Oliver Pötzsch legt nun schon den vierten Teil seiner "Totengräber"-Krimiserie vor. Der Roman spielt im Jahr 1896, nicht nur die Technik macht riesengroße Sprünge, die der Kriminalpolizei weiterhelfen, ...
Oliver Pötzsch legt nun schon den vierten Teil seiner "Totengräber"-Krimiserie vor. Der Roman spielt im Jahr 1896, nicht nur die Technik macht riesengroße Sprünge, die der Kriminalpolizei weiterhelfen, auch die Kriminellen nutzen den technischen Fortschritt. Im Wiener Prater werden erste Filme gezeigt, erste Filme gedreht. Dass sich die Filmemacher auch den Vorlieben einzelner Kunden zuwenden, ist nicht ungewöhnlich, denn diese zahlen gut.
Zu Beginn des Krimis stirbt zuerst eine Frau bei einem missglückten Zaubertrick und wird zersägt, dann findet die Polizei diverse tote Frauen nahe des Rothschild-Anwesens. In bewährter Manier setzen sich die schon aus den ersten drei Folgen gut bekannten Hauptakteure Inspektor Leopold von Herzfeldt und Reporterin Julia Wolf auf die Fährten der Mörder. Unvermeidlich, dass auch der titelgebende Totengräber Augustin Rothmayer hineingezogen wird in die kriminelle Spirale, die sich immer schneller dreht. Die Hinweise auf antisemitische Ausfälle von Leos Kollegen sind mir manchmal etwas zu vordergründig, aber das stört den Gesamteindruck nicht.
Das Verhältnis von Leo und Julia war ja im dritten Band recht abgekühlt, nun erholt sich die Liebesbeziehung langsam wieder. Im letzten Drittel des recht langen Hörbuchs wird es dann doch noch spannend und die Auflösung erstaunt nicht nur den Hörer bzw. Leser des Krimis, sondern auch auf Kriminalistenseite hat man nicht damit gerechnet.
Fazit: Mit wunderbarem Lokalkolorit, einem Sprecher, der einen im Österreich der K.u.K.-Zeit versinken lässt, charakterlich gut beschriebenen Protagonisten und so mancher unerwarteten Wendung wird man für seine Geduld belohnt. Sehr lang - sehr wienerisch ist dieses Hörbuch, aber auch sehr unterhaltsam.
Dieser Satz „Wir können von Glück sagen.“ rahmt für mich dieses wunderbare Buch ein, umfasst die unfassbaren Schicksalsschläge und Tragödien wie ein leichter, schöner Seidenschal. Es sind oft wiederholte ...
Dieser Satz „Wir können von Glück sagen.“ rahmt für mich dieses wunderbare Buch ein, umfasst die unfassbaren Schicksalsschläge und Tragödien wie ein leichter, schöner Seidenschal. Es sind oft wiederholte Worte von Sasha Colbys Großmutter Irina, die jedes Unglück vergessen machen möchten. Aber der Mensch vergisst nicht.
Sasha Colby ist die Enkelin von Irina, einer ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin, die während des Zweiten Weltkriegs in Wetzlar für die sehr reiche und bekannte Familie Leitz arbeitete. Zuerst in der Verpackungsabteilung für Leica-Kameras, die berühmteste Kleinbildkamera jener Jahre und noch heute teuer und begehrt. Irina spricht Deutsch und hat das unfassbare Glück, im Herrenhaus der Familie eine Anstellung und auch Unterkunft zu bekommen. Unter der Anleitung von Elsie Kühn-Leitz sind hier mehrere Hausangestellte beschäftigt, es herrscht eine angenehme Atmosphäre, die Zwangsarbeiter werden so menschlich behandelt, dass das bereits auffällig ist für die Gestapo und ihre Spitzel. Irina aber kann ihr Glück kaum fassen und auch nur der Gedanke, zurück ins Lager zu müssen, macht ihr Angst.
Sasha Colby hat sich an dieser Lebensgeschichte, die noch weitaus umfangreicher und tragischer wird, als es die ersten Kapitel vermuten lassen, so festgebissen, dass sie nicht mehr davon lassen kann. Recherchen und vorsichtige Befragungen der Großmutter bringen sie auch auf die Spuren der Familie Leitz, insbesondere von Elsie. Diese ist nicht nur eine kluge und weltgewandte Hausdame und studierte Juristin, sie engagiert sich aktiv im Widerstand gegen die Nazis, vor allem durch die unermüdliche Hilfe, die sie den Zwangsarbeitern zukommen lässt. Ihre Verhaftung und Untersuchungshaft hat die Autorin nicht nur bis ins Detail erforscht, sie hat aus Elsies Erinnerungen und ihrer eigenen Phantasie eine romanhafte Lebensgeschichte gemacht. Fern von jedem trockenen Sachbuchstil kann der Leser die Not, die Angst und das zeitweise Verzweifeln unsagbar nah und authentisch fühlen. Die Kapitel über Elsies Haft sind die poetischsten im ganzen Buch. Auch Ernst Leitz II, ihr Vater, nutzt seine Stellung und sein Geld, um Juden und anderen Verfolgten zu helfen, Deutschland zu verlassen und im Ausland, bevorzugt in Orten mit einer Leitz-Niederlassung, Arbeit und Unterkunft zu finden. Dass er damit auch seine Tochter retten kann, ist ein positiver Nebeneffekt.
Die Autorin verfolgt in ihrem Buch die verschiedenen Erzählstränge mit Vehemenz, so kennt der Leser bald nicht nur ihre Großmutter Irina, sondern auch ihren Opa Sergei – mit einer ganz eigenen Geschichte –, folgt dem schweren Start des Onkels Alexandre ins Leben, ihrer wilden, fröhlichen Mutter Lucy und ihrem Vater in die 1970er. Colbys Großeltern gelingt nach Kriegsende – das ist zwar ein Spoiler, aber sicher verzeihlich – die mehrfache Flucht vor den Russen, nicht zuletzt wieder auch mit Hilfe von Elsie bzw. Ernst Leitz II. Die Aussicht, als Vaterlandsverräter in einem russischen Gulag zu enden, hat Colbys Großeltern zu wahren Husarenstücken gebracht, um dieses Schicksal abzuwenden. In Kanada finden beide endgültig eine neue Heimat.
Trotz der tragischen und traurigen Begebenheiten hat dieses Buch etwas Leichtes und die Sprache der Großmutter trägt eindeutig dazu bei, etwas Ironie und Witz zu verbreiten. Ihr nach wie vor gebrochenes Englisch (in der Übersetzung natürlich Deutsch) ist köstlich, der Supermarktbesuch unvergesslich und brachte mich tatsächlich zum Lachen. Es ist anrührend zu lesen, wie sie Stück für Stück ein „bisselchen“ von ihren Erinnerungen an Tochter und Enkeltochter weitergibt. Ich zitiere hier eine passende Textstelle, die gleichzeitig auch von einer perfekten Übersetzung zeugt: „Ich weiß, dass meine Großmutter hart an ihren Geschichten gearbeitet hat. Ich weiß genau, dass ihre Versionen vor allem ein Akt der Bewahrung sind – Wiederholungen, die es ihr ermöglichen, ihre Albträume in Schach zu halten, sorgfältig bearbeitete Sequenzen, die uns schonen und es ihr ersparen, sie uns erzählen zu müssen. In anderen Jahren haben diese redigierten Versionen ausgereicht. Aber jetzt haben die Risse in ihren Geschichten die Gewissheit erzeugt, dass es da mehr gibt.“ (S. 114)
All die Erinnerungen, die recherchierten Details und eigenen Erfahrungen zusammenzusetzen ist für Colby „ein radikaler Akt der Collage“, den sie hervorragend meistert. Die Zeiten werden auf geheimnisvolle Weise vermischt und verknüpft, nichts ist unsicher oder an der falschen Stelle. Die Jahre 1942 bis 1945 mit Irina und Elsie, die Nachkriegszeit mit Irina und Sergei, die 1950er bis 1970er mit Colbys Eltern, die Jahre 2011 bis 2014, die Entstehung des Buches, die Besuche bei der Großmutter und vor allem die Geburt von Tatianna, Colbys kleiner Tochter, damit schließt sich der Kreis.
Und überall im Buch erscheinen auch Nebenfiguren, die mit gelungenen Porträts und Beschreibungen verschiedener Ereignisse in den Ablauf der Geschichte eingewoben sind. Es sind Freunde, die geholfen haben, in allen Lebenslagen Wie sehr das verbindet, kann man hier nachlesen. Besonders berührend fand ich die Szene im DP-Lager, als Milka die unglücklich nach einem Platz suchende kleine Familie samt Kinderwagen in ihr winziges Zimmer einlädt und sie dort zwei Monate wohnen können, zusammen mit ihrem Mann Panas und den beiden Kindern Valja und Laura. Aus Laura wird später Laurie und die Großmutter Irina erzählt noch 2011 begeistert, dass sie sie kennt, seit sie 5 Jahre alt war. Noch immer treffen sie sich alle bei Irinas Familienfesten.
Als ich dieses Buch las, drang im Hintergrund immer wieder der Gedanke an den Ukrainekrieg bei mir durch, wenn ich über die Angst von Irina und besonders von Sergei vor einer Verhaftung durch die Russen und einer Deportation nach Sibirien las, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Für mich ist die Frage, warum die Ukraine niemals aufgeben will und darf, mit diesem Buch klar und deutlich beantwortet. Wer an der heutigen Hilfe zweifelt, sollte sich klarmachen, dass Hass und Abneigung der Russen gegen die Ukraine nicht geringer geworden sind, eher noch stärker. Stalin wollte die Ukraine unterwerfen, Putin will das auch.
Im Englischen ist der Titel des Buches „The Matryoshka Memoirs“ fast noch zutreffender als nur der einfache deutsche Titel „Irina“. Der ursprüngliche Titel zeugt wesentlich stärker von den vielen ineinander verschachtelten Lebensgeschichten, auch wenn Irina im Buch als Hauptfigur angelegt ist, Sasha Colby macht als Erzählerin aus dieser Familiengeschichte ein echte Matroschka-Geschichte. Trotzdem bin ich von der gesamten Übersetzung durch Dieter Fuchs rundum begeistert.
Fazit: Eine viele Generationen und verschiedene Menschen umfassende biografische und (autfiktionale Erzählung, die einmal mehr die Schrecken des Krieges und der Machtausübung beschreibt. Aber auch von Überlebenswillen und viel Liebe zeugt. Sehr lesenswert und informativ zugleich. 100 Prozent Leseempfehlung.
Dieses Buch will alles auf einmal, es will die Stadtgeschichte, die politische Entwicklung, das Privatleben im Nationalsozialismus für den Leser zu einem Ganzen machen. Aber bereits im Vorwort, das hier ...
Dieses Buch will alles auf einmal, es will die Stadtgeschichte, die politische Entwicklung, das Privatleben im Nationalsozialismus für den Leser zu einem Ganzen machen. Aber bereits im Vorwort, das hier VORSICHT heißt, wird deutlich, wie schwierig das ist. Dass Christoph Kreutzmüller und Bjoern Weigel in einem Buch, das die Berlin-Geschichte von 1933 bis 1945 beschreiben wird, bereits in diesem Vorwort ohne zu zögern gendern, hat mich und mein deutsches Sprachgefühl schon sehr beeinträchtigt. Was soll ich als Geschichtsinteressierter mit "Arbeiter*innenschaft" anfangen? So sprach man selbst im Nationalsozialismus nicht.
Trotz dieses anfänglichen Ärgers habe ich mich lange mit dem Buch auseinandergesetzt, musste aber feststellen, dass es sich eher um wissenschaftliche Aufarbeitung von unzähligen Quellen als um ein gut lesbares populärwissenschaftliches Werk handelt. Die Anmerkungen, die mit kleinen Nummern im Text kenntlich gemacht sind, sind in so winziger Schrift gedruckt, dass ich diese nur mit großer Mühe entziffern konnte, ebenso die Sach-, Orts- und Personenregister und das Literaturverzeichnis. Der Anhang hat mir demzufolge auch nicht weitergeholfen. Die Autoren haben die Unterteilung in Themengebiete aus meiner Sicht gut angelegt. Flüssig lesbar fand ich das Ganze nicht, interessante Details aber gibt es zu Genüge. Auch wer sich mit der Thematik schon recht ausführlich beschäftigt hat, wird Neues entdecken.
Fazit: Ein schwieriges Buch, das den "Abriss" der Stadtgeschichte Berlins im Nationalsozialismus gänzlich umfassen will, aber mit dem ich leider nicht warm wurde.
Als ich den Buchtitel „Die Einstein-Vendetta“ las, erinnerte ich mich sofort an den Dokumentarfilm „Einsteins Nichten“ von Friedemann Fromm, den ich 2018 im Fernsehen sah. Schon damals hat mich die Geschichte ...
Als ich den Buchtitel „Die Einstein-Vendetta“ las, erinnerte ich mich sofort an den Dokumentarfilm „Einsteins Nichten“ von Friedemann Fromm, den ich 2018 im Fernsehen sah. Schon damals hat mich die Geschichte der Ermordung von Familienmitgliedern Albert Einsteins in Italien sehr berührt. Nun erscheint über 80 Jahre nach Kriegsende und 81 Jahre nach dem Mord ein Sachbuch des bekannten englischen Autors Thomas Harding, der versucht, die „wahre Geschichte des Mordes“ (siehe Untertitel) zu recherchieren und zu erzählen.
Harding ist nicht der erste, der das versucht, begonnen hatte War Crime Officer Wexler mit der Recherche, nach ihm waren Deutsche, Amerikaner, Italiener auf juristischer Ebene mit dem Fall betraut, aber auch Journalisten versuchten die Geheimnisse zu lüften.
Was war geschehen? Robert Einstein, Cousin und Freund von Albert Einstein, lebte lange Jahre in der Toskana, hatte Ehefrau Nina (geb. Mazzetti) und zwei Töchter, Luce und Cicì, übernahm die Verantwortung für zwei kleine Nichten, Lorenza und Paola, als deren Eltern starben, war ein angesehener Ingenieur und Gutsbesitzer. Und er war Jude. Was für ihn und seine Familie das Leben ab 1938 in Italien höchst gefährlich machte, nachdem auch dort die Rassegesetze analog zu Hitlerdeutschland eingeführt wurden. Trotzdem konnte die Familie Einstein verhältnismäßig ungestört und auch geschützt von den Dorfbewohnern und Arbeitern auf dem Gut Il Focardo in der Nähe von Florenz leben. Als sich schon fast das Ende der deutschen Besetzung abzeichnete, als die Alliierten nur noch wenige Kilometer entfernt waren, geschah das Ungeheuerliche. Die deutsche Wehrmacht suchte nach Robert Einstein, der sich zu den Partisanen in den Wald flüchten konnte, seine Ehefrau, die beiden erwachsenen Töchter und die Nichten blieben im Haus, was für alle als sichere Zuflucht galt. Es war ein tödlicher Irrtum, die Deutschen nahmen alle im Haus angetroffenen Frauen als Geiseln, da sie des Juden Robert Einstein nicht habhaft werden konnten, erschossen sie seine Ehefrau und ihre beide Töchter.
Wer war der Auftraggeber? Gab es einen Auftrag? Sollte Robert Einstein erschossen werden? Wer waren die Vollstrecker? Auch 81 Jahre nach dem Mord sind diese konkreten Fragen nicht geklärt. Und doch kann man sagen, die Auftraggeber waren die Verfasser der Nürnberger Gesetze und die Erfinder der Endlösung, der Auftrag war eindeutig Teil des Plans der Auslöschung der europäischen Juden. Nicht nur in Deutschland kannte man die Sippenhaft, wie sie zum Beispiel bei den Attentätern des 20. Juli 1944 angewendet wurde. Auch im besetzten Italien herrschte dieser Geist. Ob und wer am Ende die Familie verraten hatte, wer der Mordschütze war, das konnte auch Harding nicht belegen. Aber ihm gelingt es, eine Familiengeschichte der Einsteins zu erzählen, die eine Einblick gibt in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und die viele Familienmitglieder und andere Personen anrührend und ehrlich charakterisiert.
Besonders der erste Teil des Buches „Verbrechen“ hat mich sehr gefesselt, als Leser sieht man das Unheil kommen, man weiß natürlich schon vor Beginn des Lesens, was geschehen wird. Aber ist es Thomas Harding gelungen, trotzdem eine hohe Spannung zu erzeugen, die Anspannung in der Familie zu vermitteln und die historischen Ereignisse außerhalb von Il Focardo einzuordnen.
Was Harding nach dem feigen Mord an Nina und den Töchtern im zweiten Teil „Nachspiel“ betrachtet, ist vor allem die Reaktion Robert Einsteins, dem es schier das Herz gebrochen hat. Nur mit Mühe können ihn Freunde vom sofortigen Selbstmord abhalten, verhindern können sie ihn später nicht, zu schwer wiegt für ihn die eigene Schuld. Aber er hat es trotz tiefer Depressionen geschafft, für die beiden Nichten Lorenza und Paola eine Lebensgrundlage zu schaffen. Sie werden es ihm nie vergessen, bis ins hohe Altern sprechen sie voller Liebe von ihm.
Der dritte Teil des Buches „Gerechtigkeit“ beschäftigt sich mit den umfangreichen, sich über viele Jahrzehnte hinziehenden Recherchen, die jedoch eines nicht finden, den wahren Mörder. Ob es tatsächlich eine Vendetta war, die den Cousin von Albert Einstein anstelle seines berühmten Verwandten vernichten sollte, steht nach wie vor als Frage im Raum.
Dass die Ehefrau und die Töchter von Robert Einstein aufgrund ihres jüdischen Ehemanns bzw. Vaters den antisemitischen Eiferern zum Opfer fielen, sehe ich hingegen als Tatsache an. Zumindest die ehrenvollen Gräber in Badiuzza für alle vier, die dort verein ruhen, und das Denkmal lassen an eine Gerechtigkeit glauben, die nicht „Auge um Auge“ errungen ist.
Thomas Harding hat dieses Buch mit einigen Details ausgestattet, die ich gern erwähnen möchte: es gibt einen Stammbaum der Familie Einstein/Mazzetti, man findet einige Karten, die extra für das Buch angefertigt wurden, im Text und am Ende sind verschiedene Fotos abgebildet, die einen Eindruck geben von den Menschen, über die Harding berichtet. Ich lege jedem Leser den Epilog ans Herz, der noch einmal eine hervorragende Zusammenfassung des Gelesenen gibt und auch das persönliche Interesse Hardings an der Familie Einstein und am Holocaust beleuchtet.
Auch der Anhang ist sehr ausführlich und unterstützt den wissenschaftlichen Stil, mit dem das Buch verfasst ist. Trotz der Wissenschaftlichkeit liest sich dieses Buch sehr gut! Ein umfangreicher Index macht es einem leicht, schnell noch einmal zu einer gesuchten Person, einem Ort oder Fakt zu wechseln. Bibliografie und Quellenangaben weisen Interessierten den Weg und zeugen von der umfangreichen Recherchearbeit, die Harding für dieses Buch bewältigt hat. Der eingangs von mir erwähnte Film befindet sich auch darunter.
Fazit: Dieses Buch erzählt nicht nur vom tragischen Schicksal der Familie Robert Einsteins, eines Cousins von Albert Einstein, man erfährt auch sehr viel über die Geschichte Italiens. Insbesondere die Zeit des Zweiten Weltkriegs, die wechselnden Besatzungen, die Befreiung und der Wiederaufbau des verwüsteten Landes werden sehr informativ beschrieben. Lesenswert und aufschlussreich. Gute vier Sterne.
Durch Zufall wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Auf Instagram empfand ich die Frage von Nina Brach, ob es jemanden gibt, der total genervt auf Etiketten oder Aufhänger in Pullover oder Shirt reagiert, ...
Durch Zufall wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Auf Instagram empfand ich die Frage von Nina Brach, ob es jemanden gibt, der total genervt auf Etiketten oder Aufhänger in Pullover oder Shirt reagiert, als hätte sie nur mich persönlich gemeint. Der Aufhänger wurde zum Aufhänger, dass ich mich nun endlich einmal gründlich mit meiner eigenen Sensibilität auseinandergesetzt habe.
Nina Brach erklärt mit erfrischender Emotionalität und Sachkenntnis die verschiedenen Fachbegriffe, zuerst natürlich Hochsensibilität und Hochsensivität. Mit der Erklärung einher gehen praktische Beispiele, die es dem Leser ermöglichen, sich auch selbst ein wenig besser kennenzulernen und zu analysieren. Ich bin 70 Jahre alt, meine Töchter über 50, für jede von uns habe ich im Kopf eine kleine Analyse machen können, die im Ergebnis vier sehr sensible/sensitive Personen mit unterschiedlichsten Ausprägungen und Variationen ergab. Jede hat ihre eigenen hochsensiblen Bereiche, das fand ich wirklich interessant. Wenn mir das Buch vielleicht nicht im Sinne der Autorin zu einer Veränderung meiner Lebens- und Gefühlssituation verhilft, so doch auf jeden Fall zu einem geschärften Blick in Gesprächs- oder Konfliktsituationen.
Das Buch ist in fünf verschiedene Kapitel eingeteilt, wobei jedes für sich sehr erkenntnisreich ist. Für mich persönlich waren vor allem die ersten drei von Bedeutung, die Problematik Kinder betrifft mich eher nicht mehr, es sei denn ich schaue rückblickend noch einmal auf meine jetzt erwachsenen Töchter oder auf die Enkelkinder. Das Beziehungsthema lasse ich hier einmal weg. Darüber gibt es zudem unzählige Ratgeber und Sachbücher, die das auch im Hinblick auf Sensibilität betrachten.
In den einzelnen Kapiteln hat man als Leser die Möglichkeit, für seine eigene Selbstanalyse Fragen zu beantworten oder Strategien zu erarbeiten. Die Frage, was ich an meinen Sensibilitäten als positiv oder bereichernd empfinde, konnte ich leider nur mit „Nichts, sie stören mich und meinen Alltag immer“ beantworten. Da fehlt mir wohl die Hochsensivität.
Für den Alltag habe ich tatsächlich einige Anregungen mitgenommen. Ich stelle hier ein Zitat vor, das ich als guten Ratschlag versuchen werde zu befolgen: „Wichtig dabei ist, dass du lernst, deine Grenzen möglichst frühzeitig zu kommunizieren und nicht erst, wenn das Fass kurz vor dem Überlaufen steht. Dann fühlen wir uns oft so sehr unter Druck oder in die Ecke gedrängt, dass wir explodieren.“
Die Begrifflichkeit der Neurodiversität wird von der Autorin gut dargelegt, ich hatte mich bisher nicht damit beschäftigt, es hat mich auf jeden Fall zum Nachdenken über bestimmte Situationen oder Menschen in meiner gebracht. Etwas zu sehen bedeutet ja nicht automatisch, dass man es auch versteht, hier hilft so eine populärwissenschaftliche Lektüre über bestimmte Wissenslücken gut hinweg.
Die Gestaltung des Buchs, das ich zuerst als pdf-Datei gelesen habe, gefiel mir so gut, dass ich mir zusätzlich das gedruckte Buch bestellt habe. Leider musste ich feststellen, dass es in der Verkleinerung von A4 (gelesen auf iPad Pro) auf ca. A5 als Taschenbuch für mich nicht praktikabel war. Die Schrift des Fließtextes ist in einer sehr kleinen und zudem dünnen Schrift gehalten, die mir auch mit Lesebrille Probleme bereitet. Schade, das digitale Buch fand ich farblich und typografisch sehr gelungen.
Danke, liebe Nina Brach, sagt eine Vielfühlerin! Wenn wieder einmal mein Gedankenkarussel aus dem Ruder läuft, nehme ich gern Deine Ratschläge an und stelle mir dann in Gedanken ein Stoppschild auf. Und mir ist beim Lesen die Idee gekommen, dass es doch für jeden (Leser) hilfreich sein könnte, das Bedürfnisvokabular von Seite 96 einmal in eine persönliche Reihenfolge zu bringen. Das hat mir zumindest klargemacht, dass es von Mensch zu Mensch höchst unterschiedlich ist, was außer den existentiellen Grundbedürfnissen präferiert wird. Daran lässt sich meines Erachtens auch feststellen, ob und wie sensibel/sensitiv der Mensch veranlagt ist. Das Buch ist also nicht nur Ratgeber oder Wegweiser, es lenkt den Blick auch einmal in neue Richtungen, die man allein vielleicht gar nicht beachtet.
Fazit: ein guter Einstieg für jeden, der vermutet, dass er auf Alltagsreize jeglicher Art zu empfindlich reagiert. Die Abgrenzung zu psychiatrischen Erkrankungen (ADHS, Autismus etc.) ist gut zu erkennen.