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Veröffentlicht am 12.07.2021

Drei Generationen – drei unterschiedliche Lebensmodelle

Wildtriebe
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Lisbeth ist auf dem Bethches-Hof großgeworden. Als ihre beiden Brüder im Krieg fallen, übernimmt sie den Hof der Eltern. Damit ist sie eine der wenigen Frauen, bei der von Anfang an klar war, dass man ...

Lisbeth ist auf dem Bethches-Hof großgeworden. Als ihre beiden Brüder im Krieg fallen, übernimmt sie den Hof der Eltern. Damit ist sie eine der wenigen Frauen, bei der von Anfang an klar war, dass man sie nicht zu sich holen, sondern nur auf deren Hof einheiraten konnte. Eines Tages findet sich dieser Mann: Karl. Zusammen mit ihm kümmert sie sich um den Hof, die Tiere und Felder. Mit der Zeit kommen Veränderungen: Moderne Maschinen, moderne Geräte, Spezialisierung. Doch die Trachtenkleidung behält Lisbeth bei und ihren Fleiß. Und nicht zuletzt auch ihre Genügsamkeit: „Nie hatte Lisbeth Sehnsucht verspürt, irgendwo anders zu sein.“

Als Frau von Lisbeths einzigem Sohn, Konrad, kommt Marlies auf den Hof. Und sie hat ganz andere Vorstellungen vom Leben und ihrer Rolle als Frau und Schwiegertochter. Sie möchte nicht nur auf dem Hof helfen, sondern auch in einem Kaufhaus als Verkäuferin arbeiten. Da sie nicht weiß, ob sie Mutter werden möchte, nimmt sie die Pille. Nur durch Zufall wird sie schwanger und bekommt ihr einziges Kind: Joanna. Zeitlebens lässt sie sich in keine vorgefärtigten Formen drücken. Sie macht als einzige Frau in der Gegend einen Jagdschein, sie geht arbeiten, macht ihren Führerschein und verlässt den Hof, als sie ihre Aufgabe als Mutter für abgeschlossen hält. „Es war bloß ein Anfang. Von was, wusste sie nicht. Aber es war vielleicht auch nicht so wichtig.“

Joanna, die auf dem Bethches Hof aufwächst, liebt Tiere, interessiert sich für die Landwirtschaft und hilft gerne auf dem Hof mit. Doch auch die Bildung kommt nicht zu kurz, weil Marlies viel daran liegt. Doch mit achtzehn entscheidet sie sich für ein Jahr nach Afrika zu gehen. Als sie zurückkommt, fängt sie ein Studium an. Als sie unerwartet schwanger wird, entscheidet sie sich entgegen der Ratschläge ihrer Mutter, dafür, das Kind zu behalten und ohne Vater großzuziehen.

„Wildtriebe“ ist ein schöner, atmosphärischer Roman. Anhand dreier Generationen werden uns drei unterschiedliche Lebensmodelle dargestellt. Wir sehen eine Frau, die der Tradition verbunden ist, die eine bestimmte Aufgabe übernimmt, ohne sie zu hinterfragen, und diese bis an ihr Lebensende gewissenhaft ausführt. Dann sehen wir eine weitere Frau, die in einer Zeit aufwächst, in der die Frau nach mehr Selbstbestimmung verlangt, die arbeiten geht und selbst über ihr Sexualleben entscheidet. Und wir sehen eine dritte Frau, die ganz alleine entscheiden kann, was sie in und mit ihrem Leben machen möchte, die ins Ausland geht, dann studiert und ganz selbstverständlich ein Kind als alleinerziehende Mutter großziehen kann. Abwechselnd schlüpfen wir in Lisbeths und Marlies Innenleben. Oftmals bekommen wir bestimmte Ereignisse und Situationen von beiden Seiten geschildert, sodass wir problemlos beide Sichtweisen nachvollziehen können. Und wir beurteilen nicht. Denn Ute Mank ist es gelungen zwei Frauensichtweisen, zwei Innenleben so direkt und unverfälscht einzufangen, dass überhaupt kein Platz für Bewertungen und Urteile bleibt. Kann man denn überhaupt eine dieser drei Frauen in irgendeiner Form verurteilen?

Mit viel Menschenkenntnis und Feingefühl zeichnet die Autorin ein authentisches Bild einer Familie über Jahrzehnte hinweg. Auch viel Spezialwissen zum Leben auf dem Land wird weitergegeben. Ich kann den Roman „Wildtriebe“ jedem nur aufs wärmste ans Herz legen. Seit langem habe ich keinen Roman gelesen, der so viel Tiefgang mit einer derartigen Leichtigkeit verbindet, dass weder Verstand noch Gefühl zu kurz kommt. Einen Roman, der so mühelos und doch so kontemplativ daherkommt.

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Veröffentlicht am 26.05.2021

Ein Herzensbuch

Der Himmel ist hier weiter als anderswo
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Seit ihr Ehemann eines plötzlichen Todes starb, ist die vierzigjährige Felicitas mit ihren vier Kindern Rasmus (15 Jahre), Rieke (14 Jahre), Martha (10 Jahre) und Golo (5 Jahre) auf sich allein gestellt. ...

Seit ihr Ehemann eines plötzlichen Todes starb, ist die vierzigjährige Felicitas mit ihren vier Kindern Rasmus (15 Jahre), Rieke (14 Jahre), Martha (10 Jahre) und Golo (5 Jahre) auf sich allein gestellt. Da Jan während eines Konzerts, bei dem Fee mitwirkte, an einem Herzinfarkt starb, ist sie seitdem nicht mehr im Stande auf ihrer Geige zu spielen. Stattdessen versucht sie ihre Familie und sich mit Musikunterricht über Wasser zu halten. Doch als ihr die kleine Wohnung in Hannover gekündigt wird, sieht Fee sich gezwungen eine neue Bleibe zu suchen. Auf dem Alten Land wird sie fündig: Einen alten Gutshof kann sie dank der Lebensversicherung ihres Mannes kaufen. So ein alter Gutshof ist doch das reinste Paradies für die Kinder. Mit der Zeit stellt sich jedoch heraus, dass er ebenso renovierungsbedürftig wie schön ist. Doch der gutaussehende Jesko von Gegenüber kann als gelernter Tischler Fee etwas unter die Arme greifen. Aber auch Fee stellt mit Hilfe ihrer ältesten Tochter Rieke ein Café auf die Beine, das sowohl die Dorfbewohner als auch die Ausflügler aus Hamburg anzieht.

Das 130 Jahre alte Bauernhaus auf dem Alten Land, in dem Valerie Pauling mit ihrer Familie lebt, hat die Autorin zu ihrem Roman „Der Himmel ist hier weiter als anderswo“ inspiriert. Der alte Gutshof, das Leben auf dem Land, in einer Dorfgemeinschaft und das Alte Land an sich werden daher mit einer Authentizität geschildert, die den Leser mitreißt und träumen lässt. Gebannt und voller Anteilnahme folgt man dem alltäglichen Leben von Fee und ihren vier Kindern. Wir sehen zu, wie Fee das alte Gutshaus renoviert, den Garten jätet und umgräbt, ein Café unter freiem Himmel unter dem Namen „Jardin de menthe“ eröffnet und mithilfe ihrer Tochter Rieke leitet, die die Speisen und Getränke für die Speisekarte kreiert und einen Blog betreibt, der dem Café zu Popularität verhilft. Wir schauen zu, wie Rasmus langsam herausfindet, was er im Leben machen möchte; wie Rieke sich immer wieder in neue Unternehmungen stürzt; wie die naturbegeisterte Martha für ein Projekt in der unendlichen Weite der Natur recherchiert; und wie Golo sich mit der benachbarten Elisabeth anfreundet und alle Freuden, die das Leben auf dem Land mit sich bringt, zu nutzen weiß. Wir unternehmen Ausflüge mit Fee und Jesko – mal mit dem Fahrrad, mal mit dem Segelboot – und lernen das Alte Land mit ihnen (besser) kennen. Wir sehen zu, wie sich Freundschaften entwickeln und auch das zarte Gefühl einer neuen Liebe langsam entsteht. Wir nehmen teil an Fees sich langsam vollziehendem Prozess der Trauerbewältigung und ihrer Rückkehr zur Musik. Und am Ende ist es, als ob wir selbst Teil der Geschichte wären. Teil einer herzerwärmenden und mutmachenden Geschichte. Einer Geschichte, die so alltäglich und doch so besonders ist, wie jede Geschichte, die mit Leidenschaft und Freude erzählt wird.

„Viel wichtiger aber war, dass sie wieder spielte. Täglich nahm sie ihre Geige zur Hand, es war als hätte sie die Musik neu entdeckt und die Musik sie, es war wie ein neues Leben.“

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Veröffentlicht am 04.05.2021

Intensiv und berührend

So wie du mich kennst
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Karla arbeitet als Lokaljournalistin in ihrem Heimatdorf in Bayern, ihre jüngere Schwester Marie ist eine bekannte Fotografin, die in New York lebt. Als Marie bei einem tragischen Autounfall ums Leben ...

Karla arbeitet als Lokaljournalistin in ihrem Heimatdorf in Bayern, ihre jüngere Schwester Marie ist eine bekannte Fotografin, die in New York lebt. Als Marie bei einem tragischen Autounfall ums Leben kommt, droht Karla daran zu zerbrechen. Keinem anderen Menschen stand sie so nah wie ihrer Schwester. Als Kinder und Jugendliche waren sie unzertrennlich und auch nachdem Marie weggezogen ist, haben die beiden täglich miteinander telefoniert. Als Karla zur Wohnungsauflösung nach New York fliegt, stößt sie auf dem Laptop ihrer Schwester auf einen Ordner mit schockierenden Fotos. Bedeuten diese Fotos, dass Marie ein Geheimnis mit sich trug, dass sie nie mit ihrer älteren Schwester geteilt hat? „Ich hatte Marie verloren, war nur noch die Hälfte einer Einheit, und weil das nicht reichte, um ein Durchschnittsleben zu erschüttern, hinterließ sie einen Ordner voll mit Bildern, die mir eine Verantwortung zuschoben und Fragen aufwarfen.“

Karla hinterfragt ihre Beziehung zu ihrer Schwester, aber auch diejenige zu ihren Eltern und zu ihrem langjährigen Freund, von dem sie sich kürzlich getrennt hat. Auch die Natur von menschlichen Beziehungen im Allgemeinen sind Gegenstand ihrer Reflexionen. So fragt sie sich, ob sie eine Verantwortung für die Frau trägt, die in der New Yorker Wohnung gegenüber lebt und der Gewalt von ihrem Ehemann angetan wird. Marie hatte ihrerzeit nicht eingegriffen, doch der Grund dafür ist nicht in fehlender Empathie zu suchen. Er rührt von einem persönlichen Trauma, dem wir Schritt für Schritt in den Kapiteln näher gebracht werden, die aus Maries Perspektive geschrieben sind. Karla dagegen ist im Stande aktiv einzugreifen. Langsam nähert sie sich einer fremden Frau, die Hilfe zu brauchen scheint, und gleichzeitig nähert sie sich dem Teil von Maries Geschichte, der für sie bisher im Dunkeln lag.

Neben den vielen wichtigen Themen, die Anika Landsteiner in ihrem Roman behandelt – dem Verlust eines geliebten Familienmitgliedes und wie man mit der Trauer umgeht, der Natur von menschlichen Beziehungen, der alltäglichen Sinnsuche im Leben und der häuslichen Gewalt gegen Frauen – bietet der Roman auch eine tiefgehende Analyse der Stadt New York. Beim Lesen spürt man ganz deutlich, dass die Autorin längere Zeit in New York gelebt haben musste. „Marie hatte einmal zu mir gesagt, dass die Stadt einem nicht dabei half, sich zu finden – sondern vielmehr unter die Arme griff, wenn man sich verlieren wollte. Und doch, dachte ich dann, ist sie die Heimat so vieler Geschichten, in denen sich zwei Menschen verstohlen anblicken. Und sich trauen, einander zu finden.“

Seit ich Anika Landsteiners Sachbuch „Leben wird aus Mut gemacht“ gelesen habe, schätze ich die Autorin sehr. Umso gespannter war ich auf ihr neuestes belletristisches Werk. Ich wurde nicht enttäuscht. Anika Landsteiner hat mit dem Roman „So wie du mich kennst“ ein ebenso intensives wie berührendes Werk geschaffen, das lange nachhallt. Wenn man über die enge Verbindung zwischen den beiden Schwestern Marie und Karla liest, mag man es kaum für möglich halten, dass die Autorin selbst Einzelkind ist. Da ich selbst eine ältere Schwester habe, der ich sehr nahe stehe, konnte ich mich in vielem wiederfinden. Und trotzdem – oder gerade deshalb? – frage ich mich auch manchmal, ob wir beide wirklich alles voneinander wissen. „So wie du mich kennst“ ist ein vielschichtiger, kluger und berührender Roman, den ich jedem nur wärmstens ans Herz legen kann.

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Veröffentlicht am 23.04.2021

Herzerwärmend und inspirierend

Dancing with Bees
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Kaum hat man Birgit Strawbridge Howards Buch „Dancing with Bees. Meine Reise zurück zur Natur“ auf der letzten Seite zugeklappt, möchte man direkt losrennen, sich auf einer Wiese auf den Bauch legen und ...

Kaum hat man Birgit Strawbridge Howards Buch „Dancing with Bees. Meine Reise zurück zur Natur“ auf der letzten Seite zugeklappt, möchte man direkt losrennen, sich auf einer Wiese auf den Bauch legen und stundenlang die Blumen und Tiere, die dort leben, betrachten. Oder auch für ganze Stunden unter einem blühenden Baum verharren und dort das Kommen und Gehen der bestäubenden Insekten beobachten. Früher hätte ich „das Kommen und Gehen der Bienen“ geschrieben, jetzt weiß ich aber, dass auf der Erde mindestens zwanzigtausend verschiedene Bienenarten beheimatet sind und dass nicht nur Bienen und Hummeln für die Bestäubung verantwortlich sind. Dank Brigit Strawbridge Howard habe ich viele faszinierende bestäubende Insekten kennengelernt, wie die Kleine Wiesenhummel, die Frühlingspelzbiene, die Deichhummel, die Töpferwespe, die Gartenwollbiene und die absolute Lieblingsbiene der Autorin: die Zweifarbige Schneckenhaus-Mauerbiene. Auch Kuckucksbienen und Schwebfliegen, die sich als Bienen tarnen, lernte ich in „Dancing with Bees“ kennen. „Öffnet man nur Augen, Herz und Verstand für das, was einen umgibt, bemerkt man unvermeidlich, was schon immer da war, direkt vor der eigenen Nase, und darauf wartete, sich zu offenbaren.“

Als Kind hat Birgit Howard die Natur geliebt. Es gab Bäume, zu denen sie eine enge Verbindung hatte, sie legte stundenlang draußen Mandalas aus Naturschätzen und sie hatte ihre eigene Kräuterküche, in der sie stets gewerkelt hat. Sie träumte davon, im Mumintal aufzuwachen und mit den Kindern aus „Unsere kleine Farm“ in den Wäldern von Wisconsin zu leben. Auch hätte sie ihren ganzen Jahresvorrat an Brausepulver und „Black Jack“ dafür geopfert, um „nur einen Tag in die Fußstapfen des jungen Naturforschers Gerald Durrell treten zu können“. Doch im Alter von ungefähr dreizehn Jahren verlor sie ihren Anschluss an die Natur, als sie Anfing zu einer Gruppe von Mädchen zu gehören. „Ich habe mich so verzweifelt danach gesehnt, dazuzugehören, dass ich, als es endlich passierte und ich unvermittelt und wie durch ein Wunder dazugehörte, womöglich nicht anders zu reagieren wusste, als der Natur die Tür zu verschließen, ein bisschen so wie jemand, der einem ergebenen alten Freund die Tür versperrt, wenn jemand Neues und Aufregendes im Anmarsch ist.“ Birgit hörte auf, die Natur bewusst wahrzunehmen, und das dauerte so lange bis vor etwa zehn Jahren ihre über zwanzig Jahre währende erste Ehe in die Brüche ging. Zur Ruhe und zu innerem Frieden vermochte sie in dieser schweren Zeit nur mithilfe der Spaziergänge, die sie in der freien Natur unternahm, zu gelangen. Auf diese Weise begann Birgits Rückkehr zur Natur und ihr Herz sollte wieder so stark wie nie zuvor für die Umwelt schlagen. Nicht zuletzt stellte ihr das Schicksal auch schließlich einen Mann zur Seite, der als Gärtner und Imker dieselbe Leidenschaft und Liebe für die Natur empfindet. Mit ihrem zweiten Ehemann, Rob, sollte sie kleine und große Naturabenteuer erleben, von denen wir einige in ihrem Buch nachlesen können. „Je größer mein Interesse an den Bienen wurde, desto bewusster habe ich auch all jene Dinge, die in ihrem Umfeld stattfinden oder sie mit dem Netz des Lebens verbinden, wahrgenommen. Es kommt mir vor, als sei ich auf eine Reise aufgebrochen, eine Reise, die fortwährend größere Kreise zieht, an Fahrt gewinnt und […] ein Eigenleben annimmt.“

Immer wieder plädiert die Autorin für einen umweltbewussten Umgang mit der Natur und gibt uns auch die entsprechenden Tipps. Sie erklärt, wo und welche Pflanzen wir am besten anbauen sollten und welche Auswirkungen diese jeweils auf die bestehenden Bienenpopulationen haben können. Sie räumt auch mit dem großen Missverständnis auf, es wäre die Honigbiene, die wir retten müssten. Es sind die vielen Wildbienenarten, die bedroht sind. Wenn sich jemand in gutem Glauben Honigbienen zulegt, dann trägt er damit vielmehr dazu bei, die Artenvielfalt weiter zu dezimieren. Birgit Strawbridge Howards Buch „Dancing with Bees“ ist somit nicht nur ein sehr informatives Buch über die verschiedenen Bienenarten, die in Europa vorkommen, und auch nicht nur ein berührendes Bekenntnis über die individuelle Rückkehr der Autorin zur Natur, sondern vor allem auch ein wichtiger Ratgeber für so viele von uns, die durch die zunehmende Verstädterung nicht mehr viel Naturwissen haben. Deshalb zögert nicht lange, sondern kauft euch dieses wundervolle Buch und verschenkt es am besten auch weiter. „Und wenn ihr das nächste Mal eine Biene seht, vergesst nicht, ihr zu danken.“

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Veröffentlicht am 10.04.2021

Von Flucht und Sehnsucht, Isolation und Verbundenheit

Inseln
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Inseln üben eine große Faszination auf uns auf. Nicht umsonst stellen wir uns immer wieder die Frage „Was würden wir auf eine einsame Insel mitnehmen?“ Inseln sind auch Sehnsuchtsorte. Wer dem geschäftigen ...

Inseln üben eine große Faszination auf uns auf. Nicht umsonst stellen wir uns immer wieder die Frage „Was würden wir auf eine einsame Insel mitnehmen?“ Inseln sind auch Sehnsuchtsorte. Wer dem geschäftigen Treiben der Stadt entfliehen möchte, träumt sich weit weg auf eine Insel. Doch Inseln können auch Orte der Verbannung sein. Man denke dabei nur an das prominenteste Beispiel Napoleon Bonaparte und St. Helena. Oder Orte der Gefangenschaft. Inseln sind Orte der Isolation. Im positiven wie im negativen Sinne.

„Auf den Andamanen […] wurde mir klar, dass Isolation und Verbundenheit die beiden Energiepole meines Lebens waren. Zum einen der Arztberuf mit seiner Intensität, seinem sozialen Engagement, seinem Logenplatz nah an der ganzen Betriebsamkeit und Brillanz der Menschheit. Und zum anderen die Inselaufenthalte und Polarreisen – mit der Distanz und der Aussicht, die sie bieten, der Chance, sich einer vom Menschlichen einigermaßen entleerten Welt zugehörig zu fühlen, ihrer Stille und dem Raum zur Kontemplation.“

Seit der schottische Arzt und Schriftsteller Gavin Francis denken kann, üben Inseln eine große Faszination auf ihn aus. Seine Insula-philie führte ihn dabei auf die unterschiedlichsten Inseln. So war er beispielsweise als Arzt auf der Antarktis tätig, als Naturschutzwart und Leuchtturmwärter auf der kleinen schottischen Isle of May, als Freiwilligenarbeiter auf Grönland. Er durchwanderte ganze Inseln, schlief im Zelt und suchte Klöster auf. Auf dreißig Jahre des Reisens blickt der Autor in seinem Werk „Inseln“ zurück.

Viele Exkurse aus der Geschichte und Literatur, psychologische und philosophische Fragen, sowie Reflexionen von Personen, die Francis auf seinen Reisen kennenlernte, ergänzen seine eigenen Erlebnisse. [Besonders oft fällt der Name Alexander Selkirk, der 1704 auf einer Insel im Südpazifik ausgesetzt wurde und erst nach vier Jahren und vier Monaten gerettet wurde. Selkirks Geschichte inspirierte Daniel Defoe zu seinem „Robinson Crusoe“]. Ergänzt wird dieses sehr interessante Konglomerat durch schöne Illustrationen. Es ist ein sehr lesenswertes Buch voller Wissen und Erkenntnis.

„Die Insel: eine ganze Welt, auf der die Feinheiten und Komplikationen des menschlichen Lebens en miniature nachgebildet sind? Oder ein Kloster, abgeschottet von der Welt, von der Industriegesellschaft, vom entscheidenden Wirken der Geschichte?

»Bring die Kinder einfach an den Strand«, sagte eine Freundin, »dann vergnügen sie sich selbst.« Sind all diese Inselträume schlicht ein Echo von Kindheitsglück?“

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