Zwischen Genialität und Chaos – Pagans im Zwiespalt
Pagans - Ein Killer. Zwei Cops. Hunderte GötterIch habe mich sehr gefreut, Pagans lesen zu dürfen, denn der Klappentext klang vielversprechend: Ein alternatives Weltmodell, verschiedene Stämme mit eigenen Regeln, Bräuchen und Religionen – und das alles ...
Ich habe mich sehr gefreut, Pagans lesen zu dürfen, denn der Klappentext klang vielversprechend: Ein alternatives Weltmodell, verschiedene Stämme mit eigenen Regeln, Bräuchen und Religionen – und das alles eingebettet in ein düsteres, urbanes Setting wie London. Die Grundidee ist definitiv spannend und hebt sich vom Mainstream ab. Leider konnte mich die Umsetzung jedoch nur bedingt überzeugen.
Einstieg & Weltmodell
Der Einstieg in die Geschichte fiel mir schwer. Ein klassischer Prolog oder eine einführende Orientierungshilfe fehlte, sodass ich zunächst wenig Zugang zur Welt fand. Die erklärenden Auszüge, die wohl das Weltmodell vermitteln sollten, empfand ich als wenig aufschlussreich. Deshalb achtete ich beim Lesen verstärkt auf Details, um ein besseres Verständnis für die Logik der Welt zu entwickeln – doch selbst bis weit in die Mitte des Buches blieben mir viele Zusammenhänge unklar.
Sprache & Stil
Der Schreibstil ist sprachlich sehr anspruchsvoll, teilweise sogar überkünstelt. Es wirkt, als wolle der Autor seine Wortgewandtheit unter Beweis stellen – was grundsätzlich legitim ist –, doch bei mir führte das zu einer gewissen Distanz zur Handlung. Die Sprache schwankt zwischen hochtrabend und derb: Begriffe wie Aedieths Waffe „Lungenlocher“ oder das Auto namens „Straßenficker“ wirken eher unfreiwillig komisch als atmosphärisch oder glaubwürdig.
Hinzu kamen einige Übersetzungsprobleme in der deutschen Fassung. Begriffe wie „Darkweb“ wurden einfach direkt ins Deutsche übersetzt („Dunkelweb“), was sehr unnatürlich klang und mich als Leserin aus der Geschichte riss. Solche Übersetzungsfehler begegnet man ungern, vor allem in einem Buch, das stilistisch ohnehin schon fordernd ist.
Charaktere & Handlung
Auch zu den Hauptfiguren – insbesondere Aedieth und Drustan – konnte ich leider keine tiefere Verbindung aufbauen. Ihre Persönlichkeiten blieben für mich eher schemenhaft, was es erschwerte, emotional mitzufiebern. Das galt auch für andere Figuren, deren Beziehungen und Hintergrundgeschichten teilweise angerissen, aber nicht ausreichend vertieft wurden.
Die Story wirkte insgesamt stark zerstückelt. Es gab mehrere parallel verlaufende Handlungsstränge:
1. Die mysteriösen Morde an Stammesmitgliedern, die wie Ritualtötungen inszeniert sind,
2. der Zwischenfall mit dem versuchten Menschenopfer und der anschließenden Explosion,
3. die Episode mit den Kindern aus dem Kinderheim (Fischtattoo),
4. der Skeið-Wettstreit,
5. die politischen Spannungen innerhalb der Stämme,
6. die Geschichte um Fengyr und
7. schließlich Mercias familiäre Vergangenheit mit ihrem Bruder – der sich am Ende als Auslöser der Morde entpuppt –,
8. sowie Aedieths „Pflegekind“, dessen Vater sie selbst getötet hat.
Diese Fülle an Themen wurde zwar ambitioniert miteinander verwoben, doch wirkte es auf mich stellenweise eher wie ein Sammelsurium interessanter Einfälle, das nicht konsequent ausgearbeitet wurde. Viele Aspekte wurden nur oberflächlich angerissen oder plötzlich wieder fallengelassen, was der inneren Logik der Geschichte und insbesondere dem Spannungsbogen nicht gutgetan hat.
Fazit
Pagans überzeugt mit einer kreativen Grundidee und einem außergewöhnlichen Setting, doch bei der Ausführung hätte ich mir mehr Struktur, Tiefe und Klarheit gewünscht – sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Wer Freude an komplexen, sprachlich herausfordernden Fantasyromanen hat und bereit ist, sich aktiv in eine fremde Welt hineinzudenken, wird vielleicht einen Zugang zu diesem Buch finden.
Für meinen persönlichen Geschmack war das Leseerlebnis eher anstrengend als fesselnd. Ich vergebe daher 2,5 von 5 Sternen.