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Veröffentlicht am 23.05.2021

Ausgearbeitete High Fantasy – Auftakt zur Reihe „Die Quellen von Malun“

Die Quellen von Malun - Blutgöttin
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Zusammenfassung

In einer von Dürre gegeißelten Welt scheint jeder ums nackte Überleben zu kämpfen – und einige um noch mehr: Alia, die als Sklavin in einem Wasserbergwerk schuftet, kämpft um das Wohlergehen ...

Zusammenfassung

In einer von Dürre gegeißelten Welt scheint jeder ums nackte Überleben zu kämpfen – und einige um noch mehr: Alia, die als Sklavin in einem Wasserbergwerk schuftet, kämpft um das Wohlergehen ihrer Schwester und schmiedet Fluchtpläne mit Mariusch. Feyla ringt um Anerkennung in ihrer Familie und stellt die Gerechtigkeit ihres luxuriösen Lebens in Frage. Dorgen kämpft als Hauptmann im sapionischen Heer gegen Katzenmenschen, sein Freund Tailin gegen quälende Visionen und den Wunsch, Dorgen näher zu sein als gut für beide wäre. Über allem wachen Sapions Herrscher Rabanus, sein Berater Walerius und die Blutgöttin, für die das sapionische Heer auf Eroberungstour ist.
Alia, Feyla, Dorgen und Tailin stoßen auf Geheimnisse, die die ihnen bekannte Realität umstürzen – und Leben oder Tod für alle bedeuten könnten.


Meine Meinung

Der Einstieg gibt den Ton an: Grausamkeit, Blut und die Zerrissenheit dessen, dem der Leser zur Blutgöttin folgt, finden sich an vielen Stellen des Buches wieder. Dem entgegen steht die rebellische und aufopferungsbereite Ader der Hauptfiguren, bei jeder auf eine andere Art. Immer wieder taucht zwischen den Zeilen die Hoffnung auf, dass Liebe der Schlüssel ist. Zu was, das versuchen alle Schritt für Schritt herauszufinden.

Die Autorin macht es der Leserin leicht, Sympathien (oder Antipathien) für eine Figur zu entwickeln. Dass das Setting und die Hintergrundgeschichte ausgefeilt sind, spiegelt sich in der lebendigen Atmosphäre der Szenen wieder.
Das Buch ist aus sechs Perspektiven geschrieben. Dies macht es bisweilen schwierig, einem Erzählstrang zu folgen, zumal die Figuren keine ausgeprägte eigene Stimme haben. Ein dickes Plus von so vielen Perspektiven ist, dass man an verschiedenen Stellen in die fiktive Welt eintauchen kann und schon nach der Lektüre von Band 1 der Reihe das Gefühl hat, ein Teil der Geschichte zu sein.

Winterfeld schreibt lebendig und sorgt für Kino im Kopf. Sie hat die Welt und ihre Figuren detailliert ausgearbeitet – und das spiegelt sich in den bildhaften Beschreibungen. Leider führt das manchmal dazu, dass die Leserin keine Chance hat, sich selbst „ein Bild zu machen“: Viele Beschreibungen der internen Konflikte werden platt auf den Tisch gelegt, am häufigsten durch gefühlte Myriaden an Fragen, die sich die Figuren selber stellen.

Das Element, an dem sich die meisten lesenden Geister scheiden, ist Sex. Liebevolle Vereinigung, der Wunsch nach Nähe, inzestuöse Erniedrigung – all das und noch mehr hat seinen Platz in „Blutgöttin“. Entweder liest man darüber hinweg, akzeptiert es als Teil der Geschichte, oder man macht sich auf Schockmomente gefasst.
Andere Themen wiederum sind so greifbar, dass man sich leicht mit wenigstens einer der Figuren identifiziert. Unterdrückung, Verfolgung oder Ausgrenzung aufgrund von Einstellungen oder Neigungen kennt wohl ein jeder, in diversen Ausmaßen.

Fazit

Band 1 der „Quellen von Malun“-Reihe ist die Exposition von vier Figuren, die alle vor etwas davonlaufen wollen, das für sie nicht tragbar ist. Wie die Geschichten von den vier zusammenhängen, bleibt nach der Lektüre offen. Dies alles macht deutlich, dass „Blutgöttin“ nur der Auftakt einer Geschichte ist, die aufgrund des Umfangs nicht als Einzelwerk veröffentlicht werden konnte, und eben sowenig losgelöst von den Folgewerken gelesen werden möchte. Es gibt spannende und schockierende Momente, auch liebevolle und grausame, und – sofern man mit Feyla mitfiebert – einen klaren Cliffhanger. Das letzte Kapitel macht dazu noch eine ganz neue Büchse auf, die Pandora stolz machen würde.

Wer High Fantasy mag, einen langen Atem hat und explizite Inhalte verkraftet, darf sich an die „Quellen von Malun“ wagen.

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  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.03.2021

Realität auf einer höheren Ebene der Wahrnehmung oder: Als der Scharlachrote König Derry auf der Karte entdeckte

Schlaflos - Insomnia
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Zusammenfassung
Ralphs Frau stirbt. Er bekommt keinen Schlaf mehr. Er sieht Auren und kleine Männchen. Sein Freund und Nachbar wird augenscheinlich verrückt, verprügelt seine Frau, verbreitet Verschwörungstheorien ...

Zusammenfassung


Ralphs Frau stirbt. Er bekommt keinen Schlaf mehr. Er sieht Auren und kleine Männchen. Sein Freund und Nachbar wird augenscheinlich verrückt, verprügelt seine Frau, verbreitet Verschwörungstheorien und droht ihm. Ein anderer Verrückter sticht ihn nieder. Als ob das nicht genug wäre, bekommt er von den kleinen Männchen die Aufgabe, einen Versammlung von Abtreibungsbefürwortern abzusagen, auf die ein Anschlag geplant ist... Was Ralph letztlich trotz der überwältigenden Müdigkeit zu heldenhaften Taten und in die Schusslinie von unvorstellbaren Mächten treibt, ist nicht der mögliche Tod von hunderten Derry-ites, sondern der von Menschen, die ihm viel näher stehen.

Vor dem Hintergrund des Lebens, Liebens und Leidens der Bewohner der Harris Avenue entfaltet sich eine Heldengeschichte verpackt in einen Fantasyroman, umhäkelt mit einer Liebesgeschichte und bestäubt mit dem wohlbekannten Horror.


Meine Meinung


Was wäre, wenn... es die Auren, von denen esoterisch angehauchte Menschen immer sprechen, wirklich gäbe - was würde man sehen? Und ganz nebenbei: glaubst du an Schicksal – und wenn ja, wie spielt freier Wille da mit hinein?

Ich habe dieses Buch schon mehrfach gelesen und mich des Öfteren gefragt, wie King die Idee zu diesem etwas verrückten Roman gefunden hat. Dass die Auren eine Art Lebenslinie anzeigen, generell aus purer Energie bestehen und regenbogenfarbenbunt sind und je nach Gesundheits- und Gemütszustand der betreffenden Person die Farbe oder Dichte ändern... das klingt an sich furchtbar esoterisch- aber hey, das ist eine Story von einem Autor, der sich schon abstrusere Dinge ausgedacht hat.

Aus welchem Brunnen die Idee für diese besondere Geschichte auch stammen mag – King versteht es wieder meisterhaft, den Leser in eine Welt zu entführen, in der jeder Charakter glaubwürdig und nachvollziehbar ausgefeilt seine Entscheidungen trifft. Der Charme, mit dem die ältere Generation Derrys (das man als altgedienter King-Leser kennt und hass-liebt) quatscht, keift, diskutiert, lacht, weint, stirbt, spielt, den Sinn des Lebens nach der Rente sucht, muss seinesgleichen erst finden. Gänzlich aus der Sicht des Protagonisten geschrieben führt "Schlaflos" durch menschliche Wirrungen, alltägliche Sorgen, weltliche Grausamkeiten, und nicht zuletzt durch eine Welt, die sich hinter der sichtbaren versteckt und sowohl wunderschön als aus furchterregend ist. Zudem schafft Monsieur King es, das Thema Plan, Zufall und freien Willen in die Geschichte einzubauen, ohne dass man sich fühlt als habe man ein pseudophilosophisches Selbsthilfebuch in der Hand.
Ich bin von Dialogen begeistert, aus denen wahres Verständnis für verschiedenste Persönlichkeiten und menschliche Gefühlsregungen spricht (oder sehr sehr gute Beobachtungsgabe); von der Vielzahl der mitmischenden Personen, die jeder für sich greifbar, sehr eigen und wenngleich überaus normal doch alle sehr besonders sind; von den Bildern, die die Worte in mir hervorrufen und die Buchstaben auf dem Papier zum Erlebnis werden lassen, das mich je-des-mal wieder zu dicken Tränen rührt. (Ich gebe zu, der letzte Abschnitt passt auf mehrere Bücher meines Lieblingsautors, aber deswegen ist es nicht weniger wahr.)

Mit überraschenden Szenen sowie subtilen und plakativen Hinweisen schürt King das Feuer unter dem Topf mit der Spannung. Ereignisse, die zunächst keine Verbindung zueinander aufweisen, verflechten sich nach und nach miteinander, um wie Feuerwerkskörper nacheinander in unterschiedlicher Intensität und Farbenpracht zu explodieren.

Dass King sich eines Bildes bedient, das in der Fantasy-Leser-Welt berühmt ist - "One Ring To Bind Them All" - und das entsprechende Werk auch als Referenz angibt, ist eine besondere Hommage. Manche rufen vielleicht "Geklaut!", doch ich rufe Hut ab! für eine elegante Art, den Protagonisten dem Leser noch näher zu bringen. Und manche Räder können wirklich nicht neu erfunden werden - und dann, sage ich, darf man sich gerne eines alten bedienen, wenn man so deutlich macht, dass man selbst nicht der Erfinder ist.

Das Cover weist mit Neonpfeil nach "ES" und dem Ur-Bösen, was meiner Meinung nach mit "Schlaflos" wenig mehr als das Setting gemeinsam hat. Falls hier die Ballonschnur ein Hinweis sein soll, ist er sehr subtil. Einzig das Schwarz passt - wobei ich ein Bild von einer Stadt in einem schwarzen Leichentuch besser fände, aber keinen Schimmer habe, wie das optisch ansprechend darzustellen wäre.


Fazit

"Schlaflos" ist nicht nur ein weiteres Derry-Kapitel, es ist Teil des King-Multiversums, in dem auch die Dunkle-Turm-Saga ihren Platz hat – das Buch funktioniert aber auch für sich. Liebhaber von Kings Werken kommen (nicht nur, aber besonders wegen der Referenzen auf andere Bücher, die wie immer nahtlos in die Geschichte passen) ebenso auf ihre Kosten wie Leser, die Fantasy-Thriller-Horror Crossovers mit Helden lieben, die so echt wirken, als wären sie aus dem Leben ausgeschnitten und in das Buch eingeklebt worden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.03.2021

Eine Zeitreise ohne Reise, aber mit Deadline und Eintauchen in eine vergangene Welt, um die gegenwärtige zu retten

2012 - Das Ende aller Zeiten
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Zusammenfassung

Jed DeLanda ist Bluter, Eigenbrötler und hochbegabt. Die einzige Verbindung zu seiner südamerikanischen Familie, die im Zuge eines Genozids umgebracht wurde, ist das Opferspiel. Dieses ...

Zusammenfassung



Jed DeLanda ist Bluter, Eigenbrötler und hochbegabt. Die einzige Verbindung zu seiner südamerikanischen Familie, die im Zuge eines Genozids umgebracht wurde, ist das Opferspiel. Dieses Spiel gestattet denen, die es beherrschen, mögliche Versionen der Zukunft vorherzusagen - Jed benutzt es vor allem, um mit Termingeschäften Geld zu machen.
Der so erlangte Reichtum erlaubt ihm ein sorgenfreies Leben, das ihn dennoch nur zum Teil ausfüllt. Als er vom Fund eines Maya-Kodex erfährt, in dem die Prophezeiung des "Ende aller Zeiten" überliefert ist, wird er aus seinem komfortablen aber letztlich ziellosen Leben gerissen: Er muss dieses Buch sehen. Jed kontaktiert seinen ehemaligen Lehrer und Mentor Taro um dessen Beziehungen zu schröpfen, und schafft es an die Quelle.
Es wird deutlich, dass die Verfasser dieses Maya-Kodex Ergebnisse einer Partie des Opferspiels festgehalten haben und Jed taucht in die Übersetzung des Kodex ein. In kürzester Zeit steigt er vom merkwürdigen Außenseiter zum Mitarbeiter eines globalen Konzerns auf, dessen Spitze nicht nur den Kodex entziffern sondern dafür sorgen will, dass das vorhergesagte Ende aller Zeiten verhindert wird. Hierfür soll ein Bewusstseinstransfer dienen, um im Zeitalter der Maya die Geheimnisse der überlieferten Spielpartie zu lüften, die Informationen an einem die Jahrhunderte überdauernden Ort zu lagern, um sie im Hier und Jetzt zu benutzen und das Opferspiel erneut zu spielen - und denjenigen zu finden, der 2011 Disneyworld, Florida zur Quarantänezone gemacht hat und diese offenbar auf die gesamte Welt auszuweiten plant.

Das Cover verbindet mit der Skyline und dem diffus darüber schwebenden Maya-Symbol die zwei Grundbausteine des Buches, und entflammt mit dem kontrastierenden Orange und dem schäumenden Wasser die Weltuntergangstheorien. Passend, nicht zu vielsagend, und schön bedrohlich.


Meine Meinung


kurz, spoilerfrei

Der intensiven, den meisten sicher sehr unbekannten und teils verstörenden Welt der alten Maya gegenüber steht die überragend ausgearbeitete Hauptfigur. Jed lässt sich von den Ereignissen mitreißen und erleidet seinerseits ein ungeahntes Maß an Spannung, findet jedoch immer wieder zu der strategisierenden Ruhe zurück, die im "wirklichen" Leben oft kalt und arrogant wirkt. In 2012 webt sein Interesse an einer jungen Frau ein wenig nervös-verliebtes Gefühl in das recht sachliche Grundgefüge seiner Person und wird vom Autor nachvollziehbar beschrieben, ohne platt oder schnulzig zu wirken.
Die Nebenfiguren nebensächlich, doch wenn nötig wieder-erkennbar und facettenreich.
Die Geschichte selbst ist zweigeteilt: ein Teil spielt in der Gegenwart, genauer in 2011/2012, und erzählt vom Wettlauf gegen die Zeit, der Suche nach dem Doomster, dem Projekt Chocula (aka Bewusstseinstransferprotokoll) und der Flucht vor radioaktivem Staub und guatemaltekischem Militär.
Der andere Teil entfaltet sich im Jahr 664 nach unserer Zeitrechnung vor dem Hintergrund der sehr lebendigen (oder auch vollgestopften), farbgeblockten, rituell geprägten Maya-Städte mit den kurzgewachsenen, mehr als abgehärteten, opferwilligen, opferlustigen, insignienversklavten, außerordentlich strukturierten Maya.

Nach einem Einstieg in medias res sorgt ein angenehm unregelmäßiger Spannungsbogen für gleichbleibende Neugier. D'Amato schreibt unterhaltsam, bricht sachliche Erläuterungen mit Wortwitz, Sarkasmus und psychologischem Tiefgang auf, und es gelingt ihm auch bei langen Passagen und abstrakten Handlungsteilen den Leser zu fesseln und die Geschichte greifbar bleiben zu lassen. Wenn nicht schon bei der wiederholten Erwähnung der für den zeitgenössischen Leser kaum nachvollziehbaren Maya-Kalender-Zeitrechnungen, dann doch allerspätestens bei den Beschreibungen der Tempel im wird deutlich, dass dem Buch extensive Recherche zugrunde liegt. Die Illustrationen, die der Autor selbst angefertigt hat, setzen das Tüpfelchen aufs i.
Aus den Informationen und Eindrücken, die Brian D'Amato über das Volk und die Kultur der Maya gesammelt hat, baut er eine Welt, die zwar überwältigend wirkt, doch nichtsdestotrotz authentisch. Seine Bewunderung für diese vergangene Zivilisation spiegelt sich nicht nur zwischen den Zeilen wieder.
Die Verwebung einer vergangenen Zivilisation mit einer physikalisch möglichen Form der Zeitreise, mit dem Blick auf einen jahrhundertealten Kalender mit Haltbarkeitsdatum aus der Sicht eines ironischen doch ungewöhnlichen jungen Mannes sorgen für ein kurzweiliges Lesevergnügen mit intellektuellen Stimuli.

Ich habe das Buch jetzt zum fünften Mal gelesen und bin immer noch schwer begeistert.



!! SPOILERALARM !!

Meine Meinung


Eindrücke, Ergänzungen und Gedanken

Ich bin ein absoluter Fan von außergewöhnlichen, lebendig gezeichneten Charakteren, mit denen man sich identifizieren kann, auch wenn es zur eigenen Person keine essentiellen Gemeinsamkeiten gibt. (Und Zeitreisegeschichten.) Brian D'Amato gelingt dies in überragender Weise. Man könnte beinahe sagen, 2012 ist eine Charakterstudie verfasst in der Ich-Perspektive, mit Unmengen an Einblicken in die antike Kultur der Maya. Im Grunde trägt dies für mich die Geschichte, und den Leser über Strecken von abstrusen Beschreibungen vom Ablauf eines Spiels, das man nicht versteht, wenn man es nicht selber spielen kann. Dass die Geschichte selbst eine zweigeteilte ist, ist deshalb nicht verwirrend, da Jed selbst seine Schwierigkeiten beim Einordnen der Geschehnisse hin und wieder in Worte fasst. In anderen Rezensionen dieses Buches wird mokiert, dass es zu lange dauert, bis Jed2 auf die Reise geschickt wird. Da Jed1 der Reise von Jed2 nicht physisch folgen kann und seine ganz eigene spannende Geschichte erlebt, ist die lange „Vorgeschichte“ für mich einfach eine eigene Story und ebenso aufregend wie die in der Vergangenheit.

Gleich auf den ersten Seiten schubst D'Amato den Leser in eine Situation, die seit dem Untergang der Maya niemand (in Worten: niemand) einzuordnen vermag, auf voyeuristische Weise jedoch spannend genug ist, um nicht gleich abzubrechen. Kurz bevor man sich auf die Nase legt, reißt Jed den Leser zurück, um ihm mit einem Arm um die Schultern zu versichern, es ist alles in Ordnung, hier ist Kaffee, die Sonne geht noch im Osten auf, ach und das hier bin übrigens ich. Ich erzähle Euch jetzt eine bekloppte Geschichte. Meiner Meinung nach ein beachtenswert aufregender Einstieg.

Ich habe bisher wenig gute Bücher gelesen, die in der Ich-Perspektive geschrieben sind; dies könnte auf persönliche Vorlieben hinweisen, hängt nach meinem Dafürhalten jedoch vom Schreibstil ab und davon, ob die Hauptfigur den Leser erwähnt und wie herablassend dies geschieht. Jed DeLanda kann nach "eigenen" Worten auf andere arrogant wirken, da wir aber in seinem Kopf stecken und er selbstreflexiv, aufmerksam und mit Narben der Schuld der Überlebenden gezeichnet ist, wirkt dieses Miteinbeziehen eher freundschaftlich und entschuldigend.

Nach dem gelungenen Einstieg mit leckerem Köder am "hook" lernt man Jed und seine Eigenheiten kennen, die seiner Sympathie keineswegs abträglich sind und im Verlauf der Geschichte dafür sorgen, dass die Figur stimmig bleibt. Die Spannung steigt wieder, wenn Jed die ersten Einblicke in den Maya Kodex erhält und ein Anschlag auf Disneyworld in Orlando verübt wird. Ziemlich bald lernt er das Team kennen, das seine Hirnwellen aufzeichnen und als Energie durch eine Art Wurmloch in das Gehirn des Herrschers über Ix projizieren wird - eine Art Zeitreise der Persönlichkeit ohne Rückkehr. Trotz erheblicher Recherchen und Planung des Teams bleibt ein Faktor auf der Strecke: der Körper, in dem Jed2 landet, ist nur ein Vertreter des Herrschers, und der Rest dessen ursprünglicher Person ist fest entschlossen, sich zu opfern. Auch wenn das Lesezeichen an dieser Stelle kaum das Buch in zwei Hälften teilt und man daher weiß, dass die Mission nicht verloren sein kann, steigt sie Spannungskurve steil an und pendelt sich dann im oberen Drittel ein. Was Jed2 anschließend erlebt, lässt den Leser in eine vergangene, ausführlich recherchierte und auf dieser Basis erstaunlich lebendig ausgemalte Kultur eintauchen.
Er muss nicht nur körperliche Qualen erleiden und mentale Kämpfe gegen die Überbleibsel des eigentlichen Bewusstseins des Hüftballspielers ausfechten, sondern sorgfältig geschmiedete Pläne über den Haufen werfen und all seine Überredungskunst aufwenden, um rechtzeitig von einer hochrangigen Sonnenaddiererin das wohl gehütete Geheimnis des Opferspiels mit 9 Läufern zu erfahren.

Angenehm unregelmäßige Wellen in der Spannungskurve enden schließlich in einem vergleichsweise unspektakulären Abflachen derselben - und ganz am Ende wird der Bogen zu einem steil in die Höhe fliegenden Pfeil. Hier bleibt nur der Verweis auf das zweite Buch der Reihe, das ich selbst noch nicht gelesen habe und von anderen entweder geliebt oder geächtet zu werden scheint.

Zum Jetzt-Teil der Geschichte möchte ich sagen, dass sie eine sehr reelle Basis für den 'verrückten' Teil des Buches schafft. Von den Nachrichten, dem Anschlag auf Disneyworld, den Interaktionen von Jed mit seinen Nachbarn bis hin zu den Diskussionen über Helikopterfunk mit dem Militär gibt es in der 2012-Timeline in meinen Augen nichts, das gestellt oder extrem „DeusExMaschina“ wirkt. Auch die einzige Kopulations-Szene wirkt zwar holzig, passt aber zur Situation, den beteiligten Personen und ist einfach sehr, sehr ehrlich.

Das Buch beschäftigt sich ausführlich mit der vergangenen Maya-Kultur, stellt aber übergeordnet eine Frage nach dem Wert des eigentlichen Ziels der Hauptfigur, die zeitlos scheint: Ist die Menschheit es wert, gerettet zu werden? Ist Empathie und der evolutionsgeprägte Sinn für das nackte Überleben Grund genug, die Auslöschung eines Großteils der Menschheit zu verhindern? In der Vorstellung des Autors – wenigstens als Ankerpunkt für diese Geschichte – interpretiert die Sonnenaddiererin das mit dem Opferspiel vorhergesehene „Ende“ als natürliche Sequenz einer Reihe von Ereignissen, nicht als unabwendbare Zukunft.
Jed, der nach Beendigung seiner Mission die mysteriöse Partie noch einmal durchspielt, beantwortet für sich diese Frage. Und macht das Ende des Buches zu einem offenen.

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