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Veröffentlicht am 15.09.2016

Ein fesselndes Märchen mit tiefgründigen Charakteren

Zorn und Morgenröte
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Inhalt:

An jedem Tag nimmt sich der Herrscher von Chorasan, Chalid Ibn al-Rashid, eine neue Frau, die er mit der Morgendämmerung hinrichten lässt. Doch dann meldet sich die junge Shahrzad freiwillig - ...

Inhalt:

An jedem Tag nimmt sich der Herrscher von Chorasan, Chalid Ibn al-Rashid, eine neue Frau, die er mit der Morgendämmerung hinrichten lässt. Doch dann meldet sich die junge Shahrzad freiwillig - mit dem festen Willen, zu überleben und ihre beste Freundin, eine dieser Bräute, zu rächen. Sie beginnt ein Spiel um Leben und Tod ...


Meine Meinung:

Die Geschichte ist von „1001 Nacht“ inspiriert, und die Atmosphäre ist dieselbe. Das orientalische Setting verbunden mit dem märchenhaften Schreibstil entführt den Leser in eine uns fremde, zauberhafte Welt und lädt so zum Träumen ein. Dies wird noch unterstrichen durch den poetischen Schreibstil, der mit malerischen Beschreibungen Bilder vor den Augen des Lesers entstehen lässt.
So wird beispielsweise der Palast als wunderschön beschrieben und ich glitt in eine Welt wie der aus „1001 Nacht“. Schattenseite des Ganzen ist allerdings, dass auch die Namen authentisch sind, was dazu führen kann, dass sie für ungewohnte Ohren schwerer zu merken sind.

Shahrzad ist ein toller Charakter. Ich mochte ihre überlegene, vielleicht zwischendurch leicht überhebliche Art, mit der sie sowohl mit dem Kalifen als auch mit ihrem Leben spielt. Sie ist sehr selbstbewusst und ungemein schlagfertig, nicht immer respektvoll, dafür eigenständig und eigenwillig. Ihre Schlagfertigkeit verleiht dem Buch eine Spur Humor.
Sie will ihre Freundin Shiva rächen und der Leser merkt schnell, wie sie für die Menschen, die ihr nahestehen, kämpft. Sie ist selbstlos, gerade weil sie sich freiwillig für den Tod meldet, man spürt ihre steigende Angst, die mit dem Morgengrauen kommt und doch lässt sie sich keine Schwäche anmerken, gibt sich überlegen und unbesiegbar.

Chalid Ibn al-Rashid gilt als grausamer König, doch schon im Prolog wird dem Leser vor Augen geführt, dass sich mehr dahinter verbirgt. So wird er zu einem unheimlich tiefgründigen, tollen Charakter mit vielen, oft auch dunklen Seiten und einem Geheimnis, das lange verborgen bleibt. Die brennende Frage nach dem Hintergrund der Morde und der Andeutungen im Prolog treibt den Leser durchs Buch und fesselt ihn zusammen mit der spannenden Handlung an die Seiten. Action und ruhigere Abschnitte wechseln sich ab, jedoch immer durchzogen von einer pulsierenden Spannung.
Das Buch wird aus mehreren Sichten erzählt, meist von der Hauptperson, aber auch andere Charaktere erhalten kurze Passagen.

So zum Beispiel Tarik, Shahrzads Liebe und Freund seit Kindestagen, ein sehr impulsiver Charakter, der Shahrzad über alles liebt.
Oder Jahandar, Shahrzads Vater, ebenfalls ein vielschichtiger Charakter. Ihre Schwester Irsa erhält kaum Auftritte, doch schon auf den wenigen Seiten wirkte sie recht lebendig.
Leider gibt es auch ein Liebesdreieck und das ist der Punkt, der meine Begeisterung ein wenig dämpfte. Nichtsdestotrotz konnte mich der Rest aber so überzeugen, dass dies eines der bisher besten Bücher dieses Jahres ist - ich bin schon gespannt auf die Fortsetzung!


Fazit: Die starke, selbstbewusste, schlagfertige Shahrzad trifft auf den äußerst tiefgründigen Chalid mit der Absicht, ihn zu töten und ein dunkles Geheimnis und eine fesselnde Spannung verbunden mit vielschichtigen Charakteren und dem poetischen Schreibstil lassen die Seiten nur so vorbeifliegen!

Veröffentlicht am 05.02.2018

Fesselnde Steigerung zum Vorgänger

Strikers Fall
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! ACHTUNG - ENTHÄLT SPOILER ZUM VORGÄNGER !

Inhalt:

Fünf Jahre sind vergangen und Amelies und Strikers Wege haben sich getrennt. Amelie arbeitet mittlerweile als Polizistin bei der Mordkomission und ...

! ACHTUNG - ENTHÄLT SPOILER ZUM VORGÄNGER !



Inhalt:

Fünf Jahre sind vergangen und Amelies und Strikers Wege haben sich getrennt. Amelie arbeitet mittlerweile als Polizistin bei der Mordkomission und hat sich dort ein Leben aufgebaut. Doch dann wird sie zu einem Toten gerufen, der Striker sehr ähnlich sieht, und muss sich unwilllkürlich fragen, ob der Junge, der ihr einst so viel bedeutet hat, in Gefahr ist ...
Striker konnte Amelie nie vergessen, doch nachdem sie auf seine Nachrichten nicht reagierte, hat er die Hoffnung fast aufgegeben. Doch jetzt, da er endlich wieder in einer glücklichen Beziehung ist, tritt plötzlich wieder Amelie in sein Leben ...

Meine Meinung:

Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass es noch einen zweiten Band gibt, sondern den ersten für einen Einzelband gehalten. Die Autorin allerdings auch, wie ich herausgefunden habe, denn der zweite Teil ist vor allem auf Wünsche von LeserInnen hin entstanden, was mich ein wenig skeptisch gemacht hat.
Und klar, man merkt schon, dass der zweite Teil nicht geplant war, zumindest, wenn man drauf achtet. Der erste Band hatte ein Ende und daher werden hier Anknüpfungspunkte gesucht. Was ich am Anfang manchmal fast als noch ein wenig konstruiert empfand, wird aber am Ende gekonnt mit den Ereignissen des Vorgängers verknüpft.
Ich kam nicht ganz so leicht rein, auch, weil das Lesen des Vorbandes ein Weilchen bei mir her ist und dieses Buch sich bei meinen Eltern befindet, sodass ich nicht nochmal reinlesen konnte und ich somit nicht mehr alle Details parat hatte. Aber dadurch, dass es einen Zeitsprung gibt und die wesentliche Infos beiläufig nochmal fallen gelassen werden, hatte das höchstens den Effekt, dass ich nicht immer ganz so gut mitraten konnte, weil ich nicht immer wusste, ob da Bezüge existieren oder nicht. Ansonsten trat das aber mit steigender Seitenzahl zunehmend in den Hintergrund und verflüchtete sich schließlich.

Gleichzeitig merkt man, dass sich der Stil der Autorin gebessert hat. Während ich beim ersten Band noch Probleme mit der Erzählweise hatte, merkte ich davon hier nichts mehr. Wie im Vorgänger beginnt die Autorin auch hier einige Kapitel mit philosophisch anmutenden Gedankengängen, aber verliert sich nicht länger in ihnen. Auch die Handlung lief ohne diese Brüche ab, die mich im ersten Teil gestört hatten.
Dabei zeichnet sich das Buch auch dadurch aus, dass es sich als so fesselnd erwiesen hat, dass ich teilweise die Welt um mich herum vergaß. Auch dank der konstant hohen und gegen Ende noch mal steigenden Spannung flog ich quasi durch die Seiten. Viele Wendungen habe ich dabei selten erahnt, wobei das teilweise auch daran liegen könnte, dass ich Amelies Gedankengänge beziehungsweise Schussfolgerungen bezüglich der tatsächlichen Geschehnisse nicht immer so ganz folgen konnte und mir auch am Ende zum Teil nicht so ganz klar war, was jetzt wie zusammenhängt.

Die Charaktere haben sich dabei deutlich verändert.
Aus der aufsässigen, rebellischen Angel ist eine junge Frau geworden, die selbstbewusst ihr Leben lebt und zu sich steht, gelassener geworden ist, auch wenn sie immer noch mitunter impulsiv handelt. Dabei gelingt es der Autorin, dennoch auch frühere Seiten von ihr durchblitzen zu lassen und die Entwicklung somit glaubhaft zu gestalten.
Was ich ein bisschen schade fand, ist, dass man im Vergleich zu ihr weit weniger über Strikers beziehungsweise dem, was er jetzt so in seinem Leben macht, erfährt, obwohl das Buch abwechselnd aus seiner und Amelies Sicht erzählt wird. Der Fokus liegt da eher auf den aufkeimenden Gefühlen, die in ihrer Heftigkeit nachvollziehbar beschrieben werden.
Die Nebencharaktere bleiben eher blass, auch wenn einige sympathische Ansätze da sind. Teilweise enthalten die Dialoge auch immer eine Spur Humor, der die düstere Grundstimmung auflockert.

Fazit: Besser als der Vorgänger, vor allem dadurch, dass die Probleme, die ich da mit der Erzählweise hatte, verschwunden sind. Stattdessen fesselt der Jugendbuchthriller trotz des Zeitsprungs von fünf Jahren mit einer reifer gewordenden Protagonistin und spannenden, wenn auch nicht immer ganz nachvollziehbaren Zusammenhängen an die Seiten.

Veröffentlicht am 12.01.2018

Voller Melancholie und Weltschmerz

Winter so weit
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! ACHTUNG - ENTHÄLT SPOILER ZUM VORGÄNGER!

Das ist eins der Bücher, das man beendet, und dann ist man total fertig. Mit den Nerven. Mit den Gefühlen. Mit der Welt. Mit allem.

Ich hatte Angst vor dem ...

! ACHTUNG - ENTHÄLT SPOILER ZUM VORGÄNGER!



Das ist eins der Bücher, das man beendet, und dann ist man total fertig. Mit den Nerven. Mit den Gefühlen. Mit der Welt. Mit allem.

Ich hatte Angst vor dem zweiten Teil. Ich hatte wirklich Angst. Ich fand, dass der erste gut für sich stehen konnte, ich fand, dass das Ende passte, und ich hatte Angst, dass diese Fortsetzung alles kaputtmachen würde.
Doch all diese Gedanken wurden beim Lesen absurd. Ich glaube, ich habe ganz diesen Stil vergessen. Die Worte, die mal voller Poetik und sprachlicher Bilder ist, und einem dann wieder ganz schonungslos die Wahrheit ins Gesicht klatscht. Einem den Atem raubt, wegen dieser unfassbaren Grausamkeit und Ungerechtigkeit.
Irgendwie gelingt es Peer Martin, den syrischen Bürgerkrieg in all seiner Grausamkeit rüberzubringen, sodass ich teilweise das Gefühl hatte, ich wär selbst dort, zwischen den zerstörten Ruinen eines ehemals wunderschönen Landes. Inmitten eines gnadenlosen Krieges. Mehr als einmal weinte ich innerlich, äußerlich erstarrt wegen all dem.

Und dann die andere Seite der Medaille. Fremdenhass, Neo-Nationalsozialismus in Deutschland, rechte Gruppen. Ich habe es verabscheut beim Lesen.
Und beide Themen sind einfach unfassbar gut recherchiert, was die Zitate vor den Kapiteln zeigen. Und die Rechercheanstöße, den ich noch folgen muss. Überhaupt, auch hier gab es wieder viele schöne Textstellen, aber ich konnte mich nicht von den Seiten lösen, um die Seitenzahlen aufzuschreiben. Ich vergaß die Welt um mich herum, wurde komplett reingezogen in diese Geschichte, die manchmal irreal anmutet und doch realer ist wie die meisten anderen.

Klar, man könnte jetzt darüber diskutieren. Darüber, dass es in dem Buch Stellen gibt, die unseren Vorstellung von real und möglich widersprechen, die mystisch anmuten. Unerklärbare Dinge. Dass die Geschichte sowas nicht braucht, dass sie vielmehr zu realistisch ist, als dass sowas geht.
Aber das ist einfach dieser Stil. Die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verblassen manchmal, manchmal weiß man auch als LeserIn nicht mehr so ganz, was Einbildung ist und was nicht, und dennoch verliert das Thema kein bisschen an Ernsthaftigkeit.
Stattdessen wurde ich beim Lesen immer von einer seltsamen Melancholie mitgepackt. Wegen dieses wunderschönen, aber eben auch melancholischen Schreibstils einerseits. Wegen dieser ungerechten Geschehnisse andererseits, die Weltschmerz in mir hervorruften.

Die Wendung, vor der ich die ganze Zeit Angst hatte, wurde tatsächlich so nachvollziehbar und logisch reingebracht, dass ich sie nicht als unpassend, störend oder falsch empfand, sondern auf einmal ziemlich froh über diesen zweiten Teil war.
Natürlich kann ich nicht beurteilen, inwieweit die beschriebenen Verhältnisse in Syrien der Realität entsprechen. Inwieweit das, was da passiert, überhaupt möglich wäre. Und manchmal war es mir ein kleines bisschen zu viel. Zu viel Glück, zu viel Pech, zu viel.
Aber vielleicht ist diese Geschichte auch nur eine Zeichnung eines Traumes. Der dennoch nicht die Schärfe der Wirklichkeit verliert.

Calvin hat so wenig noch mit dem Neo-Nazi gemein, den ich im ersten Band gehasst habe. Und doch hat er natürlich diese Vergangenheit. Er verändert sich, hat sich verändert, und irgendwann wurde mir bewusst, dass ich ihn mittlerweile wirklich mochte. Dann gab es wieder ein, zwei Szenen, bei denen ich mit seinem Verhalten nicht einverstanden war, eine, die schon diskussionswürdig ist, aber nicht zwangsläufig problematisch.
Was man der Geschichte vielleicht noch vorwerfen könnte, ist, dass vieles zu konstruiert zussamenhängt. Aber wie gesagt, es ist keine Geschichte mit dem Anspruch, huntderprozentig realistisch zu sein. Es ist eine Geschichte. Und die bringen manchmal die Wahrheit am grausamsten rüber.

Fazit: Eine fesselnde und mitreißende Geschichte mit einem melancholischen, poetischen und ehrlichen Schreibstil, bei der manchmal die Grenzen zwischen Vorstellung und Wirklichkeit verwischen, die aber vielleicht gerade dadurch die Wahrheit noch grausamer vermittelt, sodass es mir als Leserin den Atem raubte

Veröffentlicht am 12.01.2018

Poetische Herangehensweise an ein ernstes, aktuelles und emotional mitreißendes Thema

Feuerfrühling
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! ACHTUNG - ENTHÄLT SPOILER ZU DEN VORGÄNGERN !

Inhalt:

Nachdem Nuri und Calvin sich endlich gefunden haben, leben sie jetzt in Arsal, einer Stadt im Libanon, gemeinsam mit den anderen. Doch das ist ...

! ACHTUNG - ENTHÄLT SPOILER ZU DEN VORGÄNGERN !



Inhalt:

Nachdem Nuri und Calvin sich endlich gefunden haben, leben sie jetzt in Arsal, einer Stadt im Libanon, gemeinsam mit den anderen. Doch das ist nur vorübergehend, und als der IS auch hierhin seine Fänge auswirft, beschließen sie, dass sie endlich zurück nach Deutschland fliehen müssen. Doch es gibt zu viele Flüchtende überall, zu viele Grenzen sind längst dicht, und so sind sind sie nur eine Gruppe von vielen, die nach Deutschland wollen.
Gleichzeitig haben die Erlebnisse Spuren an Calvin hinterlassen, die Wut und Gewalt in ihm wecken. Kann seine Beziehung zu Nuri trotz allem bestehen? Und schaffen sie es, rechtzeitig zum Prozess wieder in Deutschland zu sein?

Meine Meinung:

Irgendwie hat der dritte Band all das bestätigt, wovor ich insgeheim Angst hatte. Ich meine, genaugenommen hat es der zweite Band auch schon, aber erst hier wurde das wirklich deutlich. Und zum Ende dieses Teiles hin hatte ich teilweise wirklich den Gedanken, dass ich es beim ersten Band hätte belassen sollen, dass ich ihn so grandios in Erinnerung hätte halten sollen, wie er war, dass ich auf mein Bauchgefühl hätte hören sollen.
Und ja, ein Stück weit würde ich das LeserInnen auch fast empfehlen, auch wenn man nach dem zweiten wohl auch noch den dritten lesen kann, denn dazwischen tut sich nichts. Ich kann auch nicht sagen, ob es daran liegt, dass ich den ersten Teil so glorifiziert habe, aber ich versuch jetzt einfach mal, meine Gedanken in Worte zu fassen.

Ich hatte in diesem Buch irgendwann das Gefühl, dass die Magie des ersten Bandes verloren gegangen ist. Irgendwo während des zweiten und dritten Teiles, ohne dass ich es bemerkt habe. Die Charaktere waren nicht mehr die, die ich ins Herz geschlossen habe, es war nicht länger die Geschichte eines Neo-Nazis und eines jungen, geflüchteten Mädchens, die sich über Vorurteile hinwegsetzen, nicht die Geschichte darüber, dass Menschen sich verändern können, nicht die Geschichte, die erstaunlich nah an der Realität dran war.
Denn objektiv betrachtet ist der dritte Band alles andere als schlecht. Überhaupt nicht. Aber es ist diese Magie, es ist das, was den Auftakt so umwerfend gemacht hat, dieser kleine Zauber, dieses Realistische, quasi die Seele, die mir verloren gegangen ist. Auch schon im zweiten Teil, wenn ich jetzt zurückblicke, auch wenn mir das da noch nicht so klar war.
Es ist also nichts wirklich greifbares, und daher vielleicht auch subjektiv, und vermutlich werden die meisten von euch das Buch toll finden. Aber es geht hier ja schließlich um meine subjektive Meinung.

Ich hatte zwischenzeitlich das Gefühl, dass diese Geschichte, die ich geliebt hatte, genommen und weitergeführt würde, weg von dem, was sie ausmacht, ohne zu wissen, was genau das ist. So, als müsste alles unbedingt weitergeführt werden, alle Seiten der Flucht grausam gezeigt werden.
Und versteht mich nicht falsch, wenn man die Charaktere weglässt, dann zeigt der Autor ein grausames, aber eben auch realistisches Bild von der Flucht, zeigt, wie hart diese wirklich ist, welche Schrecken sie bietet, was für Opfer sie fordert. Er zeigt, wie sehr die Grenzschließungen und überfüllte Lager die Situation noch verschlimmern, zeigt die Lebensgefahr, die Opferbereitschaft, zeigt, wie Menschen, die doch im Kern genauso sind wie wir alle, alles verlieren, wie sie, nur angetrieben von ihrer Suche nach Sicherheit und Freiheit, ihr ganzes Leben und ihren ganzen Besitz aufgeben.
Er zeigt, wie schwierig und gefährlich es wirklich ist, nach Deutschland zu gelangen, und ich verzweifelte mit den Charakteren, litt mit ihnen, ohne es wirklich zu tun, weil ich von der Realität eben keine Ahnung habe. Auch dieser Band ist wieder tiefgründig recherchiert und bietet Rechercheanstöße.

Und auch in diesem Band ist die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland ein immer präsentes Thema, auch dadurch, dass auch Cindy einige Absätze erhält. Cindy, die ebenfalls allmählich zu zweifeln beginnt. Und obwohl man es vielleicht als idealistisch kritisieren könnte, mochte ich es, dass das Bild vermittelt wird, dass Menschen sich ändern können und nicht aus Prinzip "schlecht" sind.
Dennoch wird auch hier die Ungerechtigkeit gegenüber Geflüchteten thematisiert, die Stigmatisierung, die Vorurteile, die zunehmend geschürzt werden, die stetige Präsenz von Neo-Nazis mit ihrem ebenso stets präsentem Hass, ... Und dann natürlich die Frage nach dem Prozess. Und danach, ob es sowas wie Gerechtigkeit wirklich gibt.

Während mich das im zweiten nur unterschwellig gestört hat, spielte hier in das oben beschriebene Gefühl mit rein, dass ich zwischendurch doch dachte, dass es ein wenig absurd ist, was Calvin alles durchlaufen hat - und noch durchläuft. Ein Deutscher, der aus Syrien zurück nach Deutschland flieht?
Und dann auch noch Calvin? Denn dieser Calvin hat kaum noch was mit dem Calvin aus dem ersten Band gemein. Und nein, der war mir lange auch nicht sympathisch, aber irgendwann hatte ich einfach dieses Gefühl, dass diese Charaktere wenig mit den ursprünglichen Charakteren (auch nach ihrer Entwicklung im ersten Band) gemein hatten, dass die Geschichte wenig mit der ursprünglichen Geschichte gemein hatte, so als hätte sie sich irgendwann zwischendurch selbst verloren.
Und natürlich werden Fäden zusammengelegt, aber zwischendurch schlich sich die Frage in meinen Kopf, wann es denn endlich vorbei wäre, vielleicht nicht nur auf die genervte, sondern auch auf die mitfühlende Weise, vielleicht auch beides gleichzeitig.

Der Stil ist dabei wie der zweite poetisch und schleudert mit seinen Formulierungen dem/-r LeserIn teilweise Fakten eiskalt ins Gesicht, Fakten, die einem schon irgendwie das Herz brechen. Zwischendurch schämte ich mich fast dafür, in einem Erste-Welt-Land zu leben, quasi alles zu haben, während anderen Menschen auf der Welt solche Schicksale widerfahren.
Wie auch im Vorgänger balanciert auch hier der Stil zwischen Vorstellung und Wirklichkeit, zwischen Illusionen und tatsächlichen Geschnissen, zwischen unrealistischem Märchen und recherchierter Realität. Manchmal war es mir zwischendurch fast zu viel, fast zu viel für dieses doch sehr ernste Thema, während ich es im ersten Band noch geliebt habe. Vielleicht ist das aber auch eine Weise, sich diesem Thema zu nähern, auf fiktive Weisen die Realität zu vermitteln. Ich denke, das ist letztendlich Geschmackssache.

Fazit: Sehr gut recherchiertes, emotional mitreißendes Buch, das für mich persönlich aber ein wenig auch im zweiten Band schon die Seele des Auftaktes verloren hat, dadurch, dass ich das Gefühl hatte, dass die Charaktere wenig mit den Charakteren aus dem ersten Band und auch die Geschichte nur noch wenig mit der aus dem ersten Band gemein hatten. Ob es zu viel Poesie, zu unrealistisch, zu anders ist, oder ob dies einfach nur eine andere Herangehensweise an dieses ernste, sehr ausführlich in vielen Facetten dargestellte Thema ist, bleibt aber im Endeffekt jedem selbst überlassen.

Veröffentlicht am 03.01.2018

Bekanntes Konzept mit sympathischen Protagonisten, jedoch zunehmend unverständliche Handlungen und fehlende Tiefe

Soul Mates, Band 1: Flüstern des Lichts
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Das Grundkonzept dieses Buches ist altbekannt: Idyllische Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Nerdige Protagonistin mit traumatischer Vergangenheit und kleinen Ungereimtheiten (sie hört merkwürdige Schreie), ...

Das Grundkonzept dieses Buches ist altbekannt: Idyllische Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Nerdige Protagonistin mit traumatischer Vergangenheit und kleinen Ungereimtheiten (sie hört merkwürdige Schreie), die sich um Normalität bemüht. Ein attraktiver, aber düsterer und gefährlich anmutender Typ, der plötzlich auftaucht und sie mit einer übernatürlichen Welt in Kontakt bringt, in der es die Guten gibt, die gegen die Bösen kämpfen.
Huch, da meldet sich ein kleiner Wiedererkennungswert. Das Buch hatte dabei den deutlichen Vorteil, dass ich just zu dem Zeitpunkt mal wieder richtig Lust auf so eine Story hatte - oder zumindest auf die Kernbereiche - und somit bereit war, mich darauf einzulassen.

Rayne war mir dabei durchaus sympathisch. Sympathievorschuss erhielt sie allein schon dadurch, dass ihr größtes Hobby Lesen ist, sie in einer Buchhandlung arbeitet und sich auch sonst gerne anderen Welten zuwendet. Sie liebt ihre Adoptivfamilie über alles und kümmert sich rührend um ihre kleine Adoptivschwester Emma. Tragische Vergangenheit also (sie kann sich an ihre ersten fünf Lebensjahre nicht erinnern und die danach waren auch nicht viel besser), aber kein komplett kaputter Charakter, sondern in vielen Bereichen eine normale Jugendliche.
Als sie dann mit dieser anderen Welt konfrontiert wird, verschließt sie nicht die Augen davor, sondern akzeptiert zwar nicht direkt, aber ohne dass es anstrengend wird ganz rational die sich vor ihr ausbreitenden Beweise. Auch danach lässt sie sich nicht unterkriegen und bietet zum Beispiel Colt Paroli, ohne ihr Gehirn gleich abzugeben.

Womit wir bei Colt wären. Colt ist der klassiche Bad Boy - dunkle Seiten, Geheimnisse, bedrohliches Auftreten. Ich mochte ihn, zumal er Rayne nicht wie den letzten Dreck behandelt. Ich meine, ich würde auch Leute mit dem Messer bedrohen, bei denen ich nicht weiß, auf welcher Seite sie stehen. Danach verhält er sich eigentlich ganz ... ich will jetzt nicht sagen, zuvorkommend, aber immerhin respektvoll.
Die Dialoge zwischen den beiden sind durchaus unterhaltsam, die Liebesgeschichte entwickelt sich jetzt nicht allzu langsam, aber schon nachvollziehbar, aufbauend auf anfänglicher Anziehung, auch wenn es hier ein übliches Drama gibt.

Ich mochte es dabei, dass Seelenpartner nicht gleich Liebespartner war, im Gegenteil. Das gab dem Ganzen mal eine neue Ebene.
Ansonsten wartete ich allerdings leider eher vergeblich auf die erhoffte Tiefgründigkeit. Immer wieder hoffte ich, die Grenzen zwischen der strikten Schwarz-Weiß-Einteilung von Gut und Böse würden verwischt werden, doch dieses Potenzial wurde leider nicht genutzt. Schade. Mir wären da einige Ideen gekommen.
Die Handlung selbst ist durchaus spannend und fesselnd, sodass ich es im Nu durchhatte, zumal sich der Schreibstil ziemlich flüssig lesen lässt, auch dank der sarkastischen Färbung.

Doch gleichzeitig hatte ich oft das Gefühl, die Erklärungen zu dieser Welt, ihrem Aufbau, den Fähigkeiten und Funktionen nicht ganz verstanden zu haben. Vieles erschien mir unklar oder widersprüchlich, manche Dinge verstand ich einfach nicht, und ich kann nicht genau sagen, ob ich es einfach aufgrund des Tempos zu schnell gelesen habe oder ob die Erklärungen tatsächlich unzureichend sind. Aber auch wenn ich zurückblätterte und Dinge nachlas, wurden diese nicht wirklich klarer.
Daraus resultierend wurden mir auch die Handlungen der Charaktere (insbesondere der Antagonisten) mit steigender Seitenzahl immer unverständlicher. Viele Enthüllungen ließen sich zumindest erahnen, wirklich überrascht hat mich da nichts, was ja an und für sich nicht zwingend negativ ist.
Trotz dass ich aber mit der Handlung zunehmend weniger klarkam, ist doch deutlich Potenzial für die Fortsetzung vorhanden, das besonders in der Leseprobe zum zweiten Band angedeutet wird, sodass ich diesen wahrscheinlich lesen werde.

Fazit: Bekanntes Fantasy-Konzept mit sympathischer Protagonistin und ebenso sympathischem Bad Boy - lockerer, flüssig zu lesender Schreibstil, allerdings zunehmend unverständliche Handlung und unklare Erklärungen über die Hintergründe, dabei kaum Verwischen der Grenzen der strikten Gut-Böse-Trennung trotz Potenzial.