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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.03.2024

Was folgt nach der Einsamkeit?

Nach den Fähren
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Ruhe ist eingekehrt im Sommerpalast, in der Bar, in der Bäckerei und an allen anderen Orten der einst so beliebten Ferieninsel. Wo sich vor einigen Jahren Tourist:innen dicht an dicht an den Stränden drängten, ...

Ruhe ist eingekehrt im Sommerpalast, in der Bar, in der Bäckerei und an allen anderen Orten der einst so beliebten Ferieninsel. Wo sich vor einigen Jahren Tourist:innen dicht an dicht an den Stränden drängten, spaziert heute nur noch die Doktorin entlang der schäumenden Wellen. Der Hausmeister des Sommerpalasts, die Frau des Generals, die Bäckerin und die anderen, die geblieben sind, müssen sich neue Aufgaben suchen, jetzt wo die Fähren nicht mehr kommen. Und dann ist da dieses Mädchen…

🐚⛴️🦚

Was für ein leiser Roman. Was für zarte Worte und dennoch reichen sie so tief. Sie wühlen auf und zerren ans Licht, was lange verborgen war. Von außen betrachtet, übernehmen Entschleunigung und Lethargie nun die kleine Insel. Doch im Inneren gerät alles in Bewegung – im Inneren der Menschen, die sich für ihre alte oder neue Heimat entschieden haben und geblieben sind.

Der Hausmeister, die Frau des Generals, die Bäckerin, der Barmann und die anderen müssen sich arrangieren mit Ruhe und Einsamkeit. Sie vermissen die Zeit, als die Fähren die Reisenden brachten. Und dann ist Ada da – ein Mädchen, das ebenso lautlos verschwindet wie es auftaucht. Doch sie bringt die Menschen zusammen. Auf einmal ist alles anders: Gespräche, Interaktion, Empathie, Beziehungen. Die, die geblieben sind, achten aufeinander, finden zueinander und zu sich selbst. Das Leben kehrt zurück, sie suchen nach der Vergangenheit und der Zukunft, sie entwickeln Wünsche und Pläne.

Die Autorin erzählt in sanftem und dennoch durchdringenden Stil die Geschichte dieser Insel – nach den Fähren. Ihre Sätze haben mich tief hineingeführt in die Atmosphäre, so als würde ich selbst zwischen den Pfauen gehen, das frisch gebackene Brot riechen und im Pool schwimmen. Ich hab die Insel gefühlt und ich habe die Menschen gefühlt.

Große Leseempfehlung für ein Buch, das zeigt, was Worte erschaffen können. Wie schön, dass Thea Mengeler diese Worte für uns niedergeschrieben hat. Das Lesen war so intensiv. 🩵🦚

Veröffentlicht am 14.03.2024

Zwei Welten

Der ehrliche Finder
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Im kleinen niederländischen Dorf Bovenmeer leben die beiden grundverschiedenen Jungs Jimmy und Tristan. Jimmy ist ein Außenseiter mit zerrütteter Familie und Tristan hat den schrecklichen Krieg im Kosovo ...

Im kleinen niederländischen Dorf Bovenmeer leben die beiden grundverschiedenen Jungs Jimmy und Tristan. Jimmy ist ein Außenseiter mit zerrütteter Familie und Tristan hat den schrecklichen Krieg im Kosovo erlebt und ist mit seinen Eltern und Geschwistern in die Niederlande geflohen. Die beiden Jungs verbindet eine tiefe Freundschaft, die eines Tages auf die Probe gestellt wird.

Ab der ersten Seite war ich gefesselt von diesem Buch. Wenn ich es jetzt wieder in die Hand nehme, kann ich nicht fassen, wie dünn es ist. Denn darin stecken zwei ganze Welten - die von Jimmy und die von Tristan. Wie es der Autorin in dieser Kürze gelungen ist, mit ihrem packenden und intensiven Schreibstil das Leben der beiden Jungs so detailliert und nahbar nachzuzeichnen, ist für mich ebenso faszinierend wie rätselhaft.

Die beiden gebrochenen Kinderseelen so eindringlich fühlen zu können, ist die große Kunst dieses Buchs. Mit der Zeit geriet für mich die Gegenseitigkeit der Freundschaft immer mehr ins Wanken. Und als die Verbindung zwischen Jimmy und Tristen im letzten Viertel des Buchs auf unglaubliche Weise geprüft wurde, wurde die Anspannung von bleierner Fassungslosigkeit überspült.

Zurück bleibt der große Wunsch, die beiden Kinder beschützen zu können von den völlig unterschiedlichen, aber in jedem Fall traumatischen Erlebnissen, die ihre ersten Lebensjahre auf so grausame Weise prägten. Es ist beeindruckend zu sehen, wie sehr die Jungs einander brauchen und doch so verschiedene Bedürfnisse zu haben scheinen.

Ebenso beeindruckend ist es, wie greifbar Lize Spit von Krieg und Flucht erzählt - und wie groß die Sehnsucht nach Sicherheit und Frieden für die Opfer ist. Das schonungslose Erleben dieses Buchs ist absolut einmalig.

Wenn du die Welt gerne noch einmal aus Kinderaugen sehen und in all ihren Facetten spüren möchtest, dann kann ich dir den Roman von Lize Spit unbedingt empfehlen.

Veröffentlicht am 06.03.2024

Fantastisch geschrieben und unglaublich berührend

Leuchtfeuer
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Ben und Mimi leben mit ihren beiden Kindern Sarah und Theo in einem Vorort von New York. Es geschieht ein fruchtbarer Unfall, über den niemand von ihnen je wieder sprechen wird. 15 Jahre später wird im ...

Ben und Mimi leben mit ihren beiden Kindern Sarah und Theo in einem Vorort von New York. Es geschieht ein fruchtbarer Unfall, über den niemand von ihnen je wieder sprechen wird. 15 Jahre später wird im Nachbarhaus der kleine Waldo geboren, der das Leben beider Familien für immer beeinflussen wird.

Für mich war dieses Buch wunderschön und so schmerzhaft zugleich. Es ist immer wieder erstaunlich, wie das Lesen durch das eigene Leben geprägt wird, wie jede Zeile die Seele erschüttern und mitten ins Herz treffen kann. Bei „Leuchtfeuer“ spielt das Thema Alzheimer eine Rolle, sodass schon nach wenigen Kapiteln ein unzertrennbares Band zu meiner Großmutter geflochten wurde. Wie gelähmt, habe ich die schmerzhaften Abschnitte gelesen und diese schreckliche Krankheit war wieder so präsent in meinem Leben wie damals.

Auch wenn es sehr wehgetan hat, „Leuchtfeuer“ zu lesen, gab es für mich auch viel Trost und Momente, um meine eigenen Erlebnisse zu verarbeiten. Ich finde es unglaublich wichtig, dass diese Krankheit Aufmerksamkeit bekommt, in der Hoffnung, dass immer weiter geforscht wird und dass es irgendwann Aussicht auf Heilung gibt.

Die Autorin schaffte es, mit ebenso zarten wie schonungslos ehrlichen Worten, die Schicksale aller Figuren umfangreich und nachvollziehbar zu beleuchten. Wie detailreich und tiefgründig sie dabei vorging, hat mich sehr beeindruckt. Auch wenn der Roman sehr viel Leid und Schicksalsschläge enthält, war es vor allem Waldos Verständnis des Lebens, das mich immer wieder sehr positiv berührt hat. So sehr, dass ich auch für mein eigenes Leben ganz viel davon mitnehmen werde.

Dieses Buch ist einzigartig, feinfühlig, traurig, sensibel und außergewöhnlich. Es tut weh, es heilt, es zieht dich in den Abgrund und es lässt dich den Himmel spüren. Es ist Leere und Unendlichkeit zugleich. Ich empfehle es ausnahmslos allen und werde es im Herzen tragen.

TW: Alzheimer, Tod, Alkoholm*ssbrauch

Veröffentlicht am 26.02.2024

Absolute Empfehlung!

Eine ganz dumme Idee
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Ein Banküberfall, ein Geiseldrama und zwei Polizisten, die eine ganz besondere Beziehung zueinander haben, spielen eine wichtige Rolle. Wie es genau dazu kommt, möchte ich nicht verraten. Denn ich finde, ...

Ein Banküberfall, ein Geiseldrama und zwei Polizisten, die eine ganz besondere Beziehung zueinander haben, spielen eine wichtige Rolle. Wie es genau dazu kommt, möchte ich nicht verraten. Denn ich finde, diese Aneinanderreihung verrückter Zufälle macht dieses Buch so speziell und das will ich auf keinen Fall vorwegnehmen!

Jede einzelne Geisel wird mit all ihren skurrilen, aber dennoch liebenswerten Charaktereigenschaften vorgestellt. Und manchmal ist es geradezu erstaunlich, wie ein Leben ein anderes beeinflusst und wie eng manche Lebenswege miteinander verflochten sind, ohne dass die betreffenden Personen sich darüber bewusst sind.

Der Autor erzählt von all diesen Lebenswegen und zeigt auf wunderschöne Weise, wie das eigene Handeln das Leben von anderen lenken kann. Und wie sich selbst nach schrecklichen Erlebnissen doch noch alles zum Guten wenden kann.

Ich habe das Buch super gerne gelesen, mit all seinen Überraschungen, Verflechtungen und Perspektivenwechseln. Eine tolle Portion Humor sorgt dafür, dass auch schwierige Themen angenehm zu lesen sind. Und auch ich als Leserin wurde in die Geschichte mit eingebunden – einfach nur fantastisch!

Veröffentlicht am 26.02.2024

Eine Wanderung und eine ganz große Botschaft

Der Salzpfad
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Raynor und ihr Mann Moth erleben gleich zwei schreckliche Schicksalsschläge und stehen vor dem Nichts. Wo sie sowieso nichts mehr zu verlieren haben, beschließen sie, den South West Coast Path zu wandern, ...

Raynor und ihr Mann Moth erleben gleich zwei schreckliche Schicksalsschläge und stehen vor dem Nichts. Wo sie sowieso nichts mehr zu verlieren haben, beschließen sie, den South West Coast Path zu wandern, einen 1.014 km langen Weitwanderweg an der Südküste von England. Dabei stoßen sie auf fast unüberwindbare Hürden und auf Vorurteile, doch sie finden auch zu sich selbst zurück und bieten allen Schwierigkeiten die Stirn.


Die Autorin erzählt in „Der Salzpfad“ ihre eigene Geschichte in einem so echten und ungeschönten Stil, dass ich ihre Gefühle hautnah miterleben konnte. Was die beiden erlebt haben, ist emotional und bewegend und gleichzeitig so inspirierend. Mehrfach hat mich das Gelesene zum Weinen gebracht und mich extrem aufgewühlt zurückgelassen. Doch zum Glück habe ich das Buch nicht weggelegt, denn was Raynor und Moth aus der scheinbar aussichtslosen Situation gemacht haben, ist mehr als beeindruckend.

Die Passagen, die die wilde und erbarmungslose Natur entlang des Küstenwegs beschreiben, haben mir unfassbar gut gefallen. Wie ein Film zeichnete sich die Wanderung des Paares vor meinem inneren Auge ab.

Eine große Empfehlung für alle Fans von Reiseberichten, die viel mehr zu erzählen wissen, als die reinen Erlebnisse. Alle, die nach kraftspendenden und lebensnahen Geschichten suchen, treffen mit „Der Salzpfad“ die richtige Wahl. Ich liebe die Botschaft, die dieses Buch übermittelt und muss immer wieder an die Lehren denken, die mir Raynor und Moth mit auf meinen Weg gegeben haben.