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Veröffentlicht am 15.09.2024

Lost in Hessisch Sibirien

Aus dem Haus
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Bevor wir auf den Text, die Handlung und die Protagonisten dieses Romans zu sprechen kommen, müssen wir über den Ort des Geschehens sprechen. Kassel. Bekannt als die hässlichste aber zumindest die architektonisch ...

Bevor wir auf den Text, die Handlung und die Protagonisten dieses Romans zu sprechen kommen, müssen wir über den Ort des Geschehens sprechen. Kassel. Bekannt als die hässlichste aber zumindest die architektonisch nichtssagendste Stadt für weite Teile der Republik.

Das kulinarisch Typische ist nicht für jeden, aber für alle ist etwas dabei: Ahle Wurst, Kasseler Grüne Soße, Duckefett und Weckewerk sind die Gaumenfreuden der Stadt.

Die Menschen von Kassel nennen sich nicht immer gleich. Wer in Kassel geboren wurde, ist ein „Kasselaner“. Eingewanderte werden als „Kasseler“ bezeichnet. Wenn beide Eltern eines Kasselaners ebenfalls in Kassel geboren wurden, spricht man von einem „Kasseläner“. Die Bezeichnungen haben keinen Einfluss auf die Stellung einer Person in der Gesellschaft. Es ist mehr ein Spaß, den sich die Bewohner Kassels damit machen. Auch dieses Sujet werden wir im Buch wiederfinden.

Bei einem Luftangriff der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg wurde die Kasseler Innenstadt nahezu komplett zerstört. Über 80 % der Stadt gingen in Schutt und Asche, darunter 97 % der Altstadt mit ihren aus dem Mittelalter stammenden gotischen Fachwerkhäusern. Die Stadt verlor ihr Gesicht und bekam es auch nicht wieder. Der Wiederaufbau der Infrastruktur bot in den 50er Jahren Platz für ein verkehrstechnisches Versuchslabor, das gründlich misslang. Da half und hilft auch keine documenta.

Da hat das arme Haus von vornherein ganz schlechte Karten. Es steht in der falschen Stadt. Es kann einfach nichts richtig machen und drückt seine Frustration darüber in unberechenbaren Wasserrohrbrüchen aus.

Nun zu den Menschen.

„Eigentlich ist jede Familie eine Sekte für sich, mit irgendeiner speziellen Idee oder Wahnvorstellung, um die alles kreist“, sagt die Ich-Erzählerin in Miriam Böttgers Roman. Das Buch ist Autofiktion. Die Ich-Erzählerin fährt oft aus Berlin zurück in ihre Heimat, sei es während des Studiums oder auch nachher im Berufsleben. Sie hat das Gefühl, sie müsse sich um ihre Eltern kümmern, sonst gäbe es nur noch weitere Unglücke und Leid, Leid, Leid.

Aus der Sicht der Eltern, vor allem der Mutter, ist diese Kasseler Existenz ein einziges Unglück. Über die Mutter erfahren wir im Laufe des Textes am meisten. Eine Diva, die sich bis mittags in ihrem Zimmer aufhält. Die in Krisen das Essen vom Gatten auf einem Tablett vor die Tür serviert bekommt, um es dann zu verschmähen und lediglich das Wasser ins Zimmer zu ziehen. Eine zarte, unglaublich zerbrechlich erscheinende Person, die bei Bedarf aber sehr zäh und böse sein kann. Dazu der Vater, der sich gern im Hintergrund hält und wenig spricht. Und eben dieses Haus.

Egal, was diese Familie tut – es immer das schlechtere Auto, die kleinere Karriere, sie ziehen grundsätzlich die Niete in der Tombola. Schon lange haben die Eltern beschlossen, das Haus zu verkaufen, begleitend von der Leier des Unglücks: dieses Haus ist unverkäuflich, dafür interessiert sich sowieso niemand, das werden wir nie los, wie konnten wir uns nur auf dieses Haus einlassen. Der Mythos ist – es ist unverkäuflich.

Denkste. Es gibt einen Käufer und der Tag des Auszugs rückt immer näher.
Mit der liebevollen Komik einer Tochter, aber doch messerscharf sezierend, schildert die Ich-Erzählerin die Qual der Eltern. Was leugnen? Was zur Kenntnis nehmen? Was mitnehmen? Was wegwerfen? Die neue Wohnung ist kleiner. Der Vater ist nicht in der Lage, einen Container zu bestellen. Das erwachsene Kind kreist um seine vom Unglück verfolgten Eltern und versucht, dabei selbst nicht zu verzweifeln.

Die Erzählung lebt von den Beobachtungen und Kommentierungen der Tochter, sie breitet das ganze Familienpanorama bestehend aus zahlreichen Tanten, Onkels, Cousinen und Cousins für uns aus. Die Autorin berichtet von Anekdoten und Begebenheiten, die uns schmunzeln lassen, aber auch nachdenklich machen. Diese Aneinanderreihung hat manchmal etwas Redundantes.

„Aus dem Haus“ ist ein Romandebut. Zwar ein gelungenes, aber eines, dessen Idee noch keine 220 Seiten trägt.


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Veröffentlicht am 21.09.2021

Cell Block Tango

DAFUQ
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Kennen Sie das Musical „Chicago“? Bestimmt. Spätestens seit der 2002 Neuverfilmung mit Catherine Zeta Jones. The Cell Block Tango. Der Song, in dem die sechs Verbrecherinnen sich vorstellen und ihre jeweiligen ...

Kennen Sie das Musical „Chicago“? Bestimmt. Spätestens seit der 2002 Neuverfilmung mit Catherine Zeta Jones. The Cell Block Tango. Der Song, in dem die sechs Verbrecherinnen sich vorstellen und ihre jeweiligen Untaten beichten? In so eine Situation führt uns der Roman „Dafuq“ von Kira Jarmysch. „Dafuq“ ist die Gangsta slangartig verkürzte Form von Kurzform what, why oder where the fuck. Die Emotion dahinter kann sich jeder selbst denken.

So wie in der Zelle in Chicago beschreibt Kira Jarmysch den Alltag in einer russischen, einer Moskauer Gefängniszelle. Es ist ihr Romandebut, eigentlich ist Jarmysch seit 2014 bekannt als Sprecherin des Oppositionellen Aleksej Nawalny. Auch sie wurde bereits verhaftet und unter Hausarrest gestellt. Ohne es wirklich zu wissen, könnten wir also biographische Verwandtschaften zwischen der Autorin und ihrer Protagonistin vermuten.

Anja Romanova ist eine 28-jährige Studentin, die bei einer nicht genehmigten Demonstration festgenommen und prompt zu zehn Tagen Arrest verurteilt wird. Nicht Gefängnis, nicht Lager – Arrest. Sie findet sich in einer Sechs-Frau-Zelle wieder, drei Doppelstockbetten, in und auf denen sich das bunte Kaleidoskop der Moskauer Gesellschaft eingefunden hat – ein russischer Cell Block Tango beginnt. Zwischen unruhigen Nächten, herausfordernden Mahlzeiten, verabreicht von einem ebenso herausfordernden Küchenteam, Alpträumen besetzt mit Hexen und Messern, Handyausgabezeiten und den so genannten „Hofgängen“ lernt das lesende Publikum die Zellenbesatzung kennen. Maja, Irka, Katja, Natascha und Diana. Die eine komplett irr und schwer tablettensüchtig, die andere aus der Moskauer High Society mit mehr künstlichen als natürlichen Körperteilen. Dazwischen Anja, der als einzige ein „politisches Delikt“ auf dem Zettel hat. Harter Tobak sind die anderen fünf Frauen für sie. Fremd ist sie für ihre Mithäftlinge. Eine Demonstration, ungenehmigt und dafür zehn Tage Arrest? Das geht Katja nicht in den Kopf.

Sprachlich ist „Dafuq“ kein Meister(innen)werk, aber das lag wohl auch nicht im Fokus der Autorin. Nah an den Charakteren modelliert sie das Idiom passend zur sozialen Herkunft der Figuren. Das ist sehr, sehr unterhaltsam. Und bedrohlich. Denn das Bild, das sich auf diesem Wege von der russischen Gegenwartsgesellschaft formt, lässt den oder die demokratisch gebildeten und erzogenen Mitteleuropäer:in erschauern. Druck, Gängelei, Korruption, gelenkte Staatsmedien, Willkür, und Gewalt kurz, die ganze „Putinokratie“, schlicht nicht vorstellbar in unserem Land.

In den zehn Tagen „auf Zelle“ hat Anja viel Zeit zum Nachdenken, Zeit, sich zu erinnern. Coming of Age eben. An Kindheit und Jugend. An das Dorf, in dem sie groß geworden ist, an die Mutter. An die erste Verliebtheit, an die Zeit an der Uni, aber auch an das Ritzen an Handgelenken und Armen mit den Rasierklingen, um sich zu spüren. An wilde Partys und ihre langsame Politisierung (Pardon, diese Alliteration musste einfach sein.) Das ist manchmal etwas langwierig, erweist sich aber mehr und mehr als aufschlussreich und spannend. Aber, für mich als Leserin wäre dieser Text alles nichts ohne Maja, Irka, Katja, Natascha und Diana.







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Veröffentlicht am 06.09.2021

Bekannte Zutaten neu kombiniert

Die stumme Tänzerin
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Die Handlung ist schnell skizziert. Der Roman führt uns in das Hamburg des Jahres 1928. Wir lernen die junge, wissbegierige und rebellische Paula kennen, die die Nase von ihrem langweiligem Schreibjob ...

Die Handlung ist schnell skizziert. Der Roman führt uns in das Hamburg des Jahres 1928. Wir lernen die junge, wissbegierige und rebellische Paula kennen, die die Nase von ihrem langweiligem Schreibjob voll hat und durch einen Zufall als Sekretärin bei der WKP, der Weiblichen Kriminalpolizei, landet. Als eine Reihe brutaler Frauenmorde im Milieu passieren, wird auch Paula gemeinsam mit einer Kollegin in den Strom der Ereignisse verwickelt. Und sie hat keine Ahnung, wie nahe ihr diese Ermittlungen noch kommen werden.

Diese Reihen-Premiere ist recht überschaubar. Das Milieu ist ein bisschen Gereon Rath’s Berlin (Volker Kutscher), Paula ist die Hamburgische Charly Ritter (Gereon Rath’s Verlobte und dann Ehefrau). Die Atmosphäre ist dicht gestrickt. Sie ist auch die absolute Sympathieträgerin im Buch. Jung, mutig, manchmal auch verzagt, mit viel Empathie für ihre Mitmenschen und auch Tiefgang. Zerrissen zwischen Konventionen und Familiensinn auf der einen, dem Wunsch nach Unabhängigkeit und einer sinnvollen Tätigkeit auf der anderen Seite. Eine Anfängerin im Beruf und im Leben, die Fehler macht, und der ein ums andere Mal Glück und Zufall (dem auch mal nachgeholfen wird) aus brenzligen Situationen helfen. Die Personnage drumherum und die Nebenkonflikte sind so angelegt, dass sie fortsetzungstauglich sind.

Auch die Saat für die Liebe ist schon eingebracht. Hier finden wir einen der wenigen wirklich mutigen Schwerpunkte. Glaesener thematisiert offensiv die weibliche Homosexualität. Die Kriminalhandlung ist spannend, zum Ende die Zusammenhänge aber arg konstruiert – und auch vorhersehbar.

Merkwürdigerweise nimmt man als Hörer:in dies der Autorin nicht übel. Das liegt vielleicht an der Stimme und Interpretation von Christiane Marx, der man gern folgt. Die Sprache fließt und stellt sich in den Dienst der Handlung. Keine Experimente. Fenster sind stets „staubig“, Gedanken sind „elektrisierend“. Ein Schmöker, nichts Bahnbrechendes. Aber – mit Potential für kommenden Titel.

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