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Veröffentlicht am 04.05.2021

Intensiv und berührend

So wie du mich kennst
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Karla arbeitet als Lokaljournalistin in ihrem Heimatdorf in Bayern, ihre jüngere Schwester Marie ist eine bekannte Fotografin, die in New York lebt. Als Marie bei einem tragischen Autounfall ums Leben ...

Karla arbeitet als Lokaljournalistin in ihrem Heimatdorf in Bayern, ihre jüngere Schwester Marie ist eine bekannte Fotografin, die in New York lebt. Als Marie bei einem tragischen Autounfall ums Leben kommt, droht Karla daran zu zerbrechen. Keinem anderen Menschen stand sie so nah wie ihrer Schwester. Als Kinder und Jugendliche waren sie unzertrennlich und auch nachdem Marie weggezogen ist, haben die beiden täglich miteinander telefoniert. Als Karla zur Wohnungsauflösung nach New York fliegt, stößt sie auf dem Laptop ihrer Schwester auf einen Ordner mit schockierenden Fotos. Bedeuten diese Fotos, dass Marie ein Geheimnis mit sich trug, dass sie nie mit ihrer älteren Schwester geteilt hat? „Ich hatte Marie verloren, war nur noch die Hälfte einer Einheit, und weil das nicht reichte, um ein Durchschnittsleben zu erschüttern, hinterließ sie einen Ordner voll mit Bildern, die mir eine Verantwortung zuschoben und Fragen aufwarfen.“

Karla hinterfragt ihre Beziehung zu ihrer Schwester, aber auch diejenige zu ihren Eltern und zu ihrem langjährigen Freund, von dem sie sich kürzlich getrennt hat. Auch die Natur von menschlichen Beziehungen im Allgemeinen sind Gegenstand ihrer Reflexionen. So fragt sie sich, ob sie eine Verantwortung für die Frau trägt, die in der New Yorker Wohnung gegenüber lebt und der Gewalt von ihrem Ehemann angetan wird. Marie hatte ihrerzeit nicht eingegriffen, doch der Grund dafür ist nicht in fehlender Empathie zu suchen. Er rührt von einem persönlichen Trauma, dem wir Schritt für Schritt in den Kapiteln näher gebracht werden, die aus Maries Perspektive geschrieben sind. Karla dagegen ist im Stande aktiv einzugreifen. Langsam nähert sie sich einer fremden Frau, die Hilfe zu brauchen scheint, und gleichzeitig nähert sie sich dem Teil von Maries Geschichte, der für sie bisher im Dunkeln lag.

Neben den vielen wichtigen Themen, die Anika Landsteiner in ihrem Roman behandelt – dem Verlust eines geliebten Familienmitgliedes und wie man mit der Trauer umgeht, der Natur von menschlichen Beziehungen, der alltäglichen Sinnsuche im Leben und der häuslichen Gewalt gegen Frauen – bietet der Roman auch eine tiefgehende Analyse der Stadt New York. Beim Lesen spürt man ganz deutlich, dass die Autorin längere Zeit in New York gelebt haben musste. „Marie hatte einmal zu mir gesagt, dass die Stadt einem nicht dabei half, sich zu finden – sondern vielmehr unter die Arme griff, wenn man sich verlieren wollte. Und doch, dachte ich dann, ist sie die Heimat so vieler Geschichten, in denen sich zwei Menschen verstohlen anblicken. Und sich trauen, einander zu finden.“

Seit ich Anika Landsteiners Sachbuch „Leben wird aus Mut gemacht“ gelesen habe, schätze ich die Autorin sehr. Umso gespannter war ich auf ihr neuestes belletristisches Werk. Ich wurde nicht enttäuscht. Anika Landsteiner hat mit dem Roman „So wie du mich kennst“ ein ebenso intensives wie berührendes Werk geschaffen, das lange nachhallt. Wenn man über die enge Verbindung zwischen den beiden Schwestern Marie und Karla liest, mag man es kaum für möglich halten, dass die Autorin selbst Einzelkind ist. Da ich selbst eine ältere Schwester habe, der ich sehr nahe stehe, konnte ich mich in vielem wiederfinden. Und trotzdem – oder gerade deshalb? – frage ich mich auch manchmal, ob wir beide wirklich alles voneinander wissen. „So wie du mich kennst“ ist ein vielschichtiger, kluger und berührender Roman, den ich jedem nur wärmstens ans Herz legen kann.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.04.2021

Herzerwärmend und inspirierend

Dancing with Bees
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Kaum hat man Birgit Strawbridge Howards Buch „Dancing with Bees. Meine Reise zurück zur Natur“ auf der letzten Seite zugeklappt, möchte man direkt losrennen, sich auf einer Wiese auf den Bauch legen und ...

Kaum hat man Birgit Strawbridge Howards Buch „Dancing with Bees. Meine Reise zurück zur Natur“ auf der letzten Seite zugeklappt, möchte man direkt losrennen, sich auf einer Wiese auf den Bauch legen und stundenlang die Blumen und Tiere, die dort leben, betrachten. Oder auch für ganze Stunden unter einem blühenden Baum verharren und dort das Kommen und Gehen der bestäubenden Insekten beobachten. Früher hätte ich „das Kommen und Gehen der Bienen“ geschrieben, jetzt weiß ich aber, dass auf der Erde mindestens zwanzigtausend verschiedene Bienenarten beheimatet sind und dass nicht nur Bienen und Hummeln für die Bestäubung verantwortlich sind. Dank Brigit Strawbridge Howard habe ich viele faszinierende bestäubende Insekten kennengelernt, wie die Kleine Wiesenhummel, die Frühlingspelzbiene, die Deichhummel, die Töpferwespe, die Gartenwollbiene und die absolute Lieblingsbiene der Autorin: die Zweifarbige Schneckenhaus-Mauerbiene. Auch Kuckucksbienen und Schwebfliegen, die sich als Bienen tarnen, lernte ich in „Dancing with Bees“ kennen. „Öffnet man nur Augen, Herz und Verstand für das, was einen umgibt, bemerkt man unvermeidlich, was schon immer da war, direkt vor der eigenen Nase, und darauf wartete, sich zu offenbaren.“

Als Kind hat Birgit Howard die Natur geliebt. Es gab Bäume, zu denen sie eine enge Verbindung hatte, sie legte stundenlang draußen Mandalas aus Naturschätzen und sie hatte ihre eigene Kräuterküche, in der sie stets gewerkelt hat. Sie träumte davon, im Mumintal aufzuwachen und mit den Kindern aus „Unsere kleine Farm“ in den Wäldern von Wisconsin zu leben. Auch hätte sie ihren ganzen Jahresvorrat an Brausepulver und „Black Jack“ dafür geopfert, um „nur einen Tag in die Fußstapfen des jungen Naturforschers Gerald Durrell treten zu können“. Doch im Alter von ungefähr dreizehn Jahren verlor sie ihren Anschluss an die Natur, als sie Anfing zu einer Gruppe von Mädchen zu gehören. „Ich habe mich so verzweifelt danach gesehnt, dazuzugehören, dass ich, als es endlich passierte und ich unvermittelt und wie durch ein Wunder dazugehörte, womöglich nicht anders zu reagieren wusste, als der Natur die Tür zu verschließen, ein bisschen so wie jemand, der einem ergebenen alten Freund die Tür versperrt, wenn jemand Neues und Aufregendes im Anmarsch ist.“ Birgit hörte auf, die Natur bewusst wahrzunehmen, und das dauerte so lange bis vor etwa zehn Jahren ihre über zwanzig Jahre währende erste Ehe in die Brüche ging. Zur Ruhe und zu innerem Frieden vermochte sie in dieser schweren Zeit nur mithilfe der Spaziergänge, die sie in der freien Natur unternahm, zu gelangen. Auf diese Weise begann Birgits Rückkehr zur Natur und ihr Herz sollte wieder so stark wie nie zuvor für die Umwelt schlagen. Nicht zuletzt stellte ihr das Schicksal auch schließlich einen Mann zur Seite, der als Gärtner und Imker dieselbe Leidenschaft und Liebe für die Natur empfindet. Mit ihrem zweiten Ehemann, Rob, sollte sie kleine und große Naturabenteuer erleben, von denen wir einige in ihrem Buch nachlesen können. „Je größer mein Interesse an den Bienen wurde, desto bewusster habe ich auch all jene Dinge, die in ihrem Umfeld stattfinden oder sie mit dem Netz des Lebens verbinden, wahrgenommen. Es kommt mir vor, als sei ich auf eine Reise aufgebrochen, eine Reise, die fortwährend größere Kreise zieht, an Fahrt gewinnt und […] ein Eigenleben annimmt.“

Immer wieder plädiert die Autorin für einen umweltbewussten Umgang mit der Natur und gibt uns auch die entsprechenden Tipps. Sie erklärt, wo und welche Pflanzen wir am besten anbauen sollten und welche Auswirkungen diese jeweils auf die bestehenden Bienenpopulationen haben können. Sie räumt auch mit dem großen Missverständnis auf, es wäre die Honigbiene, die wir retten müssten. Es sind die vielen Wildbienenarten, die bedroht sind. Wenn sich jemand in gutem Glauben Honigbienen zulegt, dann trägt er damit vielmehr dazu bei, die Artenvielfalt weiter zu dezimieren. Birgit Strawbridge Howards Buch „Dancing with Bees“ ist somit nicht nur ein sehr informatives Buch über die verschiedenen Bienenarten, die in Europa vorkommen, und auch nicht nur ein berührendes Bekenntnis über die individuelle Rückkehr der Autorin zur Natur, sondern vor allem auch ein wichtiger Ratgeber für so viele von uns, die durch die zunehmende Verstädterung nicht mehr viel Naturwissen haben. Deshalb zögert nicht lange, sondern kauft euch dieses wundervolle Buch und verschenkt es am besten auch weiter. „Und wenn ihr das nächste Mal eine Biene seht, vergesst nicht, ihr zu danken.“

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Veröffentlicht am 10.04.2021

Von Flucht und Sehnsucht, Isolation und Verbundenheit

Inseln
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Inseln üben eine große Faszination auf uns auf. Nicht umsonst stellen wir uns immer wieder die Frage „Was würden wir auf eine einsame Insel mitnehmen?“ Inseln sind auch Sehnsuchtsorte. Wer dem geschäftigen ...

Inseln üben eine große Faszination auf uns auf. Nicht umsonst stellen wir uns immer wieder die Frage „Was würden wir auf eine einsame Insel mitnehmen?“ Inseln sind auch Sehnsuchtsorte. Wer dem geschäftigen Treiben der Stadt entfliehen möchte, träumt sich weit weg auf eine Insel. Doch Inseln können auch Orte der Verbannung sein. Man denke dabei nur an das prominenteste Beispiel Napoleon Bonaparte und St. Helena. Oder Orte der Gefangenschaft. Inseln sind Orte der Isolation. Im positiven wie im negativen Sinne.

„Auf den Andamanen […] wurde mir klar, dass Isolation und Verbundenheit die beiden Energiepole meines Lebens waren. Zum einen der Arztberuf mit seiner Intensität, seinem sozialen Engagement, seinem Logenplatz nah an der ganzen Betriebsamkeit und Brillanz der Menschheit. Und zum anderen die Inselaufenthalte und Polarreisen – mit der Distanz und der Aussicht, die sie bieten, der Chance, sich einer vom Menschlichen einigermaßen entleerten Welt zugehörig zu fühlen, ihrer Stille und dem Raum zur Kontemplation.“

Seit der schottische Arzt und Schriftsteller Gavin Francis denken kann, üben Inseln eine große Faszination auf ihn aus. Seine Insula-philie führte ihn dabei auf die unterschiedlichsten Inseln. So war er beispielsweise als Arzt auf der Antarktis tätig, als Naturschutzwart und Leuchtturmwärter auf der kleinen schottischen Isle of May, als Freiwilligenarbeiter auf Grönland. Er durchwanderte ganze Inseln, schlief im Zelt und suchte Klöster auf. Auf dreißig Jahre des Reisens blickt der Autor in seinem Werk „Inseln“ zurück.

Viele Exkurse aus der Geschichte und Literatur, psychologische und philosophische Fragen, sowie Reflexionen von Personen, die Francis auf seinen Reisen kennenlernte, ergänzen seine eigenen Erlebnisse. [Besonders oft fällt der Name Alexander Selkirk, der 1704 auf einer Insel im Südpazifik ausgesetzt wurde und erst nach vier Jahren und vier Monaten gerettet wurde. Selkirks Geschichte inspirierte Daniel Defoe zu seinem „Robinson Crusoe“]. Ergänzt wird dieses sehr interessante Konglomerat durch schöne Illustrationen. Es ist ein sehr lesenswertes Buch voller Wissen und Erkenntnis.

„Die Insel: eine ganze Welt, auf der die Feinheiten und Komplikationen des menschlichen Lebens en miniature nachgebildet sind? Oder ein Kloster, abgeschottet von der Welt, von der Industriegesellschaft, vom entscheidenden Wirken der Geschichte?

»Bring die Kinder einfach an den Strand«, sagte eine Freundin, »dann vergnügen sie sich selbst.« Sind all diese Inselträume schlicht ein Echo von Kindheitsglück?“

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Veröffentlicht am 04.02.2021

Ergreifende Geschichte und wichtiges Zeitdokument

Wo wir Kinder waren
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»Die Fabrik ist das Herz.« Dieser Ausspruch zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben der Langbeins. Eva, die in der einstigen Weltspielwarenstadt Sonneberg gewissermaßen in der Fabrik ihrer Großeltern ...

»Die Fabrik ist das Herz.« Dieser Ausspruch zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben der Langbeins. Eva, die in der einstigen Weltspielwarenstadt Sonneberg gewissermaßen in der Fabrik ihrer Großeltern aufwächst, beherzigt diesen Leitspruch von klein auf. Auf Herz und Nieren prüft sie die Plüschtiere und Puppen der Spielzeugfabrik Langbein und macht ihre Leidenschaft später sogar zu ihrem Beruf, indem sie Spielzeugtesterin wird. Nachdem die Fabrik nach der Wende untergeht und die Hinterbliebenen sich um das Erbe streiten, scheint von der ehemaligen Langbein-Tradition nichts mehr übrig zu sein. Nur in dem alten Familienhaus, das nun vermietet werden soll, hat sich nichts verändert. Als die mittlerweile 52-jährige Eva mit ihrem Cousin Jan und ihrer Cousine Iris das Haus räumt, kehren die drei nicht nur gedanklich in ihre glückliche Kindheit zurück, sondern entdecken auch viele Gegenstände und Dokumente, dank derer sie sich der ehemaligen Familiengeschichte annähern und unbekannte Familiengeheimnisse lüften. Ein wichtiger Fund lässt sie einen weitreichenden Beschluss fassen: Sie wollen das Herz der ehemaligen Spielzeugfabrik wieder zum Schlagen zu bringen.

„Wo wir Kinder waren“ ist Kati Naumanns persönlichster Roman. Darin arbeitet sie ihre eigene Familiengeschichte auf. In Sonneberg, das für seine lange Tradition der Spielzeugherstellung bekannt ist, führten ihre Urgroßeltern die Puppenfabrik Scherf. Aus den Scherf-Puppen wurden im Roman die Langbein-Puppen, die von der Familie Langbein zunächst in häuslichen Verhältnissen und dann in modernen Produktionsstätten hergestellt werden. Die Autorin lässt uns in zwei Handlungssträngen an der Familiengeschichte und der Puppenherstellung teilhaben. Wir erleben chronologisch von 1910 bis 1978 den Aufbau der Puppenproduktion, der mit dem Ehepaar Albert und Mine sowie ihren vier Kindern beginnt und mit dem jüngsten Sohn Otto und seiner Frau Flora samt Kindern und Enkelkindern schließt. Der Erzählstrang, der in der Gegenwart spielt, wird von ebendiesen drei Enkelkindern bestritten: Eva, Jan und Iris – alle drei 1966 zur Welt gekommen. Sie sind die Erben der Spielzeugfabrik, die nach der Wiedervereinigung untergegangen ist und von der scheinbar nur noch einige – in der ganzen Welt verstreute – Puppen übrig geblieben sind. Doch als eine alte Drückerform für einen Langbein-Puppenkopf auftaucht, sind sie im Besitz eines wichtigen Elements, mit dem ein erneutes Aufleben der alten Tradition denkbar wird.

Während des Lesens von „Wo wir Kinder waren“ wird ersichtlich wie viel Arbeit, Liebe und Recherche Kati Nauman in ihren neuesten Roman gesteckt hat. Wie die Autorin in einem Interview berichtet, hat sie viel Archivarbeit betrieben, Wirtschaftsberichte und Fachbücher studiert, ehemalige Zeitzeugen und Spielzeughersteller befragt sowie ihre eigenen Erinnerungen und die Erzählungen ihrer Familienmitglieder, insbesondere ihrer Großmutter, in die Geschichte einfließen lassen. Auch auf einen großen Familienschatz an Dokumenten, Briefen, Fotos, Geschäftsbüchern und Gegenständen aus der Zeit konnte Kati Naumann zurückgreifen. Für die Zeit der Arbeit hat die Autorin wieder in Sonneberg, der Stadt ihrer Kindheit, gelebt. Das Ergebnis davon ist ein berührender Roman, eine spannungsreiche Geschichte und – nicht zuletzt – ein wichtiges Zeitdokument. Ein Werk, das mit viel Liebe und Herzblut geschrieben wurde, was auf jeder Seite zu spüren ist und das es zu lesen lohnt!

„Die Fabrik ist das Herz“, erklärte Albert. „Vielleicht bin ich der Kopf, und ihr seid die Hände, aber die Fabrik ist das Herz, das uns alle am Leben erhält.“

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Veröffentlicht am 06.01.2021

Eine bewegende generationenübergreifende Familiengeschichte

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
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Liebe Leserinnen, liebe Leser, lasst euch nicht von dem Titel und dem Cover des Romans in die Irre führen: Bei Alena Schröders „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ handelt es sich ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser, lasst euch nicht von dem Titel und dem Cover des Romans in die Irre führen: Bei Alena Schröders „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ handelt es sich nicht um einen rührseligen Liebesroman, sondern um eine bewegende generationenübergreifende Familiengeschichte.

Der Roman setzt sich aus zwei Erzählsträngen zusammen: Der erste Erzählstrang spielt in der Gegenwart, der zweite in der Vergangenheit.

Im ersten Erzählstrang lernen wir die 27-jährige Hannah kennen, sie ist Studentin und promoviert im Fach Germanistik, obwohl sie eigentlich gar nicht weiß, was sie vom Leben erwartet. Seit ihre Mutter vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist, befindet sich Hannah in einem Loch der Traurigkeit, aus dem sie, wie es ihr scheint, nur ihr Doktorvater Andreas, für den sie romantische Gefühle hegt, herauszuholen vermag. Das einzige Familienmitglied, das ihr geblieben ist, ist ihre Großmutter Evelyn, die Hannah jede Woche im Altersheim besucht. Als sie eines Tages einen Brief aus Israel auf Evelyns Tischchen entdeckt, in dem es um ein Restitutionsverfahren geht, wird Hannah schlagartig bewusst, dass sie nicht das Geringste über ihre Familie und ihre Wurzeln weiß. Die ohnehin wortkarge Evelyn will über die Vergangenheit nicht sprechen und so muss Hannah versuchen auf eigene Faust Antworten auf immer drängender werdende Fragen zu finden. Nur ein übereifriger Geschichtsstudent, Jörg, steht ihr dabei zur Seite.

Der zweite Erzählstrang beginnt 1923 als die neunzehjährige Senta den ehemaligen Fliegerpiloten Ulrich kennenlernt und ungewollt schwanger wird. Senta und Ulrich heiraten, doch Senta ist nicht glücklich als Ehefrau und Mutter. Nach drei Jahren unglücklicher Ehe lassen die beiden sich scheiden, ihre gemeinsame Tochter Evelyn bleibt bei Ulrich und seiner Schwester Trude. Senta geht nach Berlin, wo ihre beste Freundin Lotte bereits seit drei Jahren lebt, und baut sich eine neue Existenz auf. Zunächst als Schreibkraft und dann als Journalistin lernt sie den Redakteur Julius Goldmann kennen, mit dem sie in zweiter Ehe glücklich wird. Doch ihnen stehen harte Zeiten bevor, als die Nationalsozialisten an die Macht kommen. Den beiden gelingt es rechtzeitig das Land zu verlassen, doch Itzig, Julius‘ Vater, der einen Kunsthandel betreibt, möchte bis zum Ende nicht wahrhaben, was noch bevorsteht.

Alena Schröder ist dem breiten Publikum bereits durch einige Sachbücher bekannt, „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ ist allerdings ihr erstes fiktionales Buch. Dass die Autorin hier mit einem fiktionalen Werk debütiert, mag man kaum glauben, so ausgefeilt ist die literarische Struktur des Romans, so einwandfrei und überzeugend die Figurenzeichnung und deren Innenleben. Ob wir nun in Hannahs, Evelyns, Jörgs, Andreas‘ oder in Sentas, Ulrichs, Trudes, Lottes, Julius‘ oder Itzigs Innenleben eintauchen – jede der Figuren nimmt uns für sich ein. Mag man ihre Beweggründe auch nicht alle nachvollziehen, Verständnis und Empathie empfindet man für jede der Figuren. Obwohl die Autorin ein fiktionales Werk mit „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ geschaffen hat, liest sich der Roman wie eine wahrhafte Familiengeschichte. Was es mit dem Titel auf sich hat, erfährt man auf Seite 90 des Buches. Es ist Sentas Beschreibung eines Bildes von Vermeer, das ihr Schwiegervater ihr schenkte und das sie, zusammen mit den vielen anderen Werken, die die Nationalsozialisten Itzig wegnahmen, wiederzuerlangen versucht. Wie ein roter Faden zieht sich dieses Bild durch die Romangeschichte, es hält die einzelnen Stränge jedoch nur locker zusammen, denn der Kunstraub und das Resitutionsverfahren sind nur der Rahmen für eine Geschichte, die viel Wichtigeres sagen möchte.

Und uns allen eine Botschaft mit auf den Weg gibt: „Vertrauen Sie dem Schicksal. Und folgen Sie den Spuren, aber vergessen Sie nicht, dabei selbst welche zu hinterlassen.“

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