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Veröffentlicht am 03.07.2020

Gut recherchiert und locker-leicht erzählt

Unter den Linden 6
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Inhalt: Berlin 1907: Lise, Anni und Hedwig. Drei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten kämpfen mit großen Veränderungen in ihrem Leben. Lise hat in Wien ihr Physikstudium beendet und kommt nun ...

Inhalt: Berlin 1907: Lise, Anni und Hedwig. Drei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten kämpfen mit großen Veränderungen in ihrem Leben. Lise hat in Wien ihr Physikstudium beendet und kommt nun nach Berlin, um unter Max Planck ihr Wissen zu erweitern. Anni tritt in einer völlig unbekannten Umgebung eine neue Stelle als Dienstmädchen an und Hedwig will sich in Abwesenheit ihres Mannes endlich den Traum eines Studiums an der Berliner Universität erfüllen und das, obwohl es Frauen zu dieser Zeit in Preußen noch nicht erlaubt ist sich zu immatrikulieren.
Allen drei steht ein steiniger Weg bevor, der von Kämpfen und Rückschlägen geprägt ist. Besonders Lise muss sich behaupten, da sie immer im Schatten von Otto Hahn steht.

Leseeindruck: Auf den ersten Blick mag dieses Buch einfach nur seichte Frauenunterhaltung sein, natürlich mit einer Portion Herzschmerz und am Ende besten Falls mit Happy End. Tja, Herzschmerz findet man zu Hauf und auch die weiblichen Protagonistinnen sprechen wohl eher Frauen an, alles andere ist aber ganz weit weg von einem einfach gestrickten Unterhaltungsroman.
Die Figur der Lise ist der realen Person Lise Meitner nachempfunden und zeichnet ihren Lebens- und Studienweg in Berlin nach. Lise Meitner war eine hochbegabte und auch fleißige Pysikerin, die Zeit ihres Lebens im Schatten von Otto Hahn stand. Auch ich gehöre leider zu den Personen, denen Otto Hahn durchaus ein Begriff ist, die aber mit Lise Meitner nichts anfangen können. Der Roman „Unter den Linden 6“ setzt genau an dieser Stelle an. Lise steht im Mittelpunkt und immer wieder werden die Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen, denen sie ausgesetzt ist, zum Thema gemacht. Neben der Physik sind die Rechte der Frauen das zweite große Thema des Romans.
Der Zugang zu Bildung bildet dabei den Schwerpunkt. Hedwig kämpft engagiert dafür, dass Frauen in Preußen studieren können und nicht nur als Gasthörerinnen geduldet und oftmals auch schikaniert werden. Das einfache Dienstmädchen Anni dagegen liest sich durch die Bibliothek ihres Dienstherren und man merkt schnell, dass sie blitzgescheit ist. Allerdings steht ihre soziale Stellung ihrem Wissensdurst im Weg. Die drei Frauen sind sehr unterschiedlich aber allen ist der Drang nach Selbstbestimmung eigen. Die unterschiedlichen Charaktere sorgen auch dafür, dass keine Langeweile aufkommt. Es werden so viele Themen abgesprochen, so dass dieser Roman hoffentlich viele Leser*innen finden wird. Nicht nur die Physik spielt eine tragende Rolle, auch die Geisteswissenschaften und vor allem die Geschichtswissenschaft findet ihren Platz im Roman. Diese Mischung hat mir persönlich besonders gefallen. Durch Lise konnte ich als Naturwissenschaftsmuffel einiges in Sachen Physik dazulernen. Auf der anderen Seite hatte ich viel Freude an Hedwigs Geschichtsstudium. Ich habe mich an meine eigene Studienzeit erinnert und bin froh, dass ich nicht in derart um meinen Studienplatz habe kämpfen müssen. Trotzdem konnte ich mich bestens in sie hineinversetzen. Die Charakterentwicklung ist bei allen Figuren plausibel dargestellt, wenn auch die großen Überraschungen fehlen. Die drei bleiben sich treu und entwickeln sich doch weiter. Mit Sicherheit sind die Charakterzeichnungen dem Genre des historischen (Frauen)Romans geschuldet. Das ist zwar schade, aber auch nicht weiter tragisch. Positiv zu nennen ist hier auch der Ausgang des Romans. Ich möchte nicht spoilern, deshalb sei nur gesagt, dass das Ende nichts verklärt oder beschönigt und ganz weit weg vom Kitsch ist – zum Glück.

Lieblingsnebencharakter: Ach ist das schwer. Aber am meisten im Gedächtnis geblieben ist mir Marie Althoff, Annis Dienstherrin. Auf der einen Seite ist sie zwar oft übermäßig streng und nutzt Annis Gutherzigkeit und Abhängigkeit ein stückweit aus, aber im Grunde ihres Herzens ist sie eine tolerante und gute Frau. Sie hat Anni unterm Strich weit mehr ermöglicht als es ihre Pflicht gewesen wäre und stellt letztendlich doch ihre eigenen Interessen zurück. Eine Frau mit Rückrad und dem Herz am richtigen Fleck. 

Fazit: Dieses gut recherchierte Buch ist so viel mehr als nur leichte Unterhaltung. Wichtige Themen wie Zugang zu Bildung, Gleichberechtigung und Errungenschaften der Naturwissenschaften werden in locker leichter Form erzählt. Ganz nebenbei lernt man mit Lise Meitner eine der wichtigsten Physikerinnen der Geschichte kennen. Sehr bereichernd ist auch das Nachwort der Autorin. Es lohnt sich einfach dieses Buch zu lesen. 

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.06.2020

Tieftraurig und trotzdem voller amüsanter Momente

Marianengraben
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Paula ist nach dem Tod ihres kleinen Bruders Tim in eine tiefe Depression gestürzt. Die Lebensfreude ist mit ihm verschwunden und in ihrem Leben läuft so gar nichts mehr nach Plan. Der ewige Schmerz hat ...

Paula ist nach dem Tod ihres kleinen Bruders Tim in eine tiefe Depression gestürzt. Die Lebensfreude ist mit ihm verschwunden und in ihrem Leben läuft so gar nichts mehr nach Plan. Der ewige Schmerz hat nun die Kontrolle über Paulas Leben, bis sie mitten in der Nacht den Rentner Helmut auf dem Friedhof trifft und sich mit ihm auf einen Roadtrip begibt, der alles verändern wird.

Leseeindruck: Schon der Klappentext hat mir einen Kloß im Hals beschert, so sehr haben mich die Worte berührt. Paula ist die Ich-Erzählerin der Geschichte, in der sie nicht den Leser, sondern immer wieder ihren kleinen Bruder Tim anspricht. Diese Momente haben eine unglaubliche Intensität, denn trotz ihres Alterunterschieds von mehr als 10 Jahren, haben die Geschwister eine sehr enge Bindung. Die Liebe zum Meer, den Fischen, der Natur und natürlich zueinander. Umso schlimmer trifft Paula der Verlust.
Sie versucht ihr Leben mit viel Traurigkeit und einer Portion Sarkasmus zu meistern, was ihr mehr schlecht als recht gelingt, bis sie Helmut trifft.
Die Verbindung der beiden ist einfach großartig: Er der mürrische sture alte Zausel und sie die planlose, traurige junge Frau, aber beide von Herzen gut und mit einer Menge Empathie ausgestattet. Beide kümmern sich in gewisser Weise rührend umeinander, während sie es aber nicht schaffen sich um sich selbst zu kümmern. Dieses Unperfekte was beiden anhaftet macht sie sympathisch und echt. Ich hatte beim Lesen fast das Gefühl ich säße mit im Wohnmobil und bin Teil des Roadtrips. So nah ist man ihnen. Genau das ist auch der Grund, weshalb mich die Geschichte berührt hat, wie kaum eine andere. Das Wechselbad der Gefühle, den sich Paula und Helmut gegenüber sehen, überträgt sich quasi auf den Leser. Man ist in einem Moment tieftraurig und im nächsten lacht man von ganzem Herzen. Stille Momente werden von völlig absurd verrückten abgelöst, ohne dass die Ernsthaftigkeit verloren geht. Diese Bandbreite hat mich beeindruckt. Bisher habe ich mich wenig mit dem Thema Depression auseinandergesetzt, auch weil ich mich immer gescheut habe ein Buch zu lesen, dass mich eventuell deprimiert zurücklässt. Jetzt weiß ich aber, dass da so viel mehr dazu gehört, als nur ein schwarzes Loch und Traurigkeit und dass man auch ein schweres Thema mit viel Leichtigkeit umhüllen kann.
Auch sprachlich ist dieses Buch besonders. Manchmal derb und direkt, oft aber zaubert Jasmin Schreiber sprachliche Bilder aufs Papier, die einfach nur berührend und wunderschön sind:

„Ein Buch in der Hand kann ein echter Rettungsanker sein – wenn die See des Lebens zu rau ist, klammert man sich an Geschichten und lässt sich von ihnen in Sicherheit bringen“ (S.10) Genau dieses Zitat ist so passend für das Buch selbst.

„Man kann das Leben nicht aufhalten, wissen Sie. Das geht nicht. Und den Tod kann man auch nicht kontrollieren, weil der nun einmal zu diesem bekloppten Ritt namens Leben gehört.“
(S.187)

„Wenn Trauer eine Sprache wäre, hätte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genauso flüssig sprach wie ich nur mit einem anderen Dialekt.“ (S.96)

Noch so viel mehr Zitate aus dem Buch könnte ich hier aufführen, da sich wirklich auf jeder Seite eine sprachliche Perle findet.

Lieblingsnebencharakter: Ich sage einfach mal Lutz. Lest den Roman und findet selbst heraus wer Lutz ist und ihr werdet merken, warum dieser Charakter so wichtig ist. In ihm treffen wieder Spaß, Komik aber auch Traurigkeit und viele Emotionen aufeinander. Danke, dass du Paula ein Stück begleitet hast.

Fazit: Die Grundthemen in ‚Marianengraben‘ sind Trauer, Depression und Schuld und trotzdem ist das Buch unglaublich lustig. Wirklich rührende und verrückte Momente gehen wie selbstverständlich nahtlos ineinander über. Eine Story über die man viel nachdenkt und die einen so schnell nicht mehr loslässt. Ich liebe dieses Buch so sehr, dass ich mich über jeden freue, der es auch liest. Es lohnt sich. Versprochen.

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  • Handlung
  • Charaktere