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Veröffentlicht am 08.08.2021

Grandios

Viktor
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"Hat dich das als Mensch verändert? Ändert sich die Identität irgendwie, wenn man einen anderen Namen annimmt?" (S. 136)

Wien, 1914. Als Studienabbrecher und Frauenheld in Verruf geraten, hat Viktor mit ...

"Hat dich das als Mensch verändert? Ändert sich die Identität irgendwie, wenn man einen anderen Namen annimmt?" (S. 136)

Wien, 1914. Als Studienabbrecher und Frauenheld in Verruf geraten, hat Viktor mit seiner Begeisterungsfähigkeit und seinem sprunghaften Verhalten keinen guten Stand in seiner Familie. Besonders seinem Vater Anton macht der jüngste Spross zu schaffen, berief sogar ein psychologisches Konsil ein, um ihn zur Vernunft zu bringen. Doch gerade seine Gewitztheit und sein Mut sollen im Zuge der Machtergreifung der Nazis und dem Beginn der Judenverfolgung die entscheidende Rettung seiner Familie sein.

Nimwegen, 1994. Geertje wächst in einer Familie auf, die ihre Vergangenheit verdrängt, sie in Kisten auf dem Speicher versteckt. Sie weiß, dass sie Jüdin ist, doch erhält auf Nachfrage bei ihren Großeltern keine Antworten, denn sie schämen sich nach dem Holocaust noch immer für das Judentum. Kurzerhand beschließt sie, der Geschichte ihrer Familie auf die Spur zu gehen und ihren ganz eigenen Weg zu gehen, sich frei zu machen von alten Ängsten, dem Trauma des Kriegs und den staubigen Fesseln der Vergangenheit.

In ihrem fantastischen Debütroman „Viktor“ erzählt Judith Fanto (aus dem Niederländischen übertragen von Eva Schweikart), basierend auf der wahren Geschichte der Wiener Familie Fanto, dem dreizehnten Stamm; eine Geschichte nach den jüdischen Wurzeln, die von ihren Großeltern und deren Vorfahren tief vergraben wurden, und der jungen Geertje die Offenlegung durch Verleumdung und Angst nicht gerade erleichtert.

Das vorherrschende Thema, das Geertje und Viktor durch die Jahrzehnte hinweg miteinander verbindet, ist die Suche nach der Identität und der Bedeutung von Namen. Was macht unser Name mit uns, wie ändert er unser Auftreten in der Welt, gegenüber anderen Menschen? Wie wichtig ist es, etwas beim Namen nennen zu können, wie notwendig für die Identität, für die Selbstermächtigung?

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Veröffentlicht am 08.08.2021

Tränen ohne Ende

Betreff: Falls ich sterbe
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"Es geht darum, die Minuten und die Stunden eine nach der anderen zu nehmen, jede für sich. Die Zeit vergehen zu lassen und aus jedem Moment das Einfachste zu machen." (S. 462)

[TW: Tod, Trauer, Verlust]

Was ...

"Es geht darum, die Minuten und die Stunden eine nach der anderen zu nehmen, jede für sich. Die Zeit vergehen zu lassen und aus jedem Moment das Einfachste zu machen." (S. 462)

[TW: Tod, Trauer, Verlust]

Was würdest du tun, wenn die Person, mit der du dein Leben teilst, dir plötzlich eine Mail mit dem Betreff „Falls ich sterbe“ schickte; eine Auflistung aller Passwörter und nach dem Tod zu erledigenden Dinge? Carolina versteht die Welt nicht mehr, als sie ebendiese Mail von ihrem Lebensgefährten Aksel erhält – und ihn fünf Monate später plötzlich leblos auffindet. Für die junge Mutter bricht eine Welt zusammen, zumal er gerade Anfang dreißig war und nichts darauf hinwies, dass er sterben würde. Haltlos, kraftlos und überfordert bleibt sie mit ihrem wenige Monate alten Sohn Ivan zurück und nur die Unterstützung ihrer Familien und Freunde kann ihr den Boden unter den Füßen wiedergeben. Doch wie soll sie zurück in ein Leben finden, das ihr lebenswert erscheint, wo sie sich alle Schuld an Aksels Tod zuschreibt?

In ihrem autofiktionalen Romandebüt „Betreff: Falls ich sterbe“ (aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann, OT: Låt oss hoppas på det bästa) erzählt Carolina Setterwall eindringlich und unglaublich emotional in zwei gegenläufigen Erzählsträngen von ihrem Leben vor und nach Aksel: von ihrem Kennen- und Liebenlernen, ihren Eigenheiten und Unstimmigkeiten, von den Dingen, die den jeweils anderen zu einem besseren Menschen machen – und den Spannungen, die nach der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes zunahmen, die Abgespanntheit und Abwesenheit. Sie beschreibt all das mit klaren Worten, differenziert und reflektiert, und schafft so eine einnehmende, sensible Atmosphäre. Es fühlt sich unangenehm an, ständig lebt man in der Gefahr, in Tränen ausbrechen zu müssen, aber zugleich lebensnah, sodass man nicht darum herumkommt, sich selbst in dieser Situation vorzustellen. An diesen Punkt möchte man doch eigentlich nie kommen, alleine die Vorstellung treibt mir eine Gänsehaut über den Rücken, doch ich konnte auch nicht aufhören, immer weiter zu lesen, immer weiter auf dem blauen Fleck in meinem Herzen herumzudrücken, (...)

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Veröffentlicht am 08.08.2021

Sehr spannend

Der Brand
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„Manchmal ist das wohl nicht zu verhindern, dass zwei Menschen nicht mehr im Gleichschritt gehen.“ (S. 174)

Auch vor der Liebe macht die Zeit nicht halt, man lebt sich auseinander und die Gewohnheit übernimmt ...

„Manchmal ist das wohl nicht zu verhindern, dass zwei Menschen nicht mehr im Gleichschritt gehen.“ (S. 174)

Auch vor der Liebe macht die Zeit nicht halt, man lebt sich auseinander und die Gewohnheit übernimmt im Alltag die Oberhand. Sind all die gemeinsamen Erlebnisse, die geteilten Emotionen nicht Grund genug, zusammenzubleiben? Rahel und Peter haben sich nach dreißig Jahren Ehe und zwei gemeinsamen Kindern allmählich, schleichend voneinander entfernt, emotional wie körperlich, und die Gefühle tanzen aufs Messers Schneide. Eine gemeinsame Auszeit fernab des Alltags soll Klarheit darüber verschaffen, wie es weitergehen soll, ob sie sich noch einmal annähern können. Drei Wochen verbringen sie auf dem alten Bauernhof einer Freundin, kümmern sich um die Tiere, um den Hof und – noch wichtiger – um ihre Beziehung zueinander: Sie lernen sich in neuen Rollen kennen, erfahren komplett exponiert vor dem jeweils anderen all die Wut und die Hilfslosigkeit, die sich über die vergangenen Jahre anstaute, sprechen Ungesagtes frei heraus und lassen die Hüllen fallen. Ob sie sich wieder zusammenraffen können?

Wieder einmal hat Daniela Krien es geschafft, mich mit ihren klugen, empathischen Worten und einer Fülle an Emotionen zu begeistern. In ihrem neuen Roman „Der Brand“ beschreibt sie mit feinfühliger Beobachtungsgabe selbst die feinsten Nuancen der Beziehung von Rahel und Peter, die durch die Beschreibung aus Rahels Sicht eine sehr klare, getroffene und fragende Tonalität erhalten. Es ist interessant zu beobachten, wie sie miteinander agieren, wie aus dem Schatten des Unwissens Licht wird und alte Wunden aufbrechen. Krien lässt dezent auch das aktuelle Zeitgeschehen einfließen, erwähnt beiläufig Hamsterkäufe und Gesichtsmasken und die Limitierung auf eine Reise im Inland. Durch Peters Job als Dozent, der ein einschneidendes Erlebnis für Leben bedeuten soll, werden auch Genderdebatten thematisiert, kurz nur, für den Verlauf der Geschichte aber wichtig. Durch den hohen, gut situierten sozialen Status ihrer Protagonisten klingt auch immer wieder, gerade im Zusammenspiel mit der Tochter der beiden, Kritik an der deutschen Klassengesellschaft an, ohne wertend zu sein.

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Veröffentlicht am 08.08.2021

Eine düstere Reise

Raumfahrer
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„Nachkriegszeit und Wendezeit. Trümmer beseitigen, nicht nur die Brocken und Steine eingestürzter Häuser. Nicht nur die Fundamente suchen und ihnen nachweisen. Gebäude ließen sich abtragen und aufbauen, ...

„Nachkriegszeit und Wendezeit. Trümmer beseitigen, nicht nur die Brocken und Steine eingestürzter Häuser. Nicht nur die Fundamente suchen und ihnen nachweisen. Gebäude ließen sich abtragen und aufbauen, Erinnerungen nicht. Schmerzen nicht.“ (S. 270)

Losgelöst vom Erdboden, in der vergangenen Zeit stehengeblieben – so würde Jan seine Eltern beschreiben. Der junge Mann arbeitet im Krankenhaus und wohnt zurückgezogen bei seinem Vater; über die Mutter reden sie nicht, genauso wenig wie über die DDR-Vergangenheit der Eltern. Als eines Tages Herr Kern, ein Patient im örtlichen Krankenhaus, Jan eine Kiste mit alten Dokumenten überreicht, gerät das zarte Gleichgewicht der Familie aus den Fugen, denn wie sich herausstellt, haben sie eine Verbindung zueinander, die Jahre zurückliegt und Jans Eltern ebenso wie Herrn Kern fürs Leben zeichnen sollte. Vertieft in die Geschichte seiner Eltern und der Gebrüder Baselitz kommt er einer dunklen Vergangenheit auf die Spur, die ihre Fühler bis in die Gegenwart ausstreckt.

In seinem neuen Roman „Raumfahrer“ zeichnet Lukas Rietzschel umsichtig, aber unglaublich ausdrucksstark ein eindrucksvolles Bild der Auswirkungen der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen des geteilten Deutschlands, einer Zeit, als die Mauer Familien trennte, Generationen von Menschen auseinanderbrachte und ihnen Narben zufügte, psychisch wie physisch, die auch noch Jahre später fühlbar sind. Seine reduzierte Sprache verleiht der Geschichte eine sehr präzise, fesselnde Sogwirkung, der Wechsel der Zeitebenen, die ständige Reise zwischen Gegenwart und naher wie ferner Vergangenheit lässt innehalten, erfordert Momente des Sackenlassens, des Nachwirkens.

Der Protagonist Jan erlebte eine traurige, graue Kindheit inmitten des Industriegebiets, umgeben von metallenen Gebäuden, Abgasen und abgelegener Stille. Seine Eltern schwebten stets in anderen Sphären, waren in der eigenen Vergangenheit verankert, haben komplett den Sinn zur Gegenwart verloren: Sie sind „Raumfahrer, schwebten in einer Zwischenwelt, ihrem Ausgangspunkt entrissen. Während die schwebten, hatte sich die Welt schon ein Dutzend Mal weitergedreht. Sie sahen dabei zu, streckten die Hände aus. Versuchten, vor- oder zurückzukommen. Hoch, runter. Aber wo sie sich befanden, gab es keine dieser Richtungen im Raum. Und Jan stand auf der Erde und richtete sein Fernglas aus sie.“ (S. 196) Entsprechend geistert Jan nun durch sein Leben, weiß nichts mit sich anzufangen und ist allgemein ein eher abwesender, unsicherer Mensch. Er agiert sehr passiv, es ist ihm egal, was ‚der alte Mann‘ von ihm möchte, am liebsten hat er seine Ruhe – die habe ich manchmal auch sehr gerne, aber mit Jan wurde ich nicht warm.

Es hat mich beeindruckt, wie fein und empathisch Rietzschel jedem seiner Protagonist:innen ihr:sein persönliches Trauma, eine eigene Atmosphäre verleiht, Ängsten und Träumen zwischen den Zeilen Raum gibt, eingesogen zu werden. Er bringt ein Tabuthema zutage, die graue Zeit der Überwachung und Erniedrigung, Zeiten von Angst und Flucht: "Können wir uns die nächsten vier Wochen nur bei laufender Waschmaschine unterhalten?" (S. 192) Noch dazu flicht er zeitgenössische Kunst ein, ein von ihm fiktional erschaffenes Schicksal wahrer Menschen, die phasenweise ein wenig der Rasanz raubten, aber nichtsdestoweniger interessant zu verfolgen waren.

Insgesamt hat mich „Raumfahrer“ arg für sich gefangen genommen, und das Charisma des Schreibstils Rietzschels wie die geschichtliche Relevanz und Bedeutsamkeit der Geschichte wirken noch immer nach.

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Veröffentlicht am 08.08.2021

Ein Meisterwerk

Auszeit
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„Ich glaube, alles ist eine Frage der Geschwindigkeit. Man muss eine Grundbetriebsgeschwindigkeit haben, die einen über die tausend kleinen Abgründe hinwegträgt, die in jeder Handlung, ja, eigentlich in ...

„Ich glaube, alles ist eine Frage der Geschwindigkeit. Man muss eine Grundbetriebsgeschwindigkeit haben, die einen über die tausend kleinen Abgründe hinwegträgt, die in jeder Handlung, ja, eigentlich in jedem Gedanken versteckt sind.“ (S. 85)

Henriette muss raus. Abschalten und nachdenken, Abstand gewinnen zu ihrer Studienarbeit, zu dem, was war, zu der Rolle, die sie hätte ausfüllen können. Sie hätte Mutter sein können, aber sie trieb das Kind ab, und fragt sich nun, wie es überhaupt so weit kommen konnte, was sie eigentlich vom Leben will, was ihre Ziele sind, denn immer öfter fühlt sie sich haltlos, schwebt ohne Anker absichtslos durch die Welt. In einer Ferienhütte nahe Landshut, weit ab vom grauen Alltag, möchte ihre Freundin Paula ihr dabei helfen, sich zu erden – bis ihr Freund Tom ins Bild tritt und Staub aufwirbelt.

In ihrem Debütroman „Auszeit“ skizziert Hannah Lühmann eine Gefühlswelt, die wohl jeder:m bekannt ist: Ausgebranntheit, Unwohlsein, Ziellosigkeit – man sucht einfach den Sinn des Ganzen, warum man das macht, was man gerade macht. Äußerst präzise, aber doch auf eine Weise distanziert, seziert Lühmann über den Verlauf des Romans die Gefühlsschwankungen der Protagonistin Henriette, die kurz nach ihrer Abtreibung in einer Art Loch ist, sich einsam fühlt, deprimiert, und noch dazu im Hinblick auf ihre Dissertation zum Thema Werwölfe in der Literatur am Nullpunkt angekommen ist. War die Promotion eh nur ein notdürftiger Ausweg aus ihrer Ziellosigkeit im Leben, treibt sie sie nun noch viel mehr in die Verzweiflung: „Ich konnte meinen Fehler nicht zugeben, ich konnte die Jahre nicht rückgängig machen, also konnte ich nicht aufhören.“ (S. 12)

Düster, bedrückt ist die Grundatmosphäre des Romans, wenn die länger werdenden Schatten der Bäume beschrieben werden, Henriette sich in die Theorie der Werwölfe vertieft, wenn sie ihren Gefühlen Raum verleiht, ihre Ängste und ihre Trauer zu Worten werden. Ihre Situation scheint ausweglos und vertrackt, und doch britzelte stets auch ein wenig Hoffnung mit bei, die bis zum Ende währte.

Der Roman hat mich noch lange nach der Lektüre beschäftigt. Zunächst war ich ratlos, wusste nichts mit dem Gelesenen anzufangen, fand alles auf eine Art überzogen, zu reduziert, einfach nicht stimmig, doch nun, ein paar Tage später, muss ich immer wieder an Henriette denken, wie sie stellvertretend für die Ziellosigkeit der heutigen Generation steht, denen alle Möglichkeiten offenstehen, sich aber nicht entscheiden können oder – und das ist noch eine ganz andere, aber unglaublich relevante Ebene – denen es finanziell gar nicht möglich ist, ihre Ziele zu verwirklichen. Auch das Thema Kinder: Immer später entscheiden sich Frauen dazu, Mutter zu werden, benötigen heutzutage nicht einmal mehr einen Partner, um eine Familie zu gründen; kurz: der klassische Lebensentwurf stirbt aus. Mich hat bewegt, wie sehr sich Henriettes Psyche durch die Schwangerschaft verändert hat, durch den Ausblick auf eine Aufgabe in ihrem Leben, die Aussicht, gebraucht zu werden, nicht mehr alleine zu sein: „Ich wusste, dass es zwei Lösungen für mich gab, die eine hieß "Zeit" und die andere hieß "jemand". Menschen wie ich, vielleicht Menschen überhaupt, brauchten entweder sehr viel Zeit, eine Länge, sie bräuchten etwas Lineares, einen Raum, in den sie sich hineinentwickeln konnten - oder aber sie brauchten einen anderen Menschen, der sie begrenzte, der ihnen etwas vorgab, der ihnen half, ihre Motive zu entwickeln.“ (S. 101f)

Ein wirklich denkwürdiges Debüt, dass Zeit zur Entfaltung braucht, dann aber mit eiskalter Faust in Beschlag nimmt.

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