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Veröffentlicht am 26.02.2017

Zynisch

Todesmarsch
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Neben Amok und Menschenjagd gehört „Todesmarsch“ zu den besten Romanen, die Stephen King unter dem Pseudonym „Richard Bachmann“ schrieb. Das Werk enstand bereits im Jahr 1979 und wurde unter dem Titel ...

Neben Amok und Menschenjagd gehört „Todesmarsch“ zu den besten Romanen, die Stephen King unter dem Pseudonym „Richard Bachmann“ schrieb. Das Werk enstand bereits im Jahr 1979 und wurde unter dem Titel „The long walk“ zum ersten Mal veröffentlicht.

Die USA – in einer düsteren, dystopischen und grausamen Zukunft. Aus dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ist ein totalitäter Staat geworden, angeführt von einem Mann, der sich selbst nur als „Der Major“ bezeichnet.

Um die Volksmassen zu unterhalten, lässt „Der Major“ ein ganz besonderes Spektakel veranstalten: Einhundert jugendliche Männer (die sich freiwillig gemeldet haben) werden auf einen Marsch quer durch Amerika geschickt. Ohne zu schlafen, ohne zu essen müssen sie marschieren – wer zu langsam wird oder ganz aufgibt, wird von nebenher mitfahrenden Soldaten erschossen. Der letzte Überlebende ist auch der Sieger in dieser zynischen Form der Massenbelustigung.

Raymond Garraty ist einer der hundert Männer. Eigentlich weiß er selbst nicht genau, was ihn zu diesem Vorhaben, am Todesmarsch teilzunehmen, bewogen hat, denn er hat alles, was er braucht: Eine intakte Familie, eine Freundin und einen Job. Doch als er schließlich auf dem Areal steht, auf dem es losgeht, gibt es für ihn kein Zurück mehr.

Wie alle Bachmann-Bücher ist auch dieses absolut hochwertig. Wo bei Amok noch psychologische Spielchen im Vordergrund stehen – und bei Menschenjagd ganz einfach die Action – so ist es hier die Entbehrung und die Not all jener, die auf dem Marsch sind. Hart, finster und zynisch werden die Strapazen des grausamen Weges geschildert – und der Leser leidet mit. Ein absolut gelungenes Werk.

Veröffentlicht am 26.02.2017

Sprachlich intensiv, inhaltlich bewegend

Unscharfe Bilder
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Eine Hamburger Lehrerin entdeckt auf einem alten, reichlich verschwommenen und unscharfen Foto, das Wehrmachtssoldaten bei der Erschießung von russischen Zivilisten zeigt, ihren Vater als einen der Schützen.

Obwohl ...

Eine Hamburger Lehrerin entdeckt auf einem alten, reichlich verschwommenen und unscharfen Foto, das Wehrmachtssoldaten bei der Erschießung von russischen Zivilisten zeigt, ihren Vater als einen der Schützen.

Obwohl ihr Vater schon sehr alt ist und mittlerweile in einem Seniorenheim lebt, beschließt sie, ihn zur Rede zu stellen und herauszufinden, ob er auf dem Bild zu sehen ist oder nicht. Sie stellt ihm also die berüchtigte Frage, was er denn im Krieg gemacht hätte. Eine Reise in eine finstere Zeit beginnt...

Das Buch – ca. 280 Seiten dick – ist sehr schnell zu lesen; ich hatte es nach zwei Tagen schon durch. Natürlich wird man als Leser sofort von der Frage gepackt, ob denn wirklich der Vater auf den Bildern zu sehen ist – die Auflösung auf den letzten Seiten ist verhältnismäßig verblüffend.

Der Weg dorthin führt über ein abwechslungsreich erzähltes Kaleidoskop eines Soldatenschicksals in den vierziger Jahren an der Ostfront, grausamsten Krieg, den die Menschheit jemals erleiden musste. Ulla Hahn findet sehr durchschlagende, effektvolle Formulierungen, die den Horror von damals gut in Worte fassen:

„Als wir uns raustrauen, ist das Gelände mit den Leichen russischer Soldaten übersät. Ein Panzer rollt darüber. Ein zweiter, dritter durch den blutigen Brei. Grausige Überreste in den Raupenketten. Von Menschen. Sogar unser Feldwebel bebt vor Entsetzen. Dazu die Schreie. Schreie von Verwundeten, Schreie von Wahnsinnigen...“ (Seite 39 in meiner 2006 erschienenen, zweiten Auflage).

Der Stil des Buches ist unmittelbar und an Stellen wie der soeben zitierten ziemlich verstörend. Ich habe in Paul Carells Buch „Unternehmen Barbarossa im Bild. Der Russlandkrieg fotografiert von Soldaten (Berlin 1967)“ eine Fotographie gesehen, die dem geschilderten Bild oben recht ähnlich sieht, woran man die Realitätsnähe und Wirklichkeitstreue von Ulla Hahns Buch doch gut sehen kann.

„Unscharfe Bilder“ ist aber nicht nur ein grausiger Frontbericht, sondern auch eine unaufdringliche Lehrstunde über Schuld, Vergessen und Erinnerung. Ich habe das Buch nachdenklich und tief bewegt zur Seite gelegt, als ich es gelesen hatte.

Veröffentlicht am 26.02.2017

Traurig

Die letzten Christen
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Was zu einer kurzen Reise in den Irak werden sollte, um dem Vater eines Bekannten das letzte Geleit zu geben, wird zu einem langen und erschütternden Streifzug durch die mehr als tausendjährige Geschichte ...

Was zu einer kurzen Reise in den Irak werden sollte, um dem Vater eines Bekannten das letzte Geleit zu geben, wird zu einem langen und erschütternden Streifzug durch die mehr als tausendjährige Geschichte der Unterdrückung Andersgläubiger durch die islamische Mehrheitsbevölkerung der Länder des Nahen Ostens.

Menschen anderen Glaubens – insbesondere Juden und Christen – besitzen im Islam nur einen zweitrangigen Stellenwert. Sie sind Menschen zweiter Klasse und müssen sich das Recht, ihre Religion in stark eingeschränkter, zurechtgeschnittener Form unauffällig praktizieren zu dürfen, teuer erkaufen. Christliche Frauen sind häufig genug Freiwild und werden in Rudeln von Kämpfern des Islamischen Staates vergewaltigt, um anschließend an den nächsten Dschihadisten verschachert zu werden.

Ehrlich, dieses Buch ist schlimmer als jeder Horrorfilm. Man muss schon sehr hartgesotten sein, um die Beschreibungen durchzustehen, die Andreas Knapp von den Gräueltaten der Türken an den armenischen Christen im ersten Weltkrieg gibt. Man muss wirklich einiges aushalten können, wenn die Selbstverständlichkeit aufgezeigt wird, mit der in aller Öffentlichkeit in den Medien der Länder des Nahen Osten zu Hass und Gewalt gegen Ungläubige aufgerufen wird. Die menschenverachtende Seite des Islam – die von vielen Gutmenschen auch in Deutschland immer wieder geleugnet und wegdiskutiert wird – kommt gerade in merheitlich islamisch geprägten Ländern immer wieder zum Tragen. Ich selbst habe dies zum Teil während meiner Reisen in diese Länder hautnah miterlebt: Er ist ja nur ein Christ...

Es muss sich sehr viel verändern in der muslimischen Welt. Muslime sollten sich endlich deutlicher zu Toleranz und zum Miteinander der Religionen bekennen, als immerzu und dauern irgendwelche kreuzzüglerischen Absichten bei den westlichen Nationen bemerken zu wollen. Die Kreuzzüge sind lange her – aber der Dschihad, den gibt es noch immer. Jeden Tag aufs Neue.

Ein sehr trauriges, aber aufrüttelndes und wichtiges Werk! :)

Veröffentlicht am 26.02.2017

Eine mehr als gelungene Lovecraft-Adaption!

Innswich Horror
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Im Mittelpunkt der Handlung des Kurzromans „Innswich Horror“ von Edward Lee steht der dreiunddreißigjährige Foster Morley, ein reicher, konservativ lebender Einzelgänger, dessen hauptsächlicher Zeitvertreib ...

Im Mittelpunkt der Handlung des Kurzromans „Innswich Horror“ von Edward Lee steht der dreiunddreißigjährige Foster Morley, ein reicher, konservativ lebender Einzelgänger, dessen hauptsächlicher Zeitvertreib die Beschäftigung mit seinem Idol darstellt: Mit Howard Philipps Lovecraft und dessen Geschichten.

Morley begibt sich auf eine Reise entlang der Küste Neuenglands, um herauszufinden, welche Gegend Lovecraft die Inspiration für seine Story „Der Schatten über Innsmouth“ liefert. Schließlich gelangt der Protagonist in ein kleines, verschlafenes Fischerdörfchen namens Olmstead, wo er die charmante Mary kennenlernt. Als es Nacht wird, wartet jedoch das Grauen auf die beiden...

Ich muss gestehen, ich habe den Roman eher als harmloses Slasher-Gemetzel eingeschätzt und habe mir nicht viel davon versprochen, als ich ihn aufschlug und zu lesen begann. Doch ich muss sagen, ich wurde eines besseren belehrt: Die Geschichte ist phantastisch.

Ähnlich wie Lees fiktiver Charakter Foster Morley bin auch ich ein absoluter Fan des rätselhaften Sonderlings Howard Philipps Lovecraft und seiner Geschichten. Morley, der Lovecraft nur als den „Meister“ bezeichnet, stöbert auf der Suche nach alten Fotos und Hinterlassenschaften des Schriftstellers aus Providence immer mehr in Olmstead herum und macht schließlich Entdeckungen, die einem die Haare zu Berge stehen lassen.

Mir hat „Innswich Horror“ super gefallen. Besonders die weibliche Hauptfigur ist sehr nett gestaltet; der einzige Kritikpunkt, der mir ab und ab auffiel, ist der manchmal doch etwas hölzern und unreif wirkende Schreibstil – es scheint fast, als habe man es mit einem Jugendwerk Edward Lees zu tun, aber dazu kenne ich mich mit diesem Schreiber nicht gut genug aus, um das zu beurteilen.

Insgesamt: Ein tolles Buch, sehr kurzweilig und unterhaltsam. Absolut lesenswert für alle, die die Welt von Howard Philipps Lovecraft mögen und auch vor Adaptionen wie etwa „Providence“ von Alan Moore nicht zurückschrecken.

Veröffentlicht am 26.02.2017

Fragwürdig und unseriös

Nimm mich, bezahl mich, zerstör mich!
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Lisa Müller ist eine blonde, gut aussehende junge Frau mit einer Hochglanzwebsite. In Talk Shows zeigt sie ihre nahezu makellosen Zähne, lächelt ein unverbrauchtes, ehrliches und aufrichtiges Lächeln und ...

Lisa Müller ist eine blonde, gut aussehende junge Frau mit einer Hochglanzwebsite. In Talk Shows zeigt sie ihre nahezu makellosen Zähne, lächelt ein unverbrauchtes, ehrliches und aufrichtiges Lächeln und erzählt... von ihren langen, langen Jahren als Kinderprostituierte.

Zum ersten Mal verkaufte sie sich als 14-jährige, später tat sie es immer und immer wieder für Geld. Irgendwann war sie psychisch am Ende und stieg aus. Ihre Kindheit war Horror, alles in allem eine furchtbare, grässliche Zeit.

Diese Zeit hat sie in einem selbst verfassten Buch verarbeitet. Wie sie selbst einmal in einem SWR-Interview aussagte, habe sie zur Verarbeitung ihrer schrecklichen Erlebnisse keine psychologische Hilfe gebraucht, sondern nur das Buch. In einem anderen Interview erklärt sie, sie habe sich damals, als sie das Buch geschrieben habe, nichts sehnlicher gewünscht als ein normales Leben.

Doch da, an genau diesem Punkt, setzen in einem kritischen Betrachter die Gefühle der Irritation ein. Wenn man ein normales Leben will – sollte man dann die Öffentlichkeit nicht meiden? Diese junge Frau wird das Stigma, das sie sich selbst oktroyiert hat mit ihrer Veröffentlichung, nie wieder los werden – ein normales Leben wird sie nicht wieder führen können. Aber damit nicht genug: Diese junge, gutaussehende Frau macht in allen Fernseh- und Radioauftritten keineswegs den Eindruck einer psychisch angeknacksten Person – ganz im Gegenteil: Zu fröhlich sind ihre öffentlichen Äußerungen, in manchen TV-Shows macht sie beinahe den Eindruck eines komplett sonnigen Gemüts. Viel zu frei und völlig unbefangen erzählt sie von ihrer Zeit als Hure – selbst die Berichte von ihrer angeblichen Vergewaltigung lassen sie nicht zögern, innehalten oder nachdenklich werden. Wer Natascha Kampuschs Fernsehauftritte gesehen hat, weiß, wie jemand aussieht, die Schreckliches durchgemacht hat und traumatisiert ist – aber Lisa Müller scheint mir nichts von alldem, was sie angeblich erlebt haben will, tatsächlich durchgemacht zu haben.

Hinzu kommt dann dieses unsägliche, unerträgliche, jedem guten Geschmack Hohn sprechende Buch. Auf 280 Seiten werden überwiegend pornographische Szenen zum Besten gegeben – und das mit einem Genuss, der gleich wieder für Irritation sorgt. Sagt sie nicht immer, sie sei an ihrer eigenen Prostitution zugrunde gegangen? Heißt nicht ein Teil des Titels „Zerstör’ mich?“ Danach klingt es aber im Buch nicht. Überhaupt nicht.

Darüberhinaus gibt es viele andere, irritierende Dinge in dem Buch. Vor allem auf Widersprüche wurde an anderer Stelle immer wieder hingewiesen – gerade, was die angebliche Durchführung ihrer Prostitution angeht. Je länger man sich mit dem Buch beschäftigt, desto mehr kommen dem Leser Zweifel an der Authentizität der dargestellten und berichteten Dinge. Und wenn man die Dame dann auch noch im Fernsehen sieht, hat man endgültig das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt. Ist am Ende alles erfunden? Handelt es sich um eine Masche, mit deren Hilfe man berühmt werden will?

Und dann zum Thema Bilder. Hier fragt man sich – was soll denn das? Macht sie Werbung für sich? Will sie sich irgendwelchen Model-Agenturen auf diese Weise als Newcomerin anbieten? Was will sie damit erreichen? Gehört das auch zur angeblichen psychologischen Aufarbeitung ihrer traumatischen Erfahrungen? Erfahrungen, die sie freiwillig gemacht hat, wohlgemerkt?

Nein, nein, nein. Ich habe ja, wenn ich neue Veröffentlichungen sichte, normalerweise immer ein sehr wohlwollendes Gefühl für neue Autoren, insbesondere wenn es um autobiographische Erzählungen geht. Lisa Müller ist für mich eine Person, deren Erlebnisse ich zutiefst skeptisch sehe und an deren Authentizität ich nicht mehr glauben kann – nicht nach diesem Buch, nicht nach den werbewirksamen und beinahe selbstherrlichen Auftritten im Fernsehen. Das Maß ist dann noch endgültig voll, wenn sie sich unter realem Namen hier bei amazon anmeldet und empörte Kommentare über negative Rezensenten abgibt.

Nun denn, warten wir mal ab, in wie vielen Jahren sie zugibt, Blödsinn erzählt zu haben, nur um berühmt zu werden. Eines steht jedenfalls fest: Ihr Leben hat sie zerstört – so oder so.