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Veröffentlicht am 20.03.2025

Grandioses Buch über familiäre Folgen einer Traumatisierung

Die Fletchers von Long Island
2

Ich war von Anfang an in den Bann dieses Buches gezogen. Carl, ein 33 jähriger, reicher, jüdischer Fabrikbesitzer, wird entführt. 40 Jahre später erfährt man, wie dies Spuren bei allen Familienmitgliedern ...

Ich war von Anfang an in den Bann dieses Buches gezogen. Carl, ein 33 jähriger, reicher, jüdischer Fabrikbesitzer, wird entführt. 40 Jahre später erfährt man, wie dies Spuren bei allen Familienmitgliedern hinterlassen hat.

Schon auf der ersten Seite brilliert Taffy Brodesser Akner sprachlich mit „das Wetter hielt sich damals noch weitgehend an die Jahreszeiten“. Sätze, die so plötzlich aus dem Buch hervorsprießt und mit ihrem Witz aber auch ihrer Bissigkeit den Lesefluss unterbrechen ... damit man sich nicht gemütlich in die Geschichte einkuscheln kann, sondern immer wieder wach gerüttelt wird.

Anfangs war ich noch leicht verunsichert und schwankte, ob ich diese humorvolle Beschreibung der tragischen Umstände der Entführung angemessen finde.... um dann aber festzustellen, dass es für mich ein guter Umgang mit einer unaushaltbaren Situation ist. Um nicht fühlen zu müssen.

Und immer wieder diese großartigen Sätze, die einen mit Humor die Tragik um die Ohren hauen: „Die Entführung als kurze Phase, in der der Dibbuk im Getriebe war. Ein Ärgernis, ein Rückschlag, eine Fußnote in der Familiengeschichte. Ein Engpass, wie damals als Bernhards Blinddarm platze, oder der Holocaust“.

Dass die Entführung bei dieser Familie tiefe Wunden hinterlassen hat wird immer wieder deutlich. Carls Frau und seine Mutter hatten gemeinsam das Ziel, „sich auf Carl zu legen, als könnte er wie eine scharfe Handgranate jederzeit explodieren“. Und die Fürsorge von Mutter Frau folgte „einer strengen Hierarchie, was heißt, dass sie sich zuerst um Carl kümmerte, dann um sich selbst (damit sie immer in der Lage war, sich um Carl zu kümmern) ...“. Hier ahnt man, dass wahrscheinlich alle 3 Kinder mit ihren Sorgen und Nöten in ihrer Entwicklung alleine gelassen wurden. Die Entführung und deren Folge scheint alle positive Energie aus der Familie abgezogen zu haben.

„post-traumatisch! wer das Wort erfunden hatte, hatte keine Ahnung. Es gab kein danach.“

Aber die Autorin schafft es immer wieder durch grandiose Sätze die Tragik aus der Geschichte zu nehmen „Marjorie sah aus wie ein ausgefranstes Kabel, wie etwas, das sich stets in einem gefährlichen Zustand der Auflösung befand. .... und das dunkle Haar war verschwunden und durch eine graue Krone wuchernder Drähte ersetzt worden, die ihr vom Kopf abstanden wie abtrünnige Nervenfasern, die auf der Flucht aus dem Gehirn verendet waren“. Was für eine Bildsprache. Gewaltig !

Die Geschichte nahm allerdings immer wieder ein rasantes Tempo auf und ich krallte mich mehr und mehr ins Sofa, wie bei einer Schlittenfahrt, bei der man schon den unausweichlichen Baum vor sich sieht.

Ich kann diesen Roman aufs wärmste empfehlen. Er hat mir humorvolle, nachdenkliche, kapitalismus-kritische, traumasensible und spannende Stunden bereitet.



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