Wie die Verhältnisse zum Tanzen bringen
Im Schatten der RevolteWas können "die 68er" uns heute noch sagen? Geben? Vermitteln? Sind sie überhaupt noch relevant? Wer oder was waren sie? Gehen sie als Generationskohorte durch die Geschichte - und verschwinden mit ihr? ...
Was können "die 68er" uns heute noch sagen? Geben? Vermitteln? Sind sie überhaupt noch relevant? Wer oder was waren sie? Gehen sie als Generationskohorte durch die Geschichte - und verschwinden mit ihr?
Darüber ließe sich ein Sachbuch schreiben. Eines von vielen, am besten dann mit Blick auf ein rundes Datum in 2028 - zu 60 Jahren Studentenrevolte.
Stattdessen geht Hilka Kaluza mit einem Kriminalroman an den Start - der keinesfalls diese Zeit als Kolorit benutzt, sondern ein Kriminal-Roman im besten Sinne ist. Die eigenen postmigrantischen Themen von Kommissariatsassistenten Hakim Emrat für sich sind schon gut eingefangene Realität unserer Zeit und erzählerisch präzise eingefangen - und spiegeln die vielfach verworrenen inneren (und äußeren) Kämpfe der 68er - jede Zeit hat eben ihre Themen. Diese verweben sich über den aufzuklärenden Cold Case - auch das schon ein augenzwinkernder Wink auf unsere Zeit, füllen doch Cold Cases nicht nur in Berlin ganze Hallen, wenn sie erzählerisch professionell dargeboten und analysiert werden - mit der Studentenbewegung, die revolutionieren wollte und tatsächlich eher eine Revolte war. Es ist aber gerade dieser Blick in das Innere jener Bewegung, die von vielen Historiker*innen als das kulturelle Ankommen Westdeutschlands im Westen gesehen wird. So verwickelt die Kriminalgeschichte ist, so verwickelt waren die bisweilen spitzfindigen und gut nachgezeichneten ideologischen Bruchlinien in der Studenten(!)bewegung.
Was kann uns das heute noch sagen, jenseits des puren Lesevergnügens dieses Kriminalromans? Revolten, Widerstand, Auflehnung gegen repressive Strömungen in der Gesellschaft enden buchstäblich tödlich, wenn sie sich im ideologischen KleinKlein verlieren. Gerade heute, wo global autoritäre Realitäten unsere Nachrichten dominieren, mahnt uns dieses Buch auf äußerst unterhaltsame und klug kombinierte Weise, progressive Ziele im Blick zu behalten statt sich untereinander zu überwerfen.
Diese Buch setzt die Tradition großer gesellschaftspolitisch Kriminalgeschichten fort, die Lesevergnügen mit Bildung verbinden. Überdies: Wer demnächst mal wieder Berlin besucht, sollte den Krimi vorher lesen und sich dann an die Originalschauplätze bewegen, auch das ein gut recherchiertes Detail des Buches.