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Veröffentlicht am 20.09.2019

Interessante Opfer-Täter Konstellation

Vergesst unsere Namen nicht
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„In einer jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zweimal stirbt. Das erste Mal, wenn sein Herz aufhört zu schlagen und die Synapsen im Gehirn erlöschen wie in einer Stadt, in der der Strom ausfällt. ...

„In einer jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zweimal stirbt. Das erste Mal, wenn sein Herz aufhört zu schlagen und die Synapsen im Gehirn erlöschen wie in einer Stadt, in der der Strom ausfällt. Das zweite Mal, wenn der Name des Toten zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird, fünfzig, hundert oder vierhundert Jahre später.“ Erst dann ist der Betroffene wirklich verschwunden, aus dem irdischen Leben gestrichen.“ (S. 6)

Es ist die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte der Familie Komissar, die Simon Stranger in „Vergesst unsere Namen nicht“ erzählt und mit seinen Fiktionen ergänzt. Das Buch ist am 30.08.2019 beim Eichborn Verlag erschienen.
Ich habe schon viele Bücher über den Holocaust gelesen. Doch erstmals lese ich von den dramatischen Ereignissen während der Besetzung Norwegens durch die Deutschen.

In der Stadt Trondheim erinnert ein Stolperstein an den Juden Hirsch Komissar, der am 07.10.1942 von den Nazis erschossen wurde.
Durch ihn inspiriert, beginnt der Buchautor mit seiner Recherche.
Es entsteht ein Roman, der nicht nur den Lebens- bzw. Leidensweg des Opfers - Hirsch Komissar aufzeichnet , sondern auch den des Täters - eines gewissen Henry Oliver Rinnan in Szene setzt. Interessante Konstellation.
Als Leser hat mich die Rinnan Geschichte schockiert.
Ich lerne einen Jungen kennen, der sich nach Freunden und vor allem nach Anerkennung und Liebe sehnt, die er leider erst im späteren Leben findet. Es sind die falschen Menschen. Sie manipulieren ihn und spannen ihn für ihre Zwecke ein. Endlich wird Rinnan wahrgenommen. Es ist die Geburtsstunde der Rinnan-Bande. Er wächst über sich hinaus, wird zum Scheusal, ein unheimlicher Täter, der seine Opfer gnadenlos ans Messer liefert.
Dann sehe ich den sympathischen Hirsch Komissar, einen Familienvater, der liebt und niemandem etwas Böses will. Er berührt mein Herz und ich leide mit der Familie, als Hirsch verhaftet, bzw. ermordet wird.
In einer dritten Handlungsebene, die nach dem Krieg spielt, werden die Hirschs Nachkommen erneut mit seiner Geschichte konfrontiert, denn sie wohnen in den einstigen Rinnan-Haus.

Simon Stranger hat einen außergewöhnlichen Roman geschaffen.
Das wird bereits bei der Einteilung der Kapitel deutlich. Üblicherweise nummerieren Autoren ihre Kapitel durch.
Stranger alphabetisiert sie. Vergleichbares habe ich bisher noch nicht gelesen. So beginnt der Roman mit A wie Anklage und endet bei Z wie die Form der brennenden Wunde auf dem Rücken eines Gefangenen. Originelle Idee!
Auch beim Schreibstil weicht der Buchautor von der Norm ab. Er wechselt die Erzählformen und wagt sich dabei in einem Handlungsstrang an die Du-Perspektive.
Obwohl Stranger über dramatische Ereignisse berichtet, schreibt er sachbuchartig nüchtern. Er schmückt nichts aus, dramatisiert nicht. Trotzdem erschüttert mich sein Roman zutiefst.
Ich habe mich schwer getan in die Geschichte zu finden, zumal die Ereignisse auch zeitlich schwer einzuordnen waren. Abschnittsweise wechselt der Autor von einem Erzählstrang in den nächsten, was anfänglich verwirrend auf mich wirkte. Ich fühle mich beim Lesen hin und hergerissen. Einige Passagen wirken langatmig. Besonders mit dem dritten Handlungsstrang um Hirschs Nachkommen - Ellen und Gerson- habe ich gehadert. Erst nach etwa der Hälfte des Buches bin ich mittendrin. Die Beschreibungen im Kapitel M sind kaum zu ertragen. Der letzte Abschnitt des Romans rührt mich zu Tränen.

Ein bewegender Roman gegen das Vergessen, bemerkenswert inszeniert!

Veröffentlicht am 14.08.2018

Ungewöhnlicher Schreibstil, eigenwillige Charaktere

Was wir zu hoffen wagten
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Die Thematik zu Michaela Saalfelds Roman „Was wir zu hoffen wagten“ interessierte mich. Außerdem gefiel mir das Buchcover.

Das Szenario beginnt im Jahr 1912 in Berlin und der Leser lernt zunächst die ...

Die Thematik zu Michaela Saalfelds Roman „Was wir zu hoffen wagten“ interessierte mich. Außerdem gefiel mir das Buchcover.

Das Szenario beginnt im Jahr 1912 in Berlin und der Leser lernt zunächst die drei Geschwister, Felice, Willi und Ille kennen.
Felice ist intelligent und emanzipiert. Sie möchte unbedingt Jura studieren, was jedoch Frauen im Kaiserreich untersagt wird. Ihr Bruder Willi soll eigentlich die väterliche Bank übernehmen, hat aber keine Lust dazu. Vielmehr fühlt er sich in der Filmwelt zuhause.
Ille ist die Jüngste und buhlt ständig um die Gunst ihrer Schwester.
Dann bricht der Krieg aus und das Leben der drei Geschwister verläuft in ganz anderen Bahnen, als ursprünglich vorgesehen.
Wird Felice doch noch als Juristin arbeiten können? Steigt Willi ins Filmgeschäft ein und wird Ille irgendwann ihrem brutalen Ehemann entfliehen können?

Der Einstieg in den Roman fiel mir schwer. Michaela Saalfeld hat einen ungewöhnlichen Schreibstil. Oft deutet sie an, drückt sich rätselhaft aus und liefert erst viel später eine Erklärung dazu. Dies könnte durchaus die Spannung anfachen, jedoch wirkte es hier auf mich ermattend und langatmig.
Obwohl sich die Autorin oft der bildhaften Beschreibung bedient, fand ich eine Interpretation dazu schwierig. Erst nach etwa 120 Seiten packte mich die Geschichte. Jetzt flossen historische Fakten in die Handlung und Spannung kam auf. Erwähnenswert scheint mir hier z.B. der „Hindenburg-Absturz“, den Michaela Saalfeld lebendig und atmosphärisch in ihre fiktive Geschichte einbindet.
Außerdem beschreibt sie die Ereignisse des Krieges sehr detailliert, hart und blutig. Nichts für schwache Nerven! Der Roman scheint gut recherchiert, mit vielen Hintergrundinformationen bestückt.
Doch irgendwann uferten die Schilderungen des Kriegstreibens aus und mir wurde es schlichtweg zu viel.
Im Finale kam wieder Schwung in die Handlung. Diesen letzten Teil arbeitet die Autorin für meinen Geschmack viel schnell und sprunghaft ab, was ich persönlich sehr schade fand. Gerade der Abschnitt schien mir besonders interessant.
Ich wage den Vergleich dieses Romans mit einem leckeren Kuchen. Alle Zutaten waren drin, nur die entsprechenden Mengen passten nicht.
Hinzu kommt, dass mir die Charaktere nicht wirklich sympathisch waren. Im Prinzip mag ich Antihelden, die mit ihren Eigenheiten, Ecken und Kanten beschrieben werden. Aber diesen Darstellern fehlte der gewisse Charme.
Am ehesten konnte ich mit Felice sympathisieren. Allerdings nervte mich ihr Desinteresse an ihren Mitmenschen und die Art wie sie sie behandelte.
Ille war für mich ein Puttchen, naiv und wehrlos.
Auch Willi mit seiner unerfüllten Liebe zu der Schauspielerin Recha erreichte mich nicht. Auf Recha hätte ich verzichten können. Sie mochte ich gar nicht.
Da ich schon einige Romane aus diesem Genre gelesen habe, waren vermutlich meine Erwartungen an das Buch zu hoch.

Fazit: Solider, historischer Roman mit eigenwilligen Charakteren, der mich nicht durchweg fesseln konnte. Meine 3 Sterne-Leseempfehlung!






Veröffentlicht am 22.11.2016

Auch die beste Technik lässt sich überlisten

Ich bin der Zorn
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Mit dem Titel "Ich bin der Zorn" veröffentlicht Ethan Cross seinen nunmehr vierten Band aus der Thriller-Reihe um den Ermittler Marcus Williams und dessen Bruder Francis Ackermann junior. Das Buch ist ...

Mit dem Titel "Ich bin der Zorn" veröffentlicht Ethan Cross seinen nunmehr vierten Band aus der Thriller-Reihe um den Ermittler Marcus Williams und dessen Bruder Francis Ackermann junior. Das Buch ist im November 2016 bei Bastei Lübbe erschienen.

In einer Hightech-Strafanstalt in Arizona läuft ein Gefängniswärter Amok und erschießt mehrere Menschen. Was hat ihn zu dieser Tat bewogen? Bundesermittler Marcus Williams soll es herausfinden und schnell wird ihm klar, dass der Wärter von einem psychopathischen Killer erpresst wurde. Dieser nennt sich Judas-Killer. Um ihm auf die Schliche zukommen, bittet Marcus seinen Bruder Francis Ackermann jr. um Hilfe, der als einer der berüchtigtsten Serienkiller Amerikas von sich reden machte. Ackermann jr. wird ins Gefängnis eingeschleust und soll dort Undercover ermitteln. Können die beiden Brüder Judas Fährte aufnehmen?

Das erste Kapitel des Buches erzeugte bei mir das gewünschte Gänsehautfeelig. Wow dachte ich, das kann ja irre spannend werden!
Aber dann habe ich mich doch schwer getan in die Geschichte zu kommen. Eine enorme Ansammlung von Protagonisten stand mir gegenüber und führte mich an so viele Nebenschauplätze, dass ich zwischendurch nur schwer den Überblick behalten konnte. Bei einigen Szenen schien mir die Relevanz für die eigentliche Handlung in Frage gestellt. So driftete die Story etwas in die Langatmigkeit ab. Erst im zweiten Teil des Buches kam dann der erhoffte Spannungsanstieg und ich wollte unbedingt wissen, wer sich hinter Judas verbirgt. Besonders gefallen haben mir die Textstellen, in denen sich der Killer zu Wort meldete.
Insgesamt fand ich die Handlung stimmig und gut durchdacht, gewürzt mit einer gehörigen Portion Action. Das dürfte vor allem die männlichen Leser begeistern.
Francis Ackermann jr. ist wohl der interessanteste Charakter. Seine Intelligenz und die enorme Beobachtungsgabe haben mich sehr beeindruckt. Er gibt dieser Thriller-Reihe den besonderen Kick.
Nun ist Ethan Cross schon ein brillanter Schreiberling, der sein Handwerk versteht. Er sucht mit Sicherheit den anspruchsvollen Leser. Mir persönlich war es eben einfach nur zu viel drumherum. Aber dieses Empfinden habe ich oft bei Büchern amerikanischen Autoren.
Aufgrund des spannungsreichen zweiten Teil des Buches und des packenden Finales bekommt "Ich bin der Zorn" von mir eine 4 Sterne-Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 15.09.2016

Unter der Haut

Skin
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"Skin" ist das englische Wort für Haut und Titel des neuen Thrillers von Veit Etzold, erschienen im Juli 2016 bei Bastei-Lübbe.

Christian, jung, dynamisch und aufstrebend, arbeitet beinahe rund um die ...

"Skin" ist das englische Wort für Haut und Titel des neuen Thrillers von Veit Etzold, erschienen im Juli 2016 bei Bastei-Lübbe.

Christian, jung, dynamisch und aufstrebend, arbeitet beinahe rund um die Uhr für die Unternehmensberatung ECC. Daher ist er oft gestresst und überarbeitet und es liegt nahe, auch einmal zur "Muntermacherpille" zu greifen. So ist Christian manchmal ziemlich durch den Wind. Als ihn dann diese seltsamen Nachrichten erreichen, gerät Christians bisheriges Leben komplett aus den Fugen. Jemand schickt ihm dann auch noch ein furchtbares Video über sein Mail-Account und lockt ihn zu einem Schließfach mit gruseligem Inhalt. Christian geht zwar zur Polizei, verschweigt aber wichtige Informationen und somit macht er sich selbst tatverdächtig. Das Grauen nimmt kein Ende. Wer steckt wohl hinter diesen schrecklichen Taten?

Bislang habe ich alle vier Thriller aus der Clara Vidalis-Reihe gelesen und bin seither fasziniert von Etzolds intelligentem und spannungsgeladeneren Schreibstil. Da wollte ich natürlich auch sein neustes Werk unbedingt lesen.

"Skin" beginnt mit einem Prolog, der es in sich hat. Wow, so kennt man Veit Etzold. Er beherrscht es perfekt, den Leser von Anfang an in seine Story zu integrieren, indem er ihn das Gruseln lehrt. Dann folgt ein Exkurs in die Unternehmensberatung. Die Thematik fand ich sehr interessant, doch grenzwertig in der Tiefe der Ausführungen, was schon fast schon eine Spur zu langatmig wirkte. Die Auswahl der Protagonisten dürfte wohl die Leserschaft spalten, keine wirklichen Sympathieträger dabei.
Christian z.B. wird naiv dargestellt, ist oft überfordert und handelt dabei unüberlegt. Jedoch fand ich dies unter der Berücksichtigung seiner Rolle durchaus passend.
Farblos, mit wenig Charisma hingegen schien mir Hauptkommissar Frank Deckhard inszeniert. Er konnte mich leider nicht wirklich überzeugen.
Die Handlung selbst ist durchzogen von vielen Erzählsträngen, wobei der eine oder andere hierbei als loser Faden im Nirgendwo verschwindet. Da wäre z.B. die Story rund um die Firma ECC zu nennen, die den ersten Teil des Buches stark dominierte und plötzlich abrupt endete. Genauso ging es mir mit der Handlung um Deckhards Bruder Lukas. Ich wartete darauf, dass sich die Stränge miteinander verweben, aber da kam nichts. Vermutlich will der Autor hier Raum für eine mögliche Fortsetzung des Thrillers lassen.

Nun ja, dann gibt es auch einige Szenen im Buch, die mir unglaubwürdig und auch ziemlich weit hergeholt erschienen. Doch möchte ich hierauf nicht näher eingehen, um nicht zu viel zu verraten. Im letzten Teil des Buches steigt die Spannung nochmal rasant und endet in einem wirklich überraschenden Finale. Das traf mich unerwartet, jedoch war der Cliffhanger am Ende auch nicht so ganz nach meinem Geschmack.

Trotz der durchaus spannenden Inszenierung mit den typischen Etzoldschen Gruselszenen, hat mich "Skin" leider insgesamt enttäuscht. Vielleicht waren meine Erwartungen an das Buch einfach zu hoch. Solide- ja, lesenswert-auch, aber für mich kein wirkliches Highlight! Schade!