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Veröffentlicht am 27.09.2022

Brüder des Windes

Brüder des Windes
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Mit „Brüder des Windes“ hat Tad Williams seine Osten-Ard-Reihe erneut ergänzt und ausgeschmückt. Diesmal handelt es sich, anders als bei den zuletzt erschienenen Romanen, allerdings nicht um eine Fortsetzung ...

Mit „Brüder des Windes“ hat Tad Williams seine Osten-Ard-Reihe erneut ergänzt und ausgeschmückt. Diesmal handelt es sich, anders als bei den zuletzt erschienenen Romanen, allerdings nicht um eine Fortsetzung des Epos um das „Geheimnis der Großen Schwerter“. Vielmehr werden hier die Ereignisse, die sich tausend Jahre vor diesem zugetragen haben, näher beleuchtet.
Im Fokus stehen hierbei die Brüder Hakatri und Ineluki, der aus den vorigen Romanen bereits als rachsüchtiger Sturmkönig bekannt sein dürfte.
Pamon Kes, der Waffenträger Hakatris und leiser Protagonist des Buches, beschreibt hier die jungen Jahre seines Herrn, der auf einer Drachenjagd schwere Verletzungen erlitt – der Anlass für eine lange Odyssee auf der Suche nach einem Heilmittel, auf der Pamon Kes stets an seiner Seite reiste.
Tad Williams gibt Einblick in die unterschiedlichen Wesen der beiden Brüder, den besonnenen, gutmütigen Hakatri, ganz im Kontrast zu seinem Bruder Ineluki, der - impulsiv und ichbezogen – bereits erahnen lässt, was die Jahre aufgestauten Zornes und Beeinflussung durch fragwürdige Ratgeber später einmal mit ihm anstellen würden.
Im Hintergrund werden immer wieder die Spannungen zwischen den Zida’ya, den konservativen Herrschenden, denen auch die Brüder angehören, den von ihnen versklavten Tinukeda’ya wie Pamon Kes und den Menschen thematisiert.
Auch wenn es sich bei „Brüder des Windes“ um ein Prequel zur Reihe um „Das Geheimnis der Großen Schwerter“ handelt, würde ich das Buch eher nicht als Einstieg empfehlen, sondern mit den Romanen in der Reihenfolge ihres Erscheinens beginnen.
Ohne das Hintergrundwissen um die späteren Ereignisse in Osten Ard stelle ich mir die Lektüre ein wenig zäh und möglicherweise etwas langatmig vor.
Für Fans der Reihe aber ein erneutes Abtauchen in eine vertraute, fantastische Welt, die in jedem Teil der Reihe immer wieder neue Facetten zeigt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.09.2019

Krimi im Fantasy-Gewand

Die Spiegelreisende
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Auch in Band 2 der Spiegelreisenden-Saga wird Ophelia wieder mit allerhand Intrigen und Gefahren am Hofe der Arche Pol konfrontiert. Der unberechenbare Herrscher Faruk ernennt sie zu seiner Vize-Erzählerin, ...

Auch in Band 2 der Spiegelreisenden-Saga wird Ophelia wieder mit allerhand Intrigen und Gefahren am Hofe der Arche Pol konfrontiert. Der unberechenbare Herrscher Faruk ernennt sie zu seiner Vize-Erzählerin, und als später einige hochrangige Persönlichkeiten bedroht werden und aus der Himmelsburg verschwinden, kommen Ophelias besondere Fähigkeiten ins Spiel. So nimmt das Buch stellenweise krimi-artige Züge an.
Nebenher laufen die Vorbereitungen für ihre Hochzeit mit Thorn auf Hochtouren.
Die Kenntnis des Vorgängerbands ist meiner Meinung nach zwingend notwendig, um den zweiten Band der Reihe verstehen zu können.

Wie schon beim Vorgänger sorgt die recht einfache aber dennoch nicht zu stumpfe Sprache dafür, dass man schnell in einen Lesefluss gerät. Langweilig wurde der Roman nie. Mir persönlich fiel der Einstieg in die Welt der Archen recht leicht, auch wenn die Lektüre des Vorgängers schon etwas her war. Ohne langatmig Altbekanntes wiederzukäuen wurden kleine Gedächtnisstützen eingebaut.

Ophelia entwickelt sich von einer eher zurückhaltenden grauen Maus zu einer immer häufiger bestimmt auftretenden, sich ihrer Stärken bewussten Persönlichkeit, die sich von dem Blendwerk des Hofes kaum noch hereinlegen lässt.
Thorn hingegen bleibt mir – obwohl grundsätzlich sympathisch - zu klischeehaft in seiner mechanischen, rationalen Art.
Dennoch konnte ich mich mit keiner der Figuren im Buch so richtig identifizieren oder mich komplett von ihnen begeistern lassen.
Froh war ich darüber, dass trotz der leider unvermeidlichen Liebesgeschichte das Ganze nie zu sehr ins Kitschige abdriftete und noch einigermaßen angespannt und dezent im Hintergrund blieb.

Auch die detailreiche Gestaltung fiel mir sehr positiv auf, insbesondere freute mich, dass das Konzept der Sanduhren und der „Bücher“ der Familiengeister näher beleuchtet wurde. Außerdem werden in eingestreuten Fragmenten auch Einzelheiten über deren Vorleben bekannt.

Natürlich endet auch dieser Band nach einem rasanten Finale mit einem Cliffhanger, aber zum Glück ist Teil 3 nicht mehr weit.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Geschichte
  • Figuren
  • Originalität
  • Amtosphäre
Veröffentlicht am 02.07.2019

Ein Buch über Bücher und Geschichten

Mitternacht
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"Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt." – ähnliche Sprüche sind hinlänglich bekannt. In „Mitternacht“ ist dies jedoch nicht nur ein tröstender Spruch, sondern wörtlich zu verstehen: ...

"Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt." – ähnliche Sprüche sind hinlänglich bekannt. In „Mitternacht“ ist dies jedoch nicht nur ein tröstender Spruch, sondern wörtlich zu verstehen: in einer Parallelwelt existieren Geister, die auf die Erinnerungen der Lebenden angewiesen sind. Einige wenige Personen können zwischen den Welten wandeln, und eine von ihnen besucht den jungen Schriftsteller Nicholas – der ihn zum großen Erstaunen beider sehen kann.

Marzi führt den Leser wieder nach London, dem Ort seiner Reihe um die Uralte Metropole. Diesmal mutet die Stadt jedoch weniger steampunk-artig an. Wie immer liest sich die Geschichte schön flüssig, ohne dabei zu simpel zu wirken. Auch das bewährte Muster aus der Reihe um Emily wird wieder aufgegriffen: ein junger Mensch, der von einem (etwas eigenen) Mentor in ein paralleles, ihm bisher unbekanntes London begleitet wird.

Leider endet das Buch sehr abrupt, die letzten Kapitel sind extrem kurz und die Figuren bleiben recht oberflächlich; meine Erwartungen, die der Klappentext hinsichtlich der Handlung geschürt hatte, wurden nicht ganz erfüllt. Auch wirkten manche Passagen ein wenig dahingehuscht oder doppelten sich gar.
Zu erklären ist dies in Teilen sicher mit dem im Nachwort erwähnten Schlaganfall des Autors, der ihn „Mitternacht“ nur unter Mühen fertigstellen ließ – eine beachtliche Leistung.
Vielleicht hätte dem Roman aber etwas mehr Zeit gut getan, beim Lesen entstand der Eindruck, als wäre bereits dieser Roman ursprünglich größer angelegt gewesen, aber nun auf Biegen und Brechen veröffentlicht worden und der Rest als Fortsetzung angekündigt.

Veröffentlicht am 29.04.2019

Die Mauer

Die Mauer
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Der Meeresspiegel steigt, die Ressourcen werden knapp und Großbritannien schützt sich mit einer die komplette Küste umspannenden Mauer gegen die „Anderen“ – Menschen, die hoffen, auf der Insel eine Zuflucht ...

Der Meeresspiegel steigt, die Ressourcen werden knapp und Großbritannien schützt sich mit einer die komplette Küste umspannenden Mauer gegen die „Anderen“ – Menschen, die hoffen, auf der Insel eine Zuflucht zu finden.
Jeder junge Mensch ist zu einem zweijährigen Wachdienst auf dieser Mauer verpflichtet, so auch Kavanagh, der Protagonist des Romans.
Das Leben auf der Mauer ist eintönig. Es ist kalt, die Schichten vergehen nur langsam. Dieses Gefühl kann der Autor sehr eindrücklich vermitteln – so werden die verschiedenen Arten von Kälte im Detail beschrieben und man kann über zwei Seiten miterleben, wie der Protagonist einen Müsliriegel verzehrt, wie oft er kaut und wie er sich nach einem Achtel, der Hälfte, respektive Dreiviertel der Mahlzeit fühlt.
Dabei bedient sich Lanchester sehr kurzer Sätze, was stellenweise etwas anstrengend wird. Ab und zu lässt er leichten Humor durchklingen.
Leider baut der Klappentext große Erwartungen auf, hinter denen das Buch zurück blieb. So wird es als kritisches Werk über Klimawandel, Brexit und Migration angepriesen, während diese Themen höchstens am Rand tangiert werden und vage bleiben. Relevant sind sie nur für den Rahmen der Handlung: Meeresspiegel steigt, daher weniger Platz, daher Mauer zu Abschottung. Wer sich mehr erhofft, wird enttäuscht. Im Mittelpunkt stehen Kavanagh, sein Liebesleben und sein täglicher Dienst – nicht das große Ganze. Die aktuelle politische Situation, die genauen Fehlentscheidungen, die zu der Misere geführt haben – irrelevant.
Dadurch kommt das Buch anfangs immerhin ohne erhobenen Zeigefinger aus, auch wenn die Moral der Geschichte später etwas zu offensichtlich vermittelt wird.
Aber auch Kavanagh ist eine recht blasse Figur, deren Frustration über das Versagen der älteren Generation zwar sehr glaubhaft vermittelt wird, die ansonsten aber eher eindimensional wirkt.

In Anbetracht des Klappentextes für mich also eher eine Mogelpackung, und auch wenn ich diesen ausblende, leider nur zähe Erlebnisse eines konturlosen Erzählers.

Veröffentlicht am 31.03.2019

Zwischen Illusionen und Intrigen

Die Spiegelreisende
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Ophelia lebt in einer Welt, die unserer Erde sehr ähnelte, bevor sie in zahlreiche Archen zerbrach. Die Bewohner ihrer Arche zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine ganz besondere Beziehung zu verschiedenen ...

Ophelia lebt in einer Welt, die unserer Erde sehr ähnelte, bevor sie in zahlreiche Archen zerbrach. Die Bewohner ihrer Arche zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine ganz besondere Beziehung zu verschiedenen Gegenständen aufbauen können – Ophelia selbst ist begabt im „Lesen“; durch ihre Berührung kann sie die Geschichte eines Gegenstands erleben; außerdem kann sie durch Spiegel reisen.
Als ihr eröffnet wird, die Matriarchinnen ihrer Arche hätten eine Ehe arrangiert, ist sie verständlicherweise überhaupt nicht begeistert von der Aussicht, zu einem unbekannten Mann in dessen unwirtliche, eisige Heimat ziehen zu müssen, noch dazu an einen Hof voller gefährlicher und mächtiger Personen, die stets nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind und dafür auch über Leichen gehen.
Da auch ihr Verlobter kein allzu großes Interesse an Ophelia zeigt, stellt sich schnell die Frage, wer genau von ihrer Verbindung profitieren soll.
Dabos‘ flüssiger, nicht allzu fordernder Schreibstil ließ mich das Buch recht schnell verschlingen, spannende Wendungen taten ihr Übriges. Ein wenig zu häufig wurden bestimmte Charaktereigenschaften oder sonstige Eigenheiten der Figuren und Gegenden betont.
Der etwas langsame Einstieg ist sicher der Tatsache geschuldet, dass hier der Grundstein für ein mehrbändiges Werk gelegt wird, auch nimmt das Buch schnell Tempo auf.
Die Figuren wirken größtenteils stimmig, auch wenn diejenigen abseits der Protagonisten teils etwas eindimensional bleiben.
Ophelia ist keine glatte Heldin, sondern eine introvertierte, schusselige, nicht auf ihr Aussehen bedachte junge Frau, die trotz ihres unscheinbaren Wesens über viel Stärke verfügt, was grundsätzlich sehr angenehm wirkt, aber stellenweise überbetont wird. Richtig warm wurde ich mit ihr nicht.
Dennoch ist sie erfrischend eigensinnig und pfeift auf Konventionen.
Sehr positiv fand ich auch, dass die Handlung nicht ins Kitschige abdriftet und bisher das typische „zwangsweise zusammengewürfelte Personen erkennen schnell, dass sie für einander geschaffen sind“ – Schema ausblieb. Vom „harte Schale, weicher Kern“-Klischee bleibt man aber nicht komplett verschont.
Auch die Steampunk-Elemente wie Luftschiffe und salonartige Aufzüge sowie Teleport-Sanduhren schaffen eine schöne Atmosphäre.

Ich werde die Nachfolgebände sicher lesen. Dadurch, dass das Buch ein offenes Ende hat und nicht ganz in sich abgeschlossen ist, würde ich das Buch aber niemandem empfehlen, der keine Lust auf das Lesen einer Reihe hat. Auch ist es vielleicht etwas zu verworren und düster für allzu junge Leser*innen.
Dass das Buch als Harry-Potter-ähnlich beworben wird, ärgert mich ein bisschen. Zum Einen werden wirklich sämtliche Fantasy-Romane so inflationär als „neuer Harry Potter/Herr der Ringe/ASOIAF“ betitelt, dass es keinerlei Aussagekraft mehr hat. Zum Anderen werden dadurch bei einigen Käufern dennoch falsche Erwartungshaltungen geschürt. So bin ich auch hier der Ansicht, dass der Roman mit Harry Potter rein gar nichts zu tun hat, abgesehen von der jungen Protagonistin mit Brille in einem Fantasy-Setting.

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