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Veröffentlicht am 09.03.2026

Die historische Reflexion in der Fiktion des "Was wäre gewesen, wenn...?"

Die Iden von Rom
1

“Die Iden von Rom” von Michael Peinkofer stellen ein Geschichtsbuch dar, das, sofern es in der Tat eines wäre, als ein Vorbild für die moderne und anregende Gestaltung von Historie gelten könnte. Vorab ...

“Die Iden von Rom” von Michael Peinkofer stellen ein Geschichtsbuch dar, das, sofern es in der Tat eines wäre, als ein Vorbild für die moderne und anregende Gestaltung von Historie gelten könnte. Vorab kam mir der Gedanke, ob wir uns nicht wahrhaftig mehr mit dem “was wäre gewesen, wenn…” verschiedener großer Ereignisse der Geschichte auch als Reflexion unserer Gegenwart auseinander setzen sollten?!
M. Peinkofer fühlt sich aktiv in das Zeitgeschehen um Gaius Iulius Caesar hinein, erzählt es, solide faktisch aufbereitet und ausgereift weitergedacht, von innen heraus und nicht nur, wie man es zumeist in Bezug auf geschichtliche Berichte erlebt, in Gestalt des distanzierten Zuschauers. Die Dialoge und Begebenheiten kleidet er dabei in eine teils elegante, erhabene, teilweise in eine recht derbe Sprache, die den Geist der Zeit treffend einfangen.
Allerdings wäre es hilfreich gewesen, wenn der Autor einen Glossar zu den lateinischen Begriffen und vielleicht für historisch weniger versierte Leser eine kurze Übersicht bezüglich der Ereignisse erstellt hätte, was tatsächlich nach Caesars realem Sterbedatum geschehen ist. Des weiteren wäre eine geographische Übersicht sinnvoll gewesen, um beispielsweise die Feldzüge visuell verfolgen und die genannten Völker wie die Parther den jeweiligen Herrschaftsbereichen zuordnen zu können.
Das sind Aspekte, welche in gewisser Weise eine etwas begrenztere Leserschaft ansprechen, andererseits den Anreiz schaffen, sich selbst in die Umstände der Geschichte zu vertiefen und eigenständig Recherchen zu betreiben.
Insgesamt ist die Geschichte, besonders der fließende Übergang am Scheidepunkt, den das Attentat auf Caesar bildet, zwischen Fakt und Fiktion sehr gelungen, zumal auch die Persönlichkeiten von Caesar und Brutus besonders markant herausgearbeitet werden.
Der egoistische, berechnende Caesar, welcher sich im Spannungsfeld zwischen dem Selbstbewusstsein seiner göttlich geprägten Herkunft und andererseits der Angst, dass seine Epilepsie, das Element, welches ihn absolut die Kontrolle über sich verlieren lässt, offenbar wird.
Gefühle haben in der Geschichte wenig Platz, wobei es zwei deshalb umso mehr den Leser/die Leserin berührende Szenen gibt, in denen echte, eindringliche Gefühle zwischen innerem Schmerz und Zuneigung gezeigt werden, als Brutus von Porcias Schwangerschaft erfährt und sie kurz darauf aufgrund der Vergiftung verliert sowie der Moment, als er sich mit seiner Mutter Servilia versöhnt und sie in den Arm nimmt. Brutus bildet neben dem politischen überhaupt auch den charakterlichen Gegenspieler zu Caesar, wenn er auch nach dem Attentat seine Bindung zu selbigem innerhalb der Vater - Sohn - Beziehung für die kurze Dauer bis zu Caesars endgültigem Tod zu vertiefen vermag.
Während ersterer nicht auf Macht aus ist, diese sogar geradezu ablehnt, auf die Menschen in seiner Umgebung Rücksicht nimmt, wie man u.a. an der Treue zu Porcia kann, ist Caesar stets auf seinen Vorteil, den Erhalt seiner Macht bedacht. Auch dass Brutus sich darauf besinnt, nicht zum Vatermörder zu werden, zeichnet andererseits auch eine reflektiertere Persönlichkeit von ihm im Gegensatz zu Octavius, der vom Augustus, dem Erhabenen, im Verlauf der realen Geschichte hier zum charakterlichen Verlierer wird, welcher am Ende in den Wirren der Ereignisse in der Versenkung verschwindet.
Am spannendsten zeigt sich natürlich die Entwicklung von und um Caesar als Hauptfigur, während dessen hauptsächliche Denkweise deutlich wird, dass es, wie eindrücklich beschrieben, “Caesar nur um Caesar geht”. Für ihn zählt das Wohl seiner Mitmenschen nicht, denn weder Kleopatra als Objekt zur Befriedigung seines Begehrens noch Calpurnia liebt er wirklich, der er sich, ihrer zunächst überdrüssig, doch wieder zuwendet, nachdem er auch von der ebenso berechnenden Kleopatra genug hat.
Letzten Endes fallen alle Berechnung, sein immenser Egoismus auf Caesar zurück und am Ende wird er von den beiden Frauen, Calpurnia und Servilia, die ihn wirklich geliebt haben, ermordet.
So verendet er trotzdem mit Schmach und relativ still im Gegensatz zu seinem faktischen Tod und ebenso glanzlos vergeht das große Römische Reich. Interessant und gewiss in vielerlei Hinsicht sowohl kulturell als auch politisch für Europa erscheint die Vorstellung, wie es gewesen wäre, wenn Ägypten als Großmacht selbiges anstelle Roms geprägt hätte, dessen Einflüsse und Erbe schließlich bis in die heutige Zeit nachwirken. “Die Iden von Rom” verdeutlichen somit auf eine bemerkenswerte Art und Weise, wie der geringste Augenblick, ein Ja oder Nein zur entsprechenden Zeit, einzelne Entscheidungen den Verlauf der Geschichte massiv und nachhaltig beeinflussen bzw. für ganze Völker verändern können, Gewinner zu Verlierern machen und umgekehrt.
Ich wäre sehr erfreut und gespannt, wenn Michael Peinkofer sich entschließen würde, sich der Reflexion weiterer Gedankenspiele alternativer bedeutender historischer Ereignisse annehmen würde.

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Spannung trifft Unerwartetes, Vielfalt trifft Tiefe

Royal Houses – Haus der Drachen
6

"Royal Houses - Haus der Drachen" von K.A. Linde hat mich vom ersten bis zum letzten Wort fasziniert. Wenn auch die Handlung an sich nicht spektakulär ist, einige solide und bewährte Elemente des Fantasy- ...

"Royal Houses - Haus der Drachen" von K.A. Linde hat mich vom ersten bis zum letzten Wort fasziniert. Wenn auch die Handlung an sich nicht spektakulär ist, einige solide und bewährte Elemente des Fantasy- Romans wie die Liebe zwischen der weiblichen und der männlichen Hauptfigur, Drachen, Gefühl versus Action, Magie, Außenseiter u.ä. gut ein- bzw. umgesetzt werden, steht für mich das Spannungsverhältnis der Charaktere im Vordergrund sowie die Momente der Verblüffung, welche die unerwarteten Wendungen im Leser erzeugen. Denkt man bereits "alles klar", kommt gleich ein "oh, doch nicht" um die Ecke. Geschickt wird ein trügerisches Bewusstsein im geübten Fantasy- Roman - Leser geweckt, das ihn in der Sicherheit wiegt, zu wissen, wie die jeweilige Episode endet nach dem Motto" weibliche Hauptfigur - Außenseiterin - besteht heimlich Prüfung - kämpft, erlebt Abenteuer, gewinnt Drachen, verliebt sich in Prinzen mit anfänglich gegenseitiger Verachtung, etwas Liebeszickerei, Sieg im Abenteuer und in der Liebe, fertig, das Übliche halt". Das Eine oder Andere trifft zu und auch wieder nicht, jedenfalls nicht so, wie man es erwartet.

Während Kerrigan zunächst als die Außenseiterin schlechthin erscheint, die nirgendwo richtig dazu gehört, ihren Platz in einer Gesellschaft sucht, welche sie aufgrund ihres Daseins als Halb- Fae auf den ersten Blick ablehnt und von einer Schwierigkeit in die nächste schlittert, kommt Fordham als der überlegene Prinz daher, oberflächlich elegant, edel, erhaben, abweisend, stolz und geheimnisvoll wirkend.

Die Ereignisse in der Geschichte werden um jene beiden Personen harmonisch herum
arrangiert, wirken teilweise sogar fast nebensächlich. Das ist zum ersten Mal zu bemerken, als Kerrigan die Prüfung zum Turnier bei dem Drachen Gelryn besteht. Man erwartet, dass sie nach einigem Hin und Her des hohen Rates zum Turnier zugelassenen wird und wird zum ersten Mal.enttäuscht, denn außer, dass das Ereignis zwischen Kerrigan und
dem Drachen stattgefunden hat und nur ihnen beiden deren Ausgang bekannt ist, hat die Prüfung scheinbar keinerlei weitere Konsequenzen für eine eventuelle Turnierteilnahme.

Das Thema ist zunächst abgehakt und die Geschichte wendet sich wieder anderen Dingen zu. Dann kommt der Tag der Aufnahme in eins der Hohen Häuser und auch dabei wird Kerrigan und mit ihr gemeinsam der Leser buchstäblich im Regen stehen gelassen. Aber gerade das ist es, was die Geschichte bzw. Kerrigan sympathisch und authentisch macht, dass eben Erwartungen á la "das muss so sein, da kann gar nichts mehr passieren" enttäuscht werden, Ereignisse anders und im ersten Moment nicht positiv ausgehen, unwichtig werden im Strudel der Begebenheiten wie die in die Zeremonie hineingrätschenden Krawalle in der Stadt.

Hier werden ernste Themen wie Ungleichbehandlung, Vorurteile und Rassismus, die Unterteilung der Lebewesen in gesellschaftliche Stände und "Privilegien - Tauglichkeit" aus Sicht der Herrscher behandelt. Nur der gilt etwas, der ein reiner Fae ist und der Hohen Gesellschaft angehört. Menschen und Halb- Fae haben es schwer, darin zu bestehen, besitzen keine oder nur geringe magische Fähigkeiten. Kerrigan als "nur" Halb- Fae straft sie dennoch Lügen als erste Geistwirkerin nach ca. 1000 Jahren mit starken magischen Kräften. Sie, die zuerst Schwierigkeiten hat, ihren Platz zu finden, eröffnet und entfaltet sich dem Leser zunehmend als von ihrem Vater verstoßene Prinzessin, verletzlich, stark und mächtig, jedoch erst mit der Zeit selbige Macht und Stärke kennenlerndend in Fordham, der mit der Zeit zum Spiegel ihrer Seele wird und sie nicht nur trainiert, sondern auch mehr und mehr Kerrigans charakterliche Eigenschaften, helle und Schattenseiten zum Vorschein bringt. Mit ihm, der zu Beginn so klar determiniert wirkte, geschieht wiederum das Gegenteil: Fordham gibt sich vom starken, stolzen Prinzen im Verlauf der Handlung als verletzlichen und vom Haus der Schatten verfluchten Ausgestoßenen zu erkennen, der ebenfalls seinen Platz sucht und am Ende dieser Episode Fragen bezüglich seiner Person und Biographie offen lässt, deren Klärung man im Fortgang der Geschichte erwartet. Auch er scheint sich durch Kerrigan selbst zu begegnen in seiner Verlassen- und Verlorenheit, inneren Zerrissenheit zwischen dem ihn gelehrten Hass auf die Nicht- bzw. Halb- Fae und die von Anfang an existente Anziehung zu Kerrigan, zwischen dem Drang, sich dem Verlangen nach ihr hinzugeben und wiederum im Bewusstsein der Tatsache des auf ihm liegenden Fluches. Fordham will seinen eigenen Weg finden, muss sich selbst noch finden und erweist sich als verantwortungsvoller junger Mann.

Die weiteren Ereignisse folgen einem geradezu intuitiven Handlungsstrang, der Fragen aufwirft, welche im vorliegenden ersten Band noch nicht geklärt werden, vorrangig, warum Kerrigan eigentlich letzten Endes ermordet
werden soll, was wirklich hinter den Absichten der Roten Masken steckt. Auch hier ist man, sollte man anfänglich wieder enttäuscht gewesen sein, dass es sich bei deren Verbrechen "nur" um den illegalen Handel mit Waffen und magischen Artefakten gehandelt habe, nicht wenig überrascht, dass Basem Nix am Ende doch nicht den scheinbar besiegten ultimativen Bösen darstellt, sondern lediglich den Handlanger höherer Mächte abgibt, die noch lange nicht fertig sind mit Kerrigan.

Ebenso überrascht es, dass sie plötzlich über Umwege und überwiegend als Begleiterin Fordhams, nichts als aktive Teilnehmerin doch zu einer der Turnier- Gewinnerinnen und Gewinner geworden ist mit dem nächsten Überraschungseffekt, dass weder der Drache sie wirklich will noch dass sie sich miteinander verbinden können.

Das ansprechend und sehr kreativ gestaltete Cover mit dem Farbeschnitt macht das Lesevergnügen vollkommen.
Insgesamt erweist sich jener erste Band der Saga als beinahe sanfter, aber durchaus spannender, sprachlich überaus gefällig, modern, gut verständlich und trotzdem anspruchsvoll gestalteter und bemerkenswerter Einstieg in eine Geschichte, die Großes erwarten lässt.

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