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Mianna

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.08.2021

Seelenwärmer

The Comfort Book – Gedanken, die mir Hoffnung machen
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Matt Haig hat in diesem Buch viele Ideen, Gedanken, Anleitungen zusammen gestellt, die durch schwere Zeiten helfen sollen, die Seele wärmen, insbesondere bei Depressionen.
Eigene Ideen und Zitate anderer ...

Matt Haig hat in diesem Buch viele Ideen, Gedanken, Anleitungen zusammen gestellt, die durch schwere Zeiten helfen sollen, die Seele wärmen, insbesondere bei Depressionen.
Eigene Ideen und Zitate anderer Menschen finden sich hier. Es eignet sich zum Durcharbeiten über längere Zeit, ist wie ein Notfallköfferchen und Selbsthilfebuch.
Es eignet sich für Menschen mit Depressionen und Suizidgedanken, ebenso für gesunde Menschen in schwierigen Lebenslagen.
Mal sind es Gedanken, die nur ein paar Zeilen lang sind, mal kleinere Geschichten oder philosophische Ausführungen. Immer sind diese leicht zu überblicken, es braucht nur kurze Momente der Konzentration.
Dabei gibt der Autor einen guten Einblick in das Thema Depression und Suizidalität. Durch seine eigenen Erfahrungen sind seine Schilderungen authentisch. Vieles ist berührend und anregend, macht nachdenklich und gibt Hoffnung. Ganz so wie es der Titel verspricht.

Tolles Selbsthilfebuch. Authentisch, anregend und berührend.

Veröffentlicht am 08.08.2021

Am Ende müsste die Geschichte anfangen

Kim Jiyoung, geboren 1982
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Kim Jiyoungs Geschichte steht beispielhaft für das Leben der Frauen in Südkorea. Es geht um die systematische Unterdrückung und Misshandlung der Frauen, eine permanente Angstkultur und überhohe Anforderungen.
Jiyoungs ...

Kim Jiyoungs Geschichte steht beispielhaft für das Leben der Frauen in Südkorea. Es geht um die systematische Unterdrückung und Misshandlung der Frauen, eine permanente Angstkultur und überhohe Anforderungen.
Jiyoungs unklare psychiatrische Symptome nach der Geburt des Kindes bilden den Ausgangspunkt der Geschichte, ab dem aus Sicht eines Psychiaters in die Vergangenheit zurück erzählt wird. Leider bleibt es auch bei dem Rückblick, sodass der Aufhänger, die ungewöhnlichen Symptome, keinen Raum mehr bekommt. Die Frage ist, wie geht es weiter mit Jiyoung? Was machen sie und ihr Umfeld daraus? Gibt es einen Lernprozess?
Doch auch der Rückblick hat was für sich. Die Erzählung ist umso spektakulärer, weil sie stellvertretend für jedes Frauenleben in Südkorea stehen soll. Doch ist das alles so allgemeingültig? Und wie gehen andere Frauen damit um? Es entstehen viele Fragen, die offen bleiben. Die Geschichte regt an, die Ungerechtigkeit macht wütend. Trotz dem nüchternen und distanzierten Bericht des Psychiaters birgt die Erzählung viel Raum für Emotionalität, vielleicht auch, weil Jiyoung ihre Gefühle selbst so wenig spürt und auslebt.
Die Einschätzung des Psychiaters am Ende wirkt unklar, kein Wunder bei diesen unrealistischen Symptomen. Wäre es eine dissoziative Störung, wären es abgespaltene Anteile ihrer selbst, dann würde sie aber nicht plötzlich ihre Mutter oder ihre Freundin sein und Dinge wissen können, die nur diese wussten. Unrealistisch! So erscheint es eher als erzählerisches Mittel, um zu verdeutlichen, dass Jiyoungs Geschichte eine von vielen ist und in ihr die gesamte Ungerechtigkeit angelegt ist. Nach dem Motto: erzählt man von einem Leben, kennt man alle.

Fazit: Sehr bewegende, nüchterne Erzählung über Benachteiligungen von Frauen in Südkorea, mit unrealistischen Anteilen und einem unbefriedigenden Ende.

Veröffentlicht am 08.08.2021

Tief ergreifend

Die Überlebenden
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Alex Schulman schreibt über drei Brüder, die ihre Kindheit überleben mussten und sich als Erwachsene voneinander entfremdet haben. Nach dem Tod der Mutter kehren sie in das alte Sommerhaus zurück. Eine ...

Alex Schulman schreibt über drei Brüder, die ihre Kindheit überleben mussten und sich als Erwachsene voneinander entfremdet haben. Nach dem Tod der Mutter kehren sie in das alte Sommerhaus zurück. Eine Reise durch das ländliche Schweden beginnt. Das Unfassbare der Vergangenheit rückt nahe, die Strapazen der Kindheit reichen bis in die Gegenwart.

Mit einer unglaublichen Ruhe und Genauigkeit schildert der Autor die tragische Geschichte der Familie immer in Kreisen. Es ist, als wäre mit dem Tod der Mutter ein Stein ins Wasser gefallen, um den sich nun die Kreise ziehen.
Schulman erzählt aus Sicht des mittleren Bruders Benjamin die Geschichte und geht dabei immer weiter in die Vergangenheit zurück. Wie ein Countdown wirken die Uhrzeiten über den einzelnen Kapiteln der Gegenwart. Ergänzt werden diese Kapitel, um die Beschreibung der Kindheit der drei Jungen. Die Charaktere werden akribisch geschildert. Es wird klar, wer welche Rolle spielt, was das Erlebte mit den Einzelnen macht.
Der Roman hat seine Stärke in der ruhigen Erzählweise, die scheinbar keine Fahrt aufnimmt und deswegen umso intensiver den Finger in die Wunde legt. Manchmal ist es beschwerlich, wenn die Geschichte wieder einen neuen Kreis zieht, scheinbar endlos, immer unklar wo der Kern des Ganzen ist.
Die Kindheit auf dem schwedischen Land ist greifbar und könnte nicht trister und furchtbarer sein. Es ist schwer zu ertragen, in welche Gefahren die Jungen gebracht und wie sie vernachlässigt werden. Hinzu kommt diese triste Atmosphäre, die bedrückende Schwere, die über allem liegt und sich mit Ereignissen erklären lässt, die später noch zutage kommen.
Ob Alex Schulman mehr autobiografische Anteile eingebracht hat, als drei Brüder, die sich voneinander entfernt haben, ist unklar. Nach Ende der Geschichte möchte ich es nicht so genau wissen.

Fazit. Bedrückend und tragisch. Schulman hat immer den Finger in der Wunde.

Veröffentlicht am 29.07.2021

Schräg

Auszeit
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Henriette weiß nicht, wohin mit sich und ihrem Leben. Nach einem Schwangerschaftsabbruch ist sie vollends aus der Bahn geworfen. Ihre Freundin Paula hingegen, ist mit sich im Reinen und immer an Henriettes ...

Henriette weiß nicht, wohin mit sich und ihrem Leben. Nach einem Schwangerschaftsabbruch ist sie vollends aus der Bahn geworfen. Ihre Freundin Paula hingegen, ist mit sich im Reinen und immer an Henriettes Glück interessiert. Also nimmt sie Henriette für eine Auszeit mit in eine Hütte nach Bayern.

Die Geschichte ist schnell gelesen. Zum einen hat das Buch nur knapp 200 Seiten und zum anderen scheint nicht viel zu passieren innerhalb dieser. Doch das was passiert ist bewegend und teilweise irritierend. Die Beziehung zwischen den beiden Freundinnen wirkt verschoben, nicht im Gleichgewicht. Die Charaktere sind auf Dauer auch etwas anstrengend, fast ein bisschen zu extrem in ihrer Art. Henriette überschattet mit ihrer melancholischen Stimmung das Geschehen, ihre drögen Gedanken nehmen einen großen Raum ein. Hinzu kommen sexuelle/erotische Anteile in der Erzählung, die deplatziert wirken. Das Ende ist umso irritierender. Das war nicht zu erwarten. Schräg ist auch, wie sich die Charaktere entwickeln. Doch vielleicht macht so auch alles einen Sinn.
Immerhin ist der Text sehr ansprechend geschrieben, so klar und teilweise gezielt vernebelnd. So bleiben den Lesenden diverse Deutungsmöglichkeiten.

Ein anspruchsvoller Roman, der die Extreme sucht und ratlos zurück lässt.

Veröffentlicht am 23.07.2021

Syrisch-Deutsche Geschichten

Mein Sternzeichen ist der Regenbogen
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"Mein Sternzeichen ist der Regenbogen" ist ein Buch bestehend aus erstaunlichen Kurzgeschichten, die sich mit Migration, Diktatur, Heimat und Erinnerungen beschäftigen. Es geht um menschliche Beziehungen ...

"Mein Sternzeichen ist der Regenbogen" ist ein Buch bestehend aus erstaunlichen Kurzgeschichten, die sich mit Migration, Diktatur, Heimat und Erinnerungen beschäftigen. Es geht um menschliche Beziehungen und Abgründe.

Rafik Schami erzählt die Geschichten seiner syrischen Verwandten, ebenso wie eigene Erlebnisse. Reale Geschichten werden von sagenhaften Erzählungen und philosophischen Gedanken zu Lebensthemen wie Privatsphäre abgelöst. Was für ein erstaunliches Sammelsurium!

Die nach Themen sortierten Kapitel (z.B. Geburtstag, Lachen, Reisen) ermöglichen zumindest etwas Orientierung. Denn liest man den Buchtitel, so sagt er erstmal Alles und Nichts. Dementsprechend vielfältig und phantasievoll sind die Geschichten. Bunt wie ein Regenbogen. Sie lassen sich schwer einordnen, entziehen sich den Erwartungen und ermöglichen den Lesenden überraschende Erkenntnisse. Wohin das Ganze führt? Das bleibt offen und ist deswegen umso reizvoller.

Die Charaktere und die Entwicklungen sind sehr skuril, manchmal brutal, tragisch, dann wieder hoffnungsvoll. Viele der Charaktere sind nahbar, sodass sich deren Beweggründe, Sehnsüchte und Handlungen gut nachvollziehen lassen. Schami lässt die unterschiedlichsten Charaktere auf komische Art miteinander interagieren, beschäftigt sich mit den Merkwürdigkeiten und den Absurditäten des menschlichen Zusammenlebens, aber auch mit Brutalität und Menschenverachtung.

Trotz der Tragik und Schwere ist die Erzählung dennoch humorvoll, oft auch sehr sarkastisch. Das macht das Lesen angenehm.

Zu Beginn der Geschichten lässt sich über den Ausgang der Geschehnisse rätseln. Oft gibt es unerwartete Wendungen. Da die Geschichten nicht aufeinander aufbauen, eignet sich das Buch zum Schmökern. Abend für Abend eine Geschichte, so kann man auch darüber nachdenken. Das muss man auch, so aussagekräftig und tiefgründig wie die Geschichten sind.

Zusammenfassend ist dies eine besondere Sammlung deutsch-syrischer Geschichten. Skuril, tragisch und aussagekräftig. Sehr Lesenswert!