Statt digitaler Revolution gibt es eine Fortschreibung kolonialer Machtverhältnisse, statt Freiheit Ausbeutung, statt Kreativität und Weltwissen Unterdrückung und Profit. Das ist die unbequeme Wahrheit, der es sich lohnt ins Auge zu sehen.
„Europa ist ein Profiteur und Treiber des digitalen Kolonialismus, daran gibt es keinen
Zweifel“, bringen es Digitalisierungsexperte Sven Hilbig und Netzpolitik-Journalist
Ingo Dachwitz in ihrem fulminanten ...
„Europa ist ein Profiteur und Treiber des digitalen Kolonialismus, daran gibt es keinen
Zweifel“, bringen es Digitalisierungsexperte Sven Hilbig und Netzpolitik-Journalist
Ingo Dachwitz in ihrem fulminanten Sachbuch Digitaler Kolonialismus auf den
Punkt. Europäische Unternehmen ziehen Nutzen aus ausbeuterischen Strukturen
der Digitalökonomie. Politische Institutionen verwenden Technologien wie Künstliche
Intelligenz zur Überwachung und Abschreckung von Flüchtenden. Und wir als
europäische Konsument:innen tragen durch die Nutzung digitaler Geräte – deren
Rohstoffe unter menschenunwürdigen Bedingungen im Globalen Süden gewonnen
werden – selbst zur globalen Ungerechtigkeit bei.
Das Buch demaskiert Fortschritts- und Allheilsversprechen der Tech-Branche. Auf
eindrücklichen 300 Seiten erklären die Autoren fundiert und multiperspektivisch
Fakten und Zusammenhänge.
Besonders hervorzuheben ist die konsequente Einbindung von Stimmen aus dem
Globalen Süden – Arbeiter:innen, Wissenschaftler:innen, Anwält:innen und
Aktivist:innen berichten aus erster Hand. Etwa jene, die für das Training von KI-
Systemen verantwortlich sind und täglich verstörende Inhalte wie Kindesmissbrauch,
Folter oder Hinrichtungen sichten müssen. Sie arbeiten zumeist schlecht bezahlt,
ohne psychologische Betreuung und ohne gewerkschaftliche Rechte. Belastende
Arbeit wird gezielt in ärmere Länder ausgelagert, während die Profite im Globalen
Norden bleiben.
Das Buch analysiert zudem die Reproduktion von Sexismen und Rassismen durch
KI-Systeme, die Verbreitung von Desinformation, Hass und Gewalt sowie die Rolle
digitaler Technologien in der Zensur und Überwachung. Es kritisiert die zunehmende
Abhängigkeit von Individuen und Staaten gegenüber wenigen Tech-Konzernen und
warnt vor deren monopolistischer Macht. Der Internetausbau durch Unterseekabel
und Satellitennetze liegt beispielsweise in privater Hand. Nicht zuletzt verdeutlicht
das lesenswerte Sachbuch koloniale Kontinuitäten in der Ausbeutung von
Ressourcen – etwa Metallen und Erzen – aus dem Globalen Süden für den
Wohlstand und (vermeintlichen) Fortschritt des Globalen Nordens.
Rezension zuerst erschienen im IZ3W 410 (www.iz3w.org/artikel/digitaler-kolonialismus-hilbig-dachwitz-ausbeutung-globaler-sueden)