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Veröffentlicht am 12.09.2020

Eingehende Diskussion

GOTT
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Wem gehört unser Leben? Wer entscheidet über unseren Tod?

In Gott - Ein Theaterstück diskutiert Ferdinand von Schirach die Frage, wie es um die bewusste und selbstbestimmte Entscheidung eines Menschen ...

Wem gehört unser Leben? Wer entscheidet über unseren Tod?

In Gott - Ein Theaterstück diskutiert Ferdinand von Schirach die Frage, wie es um die bewusste und selbstbestimmte Entscheidung eines Menschen zu sterben bestellt ist.
Richard Gärtner ist ein gesunder Mann, 78 Jahre alt, und möchte nach dem Tod seiner Frau nicht mehr weiterleben. Um seinem Leben ein Ende zu setzen verlangt er nach einem bestimmten Medikament, das ihm von seiner Ärztin jedoch verwehrt wurde. Nun tagt die Ethikkommission samt Medizinern, Juristen, einem Bischof und Mitgliedern der Gesellschaft, um über die Unterstützung eines Arztes bei seinem Suizid zu diskutieren.

Doch zu einem Urteil muss der Leser letztlich selbst kommen, und die ihm zur Hand gegebenen Argumente gegeneinander abwiegen und mit den eigenen moralischen und ethischen Vorstellungen zusammenbringen.

In seinem unverwechselbaren Stil stellt von Schirach die Debatte zum Beschluss des Bundesverfassungsgerichts dar, dass im Februar 2020 beschloss, das "Recht auf selbstbestimmtes Sterben" zu garantieren, wörtlich: "Der Bürger hat dir Freiheit, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen".

Obgleich der Schlagabtausch sich phasenweise in die Länge zog und die Argumentation brüchig war, habe ich viele Schlüsse aus der Diskussion ziehen können und neue Einblicke erhalten. Ich finde es sehr schwer, eine endgültige Meinung zu der Fragestellung zu finden, da viele unterschiedliche Aspekte und Perspektiven zu berücksichtigen sind; letztlich wird man es immer jemandem nicht Recht machen, aber so ist das Leben.

Vielen Dank an den Luchterhand-Verlag für das #Rezensionsexemplar!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.09.2020

Grandioses Debüt!

Das Rauschen der Nacht
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Die Zeit ist gnadenlos. Sie geht über alles hinweg, alles wird unter ihr gleich.
Das Rauschen der Nacht ist der Debütroman von André Hille. Anhand von Jonas und Birte, einem jungen Paar mit zwei Kindern ...

Die Zeit ist gnadenlos. Sie geht über alles hinweg, alles wird unter ihr gleich.
Das Rauschen der Nacht ist der Debütroman von André Hille. Anhand von Jonas und Birte, einem jungen Paar mit zwei Kindern und Eigenheim in Norddeutschland, hat er ein realistisches Porträt der heutigen Mittdreißiger-Generation herausgearbeitet. Beide sind in der Stadt großgeworden und suchen nun auf dem Land Abstand vom Großstadttrubel. Während Birte nach der Geburt der Kinder als freie Journalistin arbeitet, ist Jonas Teilhaber eines Start-Ups. Eigentlich müssten sie glücklich sein, haben sie sich doch ein stabiles Umfeld geschaffen, doch es treten immer mehr Schäden am neugebauten Haus auf und in Jonas‘ Start-Up-Unternehmen kriselt es. Zudem erscheint es Jonas, als lebten er und Birte sich immer weiter auseinander, und zum Gefühl der Versagensangst kommen Verlustängste und Panik vor all den Erwartungen, die an ihn als Vater, Unternehmer und Sohn gestellt werden.
Mit einer empathischen Feinfühligkeit hat André Hille vielschichtige emotionale Charaktere geschaffen, mit denen man sich gut identifizieren kann. Sein Schreibstil zeugt von grandiosem sprachlichen und situativen Bewusstsein und erschafft eine lebendige und fesselnde Geschichte. Der Protagonist Jonas ist das Abbild eines modernen Familienvaters, dessen Zufriedenheit von Sorgen überschattet wird und in einer Abwärtsspirale aus Angst, Verzweiflung und Verlust endet. Die emotionale Tiefe, mit der Hille seinen Lebensalltag beschreibt, hat mich bewegt und begeistert ob der Imminenz seiner jeweiligen Aufgaben und Schicksale.
Der Roman hat mich zutiefst bewegt und nachhaltig beeindruckt und ich konnte einige wichtige Aspekte für mich daraus ziehen. Ein grandioses Debüt und definitiv ein Jahreshighlight!

Vielen Dank an Random House für das Rezensionsexemplar.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.08.2020

Eingehend und tiefgreifend

Meine dunkle Vanessa
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Dinge spielen sich direkt vor ihrer Nase ab. Es ist, als wären sie alle zu gewöhnlich, um etwas mitzubekommen.

Meine dunkle Vanessa ist der Debütroman von Kate Elizabeth Russell und handelt von der sexuellen ...

Dinge spielen sich direkt vor ihrer Nase ab. Es ist, als wären sie alle zu gewöhnlich, um etwas mitzubekommen.

Meine dunkle Vanessa ist der Debütroman von Kate Elizabeth Russell und handelt von der sexuellen Beziehung eines erwachsenen Lehrers mit einer minderjährigen Schülerin und den Folgen für das Leben der Misshandelten.
Vanessa ist gerade fünfzehn Jahre alt, als sie zum ersten Mal mit ihrem Englischlehrer Mr Strane schläft. Für sie ist er der einzige Mensch, der sie versteht und gut zu ihr ist, der sie wirklich liebt – und so passiert alles mit ihrem Einverständnis. Als Strane zwanzig Jahre später von anderen ehemaligen Schülerinnen wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt und auch Vanessa um Unterstützung gebeten wird, steht sie vor einer bedeutenden Entscheidung: Stillschweigen bewahren oder ihrer Beziehung zu Strane auf den Grund gehen und ihre wahre Rolle identifizieren.

Die Geschichte ist der Perspektive von Vanessa als Minderjährige und als erwachsene Frau im Jahr 2017 geschrieben. Emotionslos und platt schildert sie die Anfänge der Beziehung zu ihrem Lehrer, erste Annäherungen, erste Berührungen, und wie sehr sie auf seine Aufmerksamkeit angewiesen ist. Gegenüber anderen Menschen schützt sie ihn, wehrt Vorwürfe der Misshandlung ab und nimmt die Konsequenzen auf ihre Schultern, kann die Bedenken und die Sorge nicht verstehen. Als sie schließlich das Internat verlässt, hält sie weiterhin Kontakt zu ihm und trifft Strane heimlich in seinem Haus. Auch Jahre später, unterbewusst gezeichnet vom Trauma der Vergangenheit, hält sie weiterhin zu ihm, und hinterfragt erst mit der öffentlichen Missbrauchsanschuldigung ihre Beziehung zu ihm, und ob sie nicht doch auch ein Opfer war.
Vanessas Handlungen und Gedanken sind für den Leser nicht nachvollziehbar und scheinen absurd, und doch handelt sie realistisch naiv. Auch die Beziehung zu ihren Eltern spielt sicher eine große Rolle in der Art und Weise des Copings, und dass sie all diese Übergriffe einvernehmlich zugelassen hat und daran schnell Freude fand.
Der Roman ist ein wichtiger Bestandteil der Gegenwartsliteratur im Zuge der #metoo-Debatte und stellt die Auswirkungen sexuellen Missbrauchs, die Frage nach Zustimmung und Mitschuld treffend dar. Der Handlungsverlauf konnte mich nicht komplett überzeugen, und doch hat mir der Roman insgesamt gut gefallen.

Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 25.08.2020

Eindrucksvolle Realität

I'm a Nurse
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Medizin ist nie wie ein ruhiges Meer. Medizin ist eher wie Ebbe und Flut, und manchmal ist sie wie eine Springflut.

In I'm a Nurse berichtet die Krankenschwester Franziska Böhler eindrucksvoll von dem ...

Medizin ist nie wie ein ruhiges Meer. Medizin ist eher wie Ebbe und Flut, und manchmal ist sie wie eine Springflut.

In I'm a Nurse berichtet die Krankenschwester Franziska Böhler eindrucksvoll von dem Stationsalltag in deutschen Krankenhäusern, all den Missständen und Entwicklungen der letzten Jahre und ihren Erfahrungen und Erlebnissen von der Ausbildung bis zu Examinierung. Mithilfe zahlreicher Erfahrungsberichte von Kollegen, Patienten und Angehörigen sowie Hebammen und Ärzten macht sie auf den Personalmangel und das durch die Privatisierung und den damit erzeugten Kostendruck der Häuser entstandene Leid aufmerksam, und untermauert die Erzählungen durch aktuelle Zahlen und Studien.
Doch auch bei so vielen negativen Aspekten vergisst sie die guten Momente nicht: die Momente, die einen bekräftigen, den richtigen Beruf ausgewählt zu haben, dass man stolz auf sich sein kann, und wie erfüllend die Arbeit am Patienten ist.

Durch meine Arbeit als Physiotherapeutin im Krankenhaus bin ich mit vielen Zahlen und Eindrücken bereits vertraut, habe oftmals den Berichten der Kollegen nickend und erschüttert zustimmen müssen, und war doch erschrocken, wie eklatant die Entwicklungen in manchen Bereichen sind. Franziska Böhler hat in diesem Buch realistisch und eindrücklich die guten und schlechten Seiten des Alltags und der Entwicklungen des Berufs dargestellt und durch treffende Erlebnisse akzentuiert. Man merkt ihre Begeisterung für ihren Job und die Empathie, mit der sie ihren Beruf lebt, förmlich an, denn so steckt in jeder Geschichte eine Menge Herzblut und jedes Wort ist mit Bedacht gewählt.

Das Buch hat mich nachwirkend beeindruckt und zum Denken gebracht, und mir auch für meine eigene Arbeit auf Station - am Menschen! - noch einmal enormen Antrieb gegeben, jeden Tag mein Bestes zu geben und für die teils schwer hilfsbedürftigen Menschen da zu sein und ihnen auf dem Weg zurück ins Leben helfend zur Seite zu stehen.

Vielen Dank an den Verlag für das #Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 06.08.2020

Leider enttäuschend

Asymmetrie
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Asymmetrie ist der Debütroman von Lisa Halliday und wurde mit dem Whiting Award ausgezeichnet. Das Buch beginnt mit der Geschichte von Alice, einer 25jährigen Lektorin, die sich in den 70jährigen Schriftsteller ...

Asymmetrie ist der Debütroman von Lisa Halliday und wurde mit dem Whiting Award ausgezeichnet. Das Buch beginnt mit der Geschichte von Alice, einer 25jährigen Lektorin, die sich in den 70jährigen Schriftsteller Ezra Blazer verliebt. Sie führen eine absurde, erotische Beziehung, von der niemand wissen darf, was sie sehr belastet. Gemeinsam verbringen sie ihre Zeit mit Essen, Baseball gucken oder in seinem Landhaus, doch Ezras Alter bringt auch einige Alterungserscheinungen mit sich und oftmals muss er zu Ärzten oder ins Krankenhaus; auch Sex ist wegen seiner Rückenbeschwerden nur selten möglich.
Im zweiten Abschnitt geht es um den amerikanisch-irakischen Doktoranden Amar, der am Flughafen in London in Gewahrsam genommen wird und sich zahlreichen Befragungen unterziehen muss, während das Buch im letzten Teil mit einem Interview von Ezra Blazer abgeschlossen wird.

Die Autorin hat es geschafft, mit ihrem Debüt bewusst zu provozieren, indem sie die Themen der Age Gap Rassismus ins Zentrum der jeweiligen Handlungen stellt. Der Schreibstil ist abwechslungsreich, denn so wechselt sie oftmals zwischen schnellen Dialogen ohne große Erklärung und langatmigen Erzählungen und Auflistungen. Zu Beginn hat mir dieser Wechsel gut gefallen, denn er hat Spannung und Tempo optimal transportiert, doch je länger die eintönigen Beschreibungen wurden und sich thematisch immer häufiger einzig um Baseball drehten, desto mehr distanzierte ich mich von meiner anfänglichen Begeisterung. Das mündete darin, dass ich das Buch nach ca. 150 Seiten abgebrochen habe, war ich doch nur noch genervt von den mir sinnlos erscheinenden Passagen.
Die Idee und der Aufbau sind wirklich interessant, und die Umsetzung eigenwillig und erfrischend, aber mich konnte sie damit einfach nicht abholen.

Herzlichen Dank an den btb-Verlag für das Rezensionsexemplar!

  • Cover
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