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Veröffentlicht am 21.01.2018

Abgesang auf das verlorene Ideal der Männlichkeit

Die Herzen der Männer
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Mit “Die Herzen der Männer“ (“The Hearts of Men“ ) legt Nickolas Butler seinen zweiten Roman nach dem erfolgreichen Debüt “Shotgun Lovesongs“ vor, das große Erwartungen beim Leser weckt. Auf ...

Mit “Die Herzen der Männer“ (“The Hearts of Men“ ) legt Nickolas Butler seinen zweiten Roman nach dem erfolgreichen Debüt “Shotgun Lovesongs“ vor, das große Erwartungen beim Leser weckt. Auf drei Zeitebenen – 1962 – 1996 und - leicht in die Zukunft verlegt - 2019/2022 – stellt der Autor drei Generationen von Jugendlichen vor, die den Sommer im Pfadfinderlager Camp Chippewa im nördlichen Wisconsin verbringen wollen. Im ersten Teil begegnen wir dem 13jährigen Nelson Doughty. Er hat weder zu Hause noch im Lager Freunde und macht sich auch dadurch unbeliebt, dass er wie besessen Verdienstabzeichen für Wohlverhalten und erfolgreich absolvierte Kurse sammelt. Jonathan Quick, ein etwas älterer attraktiver und beliebter Junge, ist der einzige, der gelegentlich Partei für ihn ergreift, aber dann auch in eine besonders ekelhafte Demütigung des Außenseiters verwickelt ist. Sie bleiben einander dennoch ein Leben lang verbunden. Nelson findet einen Beschützer und Förderer in Wilbur Whiteside, einem Veteran des Ersten Weltkriegs und derzeitigem Lagerleiter, der sich um ihn kümmert, nachdem Nelsons gewalttätiger Vater die Familie verlassen hat. Im zweiten Teil bringt Jonathan Quick seinen frisch verliebten 16jährigen Sohn Trevor ins Sommerlager. Am Vorabend der Ankunft treffen sie nicht nur Nelson in einem Restaurant, sondern der Vater stellt dem Sohn auch seine Geliebte vor und kündigt ihm die Scheidung von Trevors Mutter an. Darüber hinaus versucht er, dem Sohn jegliche Illusionen bezüglich der Beständigkeit von Liebe zu nehmen. Im dritten Teil begleitet die verwitwete und zweimal geschiedene Rachel, Ex-Schwiegertochter von Jonathan Quick, ihren unwilligen 16jährigen Sohn Thomas ins Zeltlager, wo inzwischen Vietnamveteran Nelson Lagerführer ist. Die Tatsache, dass Rachel die einzige weibliche Begleitperson ist, schafft Probleme. In einer dramatischen Zuspitzung der Ereignisse erhält das alte Pfadfindermotto „Allzeit bereit“ eine ganz neue Bedeutung.
Das letzte Drittel liest sich nicht nur spannender als der Rest. Es zeigt auch, dass die für uns heutzutage schwer verdauliche Pfadfinderideologie mit dem patriotischen Drumherum inklusive Uniformen, Weckruf und Fahnenappell völlig überholt ist und es nahezu niemand mehr gibt, für den der alte Moralkodex in irgendeiner Weise Richtschnur für das eigene Handeln ist. Die Jugendlichen reisen mit Smartphone und Tablet an und interessieren sich nicht im Geringsten für die Natur, die ihnen eigentlich im Camp nahegebracht werden soll. Wer braucht einen Orientierungslauf, wenn er ein Handy in der Tasche hat? Fast alles am Sommerlager wirkt hoffnungslos antiquiert. Die alten Pfadfindertugenden wie Mut, Tapferkeit und Loyalität, die sich so gut als Vorbereitung auf eine militärische Laufbahn zu eignen schienen, sind weitgehend in Vergessenheit geraten. Dennoch macht Butler an Nelson, seinem sympathischen Protagonisten deutlich, dass wir uns trotz all unserer Fehler und Schwächen auch in schwierigen Situationen richtig entscheiden müssen: für das Gute, nicht für das Böse. Wir sollen Engel sein, nicht Teufel.
Nicht nur in Bezug auf das Pfadfinderleben ist Butlers Roman autobiografisch. Der Autor spricht hier aus Erfahrung, hat es selbst bis zum Rang des Adlers gebracht. Das zweite wichtige Thema ist die Beziehung von Vätern zu ihren Söhnen. Die Szene im Restaurant, wo der Vater dem Sohn das Zerbrechen der Familie ankündigt, hat Butler selbst erlebt. Im Roman macht er deutlich: den entscheidenden Halt finden Kinder bei ihren Müttern.
Butlers neuer Roman ist für mich zwar kein Meisterwerk, aber dennoch durchaus empfehlenswert.

Veröffentlicht am 26.12.2017

Gefangen im Schlamm

Mudbound – Die Tränen von Mississippi
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“Mudbound“ ist Hillary Jordans hoch gelobter Debütroman aus dem Jahr 2008. Er spielt in den 40er Jahren in Mississippi. Laura Chappell ist Anfang 30 und arbeitet als Lehrerin in Memphis, als ...

“Mudbound“ ist Hillary Jordans hoch gelobter Debütroman aus dem Jahr 2008. Er spielt in den 40er Jahren in Mississippi. Laura Chappell ist Anfang 30 und arbeitet als Lehrerin in Memphis, als sie den zehn Jahre älteren Henry McAllen kennenlernt. Das Paar heiratet und bekommt zwei Töchter. Eines Tages erfüllt sich Henry seinen Lebenstraum, ohne Laura nach ihrer Meinung zu fragen. Er kauft sich eine abgelegene Baumwollfarm im Mississippi Delta. Fortan lebt die Familie in einem heruntergekommenen Farmhaus ohne jeden Komfort. Zu allem Überfluss müssen sie auch noch mit Henrys unsympathischem Vater zusammenleben, der keine Gelegenheit auslässt, Laura zu schikanieren. Das Leben ist hart, der Ertrag gering. Extreme Witterungsverhältnisse wie Starkregen und Stürme verwandeln die Gegend in eine trostlose Schlammwüste und schneiden die Menschen von der Außenwelt ab. Noch schlechter als den McAllens geht es den Pächterfamilien auf der Farm, die einen beträchtlichen Teil des von ihnen Erwirtschafteten abgeben müssen. Ein Lichtblick für die unglückliche Laura ist die Rückkehr von Henrys jüngerem Bruder Jamie von seinem Einsatz als Bomberpilot. Auch Ronsel Jackson, der älteste Sohn einer farbigen Pächterfamilie, kehrt aus dem Krieg zurück. Er war ein vielfach dekorierter Panzersoldat. Die beiden jungen Männer sind schwer gezeichnet von dem, was sie getan und gesehen haben und haben Schwierigkeiten, ihr altes Leben wieder aufzunehmen. Es ist die Zeit der Jim Crow-Gesetze. Rassentrennung und allgewärtiger Hass, soziale Ungerechtigkeit und wirtschaftliche Benachteiligung bestimmen den Alltag der Farbigen. Der Ku-Klux-Klan begeht ungestraft seine Verbrechen, Lynchmorde sind an der Tagesordnung. In einem solchen Klima führt die Freundschaft der beiden Ex-Soldaten unausweichlich in die Katastrophe.
Erzählt wird die düstere Geschichte aus der kapitelweise wechselnden Perspektive der wichtigsten Figuren. Sie beginnt mit der Ermordung und Beerdigung des rassistischen Schwiegervaters und lässt den Leser den Weg zu diesem Endpunkt nachvollziehen. Man hat nicht den Eindruck, einen historischen Roman zu lesen – in dem Sinne, dass die geschilderten Probleme der Vergangenheit angehören. „Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen“, wie es in dem berühmten Faulkner-Zitat heißt. Dies zeigt nicht nur die beträchtliche Zahl von Romanen über Sklaverei und Rassismus, die in den letzten Jahren in den USA erschienen sind, sondern nicht zuletzt auch die überproportional hohe Zahl von farbigen Insassen in amerikanischen Gefängnissen und von Opfern exzessiver Polizeigewalt. Die achtjährige Präsidentschaft Barack Obamas hat den Rassismus nicht beendet, und es ist leider nicht zu erwarten, dass dies unter Donald Trump der Fall sein wird. “Mudbound“ ist ein sehr aktueller und überaus lesenswerter Roman, den ich im Original gelesen habe.

Veröffentlicht am 09.12.2017

Liebe über den Tod hinaus

Der japanische Liebhaber
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Die junge Irina Bazili nimmt 2010 einen Job in der Seniorenresidenz Lark House in San Francisco an und wird dort innerhalb kurzer Zeit unentbehrlich und sehr beliebt bei den Bewohnern. Sie freundet sich ...

Die junge Irina Bazili nimmt 2010 einen Job in der Seniorenresidenz Lark House in San Francisco an und wird dort innerhalb kurzer Zeit unentbehrlich und sehr beliebt bei den Bewohnern. Sie freundet sich mit der etwa 80jährigen Alma Belasco an und wird ihre persönliche Assistentin. Sie merkt bald, dass Alma ein Geheimnis bewahrt. Sie bekommt regelmäßig Briefe, Blumen und verschwindet immer wieder für einige Tage. Für Almas Geheimnis interessiert sich auch ihr Neffe Seth, der sich in Irina verliebt. Der Leser erfährt Almas Lebensgeschichte, die als Alma Mendel geboren und 1939 gerade noch rechtzeitig aus Polen herausgeschafft und zu Onkel und Tante in die USA geschickt wurde. Als junge Frau heiratet sie ihren Vetter Nathaniel, hat aber immer schon auch eine enge Bindung zu Ichimei, dem Sohn des japanischen Gärtners. Der Leser erfährt die Geschichte der Mendels, der Belascos und der Fukadas, aber auch die der Irina Bazili aus Moldawien, die ebenfalls im Alter von sieben Jahren in die USA kommt. Im Gegensatz zu Alma wird sie jedoch nicht von einer begüterten Familie liebevoll aufgenommen, sondern erlebt schlimme Dinge bei der Mutter und dem Stiefvater. Noch immer ist sie schwer traumatisiert und flieht von einem Ort und Job zum anderen. Die privaten Schicksale sind eingebettet in das Weltgeschehen in der Mitte des 20. Jahrhundert. Da spielt der Holocaust ebenso eine Rolle wie die Internierung von Amerikanern japanischer Herkunft nach Pearl Harbour.
Der Roman liest sich nicht schlecht und ist teilweise sehr bewegend in der Darstellung von Liebe und Freundschaft, vor allem Almas Geschichte einer gesellschaftlich nicht akzeptierten Liebe, aber er beeindruckt nicht im gleichem Maße wie der Roman Das Geisterhaus aus dem Jahre 1982, der sie weltberühmt machte.

Veröffentlicht am 09.12.2017

Ein wenig Menschlichkeit

Lied der Weite
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Der wieder aufgelegte Roman “Lied der Weite“ (Originaltitel: Plainsong, 1999) von Kent Haruf spielt in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado. Er erzählt die Geschichte von acht Personen, die auf die ...

Der wieder aufgelegte Roman “Lied der Weite“ (Originaltitel: Plainsong, 1999) von Kent Haruf spielt in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado. Er erzählt die Geschichte von acht Personen, die auf die eine oder andere Weise an einem Scheideweg angekommen sind. Da ist der Lehrer Tom Guthrie mit seinen beiden 9 und 10 Jahre alten Söhnen Bobby und Ike. Seine Frau leidet unter Depressionen, wendet sich von der Familie ab und verlässt sie schließlich. Die 17jährige Schülerin Victoria wird schwanger, ihre Mutter setzt sie vor die Tür. Hilfe findet Victoria bei ihrer Lehrerin Maggie Jones, die sie für einige Tage bei sich aufnimmt und dann bei den Brüdern Harold und Raymond McPheron auf der abgelegenen Rinderfarm unterbringt. Die unverheirateten McPherons haben ihr Leben lang allein gelebt und müssen die Kunst der Konversation erst wieder erlernen. Sie zeigen jedoch Menschlichkeit und Mitgefühl, als es darum geht, spontan zu helfen. Mit der Zeit entwickelt sich von beiden Seiten Zuneigung genauso wie bei Tom Guthrie und seiner Kollegin Maggie Jones.
In dem ruhig erzählten Roman geht es nicht um spektakuläre Ereignisse. Der Autor will vor allem zeigen, dass zwischenmenschliche Beziehungen und Familie wichtig sind. Gemeint sind dabei nicht nur biologisch zusammengehörige Familien. Familien können auch neu zusammengesetzt werden und hervorragend funktionieren: zwei alte Männer geben einer jungen Frau und einem Baby Sicherheit und ein Heim. Die Mitglieder mehrerer zerbrochener Familien machen einen neuen Anfang, übernehmen Verantwortung, verändern sich. Eine wichtige Rolle spielen in diesem Buch auch die Landschaft der Great Plains, das Wetter, der Wechsel der Jahreszeiten, die Beleuchtung. Die überaus warmherzige Geschichte vermittelt eine optimistische Grundhaltung und ist für den Leser auch aufgrund der sprachlichen Qualität eine positive Erfahrung.

Veröffentlicht am 22.11.2017

Er.Ich.Wir

The Ending - Du wirst dich fürchten. Und du wirst nicht wissen, warum
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In Iain Reids Debütthriller mit dem schönen deutschen Titel “The Ending“, bei dem die Mehrdeutigkeit des Originaltitels “I´m Thinking of Ending Things“ verloren geht, ist ein Paar in einer dünn besiedelten ...

In Iain Reids Debütthriller mit dem schönen deutschen Titel “The Ending“, bei dem die Mehrdeutigkeit des Originaltitels “I´m Thinking of Ending Things“ verloren geht, ist ein Paar in einer dünn besiedelten Gegend Kanadas im Auto unterwegs zu der Farm der Eltern des Mannes. Obwohl Jake und die junge Frau erst wenige Wochen zusammen sind, will er sie seinen Eltern vorstellen. Die namenlose Ich-Erzählerin fühlt sich zwar sehr zu Jake hingezogen, äußert aber gleichzeitig immer wieder Zweifel an der Beziehung. Schon der erste Satz – “Ich trage mich mit dem Gedanken, Schluss zu machen“ - stimmt den Leser auf die Geschichte ein. Jake und seine Freundin sprechen über eine Menge Dinge, aber sie geben kaum etwas von sich preis. Die junge Frau erzählt nicht, dass ein Stalker sie mit einer Vielzahl von Anrufen belästigt und ängstigt, und Jake scheint ebenfalls Geheimnisse zu haben. Der Leser empfindet die Atmosphäre zunehmend als unheimlich und bedrohlich. Dieses Gefühl verstärkt sich noch, als sie auf der heruntergekommenen Farm eintreffen und Jakes Eltern begegnen. Diese verhalten sich seltsam, so dass es nicht verwunderlich ist, dass Jake und seine Freundin sich trotz der widrigen Wetterverhältnisse noch am selben Abend auf den Heimweg machen. Während der Rückfahrt im Schneesturm treffen sie einige schwer nachvollziehbare Entscheidungen und landen schließlich in einer alten High School mitten in der Einöde. Hier kommt es zum Höhe- und Wendepunkt der Geschichte, den der Leser inzwischen gespannt erwartet. Das Geschehen ist mittlerweile unscharf und irreal wie ein Traum, die Auflösung überraschend, auch wenn die zwischen den Abschnitten eingeschobenen kursiv gedruckten Gespräche zweier Unbekannter den Leser darauf vorbereiten, dass etwas Schlimmes passieren wird. Es wird einen Toten geben, aber was hat diese Leiche mit Jake und seiner Freundin zu tun?
Der zunächst verwirrte Leser kommt nach einigem Nachdenken zu dem Schluss, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, was passiert, sondern auf die Schaffung einer Wortkulisse, die Ängste und Unbehagen auslöst. Dabei werden auch eine Reihe von Themen abgehandelt, die dem Autor offensichtlich wichtig sind: Einsamkeit, Beziehungen, Wahrheit und Wirklichkeit, Ängste und Zweifel und nicht zuletzt Identität. In einem Interview hat Reid geäußert, dass er gar nicht so genau wisse, warum er diesen Roman geschrieben habe. Aha. Noch erstaunlicher ist seine Aussage, dieser Roman sei persönlicher als seine zuvor veröffentlichten nicht-fiktionalen Texte über sein Leben. Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen.
Das Buch liest sich nicht schlecht, obwohl ich es nicht außergewöhnlich spannend und gruselig finde. Originell ist es auf jeden Fall, aber schon etwas gewöhnungsbedürftig.