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Veröffentlicht am 10.01.2020

Ein durchwachsener Thriller in der Prepper Szene

Draussen
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Im Prolog des Thrillers wird ein Mädchen brutal überfallen. Danach wechselt die Perspektive zu dem undurchsichtigen und geheimnisvollen Stephan, der mit der 17jähringen Cayenne und ihrem jüngeren Bruder ...

Im Prolog des Thrillers wird ein Mädchen brutal überfallen. Danach wechselt die Perspektive zu dem undurchsichtigen und geheimnisvollen Stephan, der mit der 17jähringen Cayenne und ihrem jüngeren Bruder Joshua irgendwo auf einem Campingplatz in Brandenburg lebt. Die beiden Teenager werden von Stephan hart trainiert und auf ein Szenario vorbereitet, von denen beide keine Ahnung haben. So kommt es, dass Cayenne seine Methoden – Überlebenskampf samt Übernachtung im Wald und kein Kontakt zu anderen Campern – immer mehr hinterfragt. Sie sehnt sich nach einem ganz normalen Leben, in dem ein junges Mädchen auch mal ausgeht und auch Jungs trifft. Doch davon kann sie nur träumen, denn Stephan hält sie und ihren Bruder von allem fern. Joshua hält alles für ein großes Abenteuer und lässt sich bereitwillig auf die Anweisungen von Stephan ein. Über dem Leben der drei liegen ein großes Geheimnis und eine nicht weiter benannte Bedrohung. Nicht nur Cayenne fragt sich, warum ihr Leben so ganz anders verläuft und wovor sie immer wieder fliehen. Auch die LeserInnen bleiben im Dunkeln und grübeln, wie die einzelnen Handlungsstränge (z.B. Tagebuch eines angehenden Fremdenlegionärs) mit dem zurückgezogenen Leben von Stephan, Cayenne und Joshua zusammenhängen. Worauf will Stephan Cayenne und Joshua vorbereiten? Von wem droht ihnen Gefahr?
Die anfängliche Euphorie, die die Leseprobe bei mir ausgelöst hat, wurde im Laufe der ersten 200 Seiten leider etwas gedämpft. Nur schwer kamen die Geschehnisse rund um Stephan, Cayenne, Joshua und die Prepper Szene in Gang. Der Mittelteil war leider zäh und langatmig zu lesen. Es gab immer wieder spannende Szenen und ab und zu schlich sich ein Kribbeln in meinem Nacken ein, doch das Entgegenfiebern auf die Auflösung der Geschichte hin setzte bei mir recht spät ein. Wäre allerdings nach der Hälfte des Buches dringend nötig gewesen. Letztlich lohnte es sich, am Ball zu bleiben. Am Ende des Buches erwartete mich endlich der sehnlich erhoffte Charakter eines Thrillers: die Situation spitzt sich zu, es kommt zu heftigen Auseinandersetzungen und schreckliche Geheimnisse kommen ans Licht. Ich hätte mir jedoch schon viel früher diese Spannung, den Thrill, gewünscht, der einen Thriller ausmacht.
Der Aufbau der Geschichte mit den verschiedenen Handlungssträngen und der Geheimniskrämerei von Stephan und diversen Andeutungen einer Bedrohung geben dem Thriller eine diffuse Spannung bis zum Schluss. Nur fehlen hin und wieder kleine Cliffhanger. Der Plot braucht sehr lange, bis er in die Gänge kommt. Es erschließt sich erst sehr langsam, wie die verschiedenen Ereignisse zusammenhängen. Zwischendurch war ich etwas genervt von den vagen Andeutungen und der Geheimniskrämerei von Stephan gegenüber seinen beiden Schützlingen. Zudem hat er sie bewusst in Gefahr gebracht – was für seinen Charakter nicht ungewöhnlich ist.
Ich zähle mich nicht zu den Kluftinger-Fans, auch wenn ich im Allgäu lebe, ein Buch gelesen und einen Film gesehen habe. Somit bin ich recht unbedarft an den Thriller herangegangen und war neugierig, wie Klüpfel und Kobr ein ganz anderes, härteres Genre umsetzen. Die Beschreibungen der Umgebung, die Kampfübungen und auch die Szenen mit den Preppern fand ich ganz bildhaft beschrieben und dem Schreibstil konnte ich leicht folgen. Doch letztlich war ich nach meiner Begeisterung nach der Leseprobe etwas enttäuscht. Allerdings gebe ich den beiden Autoren gerne eine zweite Chance, sollten sie sich weiter in dem Genre „austoben“. Vielleicht wollten sie einfach zu viel und haben die Erwartungen hochgesteckt. Ich vergebe 3 Punkte von 5.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.12.2019

Leben in der Wahrheit unter dem treuen und verständigen Sklaven

Kein Teil der Welt
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In „Kein Teil der Welt“ begleiten wir die 15jährige Esther bei ihrer Emanzipation von der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas. Sie wächst am Rhein mit den strengen Regeln der Gemeinschaft auf. Sie ...

In „Kein Teil der Welt“ begleiten wir die 15jährige Esther bei ihrer Emanzipation von der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas. Sie wächst am Rhein mit den strengen Regeln der Gemeinschaft auf. Sie kennt es nicht anders und erst als ihre beste Freundin Sulamith zu hadern beginnt, kommt Esther ins Grübeln. Ihr gefällt das strenge Regelwerk immer weniger, so dass sie bei den Versammlungen schon mal abhaut oder sich über die billigen Klamotten von C&A ärgert. Hier legt ihre Mutter zweierlei Maßstab an, denn sie selbst würde sich niemals bei C&A einkleiden. Wie geht das zusammen? Wie muss es für ein Kind sein, wenn es mit so vielen Verboten konfrontiert und teils aus der Schulgemeinschaft (z.B. bei Geburtstagesfeiern) ausgeschlossen wird? Nach der Öffnung der Mauer ziehen ihre Eltern mit Esther in den Osten, um dort einen Königreichssaal aufzubauen. Dabei reißen sie Esther aus ihrer gewohnten Umgebung und weg von ihrer Freundin Sulamith, die sich zusehends von den Zeugen Jehovas ab- und zu den Weltmenschen hinwendet. Auch Esther hinterfragt die Sinnhaftigkeit der Brüder und Schwestern im Wandeln der Wahrheit und wird auch ihren Eltern – vor allem ihrer Mutter gegenüber – immer kritischer. Dabei bewegt sie vor allem die Frage: was geschah mit Sulamith?

Die Autorin Stefanie de Velasco ist mit 15 Jahren aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas ausgestiegen und weiß, wovon sie schreibt. Sollte die eine oder andere Situation übertrieben sein, ist diese Glaubensgemeinschaft meiner Meinung nach doch recht kritisch zu betrachten. Da kann einem schon das ein oder andere Mal ein eiskalter Schauer über den Rücken laufen. Augenscheinlich leben die Zeugen Jehovas nur für die Zeit nach dem Tod und warten geduldig in einem engen Korsett aus Regeln, Verboten und Geboten auf das Paradies. Dabei gilt es stets, sich gegen die Weltmenschen (als alle anderen Menschen außerhalb der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas), die unter dem Einfluss von Satan stehen, zu behaupten und/oder diese durch Missionierung auf die richtige, nämlich die eigene Seite zu ziehen. Durch Bibelkreise, Versammlungen im Königreichssaal, Gebete innerhalb der Familien, privates Studium der Bibel und der Gehorsam gegenüber dem treuen und verständigen Sklaven werden die Gläubigen geradezu zwanghaft an die Gemeinschaft gebunden. Kinder wachsen in diesem System, denn so sehe ich das, abgeschottet vom Leben der Weltmenschen in einer Art Glocke oder Parallelwelt auf und haben kaum eine Möglichkeit, die alten Glaubenssätze der Zeugen Jehovas zu hinterfragen. Es hat schon manische Züge, wie brav und bibeltreu sich die Erwachsenen verhalten und ihren Kindern keinen Freiraum zur Entfaltung lassen. Bereits im Kindergarten werden sie von „Veranstaltungen“ wie Geburtstagen ausgeschlossen, getreu der Vorschriften der Zeugen Jehovas. Diese totale Abgrenzung der Zeugen Jehovas gegen den „Rest der Welt“ war allgegenwärtig. Alle Andersgläubigen bzw. Ungläubigen werden in einen Topf geschmissen und den Kindern wird wahrlich Angst gemacht – vor allem vor Dämonen. Das muss bei Kindern Spuren hinterlassen und zwar keine guten oder schönen. Hier schlich sich bei mir schnell Unbehagen ein und ich bin eine erwachsene Frau.
Weihnachten wird nicht gefeiert, jedoch der Tag in der Familie mit einem Festessen „überbrückt“ – es wird ja nicht gearbeitet und vermutlich gibt es nichts Besseres zu tun. Ich merke gerade beim Schreiben, wie sehr mich das Buch immer noch gefangen hält und wie sich mein Herzschlag beschleunigt. Es ist einfach unglaublich, wie sehr Glaubensgemeinschaften an sich in das Leben von Menschen eingreifen und mit deren Angst spielen. Auf der anderen Seite geben die Zeugen Jehovas ihren Mitgliedern Halt, Zugehörigkeit und Hilfe bei ganz alltäglichen Dingen wie einem Umzug. Der Zusammenhalt der Gemeinschaft wird gelebt, solange man nicht aus der Reihe tanzt. Dann wird es unbequem und man sieht sich einem Rechtskomitee gegenüber und muss damit rechnen, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden und damit Familie, Freunde und die Geborgenheit der Brüder und Schwestern zu verlieren.
Das Frauenbild der Königreichler finde ich sehr überholt und beschämend. Wobei ich Esthers Mutter schon als starken Charakter sehe. Ihr Vater war für mich wenig greifbar – vielleicht lag das an seinen vielen Reisen.
Mit dem Schreibstil bin ich sofort gut klar gekommen und ich fand die Geschichte von Anfang an interessant und spannend
Ein großes Rätsel ergab sich für mich durch die eingefügten Seiten, in denen die Rede von einer Salzinsel, deren Bewohner und das entbehrungsreiche Leben auf dem Eiland war. Bis zum Schluss hatte ich darauf gehofft, dass diese Einfügungen ein Geheimnis offenbaren oder entscheidend zum Verständnis der Geschichte beitragen. Doch daraus wurde leider nichts. Meiner Begeisterung für den Roman tat es keinen Abbruch.
Zuletzt möchte ich noch ein paar Worte zum Cover sagen. Das Bild des betenden, kleinen Mädchens unter eine Glasglocke spiegelt sehr plastisch das Leben von Esther wider. Sie lebt mitten unter den Menschen, aber doch getrennt von ihnen durch eine Glaswand wie in einer Art Kokon. Sie sieht, wie die Weltmenschen leben und kann die Wand nicht durchbrechen, ohne dass das Glas dabei zu Bruch geht. Das macht für mich das Cover so symbolträchtig und gleichzeitig beängstigend.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.11.2019

Ein überdrehter Beamter und ein überraschendes Wiedersehen

»Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten« und »Einladung zum Klassentreffen«
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„Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten“
Vorweg möchte ich anmerken, dass ich selber im Öffentlichen Dienst arbeite und mir das Beamtentum nicht ganz fremd ist.

Hans Fredenbek steht mitten in ...

„Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten“
Vorweg möchte ich anmerken, dass ich selber im Öffentlichen Dienst arbeite und mir das Beamtentum nicht ganz fremd ist.

Hans Fredenbek steht mitten in seinem spartanisch eingerichteten und veralteten Beamtenbüro und ergeht sich in einem Monolog unter Einbeziehung des Publikums. Einzig das Laufband im Büro zeugt von einer gewissen Modernität. Herr Fredenbek referiert teils absturs, bisweilen sehr amüsant über Rechtschreibung bis Allgemeinwissen und kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen kommen durch eine Art Flirtanleitung zur Sprache – wobei die Fantasie weitaus größer erscheint als die Realität. Das Verschwinden bzw. Nichtvorhandensein eines Radiergummis bringt seinen herrlichen Monolog erst ins Rollen und sein starres Verharren in der Enge seines Büros, in dem sich seit Jahren nichts geändert hat, ins Wanken.
Der Autor bedient sich dem „vermeintlich typischen Klischee eines staubtrockenen Beamten“ und macht daraus ein Feuerwerk an Abstrusität, wirren Gedankengängen, völlig neuen Einblicken in die Seele der Frau und auch ins Beamtendasein an sich. Von unterhaltsam bis urkomisch erstreckt sich die Bandbreite des Monologs eines eingeschworenen Beamten, dem (fast) nichts wichtiger ist als die Einhaltung von Gesetzen, Vorschriften und Vorgängen, außer sie verlangen ihm ausgesprochen viel Einsatz ab. Die Einbeziehung des Publikums in diesem Theaterstück finde ich genauso ansprechend und gekonnt inszeniert, wie die Stimmen aus dem Off. Herrlich!

„Einladung zum Klassentreffen“
Dieses Stück ist so ganz anders als das erste. Hier geht es um zwei Menschen, die sich einst sehr nahe waren und sich verloren haben – warum auch immer. Das digitale Zeitalter spielt hier eine große Rolle und auch die Neugier der Mitmenschen, die alleine schon durch ein Telefonat im Zugabteil befördert wird. Doch es hat nichts Übergriffiges, sondern ein Wohlwollen, mit dem die Fahrgäste im Zug an dem Telefonat von ihm und ihr teilhaben. Am meisten hat mich überrascht, dass mit ganz wenig Bühnenbild oder erklärenden Worten, ein so warmherziger Ton erzeugt werden kann. So ergibt sich für mich eine schöne Liebesgeschichte, die auch auf die Unwägbarkeiten und Enttäuschungen des Lebens eingeht, so dass der Dialog nicht ins Kitschige abdriften kann. Dazu eine Prise Humor … Dieses Theaterstück kann ich mir sehr gut auf der Bühne vorstellen. Was mich zu der Frage bringt, ob es bereits aufgeführt wurde oder noch darauf wartet.

Beiden Stück ist anzumerken, dass der Autor a) weiß wovon er schreibt (ich sage nur Beamter), b) mit Worten sehr gut umgehen und mit wenig Aufwand ganz unterschiedliche Stimmungen erzeugen kann, c) sich in die Situationen und Emotionen der Schauspieler hineinversetzen kann – steht er doch selbst auf der Bühne und schließlich d) auch vor Irrungen und Wirrungen in einem ausufernden Monolog nicht zurückschreckt und dabei den roten Faden stets im Blick behält.

Es war mir eine Freude und Genuss, diese beiden Stück zu lesen. Bisher kannte ich Theaterstücke aus der Schule und durfte sogar schon selbst als Werther (Die Leiden des jungen Werther) in einer Dreiviertelbergsteigerhose (in Ermangelung einer Knickerbocker) vor der Schulkamera jede Menge Text zum Besten geben. Danach saß ich lieber vor der Bühne und habe mich vom musikalischen und schauspielerischen Talent (manchmal auch Unvermögen) anderer Personen berieseln lassen. Nachdem ich ein bekennender Krimi-Thriller-Junkie bin, ist meine Neugierde geweckt, was den Kurzkrimi „Schöne Bescherung“ betrifft.

Veröffentlicht am 22.11.2019

Falcos persönlichster und emotionalster Fall

Sechs
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Falco Brunners neuer Fall wird ein persönliches Fiasko für ihn und anscheinend will ihm jemand so richtig eins auswischen.
Als Falco mitten in der Nacht einen besorgniserregenden Anruf von Emilia bekommt, ...

Falco Brunners neuer Fall wird ein persönliches Fiasko für ihn und anscheinend will ihm jemand so richtig eins auswischen.
Als Falco mitten in der Nacht einen besorgniserregenden Anruf von Emilia bekommt, ahnt er nicht, dass sein Leben bald komplett auf dem Kopf steht. Er erreicht Emilias Wohnung und dort findet er außer einer Blutspur und Spiegelscherben… nichts! Noch vor Ort bekommt er einen Schlag auf den Kopf und als er erwacht, ist die Wohnung auf Hochglanz poliert und nichts deutet auf einen Kampf hin. Die Polizei verdächtigt ihn sofort, denn Falco kannte Emilia. Sie arbeitete als Escortdame und hat Falco in ihren Bann gezogen. Um Emilia zu suchen, ihr Verschwinden aufzuklären und seine eigene Unschuld zu beweisen, taucht Falco unter und bekommt dabei Hilfe von unerwarteter Seite. Wird er Emilia finden? Und was hat es mit der toten Frau, die aus einem Autowrack aus dem Wasser gezogen wird, auf sich?

Michael Seitz besticht im dritten Fall wieder mit einem unglaublich guten Gespür für Spannungsaufbau, die Verknüpfung von unterschiedlichen Themen, großartig ausgearbeitete Charaktere und ein furioses Ende. Mit einer Leichtigkeit erzählt er vom Leben der Jenischen, Emilias Gefühlswelt, Sex, Liebe, Geborgenheit, Unterwerfung, Wahn, Hass, Überlebenswillen und unverbrüchlicher Freundschaft und Loyalität. Falco bekommt noch mehr Konturen und ist kein unverletzlicher, vollkommener Held. Er ist ein Mensch mit Schwächen und Stärken, greift bisweilen zu verzweifelten und nicht sehr zielführenden Taten und hat kein Problem, Hilfe anzunehmen. Auch seine Exfrau Christina und sein ehemaliger Kollege Bruno bekommen ihren Platz in diesem brisanten und nervenaufreibenden Fall. Eine faszinierende Rolle spielt Mira: sie kommt anfangs recht unscheinbar daher und hat dann im Laufe der Zeit Stück für Stück mein Herz erobert. Michael hat sie so authentisch beschrieben und handeln lassen, dass ich mich ihr sehr nahe fühlte. Wie sie voller Liebe an ihren toten Sohn Milan denkt, der ihr Herz nie verlassen hat und sich ihr immer wieder zeigt, finde ich rührend und tröstlich zugleich. Dagegen waren mir Emilia und Helen immer wieder ein Rätsel und oft schwer greifbar. Ihre Geschichte hat mir erneut gezeigt, wie gut der Autor mit Gefühlen umgehen kann. Dabei schreckt er auch nicht vor „Tabuthemen“ wie SM in Verbindung mit Liebe zurück.

Sein fesselnder, lebendiger Schreibstil und die Rückblenden haben mein Lesetempo immer mehr gesteigert, so dass ich mit Falco mitgefiebert und gehofft habe, dass er aus diesem Karussell von Gewalt, Intrigen und falschen Anschuldigungen ausbrechen kann. Der Showdown war dann schon fast eine Erlösung und hat alle losen Enden verbunden. Meine Nerven waren bis zum Zerreisen gespannt, nachdem ich sehr lange Zeit nach einem Motiv und dem möglichen Täter gefahndet habe. Durch geschickte Wendungen und Verstrickungen wurde ich immer wieder abgelenkt und konnte das Ausmaß an Intrigen und Rachegelüsten nicht fassen.

Falco hat sich auch in diesem Buch weiterentwickelt und ich hätte ihm etwas Ruhe gewünscht, stattdessen wird das Verschwinden von Emilia zu seinem persönlichsten und emotionalsten Fall. Bei all dem Chaos, das über Falco hereinbricht, schafft es der Autor, berührend und gefühlvoll über die Welt des fahrenden Volkes, der Jenischen zu schreiben. Wie Emilia bzw. ihr Großvater das Leben als Fluss beschreibt, finde ich sehr schön und besonders eine Aussage ist mir im Gedächtnis geblieben: „Zu Haus ist überall! Weil wir ohnehin überall sind! Mit dem Wasser verbunden, aus dem wir gemacht sind.“.

Eines ist sicher: ich warte voller Spannung auf den vierten Fall von Falco Brunner!

Veröffentlicht am 22.11.2019

Im Rausch der Rache wird auch ein guter Mensch zur Bestie

Die Rache bleibt
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Im 4. Band um die beiden Ermittler Peter Liebig und Rita Momsen geht es Schlag auf Schlag. Innerhalb kürzester Zeit werden zwei brutal ermordete und verstümmelte Frauen gefunden. Dabei hinterlässt der ...

Im 4. Band um die beiden Ermittler Peter Liebig und Rita Momsen geht es Schlag auf Schlag. Innerhalb kürzester Zeit werden zwei brutal ermordete und verstümmelte Frauen gefunden. Dabei hinterlässt der Täter rätselhafte Botschaften und scheint mit den Ermittlungsbehörden ein perfides Spiel auf Leben und Tod zu treiben. Auffällig ist zudem, dass es sich bei den Toten um die Ehefrauen des Rechtsmediziners Dr. Schiller und eines … handelt. Hat es der Täter gezielt auf eine bestimmte Personengruppe abgesehen? Welches Motiv steckt hinter den blutigen Morden? Und warum verstümmelt er die Frauen bis zur Unkenntlichkeit? Der Täter geht sehr geplant, brutal, rücksichtslos und kaltblütig vor. Spuren von ihm sind keine zu finden. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit …

Bisher habe ich „Die Macht der Rache“ von H. C. Scherf gelesen und wurde förmlich in die Handlung des Thrillers hineingezogen. Deshalb war ich schon sehr gespannt, wie es mir mit dieser Reihe um die Ermittler Liebig und Mosen gehen würde. Die 3 vorhergehenden Fälle habe ich leider noch nicht gelesen, was ich jedoch gerne nachholen möchte. Der Schreibstil ist auch in „Die Rache bleibt“ eher nüchtern, aber packend gehalten und das Augenmerk liegt auf der Ausarbeitung der Charaktere – weniger auf Nebensächlichkeiten. Das erhöht meiner Meinung nach die Spannung und führt dazu, dass die/der Leser/in durch die Handlung getrieben wird. Die Sichtweise des Täters kam erst zur Mitte des Buches zur Sprache, so dass er im Dunkeln blieb. Allerdings hat mich eine Rückblende auf Geschehnisse einige Jahre zuvor auf seine Spur gebracht – ganz sicher war ich mir ab dem 20. Kapitel. Das minderte meine Lesefreude etwas. Nichtsdestotrotz habe ich mich prima unterhalten und dem Ende der Ermittlungen entgegengefiebert. Zum Ende des Buches hin hat sich die Spannung noch gesteigert und es wurde so dramatisch, dass ich immer wieder Gänsehaut bekam. Die Auflösung des Falles ist nachvollziehbar und logisch ausgearbeitet. Für mich bleibt dieser Thriller etwas hinter „Die Macht der Rache“ zurück. Doch letztlich fand ich ihn sehr spannend, bisweilen sehr grausam und erschreckend, wenn man bedenkt, wie sich über Jahre hinweg ein Doppelleben führen lässt, ohne dass es auffliegt. Die beiden Hauptpersonen Liebig und Momsen sind mir sympathisch und kommen – wie auch ihre Kollegen – sehr authentisch rüber. Den Zusammenhalt innerhalb des Kommissariats und auch der Rückhalt durch den Vorgesetzten Rösner finde ich glaubhaft erzählt. Ihre Emotionen und Handlungen waren menschlich und die feine Dosis Privatleben ergänzt das Bild gekonnt. Vor allem Peter Liebig wurde vom Autor an die Grenzen des Erträglichen und fast schon darüber hinaus geführt. Die Motive des Täters sind für mich bis zu einem gewissen Grad sogar nachvollziehbar, auch wenn sie das schlimm anhören mag. Doch es spricht dafür, dass der Autor seinen Charakter und sein Leben so gekonnt ausgearbeitet hat, dass ich mich ein Stück weit in ihn hineinversetzen konnte. Auch spricht es für die hohe Qualität des Schreibens, die ich vom Autor schon einmal genießen konnte. Das Zitat eines mexikanischen Indios zu Anfang des Thrillers bringt die Handlung auf den Punkt, so dass ich dieses als Titel für meine Rezension verwende.
Die drei Vorgängerbände stehen auf jeden Fall auf meiner Leseliste. Ich hatte jedoch nicht das Gefühl, dass sie eine Voraussetzung für das Verständnis dieses Teiles sind.