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heinoko

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.07.2017

Die Kunst des Wörterjonglierens

Was man von hier aus sehen kann
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Wunderbar, großartig, bewegend, ein Juwel, meisterhaft, ergreifend, unauslotbar, ein Kleinod – ich kann gar nicht aufhören zu schwärmen von diesem überragenden Buch!
Wenn die alte Selma, die aussieht wie ...

Wunderbar, großartig, bewegend, ein Juwel, meisterhaft, ergreifend, unauslotbar, ein Kleinod – ich kann gar nicht aufhören zu schwärmen von diesem überragenden Buch!
Wenn die alte Selma, die aussieht wie Rudi Carell, von einem Okapi träumt, wird innerhalb der nächsten 24 Stunden jemand aus dem Dorf sterben. Und alle aus dem Dorf rüsten sich in diesem Fall auf sehr individuelle Weise, um entweder vorbereitet zu sein auf den Tod oder sich vor ihm zu verbergen.
Dieser trivial-geniale Ausgangspunkt eröffnet ein Kaleidoskop an Geschichten, an kleinen und großen Geschichten, an Geschichten, die so schmerzhaft sind, dass man ganz schnell die Seiten wegliest, bis man ein paar Seiten später all die Verletzungen einfach weglacht, und Geschichten, die so gut tun, dass man die Zeilen immer und immer wieder liest, um nichts von diesen Wohltaten je zu verlieren.
Überhaupt: Man möchte Satz um Satz festhalten und nicht mehr loslassen. Was für eine wunderbare Sprache, präzise und lyrisch in einer ungewöhnlichen Kombination. Gibt es zum Beispiel ein schwärzeres, grausameres Schwarz als das Wort „kranzschleifenschwarz“, so endgültig und tief. Oder wer hätte nicht sofort ein Bild vor Augen, wenn Teppichfliesen wie Rauhaardackelfell beschrieben werden. Ich bin fasziniert von der Autorin und ihrer großartigen Gabe, mit Wörtern zu jonglieren und uns dabei wie mit einer überaus scharf geschliffenen Brille eine prismengenaue, dabei aber unendlich tolerante Sicht auf die Welt, auf die Menschen, auf all die alltäglichen Merkwürdigkeiten um uns herum zu gewähren. Und dies nicht mit einer drögen Ernsthaftigkeit, sondern mit einer gelassenen Heiterkeit. Meisterhaft!

Veröffentlicht am 15.07.2017

Perfekt ausgeübtes Handwerk

Bestechung
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Grisham ist zweifelsohne ein Könner seines Faches. Er beherrscht sein Handwerk wie eh und je. Lebendige Handlung, lebendige Protagonisten, der Leser wird in den Bann gezogen, ohne dass es reißerischer ...

Grisham ist zweifelsohne ein Könner seines Faches. Er beherrscht sein Handwerk wie eh und je. Lebendige Handlung, lebendige Protagonisten, der Leser wird in den Bann gezogen, ohne dass es reißerischer Momente bedürfte.
Es geht um einen geheimen Informanten, einen Whistleblower, und um Ermittlungen um einen korrupten Richter. Die sympathische Anwältin Lacy und ihr Kollege Hugo, die für eine Rechtsaufsichtsbehörde arbeiten, haben eine große Aufgabe vor sich, denn die Hinweise sind spärlich und der Kreis der Verdächtigen sehr mächtig und gefährlich, insbesondere da es auch um mafiaähnliche Strukturen im Lebensraum der Indianer, der Tappacola, geht.
Leider, leider wird der eigentliche, der spannende Hintergrund der Geschichte überlagert von sehr langatmigen Erklärungen zur amerikanischen Justiz, speziell zur Behörde, der Lacy und Hugo angehören, von allzu ausführlichen Erläuterungen zu den sehr eigenen Gesetzen der Tappacola und von streckenweise unglaubwürdig-unlogischen Handlungen der Protagonisten. Auch die Fülle der vorkommenden Personen fordert dem Leser einiges ab. Dennoch in der Summe ein echter, ein durchaus interessanter und streckenweise spannender Grisham, insofern lesenswert.

Veröffentlicht am 12.07.2017

Ein Fest der Sinne

Die Tochter des Seidenhändlers
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Das Buch spielt in Vietnam 1952 – 1955, in der Zeit eines gewaltigen politischen Umbruchs, denn die Vietminh lehnen sich zunehmend gegen die jahrhundertlange Vorherrschaft der Franzosen auf.
Im Jahr ...

Das Buch spielt in Vietnam 1952 – 1955, in der Zeit eines gewaltigen politischen Umbruchs, denn die Vietminh lehnen sich zunehmend gegen die jahrhundertlange Vorherrschaft der Franzosen auf.
Im Jahr 1950 lernen wir die 18-jährige Nicole kennen, die Tochter eines französischen Seidenhändlers und ihrer vietnamesischen Mutter, die bei der Geburt von Nicole gestorben war. Nicole muss stets hinter ihrer schönen, aber recht seltsamen Schwester Sylvia zurückstehen und hat ein entsprechend kompliziertes Verhältnis zu ihr. Der Vater übergibt schließlich seine Firma an Sylvia, Nicole soll „nur“ ein Stoffgeschäft in Hanoi übernehmen –eine erneute Benachteiligung! Dennoch widmet sie sich schließlich dieser Aufgabe und taucht ein in das pralle Leben Hanoi’s. In der Begegnung mit Tran lebt sie mehr und mehr ihre vietnamesische Seite, gerät durch Tran in die gefährliche Widerstandsbewegung. Zeitgleich jedoch verliert sie ihr Herz an den Amerikaner Mark, der wie es scheint aber mehr an Sylvia interessiert ist.
Innere und äußere Zerrissenheit, Suche nach Zugehörigkeit, nach Liebe und Vertrauen, Selbstfindung in einer rundum im Wandel befindlichen Welt – eine große Geschichte wird intensiv und lebendig-spannend erzählt. Allein schon wegen der hinreißenden Schilderungen des prallen vietnamesischen Lebens, der unendlichen Vielfalt von Gerüchen und Farben, dazu der ganz dezent untergebrachten Wissensvermittlung über eine uns wenig bekannte Zeitspanne in der Geschichte Vietnams ist dieses Buch absolut lesenswert. Auch wenn die Protagonisten in ihren Handlungen und Denkweisen für mich nicht immer wirklich nachvollziehbar dargestellt wurden, bleibt dieser Roman ein lange nachwirkendes „Fest der Sinne“, das ich uneingeschränkt empfehlen kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Atmosphäre
  • Dramaturgie
  • Figuren
  • Gefühl
Veröffentlicht am 12.07.2017

Anrührend, wenn auch sehr schlicht

Darcy - Der Glückskater und der Geist von Renfield Hall
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Die Witwe Mrs. Freda Allendale lebt in dem heruntergekommenen Herrenhaus Renfield Hall. Eine Menge Reparaturen stehen an, aber wie das schaffen ohne Geldreserven?
Darcy, der dreifarbige Glückskater, befindet ...

Die Witwe Mrs. Freda Allendale lebt in dem heruntergekommenen Herrenhaus Renfield Hall. Eine Menge Reparaturen stehen an, aber wie das schaffen ohne Geldreserven?
Darcy, der dreifarbige Glückskater, befindet sich auf seiner langen Reise zurück in sein früheres Zuhause und landet bei Mrs. Allendale, die ihn liebevoll aufnimmt. Und Darcy wäre nicht Darcy, wenn er nicht auf seine ganz eigene Weise das Leben auf Renfield Hall in Bewegung bringt.
Eine sehr anrührende Geschichte, liebevoll geschrieben. Bildhaft vorstellbar wird der morbide Charme des Herrenhauses, umgeben von einem traumhaft schönen Garten. Die im Buch vorkommenden Menschen sind freundlich, geduldig, verständnisvoll, was natürlich nichts mit der Realität zu tun hat, aber durchaus mal angenehm zu lesen ist. Der teilweise leicht angestaubte Schreibstil passt perfekt zum geschilderten Ambiente. Mich persönlich hat es etwas genervt, wenn die gleiche Situation zweimal geschildert wird, und zwar aus verschiedenen Perspektiven, aber dennoch mit teilweise wörtlicher Wiederholung.
Fazit: Eine anrührende, liebevoll geschilderte Geschichte. Gut lesbar, wenn auch sehr, sehr schlicht gestrickt.

Veröffentlicht am 10.07.2017

Dem Leser sein Spaß

Dem Kroisleitner sein Vater
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Der Titel sagt alles. Mit den grammatikalischen Regeln der deutschen Sprache hat es das Buch nicht. Wie auch. Es spielt in der Steiermark. Und da gibt es nun mal doppelte Verneinungen, sogar vierfache ...

Der Titel sagt alles. Mit den grammatikalischen Regeln der deutschen Sprache hat es das Buch nicht. Wie auch. Es spielt in der Steiermark. Und da gibt es nun mal doppelte Verneinungen, sogar vierfache Verneinungen. „… denn was hier getratscht wird, da kann niemand vor niemandem kein Geheimnis nicht bewahren.“ Und Schlimmeres gibt es da noch. Sogar einen, der mit 104 Jahren aufm Berg tot herumliegt, nicht an Altersschwäche gestorben. Wie kommt nun der zauselige Berliner Kommissar ins Spiel? Und überhaupt: eine Fülle von Dorfgeheimnissen tut sich auf, je weiter man von Hof zu Hof schaut oder in der Wirtschaft zuhört so wie Lissy, die Wirtin. Und je mehr Einheimische man kennenlernt, desto verwirrter wird man, bis man niemand nicht als Mörder ausschließen kann…
Dieser Krimi ist kein Krimi im herkömmlichen Sinn. Dazu nimmt er den Toten zu wenig ernst und die Lebenden zu wichtig. Das perfekt dargestellte österreichische Lokalkolorit, durchsetzt mit dörflich schrägen Protagonisten und einem leicht verpeilten Berliner Kommissar auf Kurzurlaub garantiert Lesespass pur für alle Leser, die den „Krimi“ genauso wenig ernst nehmen wie der Autor selbst. Für mich jedenfalls bot das Buch viele herzhafte Lacher und durchgehend gute Unterhaltung!