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Veröffentlicht am 15.01.2018

Die dunkle Legende der Borgia

Die letzte Borgia
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Italien, 1501: Während Papst Alexander und sein Sohn Cesare von Piombino aus nach Rom segeln, ist Lucrezia, die Tochter des Papstes, auf dem Landweg nach Ferrara unterwegs um ihren dritten Ehemann, den ...

Italien, 1501: Während Papst Alexander und sein Sohn Cesare von Piombino aus nach Rom segeln, ist Lucrezia, die Tochter des Papstes, auf dem Landweg nach Ferrara unterwegs um ihren dritten Ehemann, den Erben des Hauses d'Este, zu heiraten. Ihre Reise soll ein Triumphzug für die Borgia sein, die in den vergangenen Jahren immer mehr Städte in Italien unterworfen haben, denn Cesare ist wie sein antiker Namensvetter ein begnadeter Feldherr und träumt von einem geeinten Italien unter der Führung seiner Familie. Lucrezia erfüllt ihre Mission vorbildlich, trotz der üblen Gerüchte, die sich um sie ranken, liegt ganz Italien der charismatischen, jungen Frau zu Füssen. Ganz Italien? Ja, ganz Italien, abgesehen von den d'Este, der Familie ihres zukünftigen Ehemanns, die eine Verbindung mit der Bastardtochter des ausländischen Papstes als weit unter der Würde ihrer alten Adelsfamilie ansehen.

In Der Palast der Borgia begann Sarah Dunant, den kometenhaften Aufstieg des Rodrigo Borgia, Protegé und Neffe des Papstes Calixtus III., und damit auch seiner Schar unehelicher Kinder, zu schildern. Mit Die letzte Borgia wird der Faden nun weitergesponnen, und die letzten Jahre von Alexanders / Rodrigos Pontifikat stehen im Mittelpunkt, ebenso wie der Versuch, Macht und Einfluss seiner Familie über seinen Tod hinaus für die nächste Generation zu erhalten.

Hätte sich ein Schriftsteller die Geschichte der Familie Borgia ausgedacht, käme man als Leser wahrscheinlich nicht umhin, sie für eine richtige Räuberpistole zu halten, in der so viel Unglaubliches zusammentrifft, dass es eben einfach nicht mehr glaubwürdig wirkt. Ein Papst, der Orgien veranstaltet, offen mit seiner Geliebten zusammenlebt und seine zahlreichen Nachkommen stolz der ganzen Welt präsentiert, statt sie angemessen verschämt als Neffen und Nichten auszugeben. Und ein Papst, dem das Wohl seiner unehelichen Kinder mehr am Herzen zu liegen scheint, als das der Kirche, und der über Leichen geht, um sich für seine dynastischen Pläne die Taschen aus den Truhen des Vatikan zu füllen.

Doch das Leben dieses Papstes ist in zahlreichen Quellen gut dokumentiert, sein Zeremonienmeister Burchard beispielsweise führte akribisch Tagebuch, und hat damit der Nachwelt einen detailreichen Zeitzeugenbericht aus dem engsten Umfeld des Papstes hinterlassen. Das Literaturverzeichnis am Ende des Buches verdeutlicht, dass Sarah Dunant es mit der Recherche für ihre historischen Romane sehr genau nimmt, und nah an den tatsächlich dokumentierten Meilensteinen der Borgia bleibt (ebenfalls am Schluss in einer Zeittafel nachzulesen).
Trotzdem hält man hier kein trocken-langweiliges Geschichtsbuch in Händen, sondern einen fesselnden, historischen Roman, der einen in diese aufregende Epoche der beginnenden Renaissance, voller Intrigen und Machtspielchen zwischen zahlreichen Königreichen und dem Heiligen Stuhl, abtauchen lässt. Die Lücken der Geschichtsschreibung werden schlüssig gefüllt und man bekommt hier ein ausgewogeneres Bild über die Borgia als es die Chronisten nach Papst Alexanders Tod zeichneten. Alexander wird nicht nur als machtgieriger Kirchenfürst, sondern auch als liebender Familienvater, Cesare nicht nur als vom Größenwahn zerfressener Emporkömmling, sondern als weitsichtiger Feldherr, und Lucrezia nicht als skrupellose Giftmörderin, sondern als die geachtete, geliebte und kunstinteressierte Fürstin, die sie wohl auch gewesen ist, gezeichnet.

Obwohl man diesen Roman auch sehr gut für sich alleine lesen kann, weil auf wichtige Geschehnisse der frühen Jahre immer wieder Bezug genommen wird, würde ich trotzdem empfehlen, zuerst zu Der Palast der Borgia zu greifen. Diese beiden Bücher zusammen decken die komplette Amtszeit Alexanders ab, und erzählen eine spektakuläre Familiengeschichte, von der man eigentlich keine Zeile verpassen sollte.

Veröffentlicht am 12.01.2018

Mordfall in der britischen Besatzungszone

Echo der Toten. Ein Fall für Friederike Matthée
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Köln, Januar 1947: Friederike Matthée ist seit kurzem bei der uniformierten weiblichen Polizei tätig, Berufsbezeichnung "Polizeiassistentenanwärterin". Normalerweise beschränken sich ihre Aufgaben auf ...

Köln, Januar 1947: Friederike Matthée ist seit kurzem bei der uniformierten weiblichen Polizei tätig, Berufsbezeichnung "Polizeiassistentenanwärterin". Normalerweise beschränken sich ihre Aufgaben auf das Durchsuchen und die Vernehmung weiblicher oder minderjähriger Personen, die in Bagatelldelikte verwickelt sind, oder die Unterstützung der männlichen Beamten bei Bordellrazzien.
Zumindest bis weitab in der Eifel ein Kölner Schwarzhändler ermordet wird und es einen Tatzeugen gibt, den sechsjährigen Peter, der bei Kriegsende mit seiner Mutter aus Ostpreußen geflohen und in der Eifel untergekommen ist. Peter weigert sich, mit irgendjemandem zu sprechen, seit man ihn zusammen mit der Leiche von Jupp Küppers am Tatort entdeckt hat. Darum fordert die Royal Military Police in Person von Lieutenant Richard Davies eine weibliche Polizistin mit guten Englischkenntnissen, einem Händchen für Kinder und vorzugsweise in Ostpreußen geboren, zur Unterstützung an. Die Wahl fällt auf Friederike und für sie beginnt die erste echte Ermittlung ihrer bisher noch recht kurzen Polizeikarriere.

Dieser Kriminalroman mit historischem Hintergrund hat mir enorm gut gefallen. Zum einen war der Fall spannend und ideal zum Miträtseln, zum anderen wurde die Zeit, in der die Handlung angesiedelt ist, sehr gut dargestellt. In den Nachkriegsjahren, als die alliierten Siegermächte Deutschland in vier Zonen aufgeteilt hatten, und versuchten, die echten Nazis von den Mitläufern zu unterscheiden, und vor allem die Aufgabe hatten, endlich die Demokratie im ehemaligen deutschen Reich Einzug halten zu lassen (zumindest im westlichen Teil davon), war das Verhältnis zwischen Besatzern und Einheimischen sicherlich aus einer Vielzahl von Gründen extrem angespannt.

Beate Sauer erzählt den Hauptteil der Geschichte (von einigen kurzen Einschüben abgesehen) aus zwei Perspektiven - Richard Davies vermittelt in seinen Kapiteln die Sicht der Alliierten auf Deutschland und die Deutschen, Friederike Matthée nimmt die entgegengesetzte Position ein, wobei sie aufgrund ihres Alters weder als Nazi noch als Mitläuferin eingeordnet werden kann - sie ist während des dritten Reiches aufgewachsen und kennt einfach nichts anderes. Sie ist keine Judenhasserin, glaubt auch nicht an die arische Herrenrasse, und ihre ehemals wohlhabende, ostpreußische Gutsherrenfamilie empfand die Nazis als proletarisches Gesindel, was aber nichts daran ändert, dass die Matthées gute Miene zum bösen Spiel machten, und Friederikes Vater und Bruder aus freien Stücken der Wehrmacht beigetreten sind, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Ihre eigene und auch die Haltung ihrer Familie erfüllt Friederike mit Scham, und ihr Auftreten gegenüber Davies, der für sie die Siegermächte repräsentiert, ist zu Anfang extrem unsicher.
Richard war vor seiner Zeit bei der MP selbst Frontsoldat, und es kostet ihn oft große Selbstbeherrschung, den Verantwortlichen bei der deutschen Polizei, beziehungsweise den Deutschen im Allgemeinen, gegenüberzutreten. Je nach Tagesform schwankt er zwischen Hass, Abscheu, und manchmal sogar Mitleid, wenn ihm bewusst wird, in welch erbarmungswürdigen Zuständen die Deutschen in diesem harten Winter ihr Dasein fristen.
Dieses Spannungsfeld vermittelt die Autorin ganz nebenbei in den Dialogen zwischen den beiden Protagonisten, in Zeugenvernehmungen, oder indem sie den Leser an Richards und Friederikes Gedankengängen teilhaben lässt. Also keine Angst: es gibt schon hauptsächlich Krimi, und die Geschichtsstunde nur nebenbei.

Besonders gut hat mir gefallen, wie die Autorin die Figur der Friederike gezeichnet hat. In historischen Romanen wirken die weiblichen Protagonistinnen manchmal völlig deplatziert - sie treten zu forsch auf, sind so emanzipiert, unabhängig und selbstständig, dass man als Leser einfach nicht glauben kann, dass sie ein Kind ihrer Zeit sein sollen. Aber Friederike kann ich mir gut als typische Frau der Nachkriegszeit vorstellen. Sie wirkt oft völlig verloren, was einen ja auch nicht erstaunt, hat sie doch ihre Heimat, ihren Status und ihr komplettes Selbstverständnis durch die Flucht eingebüßt. Ihr Entschluss, der weiblichen Polizei beizutreten, entstand nicht aus einer Berufung heraus, sondern aus rein wirtschaftlichen Zwängen. Sie ist künstlerisch begabt und zeichnet gerne, und ohne den Krieg wäre sie niemals gezwungen gewesen, überhaupt einen Beruf zu ergreifen. Sie begreift ihre Arbeit zwar einerseits als Glücksfall, weil sie ihr selbst und auch ihrer Mutter ein karges Auskommen sichert, andererseits verabscheut sie jedoch ihre Aufgaben aus tiefstem Herzen. Erst als sie während der Zusammenarbeit mit Davies zum ersten Mal in einen Fall wirklich involviert ist, wird ihr bewusst, dass der Beruf auch erfüllend sein kann, und vor allem, dass sie ein echtes Talent dafür hat, die richtigen Zusammenhänge herzustellen.

Der Untertitel "Ein Fall für Friederike Matthée" lässt mich hoffen, dass es nicht bei diesem einen Fall bleiben wird - Beate Sauer war für mich eine neue Autorin, die mich mit diesem Roman, und auch mit ihrem ausführlichen Nachwort, das auf fiktive und tatsächliche historische Handlungselemente detailliert eingeht, auf Anhieb überzeugt hat, daher würde ich Friederike sehr gerne bei neuen Ermittlungen wieder begleiten.
Wer den Angstmann von Frank Goldammer mochte, wird sich sicher auch für Echo der Toten begeistern können.

Veröffentlicht am 09.01.2018

Die Vergangenheit prägt die Gegenwart und die Zukunft...

Die Tränen der Kinder
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Paula Tennant ist Agent bei der ISA (International Security Agency), und eigentlich zu Innendienst verdonnert, weil wegen ihres letzen Falles noch eine interne Ermittlung läuft. Sie absolviert brav ihre ...

Paula Tennant ist Agent bei der ISA (International Security Agency), und eigentlich zu Innendienst verdonnert, weil wegen ihres letzen Falles noch eine interne Ermittlung läuft. Sie absolviert brav ihre Termine beim hauseigenen Psychologen der Agency, und langweilt sich in ihrem mönchszellenartigen Büro, als der stellvertretende Direktor sie überraschend zu ihrem ersten Auslandseinsatz nach Rom abkommandiert.
Im Sacro Bosco bei Bomarzo wurde ein mittelalterliches Massengrab voller weiblicher Skelette gefunden. Als die Archäologen auch mumifizierte Leichname aus den letzten beiden Jahrzehnten entdecken, eine tot geglaubte Nonne nach dreizehnmonatigem Verschwinden plötzlich wieder auftaucht, und die italienische Polizei komplett im Dunkeln tappt, schaltet Kardinal Calitri, der Besitzer des Waldstücks, seinen alten Freund (und Paulas Vorgesetzten) Robert Bernstein von der ISA ein.

Dieser Roman ist der Auftaktband zur einer neuen Reihe um Paula Tennant, die bei der fiktiven Agency einen wirklich gefährlichen Job hat. Sie ermittelt in Rom Undercover, weil ihre Behörde nur inoffiziell hinzugezogen wurde, was ihr natürlich sofort heftigen Unmut seitens der italienischen Polizisten entgegenschlagen lässt, die sie für eine aufdringliche Hobby-Detektivin halten.
Paula ist noch eine schwer einzuschätzende Figur, sie ist sehr auf ihre Arbeit fokussiert und hat so gut wie kein soziales Umfeld. Die Ursachen liegen anscheinend in ihrer Kindheit, wurden bisher aber nur angedeutet, daher bin ich sehr gespannt, was noch über sie ans Licht kommt. Auch ihr Vorgesetzter Bernstein ist ein recht unkonventioneller Charakter, den man in der Position eigentlich nicht unbedingt erwarten würde.

Das Setting im nördlichen Latium ist mit Bedacht gewählt, ich selbst war schon mehrfach in der Region und habe den "Parco dei Mostri" jedes Mal besucht. Schon bei strahlendem Sonnenschein wirken die Statuen der "Monster" sehr unheimlich, und sich dort ein mittelalterliches Massengrab vorzustellen ist wirklich nicht allzu schwer.

Es gibt ein paar Passagen, die noch etwas unrund wirken, und leider den fünften Stern in der Bewertung gekostet haben. So wird beispielsweise Paulas Psychologe Cochran in Kapitel 2 als "dieser übergewichtige, kleine Kerl" mit "massigen Unterarmen" beschrieben, und nimmt dann ein paar Seiten weiter "seine dünnen Arme vom Schreibtisch". Im späteren Verlauf gab es noch eine weitere Szene, in der Paula die Lösung eigentlich schon vor der Nase hat, aber nicht die richtigen Schlüsse zieht, obwohl das eigentlich so gar nicht zu der cleveren Agentin passen will.

Diese Kleinigkeiten irritieren zwar ein wenig, aber dennoch ist "Die Tränen der Kinder" insgesamt ein mega-spannender Thriller mit einem kräftigen Schuss Mystery und ein paar Dan-Brown-mäßigen Lektionen in christlicher Mythologie. Mir hat dieser Mix sehr gut gefallen, und ich bin jetzt schon sehr gespannt auf Paula Tennants zweiten Fall.

Veröffentlicht am 04.01.2018

"Wie soll man nachts ruhig schlafen, wenn einem ständig jemand über die Schulter schaut?"

Crimson Lake
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In nur 6 Minuten wurde Detective Ted Conkaffeys Leben zerstört. Diverse Zeugen sehen ihn mit der dreizehnjährigen Claire Bingley reden, die kurz darauf brutal vergewaltigt wird und nur durch Zufall überlebt. ...

In nur 6 Minuten wurde Detective Ted Conkaffeys Leben zerstört. Diverse Zeugen sehen ihn mit der dreizehnjährigen Claire Bingley reden, die kurz darauf brutal vergewaltigt wird und nur durch Zufall überlebt. Seine Freunde und Kollegen gehen mit der vollen Härte gegen ihn vor, es wird trotz Teds Unschuldsbeteuerungen in keine andere Richtung ermittelt. Verurteilt wird er dennoch nicht - aber nur aus Mangel an Beweisen.
Doch der Schaden ist angerichtet, die Medien haben ihren Job erledigt und ganz Australien hält Ted für einen gefährlichen Pädophilen, der der Justiz durch die Finger geschlüpft ist. Er verschwindet aus Sidney und verkriecht sich in Nordaustralien in einer Kleinstadt namens Crimson Lake. Sein Anwalt besorgt ihm Arbeit im Detektivbüro von Amanda Pharrell, einer verurteilten Mörderin, die ihre Strafe schon abgesessen hat. Ihr erster gemeinsamer Fall: Der Bestseller-Autor Jake Scully, Schöpfer einer an die Bibel angelehnten dystopischen Jugendbuchreihe, ist verschwunden. Sein Ehering wurde im Verdauungstrakt eines Krokodils gefunden, ansonsten fehlt jede Spur - Ted beginnt seine Ermittlungen mit einem falschen Namen und der ständigen Angst, dass in ihm jemand den vermeintlichen Schwerverbrecher erkennt, der monatelang die Schlagzeilen dominiert hat...

Candice Fox ist eine Autorin, auf die ich vor kurzem durch die Hades-Trilogie aufmerksam wurde. Ich fand die Bücher toll, und konnte sie gleich am Stück wegsuchten, da der letzte Band bereits erschienen war. Als ich dann eine Leseprobe zum Auftaktband ihrer neuen Reihe entdeckt habe, war sofort klar: Crimson Lake muss ich ebenfalls lesen!

Schon die ersten Sätze überzeugten, ich habe sofort mit Ted mitgelitten, der völlig unschuldig vor den Scherben seiner Existenz steht, was natürlich seine Spuren bei ihm hinterlassen hat: Eine Spur Verbitterung, regelmäßige Panikattacken, und die ständige Angst, wieder in die Mühlen der Justiz zu geraten. Da die Geschichte ausschließlich aus seiner Perspektive erzählt wird, ist man immer nah dran an seinen Gedanken und Gefühlen, und sieht Crimson Lake und seine Bewohner durch Jakes Augen.
Seine Partnerin Amanda Pharrell ist ihm zunächst ein völliges Rätsel - ist sie eine mörderische Psychopathin, oder wurde ihr genauso übel mitgespielt wie Ted? Kein Wunder also, dass er sich fast genauso sehr in Amandas Vergangenheit verbeißt wie in die aktuellen Ermittlungen zum Verbleib von Jake Scully. Und nebenbei erfährt der Leser nach und nach in eingeschobenen Rückblenden auch immer mehr zu Teds eigenem Fall, wobei er offensichtlich keinerlei Ambitionen hat, den wahren Täter zu finden.

Insgesamt geht es also um drei voneinander völlig unabhängige Kriminalfälle, da muss man als Leser schon konzentriert bei der Sache bleiben, was allerdings nicht schwerfällt, da Candice Fox extrem spannend schreibt - zumindest ich kann in ihre Bücher förmlich abtauchen, so dass man mich schon mindestens zweimal ansprechen muss, wenn man mich vom Buch ablenken möchte ;)


Crimson Lake hat meinem Lesejahr 2018 einen fulminanten Start beschert, ich warte schon sehnsüchtig auf die Fortsetzung von Conkaffey & Pharrell.

Veröffentlicht am 24.12.2017

Vier erstklassige Novellen in einem Band

Vier nach Mitternacht
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Im Original lautet der Titel der 1990 erstmals erschienenen Sammlung Four Past Midnight, doch in der ursprünglichen deutschen Fassung wurde der Band geteilt und mit je zwei Geschichten unter den Titeln ...

Im Original lautet der Titel der 1990 erstmals erschienenen Sammlung Four Past Midnight, doch in der ursprünglichen deutschen Fassung wurde der Band geteilt und mit je zwei Geschichten unter den Titeln Langoliers (1990) und Nachts (1991) veröffentlicht. Das Buch wirkt auf den ersten Blick zwar neu, beziehungsweise unbekannt, wer aber Stephen Kings Bücher schon länger liest und kauft, hat die beiden alten Bände womöglich schon im Regal stehen - diese böse Überraschung sollte ja in jedem Fall vermieden werden.

Als die deutschen Bücher erstmalig erschienen, sind sie mir irgendwie durch die Lappen gegangen, und so habe ich bei diesem Band nun zugegriffen, denn er enthält tatsächlich vier alte King-Geschichten, die für mich noch "neu" und ungelesen waren, obwohl ich allerdings zwei der vier Geschichten in der Filmversion schon gesehen habe.

Den Auftakt macht Langoliers: Ein vollbesetztes Flugzeug macht sich von L.A. auf den Weg nach Boston - es ist ein sogenannter Schnarchflug, der spätabends startet, damit die Passagiere morgens ausgeruht an der Ostküste ankommen. Einige schlafen sehr schnell ein, als das Flugzeug gerade in der Luft ist, unter ihnen ein Pilot, der auf dem Weg nach Hause ist, ein blindes Mädchen, das in Boston an den Augen operiert werden soll, ein Banker, der einen wichtigen Geschäftstermin hat, und noch einige andere. Als das blinde Mädchen während des Fluges aufwacht, stellt sie fest, dass ihre Tante nicht mehr neben ihr sitzt... Und auch der Rest des Flugzeugs wirkt auf sie verwaist und leer - wo sind denn bloß alle abgeblieben?
Es gibt eine richtig schlechte Verfilmung als TV-Zweiteiler, die ebenfalls den Titel Langoliers trägt, und man muss sie definitiv nicht gesehen haben (das einzig Positive, was man darüber sagen kann: Sie ist relativ nah am Buch, und Stephen King hat einen kurzen Cameo-Auftritt. Die Schauspieler sind aber leider nicht gerade Meister ihres Fachs und über die Special Effects sollte man am besten den Mantel des Schweigens breiten). Daher hat es mich fast überrascht, wie gerne ich diese Geschichte gelesen habe. Sie war sehr spannend, und auch sehr unheimlich und abgedreht - wirklich ausgesprochen gut gelungen.

Das heimliche Fenster, der heimliche Garten: Der Schriftsteller Mort Rainey hat gerade eine üble Trennung hinter sich. Das Stadthaus hat er seiner Frau überlassen, er lebt nun sehr abgeschieden in seinem Ferienhaus und leckt seine Wunden. Hauptsächlich schläft er viel und starrt zwischen Früh-zu-Bett-gehen, Lange-Ausschlafen und einem ausgedehnten Mittagsschläfchen ein paar Stunden am Tag in seinen Bildschirm, ohne auch nur einen einzigen Satz, geschweige denn ein neues Buch, zustande zu bringen. Aus einem seiner Nickerchen wird er unsanft geweckt, als ein Unbekannter gegen seine Tür hämmert. Es ist John Shooter, der aufgebracht mit einem Manuskript wedelt und Mort des Plagiats bezichtigt, was natürlich ein völlig an den Haaren herbeigezogener Vorwurf ist. Doch Shooter lässt nicht locker...
Zu dieser Geschichte gibt es eine grandiose (aber leider etwas unbekanntere) Verfilmung mit Johnny Depp in der Hauptrolle, Das geheime Fenster, die ich sehr liebe und schon mehrfach gesehen habe. Trotzdem war es spannend, die Geschichte nun zu lesen, und wesentlich mehr über Morts Innenleben zu erfahren, als das in einer Verfilmung je möglich wäre.

Der Bibliothekspolizist: Eine sehr düstere Geschichte, in deren Mittelpunkt der Versicherungsmakler Sam Peebles steht, der überraschend eine Rede vor dem Rotary-Club halten soll. Auf den Rat seiner Sekretärin besorgt er sich zwei Bücher in der örtlichen Bibliothek, um seinen Text ein wenig aufzulockern. Doch schon der Besuch der Bücherei ist verstörend, die Leiterin, Mrs. Lortz, warnt ihn mehrfach, seine Bücher nicht zu überziehen, denn sonst rückt ihm der Bibliothekspolizist auf die Pelle. Als der Abgabetag gekommen ist, sind die Bücher wie vom Erdboden verschluckt und für Sam beginnt ein Alptraum...
Auch diese Geschichte habe ich verschlungen, denn sie ist wirklich früher King-Horror vom Feinsten.

Den Abschluss macht die Geschichte Zeitraffer: Kevin bekommt zu seinem 15. Geburtstag eine Polaroid-Sofortbildkamera, die einen merkwürdigen Defekt aufweist. Das fertige Bild zeigt nie das aufgenommene Motiv, sondern einen Hund vor einem weißen Lattenzaun. Trotzdem sind die Bilder nicht ganz identisch...
Diese Novelle gehört zum Castle-Rock-Zyklus und bildet einen Übergang zwischen den Romanen Stark - The Dark Half und Needful Things - In einer kleinen Stadt. Da ich diese beiden Bücher sehr mag und auch schon mehrfach gelesen habe, hat mir diese letzte Geschichte besonders gut gefallen, da einige altbekannte und liebgewonnene Figuren einen Auftritt bekommen.

Insgesamt mochte ich diesen Sammelband sehr, denn die Geschichten sind sehr unterschiedlich und bieten dadurch trotz der auf den ersten Blick überwältigenden Dicke des Buches ein sehr abwechslungsreiches und kurzweiliges Lesevergnügen - sowohl für Einsteiger ins King'sche Universum, als auch für "alte" Fans eine klare Leseempfehlung.