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Veröffentlicht am 11.01.2025

Berührend und bestürzend: Wer ist hier Täter, wer ist Opfer?

Schon immer tot
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In ihrem Thriller hat die erfolgreiche Autorin T.M. Paine ein Szenario beschrieben, das die Lesenden in einen Konflikt stürzt und sie immer wieder zwingt, die Täter- und Opferrolle zu hinterfragen. Schon ...

In ihrem Thriller hat die erfolgreiche Autorin T.M. Paine ein Szenario beschrieben, das die Lesenden in einen Konflikt stürzt und sie immer wieder zwingt, die Täter- und Opferrolle zu hinterfragen. Schon das gelungene Cover hat “blutrot” als Signalfarbe, und genau so entspinnt sich auch die Handlung.

Ein Mord ist geschehen, ohne Leiche. So muss es wohl sein, denkt DI Sheridan Holler, als sie den Cold Case zum Fall Daniel Parks wieder aufnimmt. Es gibt viele ungeklärte Fragen, der Vater von Daniel war zwar des Mordes angeklagt, wurde aber freigesprochen. Und Daniels Schwester Jennifer hat diesen Prozess akribisch verfolgt.

Nunmehr versuchen Sheridan und ihre Kollegin Anna neue Spuren zu finden, wieder geraten die Eltern ins Visier, doch sie können nicht mehr viel beitragen, denn sie werden selbst Opfer- grausam ermordet. Und Jennifer leidet. Sheridan Holler kennt diesen Zustand, denn auch ihr Bruder wurde vor Jahrzehnten ermordet, der Täter nicht gefunden. Daher verbeißt sich Sheridan in diesen Fall, bei dem sich bald ein Verdächtiger, ein Freund der Familie, heraus kristallisiert. Aber ist er wirklich der Täter?

Im Laufe dieses flüssig und spannend erzählten Thrillers zeigt sich, dass Täuschung und Manipulation eine große Rolle spielen. Und dass im Verborgenen, in der Familie der Ermordeten, furchtbare Verbrechen begangen wurden, die es den Lesenden nicht einfach machen, die Täter- und die Opferrollen eindeutig zuzuordnen. Hin und hergerissen zwischen Ekel, Abscheu und Mitleid verfolgt man als Leser*in gebannt das Geschehen, bringt Verständnis für die Täter auf, die selbst Opfer waren. Und muss sich entscheiden, ob man dem Recht oder der Gerechtigkeit den Vorzug geben möchte.

Der Roman “Schon immer tot” lebt von starken Frauencharakteren und dem erzählten Schicksal dieser Figuren:

Sheridan ist eine geschickte und durchsetzungsfähige Ermittlerin, die niemals den Versuch aufgeben wird, den Tod des eigenen Bruders aufzuklären. Ihr ist wenigstens persönliches Glück an der Seite ihrer Partnerin Sam vergönnt.

Anna, Sheridans Freundin und Kollegin, die in ihren Beruf engagiert und konsequent handelt, zögert in ihrem Privatleben aber lange, die Konsequenzen aus dem verbrecherischen Handeln ihres Ehepartners zu ziehen. Lange erhält sie die Maske des persönlichen Glücks aufrecht und das Buch findet für diese Figur noch keinen befriedigenden Abschluss.

DCI Hill Knowles, die Chefin von Sheridan und Anna, gibt sich abweisend und sarkastisch. Spät erkennen Sheridan und Anna die Gründe für dieses Verhalten und versuchen, das Arbeitsklima zu verbessern. Außerdem läuft eine Wette im Revier: Heißt sie wirklich Hill?

Jennifer, die Schwester von Daniel Parks, die augenscheinlich alles tut, um der Polizei bei ihren Nachforschungen zu helfen, gerät immer mehr ins Visier der Ermittlerinnen. Sie scheint nach den Morden an den Mitgliedern ihrer Familie seelisch gebrochen, dennoch ist Sheridan Holler zunehmend überzeugt, dass sie nachhaltig in die schrecklichen Geschehnisse verstrickt ist. Welche Rolle spielt Jennifer wirklich in diesem Drama? Und welche Rolle spielt ihr Bruder Daniel in ihrem Leben?

Die gute Lesbarkeit dieses Thrillers ist auch den sehr kurzen Kapiteln geschuldet, die es einfach machen, der Handlung zu folgen. Und erst spät im Fortgang des Geschehens erschließt sich die Wahrheit über so viele abscheuliche Verbrechen. Wer sich nicht scheut, hinter die Fassade einer angeblich heilen Familie zu blicken und zu überlegen, ob die Täter hier Sympathie oder doch die Rache der Justiz verdienen, dem empfehle ich dieses gut geschriebene, manchmal berührende und oft auch verstörende Buch- eine spannende Lektüre zum Nachdenken!

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Veröffentlicht am 01.01.2025

Kluftinger will in die Politik

Lückenbüßer (Kluftinger-Krimis 13)
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Mit ihrem neuen Kluftinger- Krimi haben die Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr einen Roman vorgelegt, der wieder alle Anforderungen für Fans von Klufti erfüllt. Das umlaufende, erhaben geprägte Cover ...

Mit ihrem neuen Kluftinger- Krimi haben die Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr einen Roman vorgelegt, der wieder alle Anforderungen für Fans von Klufti erfüllt. Das umlaufende, erhaben geprägte Cover scheint sehr idyllisch, denn es zeigt eine von Kluftingers Lieblingsbeschäftigungen, das Pilzesuchen. Aber der Schein täuscht und in diesem Roman geht es um mehr.

Noch immer ist Hauptkommissar Kluftinger Leiter des Dezernats für Verbrechen gegen Leib und Leben bei der Kripo Kempten und natürlich steht ihm noch immer das bewährte Team zur Verfügung. Bei einer Antiterrorübung, die ins chaotische abgleitet, wird aus der Übungssituation bitterer Ernst, ein Polizist wird ermordet aufgefunden. Die Nachforschungen ergeben, dass der Mann mit rechten Kräften sympathisiert hat und immer mehr versucht hat, gegen den Staat zu agitieren.

Neben diesem Kriminalfall hat der Interims-Polizeipräsident Kluftinger aber auch andere Interessen, er kandidiert für den Gemeinderat. Zuerst auf einem aussichtslosen Listenplatz als Lückenbüßer, später aber möchte er wirklich politisch aktiv werden. Großen Anteil an seinem Sinneswandel hat sein “Freund” (“der Langhammer ist nicht mein Freund”) Dr. Langhammer. Nach allen Regeln der politischen Kunst versuchen die beiden Kontrahenten, einander auszustechen und Wählerstimmen zu gewinnen. Doch dann schlägt dieses eigentlich harmlose Duell in Hass gegen Dr. Langhammer um. In den Sozialen Medien wird der Doktor bedroht und beschimpft. Und Kluftinger erkennt, dass er sich auf schwieriges, vielleicht sogar zerstörerisches Terrain begeben hat und die politische Gegnerschaft zu Langhammer tritt in den Hintergrund.

Bei der Lösung des Mordes an ihrem Polizeikollegen wird das Team von Kluftinger sowohl mit der rechten wie der autonomen Szene konfrontiert. Letztlich führt eine alltägliche Begebenheit zur Lösung dieses undurchsichtigen Falles.

Mit Lückenbüßer haben Klüpfel und Kobr diesmal auch eine Bestandsaufnahme der aktuellen gesellschaftlichen Probleme vorgelegt. Sehr witzig wird einerseits der Wahlkampf der beiden Kontrahenten Kluftinger und Langhammer dargestellt, daran knüpft sich aber auch eine Abrechnung mit den sozialen Medien und dem Hass, der dort anonym verbreitet wird. Neben der Corona Pandemie, den Staatsverweigerern und den Identitären wird versucht, den Wurzeln rechten, aber auch autonomen Gedankenguts auf die Spur zu kommen. Manchmal tritt der eigentliche Kriminalfall dadurch in den Hintergrund.

Für Fans von Kluftinger ist “Lückenbüßer” wieder ein absolut lesenswerter Roman, auch wenn diesmal gesellschaftliche Entwicklungen und Probleme großen Raum einnehmen. Dem Buch fehlt es nie an Lokalkolorit und es “menschelt” in gewohnter Manier, sodass man den Figuren- treuen Lesern natürlich wohlbekannt- gerne durch den Ablauf der Handlung folgt. Schwungvoll wird der Spannungsbogen bis zuletzt aufrecht erhalten, Humor und leichte Ironie dominieren die Dialoge. Für Kluftinger-Fans ist auch dieses neue Buch natürlich eine “Pflichtlektüre”, allerdings tritt für meinen Geschmack der eigentliche Kriminalfall zu sehr in den Hintergrund. Trotzdem ein rundum gelungenes Buch, dass ich gerne weiterempfehle, aber für Klufti- Fans gibt es sowieso keine Alternative- dieses Buch müssen sie lesen!

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Veröffentlicht am 30.12.2024

Spannende Verbrecherjagd im viktorianischen London

Der tote Antiquar von Limehouse
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Mit ihrem historischen Kriminalroman ”Der tote Antiquar von Limehouse” hat die bekannte Autorin Ann Granger bereits das neunte Buch ihrer im viktorianischen London spielenden Krimiserie über Inspector ...

Mit ihrem historischen Kriminalroman ”Der tote Antiquar von Limehouse” hat die bekannte Autorin Ann Granger bereits das neunte Buch ihrer im viktorianischen London spielenden Krimiserie über Inspector Benjamin Ross und Lizzie Martin vorgelegt. Schon das hervorragend zum Thema passende Cover vermittelt die düstere Atmosphäre des übel beleumdeten Stadtteiles Limehouse, Wohnsitz des Antiquars Jacob Jacobus.

Dieser Händler steht im Ruf, mit gestohlenen Wertgegenständen zu handeln und zu anderen Gaunerbanden ein gutes Verhältnis zu unterhalten. Doch er gibt manchmal Scotland Yard Tipps, nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus Eigennutz. Denn mit Amateurdieben will Jacobus nichts zu tun haben, sie stören nur sein Geschäft.
Inspector Benjamin Ross besucht Jacobus, es gab Einbrüche in wohlhabende Haushalte. Ross ist überzeugt, dass Jacobus Diebsgut verkauft, doch konnte dem Händler bisher nichts nachgewiesen werden. Gerade jetzt ist ein wertvolles Smaragd-Collier von Lady Roxby verschwunden. Aber Jakobus kann dazu nichts sagen, denn er ist tot.

Besteht ein Zusammenhang zwischen den Verbrechen? Das Collier ist unauffindbar, auch wenn die Nichte und der Neffe von Lady Roxby des Diebstahls verdächtigt werden. Neffe Harry hat Schulden und schon mehrmals kleine Kostbarkeiten bei Jacobus versetzt. Zudem gibt es eine weitere Leiche. So verzweifelt Benjamin Ross auch die Lösung seiner Fälle sucht, alles ist anders, als es auf den ersten Blick erscheint. Auch die gesellschaftlichen Verbindungen seiner Ehefrau Lizzie bringen manchen wertvollen Tipp und tragen dadurch wesentlich zur Aufklärung der Geschehnisse bei.

Mit “Der tote Antiquar von Limehouse” hat Ann Granger ein gut recherchiertes Sittenbild der gesellschaftlichen Zustände in London im späten neunzehnten Jahrhundert vorgelegt. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird am Antiquar Jacobus gezeigt, der ein wohlhabender Gauner ist und nicht nur sein Wohnhaus, sondern auch die beiden Nebenhäuser mit einer Gaststätte und einem Eisenwarenladen besitzt. Die dort arbeitenden Menschen sind ihrem Dienstherrn ergeben und kümmern sich um ihn und seine Besucher. Aber nicht jeder kann der Gelegenheit widerstehen, dem toten Jacobus seine Taschenuhr zu stehlen. Und ein fürstliches Trinkgeld bleibt armen Leuten lange in Erinnerung- und trägt letztlich auch zur Ausforschung des Mörders bei.

Die Oberschicht wird in der Figur der Lady Roxby greifbar, die arrogant und unhöflich glaubt, über die Polizei und ihre Ermittlungsmethoden bestimmen zu können. Doch nach und nach kommen Familiengeheimnisse ans Licht, die nicht nur das verschollene Smaragdcollier betreffen.

Die Kapitel des Buches werden abwechselnd von Benjamin Ross und seiner Frau Lizzie in Ich-Form erzählt. Damit erkennt man gut die unterschiedlichen Sichtweisen der Eheleute, es ergeben sich liebevolle Dialoge, bei denen auch der typisch britische Humor nicht zu kurz kommt. Doch nicht nur Lizzie und Benjamin sind an dem Fall interessiert, auch ihr neugieriges Hausmädchen lauscht gerne an der Türe. Was sie so nicht herausbekommt, erzählt ihr ihr Freund, der mit Inspector Ross den Fall bearbeitet.

Dieser angenehm flüssig zu lesende heitere Kriminalroman überzeugt mit authentischen Dialogen und präzise gezeichneten Charakteren, die dazu einladen, die Figuren in das historische London zu begleiten. Die Sprache ist der Zeit gut angepasst und obwohl sich nie Hektik einstellt, ist das Buch spannend und birgt manche überraschende Wendung, die die Lesenden dazu anregt, selbst immer wieder neue Theorien zur Lösung der Fälle zu entwickeln. Ann Granger ist eine Meisterin darin, stets andere Verdächtige und mögliche Szenarien anzubieten, die dann doch wieder ins Leere laufen. Fans von Miss Marple oder Hercule Poirot werden von diesem Buch begeistert sein. Daher von mir eine absolute Leseempfehlung und verdiente fünf Sterne.

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  • Spannung
Veröffentlicht am 23.12.2024

Fulminant und bereits verfilmt: Der Kampf gegen die Organisierte Kriminalität

Finsteres Herz
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Zwei Handlungsstränge, vier Leben. So stellt uns der dreifache Grimme-Preisträger und Spiegel-Bestseller-Autor Holger Karsten Schmidt die Hauptcharaktere seines Kriminalromanes “Finsteres Herz” vor. Lona ...

Zwei Handlungsstränge, vier Leben. So stellt uns der dreifache Grimme-Preisträger und Spiegel-Bestseller-Autor Holger Karsten Schmidt die Hauptcharaktere seines Kriminalromanes “Finsteres Herz” vor. Lona Mendt und Frank Elling sind das Ermittlerpaar, bei dem diese Geschichte beginnt. Erst als die beiden Polizisten niedergestreckt mit dem Tod ringen, treten die Sonderermittler Maja Kaminski und Hagen Dudek auf, um festzustellen, dass sie im Fall um das verschwundene bulgarische Waisenmädchen Sarah wieder ganz am Anfang stehen und in menschliche Abgründe blicken, die Mord, Menschenhandel und Kindesmissbrauch im ihrem Dunkel verbergen.

Zwei Handlungsstränge, vier Leichen. Darunter zwei Kinder. Nachlässig vergraben in einem Waldstück und als Illegale identifiziert, die niemand vermisst. Das gilt auch für die zwölfjährige Sarah, die jedem misstraut, sowohl der Polizei als auch den Menschenhändlern, die sie von Bulgarien nach Deutschland geschleust haben. Sarah ist Waise, sie sucht ihre bereits vor einem Jahr nach Deutschland geschleuste Schwester. Und nur Sarah kann helfen, den Hintermännern des Schleuserringes das Handwerk zu legen. Doch dafür müsste sie vor Gericht aussagen. Also kommt Sarah mit zwei weiteren Zeugen in ein Safe House, bewacht von Mendt und Elling- aber das Versteck wird verraten, Mendt und Elling sind lebensgefährlich verletzt. Sarahs Flucht beginnt aufs Neue, denn nun jagen sie nicht nur die Menschenhändler, sondern es ist klar- bei den Ermittlungsbehörden gibt es einen Maulwurf. Staatsanwalt Rost hat einen Verdacht und Maja Kaminski ermittelt nicht nur gegen die Verbrecher sondern auch in den eigenen Reihen.

Zwei Handlungsstränge, vier Schicksale:
Kommissarin Lona Mendt lebt angstbefreit- ihr ist das Schrecklichste widerfahren, das einem Menschen passieren kann. Sie hat ihre zwei Kinder und ihren Mann bei einem Flugzeugabsturz verloren. Nunmehr sind ihr die Folgen ihres Handelns gleichgültig, sie lebt in ihrem Wohnwagen, immer auf der Suche. Wonach? Die Antwort liegt bei Sarah und in Mendts Herz, das langsam wieder zu fühlen beginnt.

Frank Elling ist ein Polizist, der nicht immer den geraden Weg geht und Recht und Gerechtigkeit unterscheidet. Er liebt seine Tochter und sein Leben, das aber ohne sein Wissen schon lange Zeit an einem seidenen Faden hängt. Und ohne Zögern stellt er sich den Angreifern entgegen, die das Safe House überfallen, im Bewusstsein, dass das wahrscheinlich seinen Tod bedeuten wird.

Als Kommissarin Maja Kaminski von der Bundespolizei und Kommissar Hagen Dudek vom LKA den Fall übernehmen, geht es nicht nur um die Suche nach Sarah, sondern vor allem auch um die Suche nach den Hintermännern, einem verbrecherischen Clan, dessen Netzwerk sich über Bulgarien nach Polen und Deutschland erstreckt. Mafiaähnliche Strukturen sind der Hintergrund von geschleusten und ausgebeuteten Arbeitskräften sowie Kindern, die direkt aus Waisenhäusern kommen, gekennzeichnet nur mit einem Ring als “besondere Kinder“, solche, die verschwinden und nie in das Waisenhaus zurückkehren.

Zwei Handlungsstränge, die zum Jahreswechsel 2006/2007 in einander übergehen. Mendt und Elling kämpfen um ihr Leben, Kaminski und Dudek verfolgen den Fall weiter. Das Ermittlerduo hat gewechselt, Not und Elend sind gleich geblieben: Kinder, die in Waisenhäusern sehnlichst darauf warten, adoptiert zu werden. Geschleuste Kinder und Erwachsene, ausgebeutet von einem verbrecherischen System und von der Gesellschaft weitgehend unbemerkt. Abhängig und erniedrigt. Und doch zu verängstigt, um gegen ihre Peiniger auszusagen.

Holger Karsten Schmidt hat nicht nur einen eindringlichen, berührenden und Entsetzen auslösenden Kriminalroman vorgelegt, sondern er legt den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft, die gerne wegsieht, wenn es sich um Ausbeutung und Missbrauch handelt. Im Roman “Finsteres Herz” kommen die Täter auch aus den höchsten gesellschaftlichen Schichten und sind so sehr in staatlichen Strukturen und Beziehungen verwoben, dass ihre Entdeckung und Verfolgung schwer möglich ist, da sie einen Skandal bedeuten würde. Macht und ihr Missbrauch sind hier wichtige Themen, Abhängigkeit und falsche Loyalität sowie Gewalt schützen verbrecherische Netzwerke. In einem Roman, der den Spannungsbogen bis zum “bitteren” Ende hält und das Geschehen in authentischer und bildhafter Sprache darstellt, kann man sich sowohl den Gefahren der Situation, den Gefühlen der Protagonisten sowie der Szenerie des Rostocker Umlandes nicht entziehen. Schon das genau zum Thema passende Cover zeigt: “Hier bist Du, Mensch, alleine und Dein Weg führt ins Ungewisse”.

In diesem Szenario nimmt der Autor die Lesenden nicht nur in menschliche Abgründe mit, sondern wirft sie in einigen Passagen auf die Kernpunkte ihres Seins zurück. Da ist kein Sinn und kein Trost im Tod, vor allem, wenn dieses Schicksal Kinder betrifft. “Das Universum war, und der Mensch verging. Es ging nur darum, es auszuhalten”. Und darum, einen Moment inne zu halten, um diesen Worten nachzuspüren.

“Finsteres Herz” ist ein nachdenklich machendes Buch, eine vielschichtige, realitätsnahe und zeitgemäße Bestandsaufnahme der dunkelsten Seiten unserer Gesellschaft und einfach ein großartiger Roman. Daher von mir eine absolute Leseempfehlung und verdiente fünf Sterne.

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Veröffentlicht am 14.12.2024

Über die Macht und Ohnmacht des Staates

Die Innere Führung
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In seinem Kriminalroman “Die Innere Führung” hat Lucas Fassnacht alias Lars Sommer nicht nur ein Gesellschaftsbild vorgelegt, sondern dieses in eine spannende Krimihandlung verpackt.
Schon das Cover zeigt ...

In seinem Kriminalroman “Die Innere Führung” hat Lucas Fassnacht alias Lars Sommer nicht nur ein Gesellschaftsbild vorgelegt, sondern dieses in eine spannende Krimihandlung verpackt.
Schon das Cover zeigt die Szenerie der ersten Todesfälle, die Explosion einer Autobombe auf einer Hochzeit. Zu Tode kommt der Kommandeur einer Eliteeinheit der Bundeswehr und seine Frau, beschafft wurde die Limousine von einem anderen Elitesoldaten.
Und darum dreht sich der Kontext des Buches: Sind die Staatsmacht und ihre Organe moralisch befugt, Krieg zu führen oder in bewaffnete Konflikte einzugreifen? Ist es wichtiger, Werte und Haltung zu zeigen oder neigen die meisten Menschen tatsächlich dazu, nur in Ruhe leben zu wollen und ist hier Krieg und Tod eher störendes Beiwerk?

Hauptcharaktere des Romans sind drei Elitesoldaten, die in Afghanistan gedient haben und dort schwierige Einsätze bewältigt haben. Allen Dreien ist gemeinsam, dass sie unverbrüchlich für einander einstehen würden und ihr Leben für einander geben würden. Aber ist das wirklich so? Ist der Corpsgeist der Truppe so stark, dass sie Verräter oder solche, die sie dafür hält, in den eigenen Reihen dulden würde? Was geschieht, wenn einer der Kameraden bereit ist, Dinge an die Öffentlichkeit zu bringen, die nicht für diese bestimmt sind?

Die Handlung dieses temporeichen Kriminalromanes zeigt Kriminalhauptkommissar Erich Kleinrädl, der mit Hilfe seiner Assistentin Schlanghain im Milieu der Bundeswehr ermittelt. Damit ruft er aber auch andere staatliche Dienststellen auf den Plan, die erst versuchen, die Ermittlungen zu hintertreiben, dann jedoch den Dingen ihren Lauf lassen. Und immer wieder zeigt der Autor auf, dass eigentlich nur militärische Spezialisten fähig sind, in Krisensituationen den Überblick zu behalten und Gefahren rechtzeitig zu erkennen.

Die Elitesoldaten BastianWerker und Jonathan von Holl sind gezeichnet als Menschen, die ihre Gefühle glauben im Griff zu haben und die sich keine Schwäche zugestehen können. Dennoch neigen sie zu Überreaktionen, wenn sie provoziert werden und führen ein einsames Leben, das nur von Loyalität zu den ehemaligen Kameraden geprägt ist. Zwei Morde müssen geschehen, bevor Kriminalhauptkommissar Kleinrädl das Schweigen brechen kann und der Lösung des Falles nahe kommt. Letztlich ist daran auch eine ehemalige Heeresbergführerin beteiligt, die als Sportpolizistin und jetzt Psychologin die Situation der beteiligten Männer einordnen kann und versucht, Aggression und Gewalt zu entschärfen.

In seinem Buch “Die Innere Führung” hat Lars Sommer ein brisantes Thema unserer Gesellschaft aufgegriffen: Ist es gerechtfertigt, dass der Staat sein Gewaltmonopol durchsetzt oder haben die Bundeswehrgegner Recht, die versuchen, im Land Stimmung gegen die Truppe zu machen und dabei von den Medien weidlich unterstützt werden.

Dieses Buch sollte jeder lesen, der heute mit offenen Augen durch die Welt geht und sich nicht scheut, eine eigene Meinung zu den Geschehnissen zu entwickeln. Und immer wieder muss man sich fragen: “Ist die Wahrheit den Menschen zumutbar?” Wer sich nicht scheut, gesellschaftspolitische Probleme, verpackt in einen spannenden und gut ausgearbeiteten Krimistoff mit actionreichen Dialogen, anzusprechen, dem empfehle ich dieses sehr gut geschriebene Buch.

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