Abelke Bleken um 1580 inmitten ...
Sehr viel geschichtlich Interessantes aus Ochsenwerder, einem ländlichen Hamburger Stadtteil dem Gebiet der Vier- und Marschlande, über das tragische, harte Leben der Bäuerin Abelke Bleken um 1580 inmitten der damaligen Gebräuche und Traditionen des bäuerlichen Alltags, auch hinsichtlich der Deichpflicht. Neben dem den Text auflockernden Marschländer Platt liest man von ehemaligen Begriffen wie Urgicht, Vierländer Trachten, Brack, Grünhöker, Ewer, Faslabendloipers, twölfen, Hökerin , Fronerei, Staupenschlag, Büttel etc. aus dieser Zeit, die zum Googeln einladen. Als alleinstehende, unabhängige Frau in einer Dorfgemeinschaft kämpft sie vergeblich an gegen Ungerechtigkeit, Verleumdung, Ausgrenzung. Parallel dazu verläuft circa 500 Jahre später ein weiterer Plot mit Britta Stoever und Familie, die nach Umzug nach Ochsenwerder Schwierigkeiten mit der Neuorientierung, mit der kargen Landschaft mit Bracks und Deichlinien hat. Indem sie den Spuren o.g. Bäuerin folgt, erkennt sie Parallelen in ihrem eigenen bisherigen Leben und durch Kontaktaufnahme zu weiteren selbstbewussten Frauen schafft sie den Übergang in ein neues Lebenskonzept. Spannend sind beide Erzählstränge miteinander verwoben, bringen den norddeutschen, dörflichen Menschenschlag authentisch rüber. Aktuelle Themen wie Mobbing an Schulen nebst Umgang mit sozialen Medien und qualifizierter, beruflicher Wiedereinstieg für Frauen nach längerer Pause werden einfühlsam behandelt. Die Beschreibung der historischen Vorgänge hat mich am meisten interessiert.
Es sind zwei Geschichten, zwei Frauen, denen wir in Jarka Kubsovas Roman hier folgen.
Zum einen Britta, deren Geschichte in der Jetztzeit spielt. Sie ist mit Mann und Kindern von Hamburg aus aufs Land ...
Es sind zwei Geschichten, zwei Frauen, denen wir in Jarka Kubsovas Roman hier folgen.
Zum einen Britta, deren Geschichte in der Jetztzeit spielt. Sie ist mit Mann und Kindern von Hamburg aus aufs Land gezogen. Dabei verkörpert sie eine typische Frau unserer modernen Gesellschaft. Sie kämpft mit traditionellen Rollenerwartungen, versucht ihre Ehe zu retten, für ihre Kinder da zu sein, ihren Platz am neuen Wohnort zu finden. Zeitgleich fällt ihr auf, wie wenig ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse noch zählen, oder gar überhaupt wahrgenommen werden. Ihre persönliche Entwicklung innerhalb der Handlung, ist dabei für mich glaubhaft und realistisch dargestellt. Es fiel mir leicht mich in Britta einzufühlen und gerade in Bezug auf ihre Tochter, mochte ich ihre Reaktion sehr.
Was nicht unerheblich zu ihrer Wandlung beiträgt, ist die „Bekanntschaft“ mit Albeke, die zweite Hauptfigur des Romans.
Albeke, ist eine junge, unverheiratete Bäuerin mit eigenem Hof in den Marschlanden im 16. Jahrhundert. Nachdem sie nicht bereit ist zu heiraten, aber gleichzeitig sehr erfolgreich in der Bewirtschaftung ihrer Ländereien ist, weckt das nicht nur den Unmut der restlichen Dorfbewohner. Nach einem verheerenden Unwetter kollidieren konservative Ansichten und Aberglaube der Bauern mit der fortschrittlichen und lebenstüchtigen Art und Weise von Albeke.
Die Autorin hat einen packenden Roman über zwei starke Frauen geschrieben, der mich sofort in seinen Bann zog. Ihr Ton ist dabei eher ruhig und sachlich, ohne nüchtern oder emotionslos zu wirken. Durch die abwechselnden Handlungsstränge konnte ich zumindest immer wieder kurz aus dem Geschehen auftauchen, was mir sonst - gerade bei Albeke -schwerfiel. Ihr Part hat mich auch noch mehr gefesselt und beschäftigt als der von Britta. Aber das liegt einfach auch an der Thematik.
Besonders gelungen fand ich die Parallelen der beiden Frauenschicksale. Auch wenn zwischen den beiden Geschichten rund 400 Jahre liegen, ähneln sich die Problemlagen der beiden Frauen doch sehr im Kern. Die Frage der Macht und des Machtmissbrauchs ist schließlich immer noch ein gravierendes Thema in unserer Gesellschaft.
Auch auf das Nachwort der Autorin möchte ich explizit hinweisen, das nochmal einiges an Sach- und Zusatzinformationen bereithält.
Ein gelungener Roman, den ich gerne weiterempfehle.
"Diese Frauen waren tot, aber was ihnen widerfahren war, war noch immer in der Welt, in einem anderen Gewand, zerstoben, verändert, aber es war noch da, es widerfuhr wieder, es wiederfuhr anderen." (S. ...
"Diese Frauen waren tot, aber was ihnen widerfahren war, war noch immer in der Welt, in einem anderen Gewand, zerstoben, verändert, aber es war noch da, es widerfuhr wieder, es wiederfuhr anderen." (S. 134)
Winterkahle Baumkronen wogen im rauen Wind; feiner Dunst steigt von der flachen Marschwiese auf. Vor drei Monaten waren sie nach Ochsenwerder gezogen, Britta und ihre Familie; ein Neuanfang, fernab der Stadt. Sie hatte ihren Job als Geografin aufgegeben – für die Familie –, fand nach der Geburt ihres zweiten Kindes keinen Anschluss mehr im Institut. Für ihre Kinder Ben und Mascha kommt der Umzug einem Weltuntergang gleich, doch sie versucht sie zu besänftigen, dass es Zeit brauche, sich an eine neue Umgebung zu gewöhnen. Doch wem macht sie etwas vor. Auf ihren Streifzügen durch die herbstkargen Marschwiesen lernt Britta das dem Gebiet so eigene Relief kennen und beginnt, die Spuren der Vergangenheit aus den Bracks, Deichlinien und alten Bauernhäusern zu lesen. Dabei stößt sie auf Abelke Bleken, eine Bäuerin, die um das Jahr 1580 in den Hamburger Marschlanden lebte – und sie bleibt hängen. Bleibt hängen am Schicksal dieser Frau, das geprägt ist von Ausgrenzung und Ungerechtigkeit. Je mehr sie erfährt, desto klarer treten ihr die Parallelen zur ihrem Leben, zu dem Leben von Frauen* in der heutigen Zeit auf, und sie beginnt zu verstehen.
"Die Wiesen haben Augen, die Felder haben Ohren." (S. 53)
Mehr als 450 Jahre ist sie her, die Allerheiligenflut des Jahres 1570, die als die verheerendste Sturmflut an der Nordsee vor dem 20. Jahrhundert gilt. Abelke Bleken besaß zu eben dieser Zeit einen Hof in den Marschlanden südwestlich Hamburgs, bestellte Felder und fuhr Ernten ein, pflegte ihren Deich. Die Menschen lebten mit der Natur und den Gezeiten, sie prägten ihr Leben, zeichneten sie, und entsprechend lehnten sie alles Frevelhafte, Übernatürliche ab. Als Töversche bezeichneten sie Frauen, die die Chuzpe besaßen, sich zu wehren, ihre Stimme gegen die Männer des Bauerndorfes zu erheben – mit weit reichenden Folgen.
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Mit zarter, wohltuender Sprache zeichnet Jarka Kubsova in „Marschlande“ ausdrucksstarke Bilder des Hamburger Marschlands und seiner Bewohner:innen, gegenwärtig wie in der Vergangenheit, und lässt insbesondere die Parallelen in Brittas und Abelkes Leben hervortreten. Eindrucksvoll beschreibt Kubsova die Einflüsse der Natur auf ihre Menschen, und wie die Menschen wiederum ihre Natur beeinflussen: das Außen im Innen und das Innen im Außen (so auch der Titel der Lesung zum Buch im Rahmen einer Ausstellung in der Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin, der besser nicht hätte passen können). Mir haben besonders die Passagen über Abelke Bleken gefallen, die Szenen eines möglichen Lebens zu einer Zeit, in der eben diese Unabhängigkeit, die sie so auszeichnet, nicht gern gesehen war, ihre Standhaftigkeit ein Dorn im Auge der anderen Dorfbewohner.
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Doch auch in der Gegenwart ist das kein unbekanntes Szenario, und auch ein Grund dafür, dass Britta immer mehr über Abelke erfahren mag, diese Frau, deren Namen sie zufällig auf einem Straßenschild sah – und bei weitem nicht die Einzige ist, die unerhört war, aus der Norm fiel oder für etwas gekämpft hat: „[Es führte] sie an den Ursprung. An die Quelle so vieler Dinge, die sie in ihrem Leben als Hindernis spürte. In ihrem Leben als Frau." (S. 306) Die Atmosphäre der Gegenwart ist eine andere, eine kühlere, distanzierte, und ich wurde mit Britta nicht wirklich warm, viel eher strengte sie mich zeitweise an; das als einzige kritische Anmerkung. Denn ansonsten hat mir die Geschichte ungemein gut gefallen, habe ich doch so viel mitnehmen können (insbesondere auch aus dem Nachwort): eine gewisse Awareness ob des Ursprungs heutiger Verhaltensweisen der Gesellschaft und der unmittelbaren Nähe geschichtsträchtiger Orte, der Vergangenheit in der Gegenwart, und das Wesen der Hexenprozesse als Processi Extraordinarii. Ein so klug komponiertes, berauschendes Buch. Empfehlung!