Ein Buch, das verführt – und sich dabei nichts vormacht
Manchmal stolpert man über ein Buch, das man eigentlich gar nicht lesen wollte – und bleibt hängen, weil es einen so entwaffnend ehrlich anschaut. Die Chroniken eines Liebestollen ist so ein Buch. Und ...
Manchmal stolpert man über ein Buch, das man eigentlich gar nicht lesen wollte – und bleibt hängen, weil es einen so entwaffnend ehrlich anschaut. Die Chroniken eines Liebestollen ist so ein Buch. Und Milo, dieser ungestüme, zutiefst emotionale Ich-Erzähler, ist einer, bei dem man unweigerlich die Stirn runzelt – aus Verwunderung, Zuneigung, manchmal auch stiller Empörung.
Was mich überrascht hat: Wie sehr mich dieser Roman gepackt hat, obwohl ich anfangs dachte, ich sei längst aus der Zielgruppe entwachsen. Was dann geschah, war das genaue Gegenteil. Denn hier schreibt kein Jugendbuchautor mit pädagogischer Absicht, sondern jemand, der Erinnerungen nicht glättet, sondern sie im Rohzustand belässt – samt aller Peinlichkeiten, Widersprüche und innerer Zerrissenheit.
Milo ist kein Held. Und genau deshalb funktioniert er so gut. Er liebt zu früh, zu viel, zu ungebändigt. Dass er im Laufe dieses ersten Bandes eine fast absurde Fülle an Mädchenbekanntschaften macht, lässt sich weder leugnen noch beschönigen – und ja, aus heutiger Sicht ist das auch moralisch nicht immer leicht zu verdauen. Aber was mich versöhnt hat: Milo meint es nie böswillig. Da ist keine Berechnung, keine Kälte, kein Spiel mit Gefühlen. Nur ein Mensch, der schlicht zu viel fühlt, zu wenig filtert und dessen Blick auf die Liebe von echtem Staunen und aufrichtiger Suche geprägt ist.
Was diesen Roman so besonders macht, ist der Ton. Eine Sprache, die schillert, ohne je gekünstelt zu wirken. Poesie, die sich nicht aufdrängt, sondern aus Erinnerungen entsteht. Der Schreibstil wirkt mitunter verspielt, dann wieder melancholisch, fast pathetisch – und immer wieder voller Witz und Selbstironie. Das macht die Lektüre nicht nur berührend, sondern streckenweise auch herrlich komisch.
Am Ende fühlt sich dieses Buch nicht an wie ein Roman, den man gelesen hat – sondern wie ein Lebensgefühl, das man kurz wieder gespürt hat. Wie ein Sommerabend, der nach Freiheit roch, nach Aufbruch, nach etwas, das größer war als man selbst. Und vielleicht ist genau das das größte Geschenk dieses Buches: Dass man sich für ein paar Stunden erinnert, wie es war, als alles noch möglich schien.