Platzhalter für Profilbild

leseuhu

Lesejury-Mitglied
offline

leseuhu ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit leseuhu über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.10.2018

Was wäre gewesen...

NSA - Nationales Sicherheits-Amt
0 0

Vielen Dank, dass ich das Buch im Rahmen einer Leserunde kostenfrei lesen durfte. Es hat mir viel Spaß und manches Kribbeln beim Lesen bereitet. Meine Rezession ist meine Meinung und nicht durch das kostenfreie ...

Vielen Dank, dass ich das Buch im Rahmen einer Leserunde kostenfrei lesen durfte. Es hat mir viel Spaß und manches Kribbeln beim Lesen bereitet. Meine Rezession ist meine Meinung und nicht durch das kostenfreie Exemplar beeinflusst.
Was wäre gewesen, wenn es im dritten Reich bereits Computer, Internet, soziale Medien und Mobiltelefone gegeben hätte? Ein faszinierender Gedanke. Es gibt das Volkshandy, jeder hat solch ein Gerät, damit die alltäglichen Kleinigkeiten des Lebens damit organisiert werden können – vom Terminkalender über Terminvereinbarungen bis hin zum bargeldlosen Einkauf, alles ist einfach und unkompliziert möglich. Doch dann liest man von den Mitarbeitern des „NSA“, dem Nationalen Sicherheitsamt. Das NSA ist ein kleines Amt, von dem kaum jemanden etwas weiß. Um nicht von einem größeren Amt vereinnahmt zu werden muss das Amt beweisen wie wichtig es ist. Die Kernkompetenz der NSA ist das Analysieren von Daten und Daten gibt es sehr viele. Mitarbeiter des NSA sind Analysten und Strickerinnen. Die Analysten – ein Beruf für Männer – kümmern sich um Problemstellungen und die Beschreibung der Aufgaben, die dann von den Strickerinnen – Frauenberuf = Programmiererinnen – in Abfrageprogramme umgesetzt werden. Die Ergebnisse werden dann von den Analysten ausgewertet. Diese Zusammenarbeit zeigt eindrucksvoll was die Kombination von Daten für Auswirkungen hat. Die Leser tauchen in die Zeit der 30er Jahre ein in dem sie zwei Protagonisten (ein Analyst – Eugen Lettke - und eine Strickerin – Helene Bodenkamp) über die beruflichen und die privaten Schultern schauen.
Sehr schnell habe ich mich in Mitten der Geschichte gesehen, der erzählten Geschichte und der historischen Geschichte. Andreas Eschbach hat eine sehr gut recherchierte Rahmenhandlung (das Leben in den 30. Jahren) geschaffen, welche mit Aspekten der Technik, die historisch gesehen erst in jüngerer Zeit Realität werden, gespickt ist. Dazu kommen die Ängste, Sorgen und Hoffnungen der Protagonisten und ihrer Kollegen, Familienmitglieder und. Da ist die Angst um den eigenen Arbeitsplatz, die Hoffnung auf das Kriegsende, der Umgang mit der eigenen Familie und dem Partner und die Frage „darf man alles tun was machbar ist, weil man es kann“… Dabei hebt das Buch keinen moralischen Zeigefinger oder gibt den einzig wirklichen Weg vor, sondern es beschreibt wie Menschen in ihrem Leben ihren Weg finden müssen, ob sie für sich selbst eine Alternative sehen oder nicht. Natürlich habe ich schnell Antipathien und Sympathien entwickelt – Antipathien, da der Zeitgeist der 30er Jahre meinem Innersten sehr widerstrebt; Sympathien, da ich viele Entscheidungen der Protagonisten sehr gut nachvollziehen kann und auch das Mitfiebern, vor allem mit Helene, wie sie ihre beruflichen Herausforderungen in Bezug auf die neuronalen Netze erlebt und besteht, wie sie, um andere zu schützen, aktiv tätig wird, sogar ins Visier der SS kommt, aber auch das Kopfschütteln wie sie emotionale Entscheidungen anders trifft als ich selbst es – wahrscheinlich – tun würde… aber dafür ist sie Helene und sie ist in ihrer Rolle, genauso wie Eugen Lettke, durchgehend gut beschrieben und glaubhaft. Aufgrund der wechselnden Erzählperspektiven ist man einmal mehr auf Helene, dann wieder mehr auf Eugen fokussiert.
An keinem Punkt hatte ich das Gefühl, dass die angegebenen 800 Seiten (ich habe sie nicht gezählt) irgendwie gekürzt hätten werden können. Sicherlich kann man geteilter Meinung sein, ob die technischen Finessen der Programmierung und die Grundlagen der neuronalen Netze kürzer oder ausführlicher hätten beschrieben werden können, aber dies hängt mit dem Grundwissen des Lesers zusammen. Meines Erachtens sind diese Erläuterungen auch ein stilistisches Mittel. Es gibt Experten und Laien, die Experten, die verstehen wie die Daten ausgewertet werden können – Helene erkennt die Möglichkeiten der Datenstrukturierung und Datenaufbereitung sehr schnell; Eugen, als Analyst, kann sich etwas vorstellen, aber erst als er sich erklären lässt wie das Programmieren funktioniert erkennt er die Reichweite davon; Helenes Freunde verstehen erst mit Helenes Erklärungen wie gefährdet sie aufgrund der Datenanalysen sind – die Laien sehen nur die Vereinfachungen, die die Computer und Handys gebracht haben oder sie wollen sich damit nicht abgeben, wie Eugens Mutter...
Da der Autor viele heute standardisierte Begriffe eingedeutscht hat bin ich manchmal beim Lesen über Begriffe gestolpert (z.B. wird der Computer stringent als Komputer bezeichnet), oder ich musste mal nachdenken was damit gemeint sein könnte, doch war dies nicht wirklich störend, eher macht es die Zeitreise viel authentischer. Leider habe ich das Buch ab und zu wegen anderweitigen Verpflichtungen weglegen müssen – ich hätte viel lieber an einem Stück weitergelesen so spannend war es.
Das Buchcover erinnert mich an alte Bücher aus dieser Zeit, schlicht und neutral. Aber das Rot fordert die Aufmerksamkeit des Betrachters und zieht sie in den Mittpunkt, zum schwarzen Auge. Das Auge, das wie ein Spion oder eine Kamera den Betrachter beobachtet. Doch das Auge macht es nicht heimlich, es ist frei sichtbar…Die Bücher aus der Zeit des dritten Reiches machen mir schon immer ein komisches Gefühl, man kann nicht alles glauben was darinsteht, es ist vieles durch Propaganda geschönt oder verdreht, sie spiegeln nicht die Realität wieder. Dieses Buch ist anders, es ist zwar eine erfundene Geschichte, aber es spiegelt durchaus die Realität, die Realität die wir heute schon zum Teil haben und die unaufhaltsam weiter auf uns zukommt. Dies passiert nicht heimlich, sondern offen und für jedermann sichtbar der es sehen will… und manchmal ist es gut wieder darauf aufmerksam gemacht zu werden, damit man nicht von den Segnungen der Technik eingelullt wird – danke Andreas Eschbach.