Rebellion, Tattoos und ein rockender „Hornochse“
Mit ihrem Roman "Spätsommerglück" hat Heike Abidi einen herzerwärmenden Wohlfühlroman im Stile von "Grumpy meets Sunshine" in Schweden erschaffen.
Hannah Berger ist Ende fünfzig, seit fünf Jahren verwitwet ...
Mit ihrem Roman "Spätsommerglück" hat Heike Abidi einen herzerwärmenden Wohlfühlroman im Stile von "Grumpy meets Sunshine" in Schweden erschaffen.
Hannah Berger ist Ende fünfzig, seit fünf Jahren verwitwet und steht an einem Wendepunkt in ihrem Leben. Bereits auf den ersten Seiten wird eine tiefe emotionale Resonanz erzeugt, denn als sie beschließt, ihren Job als Übersetzerin von düsteren skandinavischen Krimis an den Nagel zu hängen, da sie immer mehr frustriert ist, erreicht sie eine erfreuliche Nachricht. Sie wird Oma und sieht es sofort als ihre neue Lebensaufgabe, sich um ihr Enkelkind zu kümmern. Doch sie wird bitter enttäuscht und entschließt sich zu einem radikalen Schritt: Sie bricht ihre Zelte in Frankfurt ab und reist als "Granny Au-pair" nach Schweden. Dort zieht sie bei der quirligen Familie Persson in der malerischen Küstenstadt Varberg ein und erfährt von den Gasteltern sowie deren Kindern absolute Wertschätzung. Aber es gibt eine Person, welche ihr ablehnend entgegensteht, und zwar ist das der Opa der Kinder. Aber Hannah beschließt, sich nicht unterkriegen zu lassen.
Die Story glänzt mit wunderschönen Metaphern. Das beginnt schon sehr früh, nämlich als Hannah Ihre lange Autofahrt nach Varberg antritt, wird diese zu einer regelrechten inneren Zeitreise. Sie startet morgens um vier Uhr in die stockfinstere Frankfurter Nacht. Als sie im Vogelsberg ankommt, erlebt sie wie sich der Himmel in ein magisches Gold verwandelt. Es ist ein schönes Bild davon, wie die Dunkelheit in ihrem Leben dem Licht weicht. Während ihrer Fahrt hört sie die alten Fleetwood-Mac- und Eagles-Songs, auf ihrem Weg überquert sie große Brücken, was sinnbildlich dafür steht, dass sie wieder die volle Kontrolle über ihren Weg erlangen möchte. Als sie schwedischen Boden betritt, spürt man als Leser eine unbändige Erleichterung, denn sie fährt nicht mehr vor etwas davon, sondern endlich auf etwas zu.
Das Buch wird durch die authentischen Charaktere der Generation 50+ sehr besonders. Dabei stellt Heike Abidi unter Beweis, dass sie ein wunderbares Gespür für Protagonisten in der zweiten Lebenshälfte hat. Hannah ist keine „langweilige, alte Frau“, wie sie selbst zu glauben scheint, sondern eine dynamische Persönlichkeit, die Heldin in diesem Buch, die sich sogar traut, sich ein Tattoo stechen zu lassen, auf einem Festival zu singen und im Alter noch einmal beruflich ganz von vorn anzufangen.
Statt seichter Romantik sind es die tiefgründigen Themen, mit denen dieser Roman glänzt, denn er verweilt nicht nur bei romantischen Schweden-Klischees. In den Dialogen geht es um emotionale Hürden, wie Trauer, Angst und einem inneren Konflikt. Menschen, die die 50 bereits überschritten haben, können noch genauso gut ihre Ziele und Wünsche verwirklichen, wie die jüngere Generation. Unter anderem ist es diese Erkenntnis, welche das Buch zu einem Quell der Motivation macht.
Auch der Humor kommt hier nicht zu kurz, was nicht zuletzt innerhalb der Freundschaft zwischen der taffen Verlegerin/Businessfrau Miriam und der feinfühligen Hannah bewiesen wird. Zudem fließt dadurch eine tolle Dynamik in die Geschichte ein. Besonders charmant sind die Neckereien – wie Anders' humorvolle Versuche, ein paar Brocken Deutsch zu sprechen („Ich bin ein Hornochse“), oder Miriams scherzhafter Alternativvorschlag für Hannahs Buchtitel.
Der Schreibstil ist flüssig, bildhaft und geht direkt ins Herz. Die Autorin schafft es mühelos, die skandinavische Gemütlichkeit, von idyllischen Terrassenabenden mit Apfelwein bis zu Ausflugstipps wie Fjällbacka, spür- und erlebbar zu machen. Ein besonders gutes Stilmittel sind die inneren Dialoge, welche Hannah mit ihrem verstorbenen Mann Fred führt. Der humorvolle und leichte Schluss rundet die Geschichte perfekt ab und bildet zugleich das literarische Äquivalent zu einer warmen Decke an einem kühlen Sommerabend – hochemotional, ein bisschen rebellisch und voller Herzenswärme.
Fazit: Heike Abidi ist es gelungen, einen sehr feinfühligen, psychologisch präzisen Roman über einen späten Neuanfang zu schreiben. Damit zeigt sie auf humorvolle und gleichzeitig tiefgründige Art, dass Selbstfindung und Rebellion in jedem Alter möglich sind. Das Buch bekommt eine absolute Leseempfehlung von mir, und ich denke, dass die Story noch ganz lange bei mir nachhallen wird!