Der erste Seeblick – Liebe oder Flucht?
Liebe auf den ersten SeeblickLeonie und ihr Mann Adrian führen eine gemeinsame Bar in Berlin. Diese läuft gut, doch als Paar könnte es etwas besser laufen. Schließlich ist Leonie bereits 37 Jahre alt und wünscht sich Kinder. Adrian ...
Leonie und ihr Mann Adrian führen eine gemeinsame Bar in Berlin. Diese läuft gut, doch als Paar könnte es etwas besser laufen. Schließlich ist Leonie bereits 37 Jahre alt und wünscht sich Kinder. Adrian lässt sich dies noch offen und möchte die freie Zeit noch genießen. Als Leonie ihren Mann allerdings beim Fremdgehen in flagranti erwischt, ändert sich für Leonie alles. Ist das noch ihr Mann? Sie wirft sämtliche Flaschen nach ihm, die ihr gerade in der Bar zur Hand kamen. Sie erkennt sich selbst nicht mehr. Als auch noch Videos im Netz auftauchen ist es für Adrian ein leichtes, ihr Hausverbot zu erteilen. Ihr, Leonie, der eigentlich die Bar gehört. Als sie dann völlig unerwartet einen Anruf von einem Notar am Bodensee erhält, bekommt die Geschichte eine Wendung. Sie hat von ihrer Großmutter, Leonie Senior und väterlicherseits, diesen wunderschönen alten Hof geerbt. Dieser befindet sich am Bodensee, umfasst eine alte Weinstube und einen Weinberg und ein dazugehöriges Haus. Eine Auflage hatte aber Leonie Senior, für Leonie Junior: Leonie muss die Weinstube ein halbes Jahr betreiben, um das Erbe antreten zu können. Für Leonie kein Problem, denn sie hatte die WunderBAR in Berlin, dann kann eine WeinBAR am Bodensee doch keine allzu große Herausforderung sein, oder? Die Nachbarin Hanna stellt sich dabei als äußerst freundlich und hilfreich heraus. Außerdem ist Hanna die Cousine von Max, der nicht nur auf den Weinberg von Leonie einen Blick geworfen hat. Kann Leonie der Versuchung von Max widerstehen und gibt sie ihrer Ehe nochmals eine Chance? Oder fängt Leonie am Bodensee ein neues Leben an und lässt ihr altes Leben in Berlin zurück?
Ein schöner Roman von Silke Neumayer. Die Autorin schreibt von einer Romanze und von Leonies Leben, die gerade mit Höhen und Tiefen zu tun hat. Sie liebt ihr Leben in Berlin, doch als ihr Mann Adrian sie mit einer Angestellten in ihrer Bar betrügt, kann Leonie es nicht fassen. Sie wird kurzerhand zum Internetstar. Durch die ins Netz gestellten Videos, erlebt die Bar einen neuen Höhepunkt. Mehr Gäste, mehr Follower auf der Instagram-Seite. Doch Leonie ist das alles zu viel. Sie will ihr ruhiges Leben wieder zurück und vor allem ihren Mann. Doch kann sie ihm diesen Fehltritt verzeihen?
Leonie will Kinder, eine Familie mit ihrem Mann gründen. Doch dieser lässt sich Zeit und hält seine Ehefrau hin. Da Leonie keine Familie mehr hat, ihre Eltern sind bereits verstorben, kann ich umso mehr verstehen, dass sie sich nach Kindern sehnt. Außerdem tickt ihre biologische Uhr. Dass Adrian Leonie immer weiter hinhält, zeigt eigentlich nur, dass Adrian nie an einer Familie mit Leonie interessiert war. Sie hätte dieses Thema ernster nehmen, sich selber als Frau und ihren Kinderwunsch als Priorität sehen und nehmen sollen.
Dieses Drama am Bodensee mit ihrem Mann ist mir ehrlich etwas zu viel und auch Leonie wird es zu viel. Sie hätte auf ihre Intuition hören sollen. Adrian spielt mit ihr. Als er auf einem öffentlichen Platz wieder um die Liebe seiner Frau buhlt – offensichtlicher geht es gar nicht mehr. Er setzt Leonie unter Druck – wer will schon vor so vielen Leuten nein sagen? Nein zu einer Ehe, die sie ohnehin will und zu Kindern? Doch kann sich ein Mensch innerhalb so kurzer Zeit so sehr verändern?
Die Geschichte erzählt von einem stressigen Leben und den Nachteilen als Barbesitzerin. Man arbeitet meist nachts und somit steht man auf, wenn andere schon längst in der Arbeit sitzen. Oft führt so ein Leben zur Einsamkeit, da Familie und Freunde oft einer anderen geregelten Arbeit mit „normalen“ Arbeitszeiten nachgehen.
Für mich persönlich ist dieses Buch etwas zu oberflächlich gehalten. Die Geschichte hat noch keine Tiefe bzw. nicht genug davon. Diese hätte noch ausgearbeitet werden können, als Leonie im Weinberg half und sich an die Zeit als kleines Mädchen zurückerinnert. Sie erinnert sich an die Zeiten mit ihren Eltern und der Großmutter zurück, bei der sie gewohnt haben, bevor sie nach Berlin zurückgezogen sind. Hier hätte man am Ende nochmals darauf eingehen können, um zu sagen, dass genau diese Momente Leonie daran erinnert haben und dazu gebracht haben, den Neuanfang am Bodensee zu wagen.
Auch aus den Tagebüchern der Oma hätte man noch mehr herausholen können. Vielleicht sogar ab und an einen kleinen Passus daraus zitieren. Auch Max hat mich noch nicht ganz abgeholt. Er nimmt zu wenig Raum ein, wird zu wenig beschrieben. Warum verzeiht er Leonie so plötzlich? Dass er an Leonie interessiert ist, merkt man durch seine ständigen Besuche, aber dass er Leonies Verhalten einfach so hinnimmt, scheint mir etwas zu unrealistisch.
Auch der Abschluss mit Adrian ist etwas zu schnell. Hier hätte ich mir Leonis Gedanken dazu gewünscht: warum bekommt Adrian ihre WunderBAR? Hier hatte Leonie all ihre Ersparnisse reingesteckt und noch einen Schuldenberg zu tilgen. Ja, diese Schulden bekommt auch Adrian überschrieben, aber warum verkauft sie diese nicht für einen realistischen Preis? Dieses Geld könnte sie in die Renovierung ihres Hauses am Bodensee investieren und auch in die WeinBAR. Ihre privaten Rücklagen gingen bereits dem Ende zu – das wurde mehrfach beschrieben. Deswegen kann ich dieses Verhalten umso weniger verstehen.
Vielleicht hätte ein Prolog hier nochmals mehr Aufschluss geben können. Wenn die Scheidung von Leonie beschrieben worden wäre – und deren Gedanken an die WunderBAR – und auch die Beweggründe für die neue Zukunft am Bodensee, denn auch diese bleiben dem Leser verwehrt. Leonie hätte genau so gut in Berlin die WunderBAR weiter betreiben können und den neuen Standort am Bodensee nach dem halben Jahr aufgeben können, was sie aber nicht tut.
Alles in allem war es jedoch ein schöner Roman. Das Setting war sehr gut ausgebaut, man kann sich den Bodensee geradezu vorstellen. Ein schöner Sommerroman, der eigentlich mehr Potential gehabt hätte.