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Veröffentlicht am 21.11.2025

Eine kalte Leiche aus dem Kalten Krieg

Im Schatten der Revolte
1

Versierte Krimileser wissen das schon längst! Aber vorweg: was ist ein Cold Case? Cold Case , ein kalter Fall, ist ein ungeklärtes Tötungsdelikt. In Deutschland gibt es mehr als 3000 davon. Marilyn Monroe, ...

Versierte Krimileser wissen das schon längst! Aber vorweg: was ist ein Cold Case? Cold Case , ein kalter Fall, ist ein ungeklärtes Tötungsdelikt. In Deutschland gibt es mehr als 3000 davon. Marilyn Monroe, Van Gogh, Rosemarie Nitribitt…- alles Cold Cases. Normalerweise werden sie, wenn überhaupt, im Zuge von ermittlungstechnischen Fortschritten wieder aufgegriffen (Gen Analyse) und möglicherweise aufgeklärt.
Ganz anders in dem vorliegenden Krimi: Ausgangspunkt ist nicht, dass ein ungeklärter Fall aufgrund neuer Erkenntnisse aufgerollt wird, Ausgangspunkt ist, dass eine fast 50-jährige Leiche bei Räumungsarbeiten überraschend gefunden wird. Sie ist in einer Tiefkühltruhe mumifiziert, sozusagen ein kalter Fall mit einer kalten Leiche!. Die „Wachsleiche“ einer jungen Frau - darauf muss man erst einmal kommen! Es spricht für die lebendige Phantasie und Vorstellungskraft der Autorin, die sich durch das ganze Buch ziehen, und es sehr abwechslungsreich machen.
Es ist für einen Kriminalroman mit 459 Seiten lang, aber es kommt keine Langeweile auf. Der Umfang erklärt sich aus der Fülle der Figuren, die jede für sich mit ihren persönlichen Eigenschaften, ihren Problemen und Erwartungen dargestellt werden. Der Fall ist immer präsent, aber neben dem eigentlichen Kriminalgeschehen setzen uns Leser auch die Akteure vor allerlei private und persönliche Rätsel. Und deren gibt es viele: Drei – ganz unterschiedliche -Ermittler, die Hauptkommissarin Evelyn, eine Frau als Chef, der ihr nachgestellte Hakim, mit arabischen Wurzeln und die berufstätige Mutter Betsy; eine Senioren WG von vier ehemaligen Angehörigen der Studentenbewegung, darunter die Schwester der Toten; ein junger Heimbewohner, den die Suche nach seiner Familie im ganzen Roman umtreibt (man ahnt es: irgendwie verwandt); ein Professor der Musik, vormals Maoist in Westberlin; ein Rentner, vormals Kommunist in der DDR, eine Krankenschwester, die früher mit der RAF sympathisierte und noch mehrere Neben- und Randfiguren. Eine Woche dauern die Ermittlungen, und an jedem Tag erleben wir den Fortschritt der Untersuchungen, vollziehen aber auch private Sorgen und Hoffnungen der Akteure mit und können Anteil an ihrem Leben nehmen. Eigentlich ist es nicht eine, es sind fünf bis sieben Geschichten, an denen wir teilhaben.
Wie man sich denken kann, geht es auch bei der Lösung des Falls mit so vielen Figuren reichlich hin und her. Falsche Pfade werden gelegt, Verdächtige Schritt für Schritt entblättert, mühsame Recherchen beschrieben, üble Intrigen aufgedeckt - es bleibt spannend. Nicht alle Fragen werden gelöst, aber der Kriminalfall schon, und darauf kommt es ja an! Ich fand das Buch fesselnd und habe es flott durchgelesen.
Was mir allerdings nicht eingeleuchtet hat: Die Autorin wollte, wie sie schreibt, einen Roman schreiben, der die 68er Studentenbewegung einfängt. Ich habe diese Zeit erlebt und für mich war es ein lebendiger Aufbruch zur Demokratie, das Durchbrechen der verkrusteten Strukturen der Adenauergesellschaft, der Einstieg in den Feminismus und der Kampf um den Frieden – eine Bewegung mit vielen fröhlichen und befreienden Seiten. Diesen Eindruck vermittelt der Roman nun gar nicht; die Bewegung wird nach 50 Jahren durch die zeitgenössischen modernen Ermittler distanziert dargestellt und die Protagonisten aus der Zeit sind in der Mehrzahl unsympathische schillernde Figuren, RAF, Stasi, Mädchenverführer, Mörder…Auch spielte die Stasi damals keine besondere Rolle; geheimdienstlich war vor allem der Verfassungsschutz tätig. Rudi Dutschke wurde von ihm eng überwacht und der Spitzel und agent provocateur Peter Urbach verkaufte Sprengsätze und trug zur Radikalisierung bei.
Aber das ist dichterische Freiheit – wie sonst hätte es ein Ost-West-Krimi werden können!

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