Leon Tsvasman/Florian Schild: AI-Thinking - Dialog eines Vordenkers und eines Praktikers. Über die Bedeutung künstlicher Intelligenz. Eine Rezension
Am Thema „künstliche Intelligenz“ kommt niemand mehr vorbei, trotzdem fühlen sich zunehmend viele geisteswissenschaftlich gebildete Zeitgenossen von Buzz-Wörtern der überwiegend technisch orientierten ...
Am Thema „künstliche Intelligenz“ kommt niemand mehr vorbei, trotzdem fühlen sich zunehmend viele geisteswissenschaftlich gebildete Zeitgenossen von Buzz-Wörtern der überwiegend technisch orientierten Profis überrollt. Vor kurzem ist im Ergon-Verlag deshalb ein lang ersehntes Buch erschienen, das KI nicht auf technischer Verständnisebene zu erfassen sucht, sondern über Bedeutung, Aktualität und Möglichkeiten des Phänomens KI reflektiert. Die Autoren nähern sich dieser Reflektion mit aus unterschiedlichen Richtungen: Während Leon Tsvasman die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz erkenntnistheoretisch, humankybernetisch und geisteswissenschaftlich erörtert, ist Florian Schild ein KI-Informatiker und Unternehmer, der mit aktuellen Gegebenheiten und Handlungsfeldern vertraut ist. So verbinden sich beide Disziplinen zum fruchtbaren Dialog. Darüber hinaus werden aber auch weitere wissenschaftliche Felder wie Philosophie, Menschenkunde, Ökonomie, Evolutionsbiologie, Sprach- und Bildungswissenschaften sowie Zukunftsforschung mit künstlicher Intelligenz in Verbindung gebracht.
Die gewählte Gattung des interdisziplinären Dialogs hat für dieses Sachbuch grundlegende Bedeutung. Diese Form des Erkenntnisgewinns hat ihre Wurzeln in der griechischen Antike. Schon Platon lässt im Gastmahl die Menschen nach der Bedeutung des Eros suchen und Sokrates sucht im Dialog mit anderen die Wahrheit. Später vom Philosophen Martin Buber fundiert, bot die dialogische Tradition den Autoren wieder mal eine hervorragende Gelegenheit, den realen Diskrepanzen des Spannungsfeldes meisterhaft entgegenzutreten. Für Leon Tsvasman knüpft eine KI, die dem Menschen die Mühen einer heute herrschenden arbeitsteiligen Effizienz abnehmen kann, direkt an das antike – nicht nur griechische - Erbe an, wo Menschen zeitweise ohne die Ablenkung durch Konsum, Unterhaltungsindustrie und Maschinerie in der glücklichen Verfassung waren, „die Welt zu Ende zu denken“ und somit zu gestalten.
Ein weiterer philosophischer Begriff, den KI zu verändern vermag, ist der Logos. Nach der Auffassung von Leon Tsvasman dient künstliche Intelligenz dazu, den Menschen von einem Logos zu befreien, der die eigenen Sehnsüchte verdeckt. Logos wird als die Anpassung des Weltbildes und des Lebensmodells an die hindernisreiche äußere Umwelt verstanden. Die Funktion des Logos ist nicht, wie heute so oft gedacht, die Erfüllung der Sehnsüchte, sondern die Konstruktion der Wirklichkeit. Die Daseinsberechtigung des eigenen, die vernunftsorientierte Realität verarbeitenden Geistes besteht lediglich darin, einen Beitrag im Leben zu leisten, nicht eine Überfunktion zu entwickeln.
KI kann uns also laut Dr. Tsvasman von einer übermäßigen Bewertung des Logos befreien.
In acht Diskursen und in vier Runden werden das Phänomen der künstlichen Intelligenz weiter und tiefer gedacht, und grundlegende Fragen, beispielsweise nach dem Verständnis von KI oder nach ihren möglichen Werten, beantwortet. Weitere Themen sind die gesellschaftlich relevanten Anwendungsmöglichkeiten und die positive Potentialität der KI. So entsteht ein umfassendes Gesamtbild, das sich nicht einzig auf informative oder technische Prozesse beschränkt.
Die vier Runden gliedern sich in Grundlagen-Fokus, Grundlagen-Spektrum, Anwendungs-Fokus und Anwendungs-Komplex.
Künstliche Intelligenz wird von den Autoren nicht verteufelt, sondern als eine neue Möglichkeit des schöpferischen Menschen gesehen, die Welt besser bzw. anders zu gestalten.
Leon Tsvasman denkt, dass es der Zweck von KI sei, „uns die rationale und arbeitsteilige Routine abzunehmen, um uns in unserem menschlichen Potential zu emanzipieren.“ Für Florian Schild hingegen ist eine höhere Intelligenz - auch diejenige, die vom Menschen künstlich erschaffen wird - ein Selektionsvorteil des homo sapiens. Schon immer hat der Mensch Werkzeuge geschaffen, die ihn wie das Rad oder der Computer in seiner Entwicklung weitergebracht haben.
Damit wird von den Autoren das Thema der künstlichen Intelligenz mit dem Thema der humanitas und der Grundlagen des Menschseins verbunden und stellt als fundamentale Neuerung eine Quelle neuer Möglichkeiten dar. Daher ist es für beide Autoren möglich, durch KI sowohl die eigene Lebenswirklichkeit positiv zu gestalten als auch die eigenen inneren Ressourcen besser zu handhaben. Dazu ist anzumerken, dass KI nur ein Medium ist. Ein innerer Erneuerungsprozess muss bei jedem Individuum aber auch abseits von Medien initiiert werden.
Gefahren und Hindernisse werden im Buch zurecht in einer einseitigen, rein wirtschaftsorientierten Nutzung und einer Überregulierung von künstlicher Intelligenz gesehen.
Als Fazit lässt sich anmerken, dass in diesem Werk sowohl die Grundlagen als auch die Anwendungsebenen künstlicher Intelligenz für den Leser verständlich und realistisch in den Bereichen Arbeit, Mensch und Bildung dargestellt werden. Die Besonderheit des Buches ist seine umfassende Sicht sowohl auf das Werkzeug als auch auf den Menschen, der es erschafft und von dem es beeinflusst wird.
Das Werk zeigt einige wichtigen Potentiale und Möglichkeiten künstlicher Intelligenz auf. Das, was der Mensch daraus macht, wird die Zukunft zeigen.
Roberto Gardini,
Doktorand Uni Bonn