Die historische Reflexion in der Fiktion des "Was wäre gewesen, wenn...?"
Die Iden von Rom“Die Iden von Rom” von Michael Peinkofer stellen ein Geschichtsbuch dar, das, sofern es in der Tat eines wäre, als ein Vorbild für die moderne und anregende Gestaltung von Historie gelten könnte. Vorab ...
“Die Iden von Rom” von Michael Peinkofer stellen ein Geschichtsbuch dar, das, sofern es in der Tat eines wäre, als ein Vorbild für die moderne und anregende Gestaltung von Historie gelten könnte. Vorab kam mir der Gedanke, ob wir uns nicht wahrhaftig mehr mit dem “was wäre gewesen, wenn…” verschiedener großer Ereignisse der Geschichte auch als Reflexion unserer Gegenwart auseinander setzen sollten?!
M. Peinkofer fühlt sich aktiv in das Zeitgeschehen um Gaius Iulius Caesar hinein, erzählt es, solide faktisch aufbereitet und ausgereift weitergedacht, von innen heraus und nicht nur, wie man es zumeist in Bezug auf geschichtliche Berichte erlebt, in Gestalt des distanzierten Zuschauers. Die Dialoge und Begebenheiten kleidet er dabei in eine teils elegante, erhabene, teilweise in eine recht derbe Sprache, die den Geist der Zeit treffend einfangen.
Allerdings wäre es hilfreich gewesen, wenn der Autor einen Glossar zu den lateinischen Begriffen und vielleicht für historisch weniger versierte Leser eine kurze Übersicht bezüglich der Ereignisse erstellt hätte, was tatsächlich nach Caesars realem Sterbedatum geschehen ist. Des weiteren wäre eine geographische Übersicht sinnvoll gewesen, um beispielsweise die Feldzüge visuell verfolgen und die genannten Völker wie die Parther den jeweiligen Herrschaftsbereichen zuordnen zu können.
Das sind Aspekte, welche in gewisser Weise eine etwas begrenztere Leserschaft ansprechen, andererseits den Anreiz schaffen, sich selbst in die Umstände der Geschichte zu vertiefen und eigenständig Recherchen zu betreiben.
Insgesamt ist die Geschichte, besonders der fließende Übergang am Scheidepunkt, den das Attentat auf Caesar bildet, zwischen Fakt und Fiktion sehr gelungen, zumal auch die Persönlichkeiten von Caesar und Brutus besonders markant herausgearbeitet werden.
Der egoistische, berechnende Caesar, welcher sich im Spannungsfeld zwischen dem Selbstbewusstsein seiner göttlich geprägten Herkunft und andererseits der Angst, dass seine Epilepsie, das Element, welches ihn absolut die Kontrolle über sich verlieren lässt, offenbar wird.
Gefühle haben in der Geschichte wenig Platz, wobei es zwei deshalb umso mehr den Leser/die Leserin berührende Szenen gibt, in denen echte, eindringliche Gefühle zwischen innerem Schmerz und Zuneigung gezeigt werden, als Brutus von Porcias Schwangerschaft erfährt und sie kurz darauf aufgrund der Vergiftung verliert sowie der Moment, als er sich mit seiner Mutter Servilia versöhnt und sie in den Arm nimmt. Brutus bildet neben dem politischen überhaupt auch den charakterlichen Gegenspieler zu Caesar, wenn er auch nach dem Attentat seine Bindung zu selbigem innerhalb der Vater - Sohn - Beziehung für die kurze Dauer bis zu Caesars endgültigem Tod zu vertiefen vermag.
Während ersterer nicht auf Macht aus ist, diese sogar geradezu ablehnt, auf die Menschen in seiner Umgebung Rücksicht nimmt, wie man u.a. an der Treue zu Porcia kann, ist Caesar stets auf seinen Vorteil, den Erhalt seiner Macht bedacht. Auch dass Brutus sich darauf besinnt, nicht zum Vatermörder zu werden, zeichnet andererseits auch eine reflektiertere Persönlichkeit von ihm im Gegensatz zu Octavius, der vom Augustus, dem Erhabenen, im Verlauf der realen Geschichte hier zum charakterlichen Verlierer wird, welcher am Ende in den Wirren der Ereignisse in der Versenkung verschwindet.
Am spannendsten zeigt sich natürlich die Entwicklung von und um Caesar als Hauptfigur, während dessen hauptsächliche Denkweise deutlich wird, dass es, wie eindrücklich beschrieben, “Caesar nur um Caesar geht”. Für ihn zählt das Wohl seiner Mitmenschen nicht, denn weder Kleopatra als Objekt zur Befriedigung seines Begehrens noch Calpurnia liebt er wirklich, der er sich, ihrer zunächst überdrüssig, doch wieder zuwendet, nachdem er auch von der ebenso berechnenden Kleopatra genug hat.
Letzten Endes fallen alle Berechnung, sein immenser Egoismus auf Caesar zurück und am Ende wird er von den beiden Frauen, Calpurnia und Servilia, die ihn wirklich geliebt haben, ermordet.
So verendet er trotzdem mit Schmach und relativ still im Gegensatz zu seinem faktischen Tod und ebenso glanzlos vergeht das große Römische Reich. Interessant und gewiss in vielerlei Hinsicht sowohl kulturell als auch politisch für Europa erscheint die Vorstellung, wie es gewesen wäre, wenn Ägypten als Großmacht selbiges anstelle Roms geprägt hätte, dessen Einflüsse und Erbe schließlich bis in die heutige Zeit nachwirken. “Die Iden von Rom” verdeutlichen somit auf eine bemerkenswerte Art und Weise, wie der geringste Augenblick, ein Ja oder Nein zur entsprechenden Zeit, einzelne Entscheidungen den Verlauf der Geschichte massiv und nachhaltig beeinflussen bzw. für ganze Völker verändern können, Gewinner zu Verlierern machen und umgekehrt.
Ich wäre sehr erfreut und gespannt, wenn Michael Peinkofer sich entschließen würde, sich der Reflexion weiterer Gedankenspiele alternativer bedeutender historischer Ereignisse annehmen würde.