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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.10.2024

Ein Chadwick wie eh und je!

Das Erbe der Hofdame
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Elizabeth Chadwick beweist einmal mehr, warum sie zu den Meisterinnen des historischen Romans gehört. "Das Erbe der Hofdame" entführt uns ins England des 13. Jahrhunderts, eine Zeit des politischen Umbruchs, ...

Elizabeth Chadwick beweist einmal mehr, warum sie zu den Meisterinnen des historischen Romans gehört. "Das Erbe der Hofdame" entführt uns ins England des 13. Jahrhunderts, eine Zeit des politischen Umbruchs, der Intrigen und der Machtkämpfe. Im Mittelpunkt steht die junge Joanna, die unvermittelt zur Erbin von Ländereien wird und sich plötzlich in einer völlig neuen Rolle wiederfindet: als gefragte Partie auf dem Heiratsmarkt. Der König selbst übernimmt die Aufgabe, einen Ehemann für sie zu finden, und die Wahl fällt auf niemand Geringeren als William de Valence, seinen Halbbruder. Doch das Leben als Adlige ist alles andere als romantisch, denn der Bürgerkrieg zwingt Joanna bald, selbst die Zügel in die Hand zu nehmen.

Chadwick gelingt es, wie immer, ein lebendiges und authentisches Bild des Mittelalters zu zeichnen. Ihr historisches Setting ist detailliert und stimmungsvoll, ohne jemals überladen zu wirken. Die historische Kulisse dient nicht nur als Hintergrund, sondern wird durch die präzise Beschreibung und die sorgfältige Recherche zum integralen Bestandteil der Geschichte. Wer einen Roman über das Mittelalter lesen möchte, ist bei Elizabeth Chadwick in besten Händen.

Was mich an ihren Romanen besonders begeistert, sind die starken, eindrucksvollen Frauenfiguren. Joanna ist keine passive Heldin, sondern eine Frau, die ihren eigenen Weg geht, auch wenn die Umstände gegen sie sprechen. Ihre Intelligenz und ihr Mut, in einer von Männern dominierten Welt zu bestehen, machen sie zu einer unvergesslichen Protagonistin. Elizabeth Chadwick erweckt historische Persönlichkeiten auf faszinierende Weise zum Leben – man fühlt sich als Leser so tief in die Geschichte hineingezogen, dass man glaubt, Seite an Seite mit den Figuren zu stehen.

Ein weiteres Highlight ist Chadwicks Schreibstil. Sie schreibt mit einer Klarheit und Eleganz, die es leicht macht, sich in der komplexen Welt des 13. Jahrhunderts zurechtzufinden. Ihre Fähigkeit, die Lebenswege ihrer Protagonisten von Jugend an zu begleiten und dabei die emotionale Tiefe ihrer Figuren auszuloten, schafft eine intensive Bindung zwischen Leser und Geschichte.

Für alle Fans des Mittelalterromans ist Elizabeth Chadwick ein fester Begriff. "Das Erbe der Hofdame" reiht sich nahtlos in ihre beeindruckende Sammlung von Werken ein und zeigt erneut, warum sie zu den Besten ihres Genres gehört. Dieser Roman bietet alles, was man von einem historischen Epos erwartet: Spannung, Liebe, Intrigen und eine Protagonistin, die einem lange im Gedächtnis bleibt.

Wenn ihr das Mittelalter hautnah erleben wollt, ist dieser Roman ein absolutes Muss!

Veröffentlicht am 23.10.2024

Schweres Thema und wichtiges Buch!

Die schönste Version
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Ruth-Maria Thomas “Die schönste Version” ist ein beeindruckender Debütroman, der tief unter die Haut geht. Inmitten der späten Nullerjahre und frühen 2010er Jahre in einer ostdeutschen Kleinstadt erzählt ...

Ruth-Maria Thomas “Die schönste Version” ist ein beeindruckender Debütroman, der tief unter die Haut geht. Inmitten der späten Nullerjahre und frühen 2010er Jahre in einer ostdeutschen Kleinstadt erzählt die Geschichte von Jella und Yannick von der ersten großen Liebe, die tragisch aus den Fugen gerät. Besonders berührend ist die Art und Weise, wie die Autorin Jellas Rückblick gestaltet: Sie zieht den Leser durch eine schmerzhafte Selbstreflexion, in der Jugend und Erwachsenwerden, Freundschaften und die bedrückenden Abgründe ihrer Beziehung beleuchtet werden. Das heißt, wir springen durch Rückblicke, bis sich die Person Jella für den Leser ergibt und das Ereignis, das zum Auslöser ihrer Rückblicke führt. Eine immer interessante und spannende Art, eine Geschichte zu erzählen, in dem Fall auch eine feinfühlige Art und Weise.
Der Schreibstil ist dabei besonders markant: Er wirkt zugleich nah und distanziert, was eine gute Spannung erzeugt. An einigen Stellen ist der Text jedoch aufgrund der Tiefe und Schwere der behandelten Themen schwer zu lesen, wir reden hier inhaltlich über Missbrauch und Gewalt an Frauen. Das Gefühl, nach der Lektüre Zeit zur Verarbeitung zu benötigen, ist keine Seltenheit – das Buch hallt lange nach.
Die thematische Auseinandersetzung mit Gewalt, Selbstfindung und den Herausforderungen des Frauseins in der heutigen Gesellschaft macht “Die schönste Version" zu einem wichtigen Werk. Die Drastik und Klarheit, mit der die Autorin die dunklen Seiten von Beziehungen aufzeigt, ist erschütternd, aber auch notwendig. Es ist ein Buch, das einen fordert und bewegt – ein bitterer, aber unverzichtbarer Roman, der den Leser nachhaltig beschäftigt.
P.S: Der Roman war auf der Longlist für den Buchpreis 2024!

Veröffentlicht am 08.10.2024

Interessant!

Mein Mann
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Manche Romane entfalten sich erst zum Schluss, also hier gleich mal eine Warnung. Das Buch dringend lesen, bis zum Ende und nicht spickeln! Das würde nämlich alles verderben.
Der Debütroman der Französin ...

Manche Romane entfalten sich erst zum Schluss, also hier gleich mal eine Warnung. Das Buch dringend lesen, bis zum Ende und nicht spickeln! Das würde nämlich alles verderben.
Der Debütroman der Französin Ventura: Mein Mann entführt den Leser in die Welt einer scheinbar perfekten Ehe, hinter deren Fassade sich Abgründe auftun. Die Protagonistin, eine namenlose Frau, die nach außen hin alles hat – Karriere, Familie, Erfolg und vor allem den „perfekten“ Ehemann –, ist eine interessante, aber auch verstörende Erzählerin, die ihre Liebe ihrem Mann gegenüber mit einer obsessiven Intensität lebt.
Von Anfang an wird deutlich, dass ihre Liebe eine ungewöhnliche ist, sie schwankt zwischen Hingabe und Kontrolle. Was zunächst als zärtliches Bedürfnis nach Bestätigung erscheint, entwickelt sich im Laufe des Buches zu einer verstörenden Obsession. Dabei schafft Ventura eine brillante Gratwanderung zwischen Faszination und Abscheu für mich der Protagonistin gegenüber: Der Leser fühlt sich immer wieder hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, der Ehefrau nahe zu sein, und dem Gefühl, sich von ihr distanzieren zu müssen.
Aber es gibt Momente, in denen das Buch etwas langatmig wirkt und ich mich motivieren musste zu lesen. Vor allem in der Mitte des Romans zieht sich die Handlung, während man ungeduldig auf den „großen Knall“ wartet. Die ständige Erwartung, dass etwas Entscheidendes passieren müsste, trägt zwar zur angstvollen Atmosphäre bei, doch nicht jeder Leser wird die zunehmende Anspannung als angenehm empfinden. Einige Abschnitte könnten straffer erzählt sein, ohne den psychologischen Druck zu mindern, der die Protagonistin antreibt.
Besonders bemerkenswert ist die Art und Weise, wie Ventura die Gedankengänge ihrer Hauptfigur darstellt. Es ist beunruhigend, wie nachvollziehbar ihre Logik in vielen Momenten erscheint, obwohl ihre Handlungen immer extremer werden. Die obsessive Liebe, die ständigen Tests und heimlichen Manipulationen nehmen zu und die Autorin wirft dabei Fragen über Vertrauen, Kontrolle und die wahre Natur von Beziehungen auf.
Das absolute Highlight des Buches ist zweifellos der Epilog. Er ist so überraschend und meisterhaft konstruiert, dass er die gesamte Erzählung in einem neuen Licht erscheinen lässt. Viel mehr werde ich natürlich nicht dazu sagen. Der Epilog ist so stark, dass man fast versucht ist, den Roman sofort noch einmal zu lesen.
Insgesamt ist Mein Mann ein faszinierendes, aber auch herausforderndes Buch. Trotz einiger zäher Passagen bleibt es vor allem aufgrund seiner psychologischen Tiefe und des unerwarteten Endes ein bemerkenswerter Roman, der lange nachklingt.

Veröffentlicht am 06.10.2024

Schwer, aber wichtig!

Fünf Leben
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Fünf Leben ist ein intensiver Roman, der ein dramatisches Leben und ein wichtiges Thema der Geschichte miteinander verwebt. Die Erzählung der jungen Daiyu, die aus ihrer Heimat China entführt und in die ...

Fünf Leben ist ein intensiver Roman, der ein dramatisches Leben und ein wichtiges Thema der Geschichte miteinander verwebt. Die Erzählung der jungen Daiyu, die aus ihrer Heimat China entführt und in die USA verschleppt wird, ist sowohl spannend als auch zutiefst berührend. Für mich, die schon einige Romane gelesen hat aus Ostasien, war das eine Überraschung. Denn Fünf Leben ist nicht nur eine packende Erzählung, sondern auch ein wichtiges historisches Zeugnis, das auf realen Begebenheiten beruht, insbesondere auf den Auswirkungen des Chinese Exclusion Act, einem der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Einwanderungsgeschichte.
Die junge Daiyu muss sich in einer Welt, die von Gewalt, Rassismus und Misogynie geprägt ist, immer wieder neu erfinden, um zu überleben. Ihre Reise führt sie durch verschiedene Identitäten – von einer Schülerin in China über das Leben in einem Bordell in San Francisco bis hin zu einem zurückgezogenen Leben in den Bergen Idahos. Ein für sich schwieriges Leben nach dem anderen. Dabei verfolgt sie nicht nur die Tragödie ihrer Entführung, sondern auch die systematische Diskriminierung, die chinesische Einwanderer im Amerika des 19. Jahrhunderts erlebten.
Die Themen , die Autorin Zhang aufgreift – Rassismus, Gewalt, Entführung und der Verlust von Identität – sind schwer.. Der Roman konfrontiert den Leser mit der brutalen Realität der chinesischen Einwanderer, deren Leben oft von Vorurteilen und Gewalt geprägt war. Besonders die Darstellung der Lynchmorde und die expliziten Formen des Rassismus machen deutlich, wie tief verwurzelt diese Vorurteile in der Gesellschaft waren. Teilweise war es echt schwer zu lesen. Dennoch gelingt es Zhang, diese Grausamkeiten mit einem tiefen Sinn für Menschlichkeit zu erzählen, ohne den Leser bloß schockieren zu wollen.
Was diesen Roman besonders auszeichnet, ist die innere Stärke der Protagonistin. Trotz der ständigen Notwendigkeit, sich den Umständen anzupassen, behält sie den tiefen Wunsch, ihren eigenen Namen und ihre Geschichte zurückzuerobern. Ihre Entwicklung im Laufe des Romans ist unaufhaltsam.
Zhangs Schreibstil ist eindringlich und atmosphärisch. Sie schafft es, sowohl die düstere Zeit in Amerika als auch die Schönheit von Daiyus innerer Welt lebendig zu beschreiben. Die Sprache ist poetisch und detailreich, was den Leser in die Welt von Daiyu zieht.
Zum Schluss lässt sich sagen, dass Fünf Leben ein wichtiger, bewegender Roman ist, der als historische Erinnerung überzeugt. Er beleuchtet ein übersehenes Kapitel der Geschichte und gibt einer jungen Frau eine Stimme. Der Roman ist spannend und berührend, doch sollte er auch mit Vorsicht genossen werden, da schwierige Themen, wie vorhin angesprochen, behandelt werden.

Veröffentlicht am 06.10.2024

Höchstaktuell und wichtig

Das Lied des Propheten
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Das Lied des Propheten ist ein eindringlicher dystopischer Roman. In einem Irland, das unter die Kontrolle einer autoritären Regierung gefallen ist, beginnt für die Wissenschaftlerin und vierfache Mutter ...

Das Lied des Propheten ist ein eindringlicher dystopischer Roman. In einem Irland, das unter die Kontrolle einer autoritären Regierung gefallen ist, beginnt für die Wissenschaftlerin und vierfache Mutter Eilish Stack eine unaufhaltsame Abwärtsspirale, nachdem ihr Mann Larry, ein bekannter Gewerkschafter, von der Geheimpolizei verhört und dann spurlos verschwindet.

Lynch zeichnet ein düsteres Bild eines Irlands, in dem die Grundrechte aufgehoben und Andersdenkende verfolgt werden. Die Atmosphäre ist bedrückend und beklemmend, und Eilish sieht sich zunehmend unsichtbaren Mächten ausgeliefert, während sie versucht, ihre Familie zusammenzuhalten. Die Bedrohung und die Unsicherheit prägen den Roman, und Lynch versteht es, diese Spannung durch einen intensiven, rasanten Schreibstil zu verstärken.

Doch gerade dieser stilistische Aspekt macht das Buch nicht leicht lesbar. Der sprachliche Druck und die immer wiederkehrenden bedrückenden Szenen erzeugen eine große emotionale Belastung. Für mich persönlich war der Schreibstil zwar interessant, aber auch sehr anstrengend. Die dichte, oft überwältigende Sprache verlangte mir viel Konzentration ab, und die brutalen Passagen machten es mir teilweise schwer, weiterzulesen. Einige Szenen musste ich sogar überspringen, da die Schilderungen zu schwer waren.

Inhaltlich bietet Das Lied des Propheten eine wichtige und alarmierende Botschaft. Die Parallelen zu aktuellen autoritären Tendenzen in der Welt sind unübersehbar, was den Roman zu einem Schlüsselwerk für unsere Zeit macht. Lynchs Vision eines faschistischen Irlands lässt sich mühelos auf gegenwärtige politische Entwicklungen übertragen, was das Buch umso relevanter macht.

Dennoch bleibt für mich der Eindruck, dass Das Lied des Propheten mehr durch seine Thematik und die eindringliche Darstellung einer untergehenden Welt besticht als durch Lesefreude. Der bedrückende Ton und die schonungslose Brutalität haben es mir schwer gemacht, das Buch zu genießen. Es ist zweifellos ein Werk, das zum Nachdenken anregt und aufrüttelt.

Fazit: Das Lied des Propheten ist ein literarisch anspruchsvoller und zutiefst bedrückender Roman, der durch seine düstere Vision und seine hochaktuelle Botschaft besticht. Lynch entwirft eine erschütternde Dystopie, die den Leser in Atem hält, aber auch emotional fordert. Ein Buch, das wichtige Fragen stellt, aber nicht leicht verdaulich ist. Zu Recht hat der Roman den Bookzer Prize 2023 gewonnen.