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Veröffentlicht am 19.11.2016

Ist Selbstjustiz die Lösung?

Wer Furcht sät
1

„Sie wollten Gerechtigkeit.“ [S.20]

Nach einer kurzen Atempause geht es für Max Wolfe direkt weiter mit einem brisanten Fall, der es durchaus in sich hat. Denn kaum ist die grausame Familientragödie ...

„Sie wollten Gerechtigkeit.“ [S.20]

Nach einer kurzen Atempause geht es für Max Wolfe direkt weiter mit einem brisanten Fall, der es durchaus in sich hat. Denn kaum ist die grausame Familientragödie verdaut, kommt eine Welle von Stimmen daher, die der Meinung ist, man müsste dem Gesetz auf die harte Tour zeigen, wo der Hase lang läuft. Selbstjustiz heißt das Zauberwort. Es werden Menschen entführt, vor eine Kamera gezerrt und erhängt. Live.

Eigentlich müsste es das blanke Entsetzen auslösen und zwar nicht nur bei den Ermittlern, sondern bei der gesamten Bevölkerung, die das Treiben auf Youtube anschauen kann. Doch man hält sich dezent zurück. Wieso sollte man auch dagegen sein? Immerhin waren die Ermordeten Menschen, die selbst gemordet hatten. Die selbst anderen Schaden zugefügt hatten und nicht anständig verurteilt wurden. Jetzt kam jemand daher und übernahm jenen Part, den die Justiz nicht schaffte: Gerechtigkeit.

„Ich glaube, da hat gerade jemand die Todesstrafe wieder eingeführt“, sagte ich. [S.30]

Nur leider, ist das nicht ganz regelkonform und so setzen die Ermittler alles daran den Verursacher zu finden. Zudem kommt noch, dass die leitende Chefin Probleme mit ihrem Sohn hat und kurzfristig ausfällt. Somit wird Max Wolfe mit dem Fall beauftragt. Keine leichte Bürde, die er da Schultern muss. Denn selbst innerhalb des Teams spürt er zeitweise die stumme Frage: Warum einschreiten? Die Mörder setzen doch nur den entscheidenden Schlussstrich, den unser Gesetz nicht hinbekommen hat.

Neben dieser großen Gewissensfragen, die sich auch im deutschen Raum öfters aufdrängt und die ich hier nicht anreißen möchte, erhält man noch einen super Einblick in die Historie eines berühmten Henkers. Albert Pierrepoint. Dieser Mann hat tatsächlich gelebt. Er soll allein nach dem Jahre 1945 um die 200 Menschen wegen Kriegsverbrechen gehangen haben und tat dies nicht unter der Hand, sondern offiziell. Das unterscheidet ihn grundlegend von den aktuellen Verbrechen in London. Dennoch muss er als Vorbild herhalten.

„Er stand für Gerechtigkeit – bis zu dem Moment, in dem man die Todesstrafe als gemein und grausam und nicht mehr so angenehm ansah.“ [S.54]

Dieser historische und zugleich informative Einschlag hat mir an diesem dritten Teil sehr gut gefallen. Ich mag es, wenn man etwas lernt, was einen auch selbst interessiert und größtenteils auf wahren Begebenheiten basiert. Max Wolfe hingegen ist hier recht ruhig und plagt sich mit inneren Zweifeln umher. Nicht nur, dass da ein alter Bekannter auf seiner Matte steht, der ihn an vergangene Zeiten erinnert. Auch auf emotionaler Ebene kommt sein Leben etwas ins schwanken und nicht immer hat er den Arsch in der Hose, seinen Mann zu stehen.

Wie jetzt, Wolfe verweichlicht? Nein. Das auf gar keinen Fall! Er ist und bleibt der ruhige Ermittler, was sich in der gesamten Story widerspiegelt. Daher lese ich die Bücher von Tony Parsons so gerne. Er holt einen trotz der dramatischen Ereignisse in seinen Geschichten, immer wieder etwas runter. In diesem Band fehlte mir dennoch das gewisse etwas. Zwar war die Lösung wieder perfekt umgesetzt und gut erklärt. Trotzdem fehlten in meinen Augen Details um alles abzurunden. Zudem waren manche Handlungsstränge einfach überflüssig, unnötig und nicht immer verständlich.

Alles in allem halte ich dieses Buch für lesenswert. Auch, wenn es Abstriche gab und ich ihn als bisher schwächsten Band der Reihe einordnen würde. Ich habe mich von der ersten bis zur letzten Seite unterhalten gefühlt und bereue es nicht, wieder in das Leben von Max Wolfe abgetaucht zu sein.