Ein feministischer Page-Turner, der zum Nachdenken anregt.
ZIMMER 706Worum geht’s?
Kate gönnt sich Me-Time. Diese besteht aber nicht aus Spa, Maniküre oder Yoga, sondern aus Sex mit einem anderen Mann. Die Affäre mit James erstreckt sich bereits über einen Zeitraum von ...
Worum geht’s?
Kate gönnt sich Me-Time. Diese besteht aber nicht aus Spa, Maniküre oder Yoga, sondern aus Sex mit einem anderen Mann. Die Affäre mit James erstreckt sich bereits über einen Zeitraum von sechs Jahren. Sie hat ihn im beruflichen Kontext kennengelernt und beide haben eine gewisse Anziehung zueinander verspürt. Und so treffen sie sich alle paar Monate in der Londoner City mittags in wechselnden Hotels. Beide lieben ihre Ehepartner und wollen diese weder verlassen noch verletzen. James und Kate empfinden Zuneigung zueinander, aber sie sind nicht verliebt. Es geht nur um Sex. Beide sind sehr diskret, doch an diesem Tag geschieht etwas, dass sie nicht selbst kontrollieren können: Terroristen dringen ins Hotel ein und nehmen die anwesenden Gäste und Angestellte als Geiseln. Niemand kann das Hotel betreten oder verlassen. James und Kate befinden sich im 7. Stock und haben von allem nichts mitbekommen, bis sie die News auf ihrem Handy checken und die Nachrichten im TV sehen. Sie nehmen Kontakt mit der Hotline der Polizei auf und halten sich an deren Anweisungen. Nun sind sie gefangen in ihrem Zimmer und niemand weiß, ob sie es jemals lebend verlassen werden.
Für Kate ist die Situation besonders schlimm, denn als Mutter von zwei kleinen Kindern leidet sie nicht nur sofort unter heftigen Schuldgefühlen, sondern versucht auch noch deren Betreuung für den restlichen Tag vom Hotel aus zu organisieren. In den langen Stunden der Geiselnahme stellt sich Kate elementare Fragen über sich selbst, ihren Mann Vic und ihr gemeinsames Leben.
Das eigentliche Drama des Buches ist nicht die gefährliche Situation, in der sich James und Kate befinden. Sondern wie unterschiedlich beide damit umgehen, was es mit ihnen macht und ob man als Mann oder Frau in einer solchen Situation ist. Die Tragödie spielt sich in Kate selbst ab und ihre innere Zerrissenheit wird durch Rückblenden in die Vergangenheit anschaulich untermalt: das Kennenlernen von Vic, ihre Verliebtheit, das Zusammenziehen und schließlich die Gründung einer gemeinsamen Familie. Einer wundervollen Familie, die sie über alles liebt und die das Wichtigste in ihrem Leben ist. Und die sie womöglich nie mehr wiedersehen wird.
Wie war’s?
Das Cover und die Beschreibung des Buches deuten schon darauf hin, dass es sich nicht um einen klassischen Thriller handelt, sondern eher um das Psychogramm einer Frau in einer absoluten Ausnahmesituation. Was zählt angesichts des Todes? Was kann und muss ich noch dringend regeln: Findet er die Weihnachtsgeschenke, die sie schon gekauft hat? Denkt er daran, dass Kaninchen vom Tierarzt abzuholen? Und all die Passwörter, die er nicht kennt … wie wird mein Mann reagieren, wenn er von der Affäre erfährt? Was sagt er den Kindern, weshalb Mami in diesem Hotel war?
Da die Zeit im Zimmer 706 quasi stillzustehen scheint, benutzt die Autorin den cleveren Kunstgriff und erzählt in vielen kurzen Kapiteln sehr anschaulich alles, was vorher in Kates Leben passiert ist und schließlich in diesem Moment mündet. Dabei wird genau dokumentiert, wann und wo die Handlung gerade spielt: im Hotelzimmer 706, am Morgen desselben Tages zu Hause oder vor 16 Jahren in Italien. Dadurch lernen wir Lesende einerseits Kate immer besser kennen und andererseits wird die Spannung aufrechterhalten. Über James erfahren wir nicht so viel, er ist und bleibt eigentlich unwichtig und austauschbar. Kate dagegen wird regelrecht lebendig und auch Vic als ihr Freund und späterer Mann ist ein interessanter und vielschichtiger Charakter des Buches.
Fazit:
Der Roman ist auf positive Weise anders als erwartet. Er enthält weder Spice noch Action lastige Szenen. Als Frau und Mutter konnte ich Kate in vielerlei Hinsicht gut verstehen – ganz besonders ihre anhaltende Erschöpfung angesichts der Mehrfachbelastung von Beruf, Haushalt und Kindern. Auch der Wunsch einfach nur sie selbst zu sein, ohne Rollen und Erwartungen, wurde gut herausgearbeitet und ist absolut nachvollziehbar. Alle Eltern von kleinen Kindern wissen, wie schwer es ist für wenige Stunden ungestört Lust und Begehren ausleben zu können. Und ohne im Kopf nochmal die Einkaufsliste für den nächsten Tag durchzugehen. Aber der Roman stellt zusätzlich eine hochinteressante Frage an Kate und durch sie auch an die Leser*innen: „Hätte sie das Ende gekannt, wäre sie je den ersten Schritt gegangen?“
Wie oft im Leben stehen wir an diesen Kreuzungen und müssen Prioritäten setzen. Und wie oft im Leben setzen gerade Frauen sich selbst an die letzte Stelle? Damit will ich Betrug nicht gutheißen, aber es ist im Roman nachvollziehbar, wie es dazu kommen konnte, selbst wenn man den eigenen Partner liebt.
Der Roman ist spannend, beklemmend, stellenweise sehr romantisch und sogar humorvoll, in jedem Fall gut und leicht lesbar. Mir gefällt, dass eine moderne Frau als Protagonistin wirklich die Hauptrolle hat und die Männer nur Nebenfiguren sind. Insofern ist der Roman sogar fast feministisch, auch wenn mir Vic sehr ans Herz gewachsen ist und ich mitgefiebert habe, ob und wie er auf die Affäre reagieren wird. Doch das Ende ist unerwartet und lässt bei mir viele Fragen offen.
Für kurzweilige Unterhaltung ist es ein perfekter Page-Turner, der trotzdem zum Nachdenken anregt.