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heinoko

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.11.2017

Meisterhaft

Das Vermächtnis der Spione
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Eigentlich bin ich kein Freund von Romanen über Agenten, Spione und über die Geheimdienste der Welt. Aber wenn solch ein Könner des Faches schreibt, wird auch für mich das Lesen zum Genuss. Das Buch ist ...


Eigentlich bin ich kein Freund von Romanen über Agenten, Spione und über die Geheimdienste der Welt. Aber wenn solch ein Könner des Faches schreibt, wird auch für mich das Lesen zum Genuss. Das Buch ist sozusagen der Nachlass-Roman zu den Romanen um George Smiley, insbesondere zu dem „Spion, der aus der Kälte kam“. Wie eine Klammer umschließt dieses Buch nun die damalig erzählten Geschichten.

1961 sterben zwei Menschen an der Berliner Mauer. 2017 wird George Smileys ehemaliger Assistent Peter Guillam nach London zitiert zu einer Untersuchung des damaligen Todes der zwei Agenten. In dem Verhör werden die Geschehnisse noch einmal rekonstruiert und neu beleuchtet. Die einschlägigen Akten sind allerdings verschwunden, weil seinerzeit der Meisterspion George Smiley den eigentlichen Hintergrund verschleiern wollte. Die Zeit des Kalten Krieges ist der Dreh- und Angelpunkt des Buches. Die Person George Smiley bekommt aufgrund der Verhöre völlig neue Facetten.

Was für ein Könner ist doch le Carré! Man liest die ersten Zeilen und ist schon hingerissen von der Schreibe-Kunst des Autors. Seine detailreichen Beobachtungen sind wie feine Pinselstriche, die sich nach kürzester Zeit zu einem dichten, intensiven und mehrdeutigen Bild zusammenfügen. Die Zeitsprünge werden zu einem probaten Stilmittel, die Vielschichtigkeit dessen, was als „Mittel zum Zweck“ dient, was die Schuldfrage und Motivation betrifft, und zudem die fragwürdigen Rollen des Geheimdienstes beleuchtet. Geschichtlich-politische Realität und erdachtes Denken und Handeln der Protagonisten des Buches ergeben ein erschreckend klares Bild der schmutzigen Seite von Politik und Geheimdienst.

Veröffentlicht am 23.11.2017

Klein, aber überzeugend

Bio-Size statt Plus-Size
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Nur 60 Seiten! Mehr braucht es nicht, tatsächlich nicht.

„Wenn du etwas haben willst, was du noch nie gehabt hast, musst du etwas tun, das du noch nie getan hast.“
Die Autorin berichtet teils humorig ...

Nur 60 Seiten! Mehr braucht es nicht, tatsächlich nicht.

„Wenn du etwas haben willst, was du noch nie gehabt hast, musst du etwas tun, das du noch nie getan hast.“
Die Autorin berichtet teils humorig in kurzen Kapiteln über ihre eigene Erfolgsgeschichte, in 9 Monaten 40 kg abgenommen zu haben. Sie betont mehrfach, dass es ihre eigenen Erfahrungen sind, die sie weitergeben möchte. Nicht mehr und nicht weniger.
Alle wichtigen Themen sind kurz und klar aufgegriffen, wie z. B. Entschlacken, Entsäuern, Darmaufbau, Bewegung, Schlaf usw., ohne wissenschaftliche Hintergründe bemühen zu müssen. Vieles war mir fremd, wie z. B. die Konjakwurzel, auch die strenge vegane Ernährungsform liegt mir nicht. Aber da die Autorin nichts verteufelt, sondern lediglich ihren eigenen Weg erzählt, bleibt dem Leser stets die freie Wahl, wie weit und womit er der Autorin auf ihrem Erfolgsweg folgen möchte oder nicht. Und genau diese Freiheit, dem Leser die eigene Wahl zu lassen, hebt das Büchlein weit über so manchen umfangreichen Ratgeber hinaus. Umsetzen muss man aber auch hier eine veränderte Essens- und Lebensform selbst aus eigenem Erkennen heraus. Dazu ist das Büchlein ein überzeugender, knackig kurzer, beeindruckender Impulsgeber!

Veröffentlicht am 23.11.2017

Eine Schüssel voll Glück

Spoonfood
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Was für ein schönes, reichhaltiges, umfassendes, liebevoll gestaltetes und dazu noch schwergewichtiges Buch!
Die Autoren, die selbst ein Suppen- und Eintopf-Lokal in Wien führen, haben die besten Rezepte ...

Was für ein schönes, reichhaltiges, umfassendes, liebevoll gestaltetes und dazu noch schwergewichtiges Buch!
Die Autoren, die selbst ein Suppen- und Eintopf-Lokal in Wien führen, haben die besten Rezepte gesammelt. Was mich auf Anhieb begeistert hat, ist die Buchgestaltung. Jedes Rezept darf sich auf 2 Seiten darstellen: Ein ganzseitiges, appetitanregendes Foto des Kochergebnisses, zusätzliche Tipps wie Sprechblasen im Foto eingefügt, und auf der zweiten Seite übersichtlich zweifarbig die Zutaten sowie die Zubereitung, in klaren Textabschnitten gegliedert, mit zusätzlichen Hinweisen wie „glutenfrei“ oder „vegan“. Die Rezepte selbst sind allesamt einfach nachzukochen, sind alltagstauglich und die benötigten Zutaten sind problemlos erhältlich. Einziges Manko: Es fehlt ein Hinweis auf die Zubereitungs- und Kochzeit. So könnte man leichter beim Durchblättern sofort abschätzen, ob man dieses Rezept „mal eben“ noch schnell kochen kann.
Drei Selbstversuche im Nachkochen und anschließenden Genießen haben mich völlig überzeugt. Die Rezepte sind wirklich anhand der Zubereitungsanweisungen ganz problemlos nachzukochen, schmecken hervorragend und das Ergebnis wärmt Herz und Bauch.

Veröffentlicht am 21.11.2017

Buch hätte besser ein Film werden sollen

Totenwind
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Ein Filmemacher schreibt Krimis. Dass die anders sein müssen als Krimis von „normalen“ Schriftstellern, war zu erwarten. Wie anders jedoch, ahnte ich nicht.
Eine „abbe Fingerkuppe“ wird gefunden. Und ein ...

Ein Filmemacher schreibt Krimis. Dass die anders sein müssen als Krimis von „normalen“ Schriftstellern, war zu erwarten. Wie anders jedoch, ahnte ich nicht.
Eine „abbe Fingerkuppe“ wird gefunden. Und ein Auto an einer abgelegenen Stelle im Oberhessischen, nämlich am Vogelsberg, im Kofferraum zwei Leichen, und zwar ein betuchtes Ehepaar aus der Gegend. Und an einem zweiten „Spielort“, nämlich in Windhoek, Namibia, wird ein mit einer Drahtschlinge an einem Affenbrotbaum aufgehängter Mann entdeckt. Der schon in früheren Büchern des Autors zum Leben erweckte Kommissar Worstedt und seine Kollegin Regina Maritz haben Einiges zu ermitteln, und das tun sie unspektakulär, aber akribisch…
Gerne würde ich nun an dieser Stelle schreiben, wie gut mir der Krimi gefallen hat, für wie genial ich den Schreibstil des Autors halte usw. Aber, tja, nichts von all dem trifft auf mich zu. Den Plot empfand ich als hanebüchen, gewaltsam konstruiert, in seinen Details unglaubwürdig. Die agierenden Personen blieben für mich blutleer, an keiner Stelle konnte ich Sympathie oder Verständnis oder Abneigung empfinden. Das gesamte Geschehen lief vor mir ab, ohne eine innere Regung zu erzeugen oder gar gespanntes Weiterlesen zu provozieren. Viele unnötige Exkurse, wie z. B. die Ahnengeschichte von „Lenin“ oder die politischen Zusammenhänge in Namibia um 1900 und später, langweilen. Insbesondere, da ich keine direkte Verbindung zum Geschehen im Kriminalroman erkennen konnte. Was mir leider auch überhaupt nicht gefiel, war die Schreibweise im gesamten Buch. Die kreuz und quer angeordneten angerissenen Szenen, das Springen von einer Örtlichkeit zur anderen, ohne dass ich das dahinter liegende logische Band erkennen konnte, machten mich stellenweise regelrecht aggressiv und ich war sehr geneigt, das Buch unvollständig gelesen wegzulegen. Wortbildwiederholungen wie z. B. ein Mantel oder Kittel, dessen „Knöpfe unter bedrohlicher Spannung“ standen, amüsierten nur beim ersten Mal. Oder was hat solch eine manirierte Wortschöpfung wie „lachbegründete Atemnot“ in einem Krimi verloren? Ich könnte noch eine Fülle von Szenen auflisten, die ich als unpassend, geschmacklos, langweilig oder ärgerlich empfand. An manchen Stellen fragte ich mich, ob der Autor eigentlich wirklich einen Krimi schreiben wollte oder ob er vor seinen Lesern einfach nur einen Wäschekorb voll unterschiedlicher Szenenschnipsel auskippte in der Hoffnung, dass aus den vielen Sequenzen letztlich doch ein spannendes Buch würde. Hat leider nicht geklappt. Vielleicht hätte das Buch doch besser ein Film werden sollen.

Veröffentlicht am 15.11.2017

Ende einer Sucht

Flaschenpost
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Dieses Buch berichtet in sehr eindringlicher Weise von Paul Schlosser, einem unreifen, selbstunsicheren jungen Mann, der recht ziellos und sozial isoliert durchs Leben treibt und durch den Alkohol vermeintliche ...



Dieses Buch berichtet in sehr eindringlicher Weise von Paul Schlosser, einem unreifen, selbstunsicheren jungen Mann, der recht ziellos und sozial isoliert durchs Leben treibt und durch den Alkohol vermeintliche Stärkung und trügerische Sicherheit erlebt. Wir erfahren viel über frustrierende Arbeitsversuche, über ein hilfloses Elternhaus, über Kneipen als Zufluchtsort und gemeinsames Trinken als vermeintlich freundschaftliches Miteinander. Die Alkoholabstürze mehren sich, die Einsicht fehlt, ein erster Therapieversuch schlägt fehl. Die Schraube dreht sich immer weiter abwärts…

Der Untertitel nimmt das Ende vorweg. Das ist gut – für Paul Schlosser selbst und für Leser, die sich bei Büchern ein positives Ende wünschen. Und das ist schlecht – für den Spannungsbogen, für das lesend-mitspürende Sich-Hineinbegeben in den Abwärtssog, denn der Leser weiß ja: Es geht gut aus. Und so bleibt er immer ein kleines Stückchen außerhalb des Geschehens. Ein weiteres Problem habe ich mit den Zeitsprüngen – ein Stilmittel, das in einem Erfahrungsbericht nichts verloren hat und zu unnützer Verwirrung führt. Die mitunter deftige Sprache stößt ab, ist aber sicher sehr realistisch und wirklichkeitsnah eingesetzt.

Abgesehen von diesen „Äußerlichkeiten“ habe ich das Lesen dieses Buches jedoch als großen Gewinn empfunden, denn noch nie vorher habe ich in einer solch brachialen Intensität die Welt eines Alkoholkranken erlebt und seinen Weg in die Hölle und aus ihr heraus miterlebt. Das allein zählt.