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Veröffentlicht am 01.11.2025

Ein Meister der Schreibkunst erzählt von einem Meister der Schreibkunst

Und ohne Tabu explodiert die Welt
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… und so entsteht ein Kunstwerk der Schreibkunst!

Mit feinem Gespür für historische Genauigkeit – und einer auch zwischen den Zeilen spürbaren Liebe zur Recherche – führt Tilman Röhrig seine Leserschaft ...

… und so entsteht ein Kunstwerk der Schreibkunst!

Mit feinem Gespür für historische Genauigkeit – und einer auch zwischen den Zeilen spürbaren Liebe zur Recherche – führt Tilman Röhrig seine Leserschaft durch die prägenden Lebensstationen Erich Kästners. In sorgfältig komponierten Szenen, deren Orts- und Zeitangaben wie Wegmarken eines bewegten Lebens erscheinen, entfaltet sich das Panorama einer Epoche und eines Künstlerlebens.

Röhrig beleuchtet die formenden Kräfte der Zwischenkriegszeit und des Zweiten Weltkriegs, die Kästners Werk und Haltung zutiefst geprägt haben. Er zeichnet das Bild eines Autors, der – unbeirrbar im Glauben an die Macht des Wortes – mit Feder und Moral gegen den Wahn seiner Zeit anzuschreiben versucht. Doch der Idealismus des Pazifisten erweist sich als gefährliche Illusion, als Wahnwitz, der Kästner mehr als einmal an den Rand des Lebens führt.

Was Röhrig gelingt, ist mehr als biografische Annäherung: Es ist eine Wiederbegegnung mit Kästners Spirit. Dessen unverwechselbarer Witz, stets begleitet von einem Hauch Melancholie, durchzieht den Roman wie ein leises Echo des Originals und verleiht dem Text jene Authentizität, die aus Bewunderung eben keine Verklärung werden lässt.

Die historische Atmosphäre ist von solcher Dichte, dass man sich unwillkürlich durch das Berlin der 1920er und 1930er Jahre bewegt, weiter hinein in die düsteren 1940er – als ginge man neben Kästner selbst durch die Trümmer seiner Überzeugungen. Wer Tilman Röhrig kennt, weiß, dass er seine Leserinnen und Leser nie mit der sanften Hand der Schonung führt: Er zeigt das Helle wie das Dunkle, die Glanzlichter wie die Schattenränder einer zerrissenen Zeit.

Und doch: Wo die Geschichte schmerzt, schenkt Röhrig Trost. Mit der ihm eigenen Behutsamkeit lässt er Kästners Menschlichkeit aufleuchten, seine Zweifel, seine stillen Hoffnungen. Durch die psychologische Tiefe seiner Figuren entsteht eine Nähe, die beinahe intim wirkt – als säße man selbst am Schreibtisch des Autors, während draußen die Welt ohne Tabu explodiert.

Fazit:
Ein Roman von seltener Eindringlichkeit – ein Muss für Liebhaber historischer Literatur und für alle, die Erich Kästner neu entdecken möchten. Tilman Röhrig lädt zu einer Reise durch Zeit, Geist und Gewissen ein – und schenkt uns das lebendige Porträt eines Mannes, dessen Worte bis heute bedeutungsvoll nachhallen.

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