Profilbild von Kittyzer

Kittyzer

Lesejury Profi
offline

Kittyzer ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Kittyzer über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.03.2017

Es gibt gute Zeitreise-Romane und diesen

Forever 21
5

"Ihre Vergangenheit lastet auf Ihnen. Daran werden Sie heute unter Saturn-Einfluss erinnert, wenn Sie auf die Zeichen achten. Eine selbstlose Tat im Dienste der Liebe ermöglicht Ihnen einen Wachstumsprozess. ...

"Ihre Vergangenheit lastet auf Ihnen. Daran werden Sie heute unter Saturn-Einfluss erinnert, wenn Sie auf die Zeichen achten. Eine selbstlose Tat im Dienste der Liebe ermöglicht Ihnen einen Wachstumsprozess. Sorgen Sie dafür, dass die Dornenhecke des schlafenden Bewusstseins durchbrochen wird."
Ava ließ die Zeitung sinken und eine Gänsehaut überzog ihre Arme. Jedes Mal, wenn sie bisher gesprungen war, hatte sie kurz darauf irgendwo ihr Horoskop entdeckt. Stets hatte der erste Satz für ihr Sternzeichen den gleichen Wortlaut: Ihre Vergangenheit lastet auf Ihnen. Beim ersten Mal hatte Ava weder dem Horoskop noch den schicksalsschweren Zeilen eine Bedeutung zugemessen. Ein Fehler, wie sich herausgestellt hatte. Ein sehr schmerzhafter Fehler.
--

INHALT:
Seit die 21-jährige Ava etwas Schreckliches getan hat, wird sie vom Universum - oder etwas anderem Übernatürlichen - dafür bestraft: Sie springt durch die Zeit in die Körper anderer Menschen, um zwei Liebende zusammen zu bringen. Gelingt ihr das nicht schnell genug, verwandelt sich das Blut in ihren Adern in ätzende Säuren, die ihr schlimme Schmerzen bereitet. Als sie schon fürchtet, nie wieder ein normales Leben führen zu können, trifft sie auf Kyran. Dieser lindert nicht nur ihr Leid - er erkennt auch sie selbst und nicht nur den Körper, in dem sie steckt. Doch ihre Liebe scheint unmöglich, schließlich muss sie immer wieder weiterziehen...

MEINE MEINUNG:
Die Reise durch Raum und Zeit - ein Thema, das die Menschheit seit langem fasziniert. Was, wenn man die Vergangenheit ändern könnte? Ava hat genau diese Fähigkeit und gleichzeitig ist diese ein schmerzhafter Fluch. Eine interessante Idee. Aber es gibt eben gute Zeitreise-Romane und dann gibt es da "Forever 21". Auf 288 Seiten wird hier gefühlt jede Idee in die Handlung geworfen, die Lilly Crow je hatte, ob das nun Sinn ergibt oder nicht. Der Schreibstil ist bildlich und teilweise durchaus schön zu lesen, aber viel zu detailreich in den unnötigsten Szenen, während Hintergründe so gut wie gar nicht beleuchtet werden.

Ava ist eine unausstehliche Protagonistin. Sie beschreibt sich selbst als schöne junge Frau, der immer alles zugeflogen ist und die deswegen gemein und arrogant war. Schade nur, dass sich das entgegen ihrer Aussagen kein bisschen verändert hat. Sie ist die wahrscheinlich oberflächliste Hauptfigur, die mir je untergekommen ist, und beurteilt andere Leute grundsätzlich nach ihrer Kleidung und ihrem Aussehen. Ihr Love-Interest Kyran erscheint dagegen zu Anfang wie ein intelligentes Kerlchen und ist mit seiner nerdigen Art durchaus ganz nett. Dann jedoch entwickelt er plötzlich gruselige Stalker-Tendenzen, indem er allen Ernstes eine Spy-App auf ihrem Handy installiert. In dem Moment hatte er alle meine Sympathien verloren. Hinzu kommt, dass er sich, nachdem er Ava für wenige Stunden kennt, in einen kompletten Volltrottel verwandelt, der im Grunde sein gesamtes Leben für sie wegwirft. Nennenswerte Nebenfiguren gibt es nicht, da man keine von ihnen für mehr als 50 Seiten kennenlernt - Ausarbeitung ist da natürlich nicht möglich.

Wer erwartet, dass ein Band der Reihe ein Paar von Liebenden behandelt, das Ava zusammenbringen muss, liegt weit daneben - so wie ich. Tatsächlich werden in diesen nicht mal 300 Seiten ganze vier Zeitsprünge unternommen, wodurch es einem unmöglich gemacht wird, sich an die Situation zu gewöhnen. Der fertige Roman wirkt wie eine Idee, grob skizziert und mit Szenen gefüllt, aber noch ohne das entscheidende Grundgerüst. Vor allem bildet sich schnell ein Schema heraus: Ava gelangt in den neuen Körper, liest ein wenig aussagekräftiges Horoskop, trifft sofort auf die Liebenden und jammert über ihre Situation. Dann schreit sie die Turteltauben einmal kräftig an und schon fallen sie sich in die Arme. Ende der Szene, weiter geht es. Die einzelnen Sprünge sind viel zu kurz, selten länger als einen Tag, wodurch die Handlung schnell sehr gehetzt wirkt. Ava löst ihre Fälle grundsätzlich nur durch Zufall - landet aus Versehen im richtigen Cafè, trifft die entscheidende Person, findet ein Paket mit der Adresse. Sie selbst tut eigentlich nichts außer sich permanent in ihrem Leid zu suhlen.

Den roten Faden muss man schon bald mit der Lupe suchen. Es geht grob darum, dass Ava durch ihre Sprünge bestraft werden soll, aber die gesamten Hintergründe werden absichtlich extrem kryptisch behandelt, Fragen werden keine beantwortet. Als sie Kyran trifft, ist es natürlich eine Verbindung auf den ersten Blick, die für den Leser überhaupt nicht nachvollziehbar ist. Die beiden treffen sich für ein paar Stunden, dann zieht Ava weiter und geboren ist die große Liebe. Die einzelnen Sprünge haben keinen Zusammenhang, außer dass ein Medaillon mehrmals auftaucht, und einen Schmetterlingseffekt durch ihre Taten gibt es schon gar nicht. Warum ein Zeitreiseroman, wenn diese Zeitreisen doch nur loses Beiwerk sind? Das kann wohl nur die Autorin beantworten, für den Leser ergibt das alles nämlich keinen Sinn. Bis zum Schluss erfährt man nichts Tiefgehendes, stattdessen verstricken sich die Hauptfiguren einfach weiter in blödsinnige Aktionen. Dass das Buch dann auch noch abrupt endet, macht es nur noch schlimmer und lässt mit einem unzufriedenen Gefühl zurück. 15€ für ein Buch, das so offensichtlich unfertig ist, sind definitiv zu viel.

FAZIT:
"Forever 21" ist definitiv kein Glanzstück des Zeitreise-Genres. Die Idee ist spannend, aber die Umsetzung furchtbar. Viel zu viel wurde in die wenigen Seiten gepresst, weswegen die gesamte Handlung gehetzt und undurchdacht wirkt. Das Ganze lebt nur von Zufällen und aberwitzigen Dialogen. Hier konnte ich nichts Positives erkennen. 1 Punkt.

Veröffentlicht am 07.06.2017

Detailreich und voller großartiger Charaktere

Rebellion
1

Der ausgedünnte Kreis, in dem Raithe und Malcolm gefangen waren, löste sich schlagartig auf, als die Männer jegliches Interesse an ihnen verloren. Ein Mann, der nur einen Schritt von Raithe entfernt stand, ...

Der ausgedünnte Kreis, in dem Raithe und Malcolm gefangen waren, löste sich schlagartig auf, als die Männer jegliches Interesse an ihnen verloren. Ein Mann, der nur einen Schritt von Raithe entfernt stand, schrie auf und ging zu Boden. Danach gab es kein Halten mehr. In der sie umgebenden Dunkelheit konnte Raithe nichts sehen, aber er konnte die verstörenden Geräusche von knackenden Ästen, gefolgt von Schreien, sehr gut hören.
"Es ist, als würde der Wald sie essen", flüsterte Raithe und drängte sich an Malcolm. Dies war sein schlimmster Alptraum. Der Wald war zum Leben erwacht. Er schaute angestrengt in die Dunkelheit, die nur vom vereinzelt schillernden Mondlicht durchbrochen wurde. Was würde er als Nächstes erblicken - riesige Bäume mit blutverschmierten Mündern? Hungrige Monster? "Ich habe dir doch gesagt, die Götter haben es auf mich abgesehen."
--

INHALT:
Raithe ist einer der sogenannten Rhunes - ein Mensch ohne besondere Fähigkeiten, verarmt und in einem Land, in dem die Götter, die Fhrey, regieren, ohne Wert. Bis er auf der Jagd mit seinem Vater einem solchen Gott begegnet und ihn tötet. Fhrey können also sterben und die Kunde darüber verbreitet sich rasend schnell. Raithe wird als Gottestöter entweder gefürchtet oder bewundert. Doch die Fhrey wollen ein Aufbegehren der Menschheit nicht zulassen und schicken Soldaten aus. Die Rhunes sind in Gefahr, aber nicht jeder will das sehen. Nur Persephone, ehemalige Frau des Stammesführers in ihrem Clan, fasst sich ein Herz und steht für sich und andere ein. Der dunklen Bedrohung, die sich unaufhaltsam nähert, kann auch sie allein allerdings nicht trotzen...

MEINE MEINUNG:
Als Fan des High Fantasy-Genres hat man von Michael J. Sullivan natürlich schon einmal gehört. "The First Empire" ist aber meine erste Reihe von ihm und ich bereue es bereits, nicht früher mit seinen Büchern begonnen zu haben. "Rebellion" ist ein Auftakt, wie man ihn sich wünscht: Beginnend als Einführung, aber schnell an Fahrt aufnehmend, fesselt er mit der in vielen Aspekten originellen Geschichte und dem einnehmenden Schreibstil. Mir sind ein bisschen Wortwitz und pfeilschnelle Oneliner in Fantasy-Romanen wichtig, damit die sonst oft düstere Stimmung etwas aufgelockert wird, und genau das findet sich hier. Unterhaltsame Stunden sind damit garantiert.

Raithe ist die erste Hauptfigur, die man kennen lernt, und seine ruhige, meistens sehr bedachte Art macht ihn direkt sympathisch. Er ist kein Freund vieler Worte und lässt eher Taten sprechen. Er ist ein guter Kämpfer, aber lange nicht der Beste, wodurch er nicht zu perfekt wird. Sein baldiger Weggefährte Malcolm ist sein ziemliches Gegenteil: Eine Plaudertasche, die Wert aufs Aussehen legt und immer einen Spruch auf den Lippen hat. Ebenso oft wie Raithe kommen aber auch die beiden Protagonistinnen Persephone und Arion zu Wort. Erstere war einmal Frau des Clanführers und muss sich nun damit arrangieren, nicht mehr für ihren Stamm entscheiden zu können - besonders jetzt, wo ein Idiot auf dem Stuhl des Herrschers sitzt. Sie ist gewitzt und überaus mutig, kick-ass, ohne je zu kämpfen. Arion dagegen ist eine Fhrey, eine, die die sogenannte Kunst (also Magie) beherrscht und damit sehr gefährlich ist. Genau wie alle anderen Fhrey ist sie arrogant und hält sich für etwas Besseres. Natürlich ist klar, welche Rolle sie spielen wird, aber auch, wenn ihre Wandlung etwas schnell geht, begleitet man sie dennoch gern. Es gibt einige mehr oder minder gut ausgearbeite Gegenspieler, das richtig Böse werden wir aber wohl erst im nächsten Band kennen lernen.

Natürlich ist einem die Geschichte zum Teil bekannt: Wie immer zu Beginn einer High Fantasy-Reihe gibt es verschiedene Handlungsstränge verschiedener Protagonisten, die langsam ineinander verwoben werden. Zum Glück sind die einzelnen Geschichten so interessant, dass das nicht weiter stört, und die Begegnungen werden auch nicht bis zur letzten Seite hinausgezögert. Sullivans Welt, in der ein Krieg vor Jahrhunderten vieles verändert hat und in der gottgleiche Wesen über alles herrschen, ist gut zu verstehen. Der grundlegende Aufbau ist nicht neu, dafür aber detailreich und überzeugend umgesetzt. Zwischendurch gibt es immer wieder fesselnde Kämpfe, aber auch die Dialoge wissen zu begeistern - schon allein, weil sich Männer und Frauen in vielem ebenbürtig sind und es daher zu tollen Gesprächen kommt. Der Schluss wartet mit dem ersten großen Kampf der Reihe auf, der allerdings nur der Grundstein für das noch Folgende ist. Den Fortgang der Geschichte kann ich jedenfalls kaum erwarten.

FAZIT:
Michael J. Sullivans neueste Reihe um das "First Empire" bedient sich bekannten Elementen - es gibt schließlich nur so viele Möglichkeiten in der High Fantasy -, verwebt diese aber mit vielen eigenen und vor allem spannenden Ideen. Besonders begeistern aber die großartig ausgearbeiteten Figuren, bei denen auch viele starke Frauen dabei sind. Ich freue mich nach der "Rebellion" auf das "Zeitenfeuer" im März nächsten Jahres. Sehr gute 4 Punkte.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Düstere Geschichte rund um Edgar Allan Poe

Nevermore
1

Heiseres Geflüster stieg auf der anderen Seite der Tür hoch. Es hörte sie an wie trockene Blätter, die über einem Feuer knisterten. Zuerst begann es ganz leise. So leise, dass Isobel sich nicht sicher ...

Heiseres Geflüster stieg auf der anderen Seite der Tür hoch. Es hörte sie an wie trockene Blätter, die über einem Feuer knisterten. Zuerst begann es ganz leise. So leise, dass Isobel sich nicht sicher war, was für eine Art Geräusch es war oder ob sie überhaupt etwas gehört hatte. Doch dann wurden die Stimmen deutlicher und zischten durch den Spalt unter der Tür. Irgendetwas lachte. Ein flinker Schatten bewegte sich so rasch und behände wie ein Tier.
Isobel fasste Varen am Arm. "Was ist los?"
Vorsichtig machte er ein paar Schritte nach vorne und stellte sich schützend vor sie. "Sie haben uns gefunden."
--

INHALT:
Isobel ist eine beliebte Cheerleaderin mit einem gutaussehenden Freund und einer großen Clique. Als sie bei einem Schulprojekt dem Außenseiter und Goth Varen zugewiesen wird, ist sie danatürlich nicht sonderlich erfreut. Doch wider Erwarten verstehen sich die beiden gut, so gut, dass Isobel beginnt, Gefühle für ihn zu entwickeln. Aber Varen hat ein dunkles Geheimnis voller Abgründe und Dämonen und Isobel wird immer weiter darin verstrickt. Schatten manifestieren sich und sie ist sich nicht mehr sicher, wem sie eigentlich trauen kann. Schließlich ist sie die Einzige, die Varen noch retten kann - aber wie?

MEINE MEINUNG:
Der Einstieg in Kelly Creaghs Fantasyroman "Nevermore", dem ersten Teil einer Trilogie, gestaltet sich relativ typisch für ein solches Buch: Die beliebte, blonde Protagonistin wird einem Außenseiter für ein Projekt zugeteilt und stellt fest, dass dieser viel liebenswerter ist als gedacht. Nach kurzer Zeit allerdings wird schon klar, dass sich das Buch dennoch absolut abhebt - denn hier geht es weitaus düsterer zu als man es möglicherweise gewohnt ist. Auch der Schreibstil ist anders, voller wunderschöner, detailverliebter, aber keineswegs ermüdender, Beschreibungen erschafft die Autorin eine ganz eigene und faszinierende Welt, die völlig in den Bann zieht.

Isobel ist zwar eigentlich die stereotype, gutaussehende und beliebte Hauptperson, ihr Charakter jedoch ist da ganz anders. Von Anfang an ist sie absolut sympathisch, liebenswürdig und mutig. Eingangs sträubt sie sich noch dagegen, dass sie Varen so viel mehr mag als ursprünglich angenommen, dies wird aber nicht zu einem ewigen Monolog ausgebaut. Außerdem ist sie in der Tat clever, wenn sie auch beinahe nie auf das hört, was andere ihr sagen. Varen ist komplett untypisch: Weder der perfekte Sunnyboy, noch auf irgendeine konventionelle Art der Herzallerliebste. Stattdessen trägt er schwarz, hat ein Lippenpiercing und ist schweigsam. Doch trotzdem hat er eine Ausstrahlung und eine Art, die weibliche Leser - mich eingeschlossen - ungewollt zum Quietschen bringt.

Aber auch die Nebencharaktere lassen absolut nicht zu wünschen übrig. Im Laufe der Handlung freundet sich Isobel mit ihrer Spindnachbarin Gwen an, einem freundlichen, hilsbereiten und witzigen Mädchen, das es sich nicht nehmen lässt, sich des Öfteren mal in allerlei Dinge einzumischen. AuchIsobels Exfreund, der zwar rau ist und sich Varen gegenüber unmöglich verhält, überzeugt dadurch, dass trotzdem klar wird, dass er Isobel liebt und all dies nur aus diesem Grund tut. Jede der Figuren wurde mit festen Strichen gezeichnet und besitzt einen entsprechenden Platz im Buch, weshalb keine auch nur ansatzweise überflüssig oder eindimensional wirkt.

Die Geschichte selbst ist so ganz anders als man es von Fantasy-Jugendbüchern gewohnt ist und kann damit von Anfang an in den Bann ziehen. Zwar muss sich Isobel anfangs von ihren Vorurteilen und Freunden, die keine Freunde sind, lösen, doch danach überschlagen sich die Ereignisse. Sie lernt Varen kennen und seine Lebensumstände, erfährt, dass er eine Vorliebe für Poe und dessen Texte hegt sowie daran glaubt, dass ein Poltergeist in dem alten Buchladen haust, den die beiden aufsuchen. Dabei ist die Atmosphäre wunderbar geheimnisvoll, dicht und auch ein wenig gruselig, während immer wieder die Gedichte und Geschichten des alten Schriftstellers sowie sein Leben in die Handlung eingebunden werden. Vorwissen ist hier nicht nötig - es wird alles perfekt erklärt, sodass zu keiner Zeit Fragen aufkommen.

Die Liebesgeschichte entwickelt sich langsam, aber stetig, und die kribbelnden Gefühle von Isobel für Varen reißen den Leser komplett mit. Hier wird es nicht schnulzig oder gar kitschig und auf ein Liebesgeständnis muss lange gewartet werden - doch genau das ist es, was das Ganze so besonders macht. Aber auch die Story schreitet mit steigender Seitenzahl immer weiter voran, wird spannender, atemberaubender und bewegt sich kontinuierlich auf einem hohen Level der Schreibfähigkeit. Geschickt versteht es Kelly Creagh, einige Fragen zu beantworten und wieder neue aufzuwerfen, während sie Poes Welt und die Realität miteinander verbindet. Dies endet in einem überraschenden und schockierenden Ende, das nicht direkt ein Cliffhanger ist, aber den Leser so mitnimmt, dass das Warten auf Band 2 wie eine lange, lange Qual erscheint. Her mit dem im August diesen Jahres erschienenen "Enshadowed", denn ich kann es kaum noch erwarten!

FAZIT:
"Nevermore" hat wunderbare Charaktere, einen tollen Plot und ist wahnsinnig spannend - so spannend, dass ich den ganzen Wälzer an einem Tag gelesen habe. Von diesem wunderbaren Buch ist das Losreißen fast unmöglich! 5 Punkte, meine uneingeschränkte Empfehlung und ganz sicher eines der Highlights dieses Jahres!

Veröffentlicht am 10.04.2019

Ein Anti-Held kämpft sich um Kopf und Kragen

Im Zeichen des Raben
0

Der Leichtsinn meines Vorhabens hatte einen weniger bitteren Beigeschmack als erwartet. Im Grunde trog der Eindruck, dass ich eine Wahl getroffen hatte. Ob aus Sentimentalität oder aufgrund meiner Intuition, ...

Der Leichtsinn meines Vorhabens hatte einen weniger bitteren Beigeschmack als erwartet. Im Grunde trog der Eindruck, dass ich eine Wahl getroffen hatte. Ob aus Sentimentalität oder aufgrund meiner Intuition, ob Ezabeth recht hatte oder nicht: Ich war auf ihrer Seite gewesen, seit sie wieder in mein Leben getreten war. Ich hatte nur bis jetzt gebraucht, um mir das einzugestehen. Dass Ezabeth Widersacher hatte, war nicht nur ein Theorem. In dieser Nacht hatten ihre Feinde versucht, sie aufzuhalten. Falls sie an sie herankämen, würden sie sie töten.
Ich saß die ganze Nacht mit dem Gesicht zur Tür, das Schwert über die Knie gelegt.
Sollten sie es nur versuchen.
--

INHALT:
Ryhalt Galharrow ist Hauptmann der Schwarzschwingen - einer Truppe von Söldnern, die dem Befehl des "Namenlosen" Krähfuß unterstehen, einem mächtigen Zauberer. Meistens jedoch ist diese Arbeit nicht so ehrenhaft wie sie klingt - teilweise gibt es jahrelang kein Lebenszeichen von dem Magier, und bis dahin müssen sich Galharrow und seine Kumpanen so über Wasser halten. Alles ändert sich, als er auf einer seiner Kopfgeldjagden plötzlich die Botschaft erhält, eine bestimmte Adlige zu retten und zu beschützen. Und nicht nur irgendeine: Ezabeth Tanza ist seine Jugendliebe, und noch dazu eine äußerst mächtige Zauberin. Sie hat Informationen, die schnell sehr wichtig werden. Denn diese könnten bedeuten, dass die Könige aus der Tiefe, die schon lange nach der Vereinnahmung der Menschheit trachten, einen neuen Vorstoß wagen...

MEINE MEINUNG:
Ambitionierte Fantasy-Debüts gibt es viele, aber selten funktionieren sie so gut wie Ed McDonalds "Im Zeichen des Raben", Band 1 seiner Trilogie um das "Raven's Mark". Dass man hier etwas Besonderes in den Händen hält, wird schon sehr schnell klar, denn die Geschichte beginnt direkt im sogenannten Elend, einem magieverseuchten Gebiet voller gefährlicher Kreaturen. Protagonist Galharrow erzählt von seinen Erlebnissen aus der Ich-Perspektive - ungewöhnlich für das Genre. Nicht nur deswegen hat mich der gesamte Roman positiv an die "Greatcoats"-Reihe von Sebastien de Castell erinnert, nur in düsterer und schmutziger.

Vor allem aber ist Galharrow kein wirklicher Held und schon gar kein atemberaubendes Talent, was sehr erfrischend ist. Er ist ein guter Kämpfer und die Mitglieder seiner Söldner-Truppe sind ihm wichtig, aber er ist auch ein starker Trinker und nicht unfehlbar. Seine Vergangenheit, in der er in seiner Familie in Ungnade gefallen ist, macht ihm noch immer zu schaffen, und dass er sich als Schwarzschwinge zu einem Leben im Dreck verpflichtet hat, macht es nicht besser. Mit seinem daraus resultierenden schwarzen Humor und seiner Trinkfestigkeit kann es seine Kumpanin Nenn eindeutig aufnehmen - sie hat vieles verloren, unter anderem ihre Nase, lässt sich aber nie unterkriegen und wäscht ihrem Freund auch mal gehörig den Kopf. Außerdem ist da noch Tnota, quasi der Reiseführer der Gruppe, der nicht kämpft, aber immer den Weg kennt, und die Zauberin Ezabeth. Sie ist mächtig, intelligent und gezeichnet von ihrer Kraft, was sie zu einer schwierigen Person macht. Sie will keine Schwäche zeigen, wirkt aber sehr zerbrechlich. Dafür, dass sie so mit ihrem Äußeren hadert, ging ihre Entwicklung zum Ende hin etwas schnell, trotzdem ist sie eine spannende Figur voller Überraschungen.

Und diese Überraschungen finden sich auch in der Handlung wieder. Das beginnt schon bei der Magie, die den Roman durchzieht, sich aber oft im Verborgenen hält: Neben den Königen aus der Tiefe, die die Welt an sich reißen wollen, gibt es die Namenlosen, mächtige Zauberer und vollkommen undurchschaubar - und Lichtspinner wie Ezabeth, die aus dem Schein der Monde Energie für ihre Zauber weben können. Die Welt kann man von der Komplexität und den Laufwegen der Figuren her ein wenig mit der Welt des "Witchers" vergleichen - sie ist aber noch deutlich schmutziger. Nicht nur wird das von Magie zerstörte "Elend" des Landes geplagt von schaurigen und gefährlichen Kreaturen, auch in den Städten treiben Anhänger der Könige ihr Unwesen. Inmitten immer der Protagonist Galharrow, der dabei noch zusätzlich in die Machenschaften von Magiern, Adligen und Offizieren hinein gezogen wird. Mir persönlich hätte seine Obsession mit Ezabeth etwas weniger Raum einnehmen können - andererseits ist diese überhaupt erst der Auslöser vieler Geschehnisse. Beinahe durchgehend bleibt das Ganze spannend, immer wieder durchsetzt von bissigem Witz und dem ein oder anderen Plottwist. Das Ende ist zwar in sich stimmig, lässt aber noch ein paar Fragen offen - wie gut, dass Band 2 im Original schon erschienen ist.

FAZIT:
Ed McDonalds Welt in "Im Zeichen des Raben" ist düster, schmutzig und brutal - nichts für zarte Gemüter also. Der Protagonist kämpft sich durch eine Welt, die ihm nicht positiv gesinnt ist, und versucht dabei größtenteils einfach, am Leben zu bleiben. So wird die Spannung kontinuierlich hoch gehalten, und die wenigen Kritikpunkte tun dem Vergnügen kaum einen Abbruch. Verdiente 4 Punkte!

Veröffentlicht am 19.02.2019

Die komplexe Fantasy-Saga geht weiter

Das Echo der Zukunft
0

Erran wandte sich ihm zu. "Du bist nicht zu unserem Treffen erschienen."
Davian deutete zum Tol. "Ich war damit beschäftigt, nicht zu sterben. Tut mir leid."
"Trotzdem ein bisschen unhöflich." Erran grinste ...

Erran wandte sich ihm zu. "Du bist nicht zu unserem Treffen erschienen."
Davian deutete zum Tol. "Ich war damit beschäftigt, nicht zu sterben. Tut mir leid."
"Trotzdem ein bisschen unhöflich." Erran grinste ihn matt an und richtete seine Aufmerksamkeit erneut auf Fessi, die sich aufrichtete. Davian brauchte den Kanstrang nicht eigens zu sehen, um zu wissen, dass sie miteinander kommunizierten.
Nach einigen Sekunden nickte Fessi zögerlich, und Erran wandte sich wieder Davian zu. "Also. Dann wollen wir mal dafür sorgen, dass dir das nicht noch mal passiert", sagte er leise.
--

INHALT:
Die Schlacht gegen die Blinden hat der Augur Davian mithilfe seiner Freunde und vieler mutiger Kämpfer knapp gewonnen und so das Land Andarra vor dem frühzeitigen Untergang bewahrt. Doch die Gefahr ist nicht gebannt: Die Barriere, die die Monster der Dunklen Lande fernhalten soll, droht zusammen zu brechen. So macht sich Davian mit einigen Verbündeten dorthin auf, während sein Freund Werr versucht, sein Amt als Nordwächter zu verteidigen, und seine Freundin Asha, mehr über die sogenannte Shadraehin zu erfahren, die irgendetwas zwischen Freund und Feind zu sein scheint. Gleichzeitig macht sich Caeden daran, seine Erinnerungen wieder zu erlangen, um herauszufinden, was genau sein Plan ist - und auf welcher Seite er selbst überhaupt steht...

MEINE MEINUNG:
Nachdem James Islington mit seinem Debüt 2014 gezeigt hat, dass er direkt auf Anhieb mit den ganz großen der High Fantasy mithalten kann, beweist er nun mit Band 2 seiner Saga, "Das Echo der Zukunft", dass er sogar fähig ist, diese Qualität zu halten. Nach großen, erschreckenden Enthüllungen zum Ende des ersten Teils startet dieser mit einer Zusammenfassung aller Ereignisse. Das ist ein erster großer Pluspunkt, denn seien wir mal ehrlich: Wer kann sich nach über einem Jahr noch an 700 Seiten Geschehen erinnern? So fehlt mir zwar noch immer eine Karte, um mich in den einzelnen Gebieten besser zurechtzufinden, zumindest kann ich mich aber wieder an die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander erinnern.

Protagonist Davian hat sich inzwischen daran gewöhnt, ein Augur zu sein, und trainiert nicht nur seine Fähigkeiten, sondern versucht auch mehr über die Barriere herauszufinden, und wie man ihren Zusammenbruch aufhalten kann. Allerdings sind seine Kapitel in diesem Teil deutlich seltener, weswegen er eine geringere Entwicklung erfährt als zuvor. Dafür kommt insbesondere Caeden zu Wort, dessen Abschnitte zu großen Teilen aus Erinnerungen bestehen. So erfährt man einiges über seine Vergangenheit, kommt seinem wahren Ich immer näher - allerdings ist das auch relativ verwirrend, wenn einzelne auftauchende Personen einem kaum bekannt sind. Werr und Asha, die besten Freunde von Davian, halten sich derweil größtenteils in der Hauptstadt in der Administration auf, gehen aber vollkommen unterschiedliche Wege. Dadurch erfahren sie auch getrennt von einander Dinge, und eventuell aufkeimende Langeweile wird umgangen.

Wie schon im ersten Teil braucht das Buch aber seine Zeit, um in Schwung zu kommen. Bei mir sind seit dem Lesen des Vorgängers fast anderthalb Jahre vergangen, weswegen ich die ersten 100-200 Seiten gebraucht habe, um mich in Andarra wieder wirklich heimisch zu fühlen. Erneut sind die Freunde in alle Winde zerstreut, was ein wenig schade ist, weil sie gemeinsam eine tolle Dynamik besitzen - dafür treffen sie alle auf weitere interessante Charaktere, die sie auf ihren Reisen unterstützen (oder behindern). Immer noch ist es schwierig, Gut von Böse zu unterscheiden, vor allem, weil es so viele Graustufen gibt. Das ist es auch, was die Reihe ausmacht: Dass jeder der Charaktere gezwungen ist, auch gegen die eigene Moral zu entscheiden, wenn es sein muss. Wie schon im Band zuvor werden die einzelnen Stränge zum Ende hin wieder logisch miteinander verwoben, und darüber hinaus kommt es nicht nur zu ein paar Überraschungen, sondern auch zu wirklich spannenden Actionszenen. Man fragt sich, wie der Autor das alles in einem letzten Teil zu einem würdigen Abschluss bringen will - aber spätestens jetzt habe ich keine Zweifel mehr daran, dass er das schafft.

FAZIT:
James Islington ist ein noch relativ neuer Autor - aber das merkt man ihm kaum an. Nicht nur die Welt seiner "Licanius"-Trilogie ist komplex und faszinierend, auch seine Charaktere wissen zu begeistern. Mir fehlte etwas der Schwerpunkt auf Protagonist Davian, der meine liebste Figur ist, und es gibt durchaus ein paar Längen - aber der großartige Schluss entschädigt dafür. Für High Fantasy-Fans ist die Reihe definitiv einen Blick wert! 4 Punkte.