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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.10.2017

Leider eine schwache Umsetzung der Idee

Ein ganzes halbes Jahr
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Ich muss ganz ehrlich zugeben: als dieses Buch vor ein paar Jahren die Bestseller-Listen eroberte, hatte ich definitiv nie vor, es zu lesen. Ich tu mich schwer mit Büchern über Schicksalsschläge; oft hab ...

Ich muss ganz ehrlich zugeben: als dieses Buch vor ein paar Jahren die Bestseller-Listen eroberte, hatte ich definitiv nie vor, es zu lesen. Ich tu mich schwer mit Büchern über Schicksalsschläge; oft hab ich Angst davor, dass die Geschichte versuchen würde, mir das Herz mit einer tränenreichen Liebesgeschichte und möglichst dramatischen (vielleicht auch plumpen) Mitteln zu brechen.

Dann sah ich den Trailer zum gleichnamigen Film (im Original „Me Before You“). Zwar hab ich schon gehört, dass der Trailer zu viel vorweg nehmen soll, aber durch den kleinen Einblick in die Geschichte und die Art und Weise, wie Lou und Will dargestellt wurden, entschloss ich, dem Buch doch eine Chance zu geben. Manchmal muss man aber auch auf den richtigen Zeitpunkt warten, um für eine Geschichte wirklich bereit zu sein – vielleicht war er jetzt gekommen, nachdem ich monatelang aufgrund von Uni-Stress kein einziges Buch zur Unterhaltung in die Hand genommen hatte.

Die Geschichte beginnt aus der Perspektive von Louisa Clark. Sie ist 26 und gerade arbeitslos geworden. Das Café, in dem sie vorher arbeitete, musste unerwartet geschlossen werden. Im Schatten ihrer jüngeren Schwester stehend, hatte sie nie große berufliche Ambitionen, ihr gefiel ihr alter Job und ihr geregeltes Leben; zu allem Übel ist ihre Familie jedoch angewiesen auf ihre Einkünfte. Nachdem sie einen furchtbaren Job nach dem nächsten ausprobierte, wurde sie schließlich zu einem Vorstellungsgespräch als Pflegekraft eines Tetraplegikers eingeladen. Eigentlich will sie diesen Job überhaupt nicht machen – noch dazu war sie dafür nicht einmal ausreichend qualifiziert – aber es scheint etwas an der fröhlichen und (trotz ihrer eigenen festgefahrenen Situation) optimistischen Lou zu geben, dass sie zu genau der richtigen Person für diesen Job macht.

Will Traynor war einst ein erfolgreicher Geschäftsmann. Gutaussehend, vermögend, witzig, beliebt. Für ihn bedeutete das Adrenalin in seinen Adern zu spüren, zu leben. Der Verlust seiner Bewegungsfähigkeit und Eigenständigkeit trifft ihn daher so schwer, dass es ihm schwer fällt, noch einen Sinn im Leben zu erkennen. Es ist offensichtlich, dass Lou nicht für nicht-vorhandene Erfahrung als Pflegekraft eingestellt wurde, sondern, um Will aus dem düsteren Gefängnis seiner eigenen Gedanken und Hoffnungslosigkeit zurückzuholen. Aber kann sie ihm wirklich dabei helfen, seine Lebensfreude wiederzufinden, nachdem alles, was ihm etwas bedeutet hatte, einfach von ihm fortgerissen wurde? Kann sie sein Leben verändern oder werden die Erfahrungen, die Lou macht, ihres verändern?

„Ein ganzes halbes Jahr“ ist nicht für mich bei weitem nicht perfekt. Nichtsdestotrotz habe ich das Buch innerhalb zwei oder drei Tagen durchgelesen und das hat seine Gründe. Mir gefiel der lockere, flüssige Schreibstil. Es ist kein sprachlich raffiniertes Werk, das will es aber auch gar nicht sein. Wir begleiten schließlich eine junge Frau, die sich nicht ganz so wichtig und ernst nimmt. Sie ist zufrieden mit ihrem simplen Lebensstil in dem urigen Städtchen und mit ihrer Familie. Manch einer mag kritisieren, dass Lou für ihr Alter zu kindisch sei, zu wenig Ambitionen habe und in einer Situation feststecke, in der man sich als junge erwachsene Frau um jeden Preis versuchen würde, heraus zu kämpfen. Aber ich kann mich mit Lou identifizieren. Ich finde ihr Verhalten nicht unglaubwürdig – ganz im Gegenteil. Ich glaube sogar, dass es vielen jungen Erwachsenen so geht wie ihr, und ich finde es erfrischend, mal nicht von einer Protagonistin zu lesen, die sich mit Anfang 20 bereits selbstständig gemacht hat.

Überrascht hat mich (in einer guten Art) die Tatsache, dass diese Geschichte nicht vorrangig eine Liebesgeschichte ist, sondern eine Geschichte darüber, wie uns die Steine, die uns das Leben in den Weg legt, auf andere Pfade führen, die wir dann weitergehen, obwohl wir nicht wissen, was an ihrem Ende auf uns wartet. Es ist eine Geschichte über den Wert von Freundschaft, von Offenheit und von Vertrauen; aber die Geschichte ist vielleicht auch ein Anstoß, sein Leben nicht in einer Warteschleife zu verbringen, sondern Wege zu finden, um es zu genießen.

Obwohl das Thema sich im Laufe des Romans immer heikler entwickelt, hat Jojo Moyes es meiner Meinung nach sehr leicht lesbar gemacht. Sowohl Wills Standpunkt als auch der Standpunkt seiner Familie wurden öfter thematisiert, doch gerade wenn man sich darin hineinversetzte, wie schrecklich sich der ehemals so energiegeladene Will fühlen muss und wie schlimm auch die Situation für Wills Freunde und Familie ist, merkt man, wie z.B. durch Wills finanzielle Situation doch alles recht romantauglich gemacht wurde. Überhaupt ist Wills Figur sehr kritisch zu sehen, da sie sehr gefährlich an der Oberfläche kratzt.

Ein weiterer Kritikpunkt für mich ist, dass Wills Eltern während der gesamten Geschichte nicht aus ihrem Klischee-Charakter heraustreten. Beide können nicht mit der Situation ihres depressiven Sohnes umgehen. Die Mutter vergräbt sich nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen, für Will da zu sein, in ihrer Arbeit – wirkt auf Außenstehende unnahbar und kalt, was dem Leser ihre emotionale Überforderung zeigen soll. Der Vater wirkt wie eine seltsame Karikatur – die Situation hat ihn von seiner Ehefrau entfremdet, also hat er eine Affäre, von der aber alle wissen. Sein Umgang mit Will ist krampfhaft zwanglos, aber auch bei ihm spürt man keine wirkliche emotionale Bindung zu seinem Sohn. Die Entscheidung der Eltern, Louisa als Hilfskraft einzustellen, die einzig und allein dafür sorgen soll, Wills Laune zu heben, wirkt ebenso seltsam konstruiert – so als hätten sie vorher den Film „Ziemlich beste Freunde“ gesehen.

Zwar machen sowohl Will als auch Lou im Verlauf der Geschichte eine persönliche Entwicklung durch, aber nur für einen der Beiden hat das merkbare Konsequenzen am Ende des Buches. Insgesamt fand ich, dass das Ende nicht wirklich geschafft hat, was während der gesamten Geschichte versucht wurde, dem Leser zu vermitteln. Zusammen mit der Eindimensionalität vieler Charaktere gab es zu viele kleine Wermutstropfen in einer Geschichte, auch wenn ich sie schnell durchgelesen hatte. Deshalb fällt meine Bewertung recht durchschnittlich aus.

Veröffentlicht am 08.01.2018

Nicht meine Art von Fantasy

Der Fluch des Feuers
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Mark de Jagers Debütroman “Der Fluch des Feuers” ist ein Fantasy-Roman, der mich leider nicht so richtig überzeugen konnte. Das Gesamtpaket - Titel, Cover, Inhaltsbeschreibung - haben mich zunächst etwas ...

Mark de Jagers Debütroman “Der Fluch des Feuers” ist ein Fantasy-Roman, der mich leider nicht so richtig überzeugen konnte. Das Gesamtpaket - Titel, Cover, Inhaltsbeschreibung - haben mich zunächst etwas komplett anderes erwarten lassen, als ich dann bekam. Und das ist schon einer der Hauptgründe meiner gemischten Gefühle bezüglich dieser Geschichte. Ich habe mit einem Antihelden gerechnet, aber der Protagonist mit dem ungewöhnlichen Namen Stratus entpuppte sich als ziemlich leere Hülle. Zu Beginn der Geschichte wissen wir quasi genau so wenig über ihn wie er selbst. Nackt und ohne Erinnerungen wacht er auf; seine Suche nach sich selbst beginnt - aber natürlich nicht ohne Komplikationen. Immer und immer wieder wird er bedroht und gefangen genommen. Und außerdem spürt er, dass tief in ihm etwas darauf lauert, endlich befreit zu werden.

Der größte Schwachpunkt des Romans ist für mich sein Protagonist, der als Antiheld beschrieben wird, aber bei mir keinerlei Sympathien wecken kann. Ich wusste nicht so richtig, warum es mich eigentlich interessieren soll, wer oder was Stratus eigentlich ist. Er besitzt zwar einige interessante Fähigkeiten, aber diese wurden ihm gefühlt immer zum passenden Zeitpunkt “angedichtet”, sodass er sich aus brenzligen Lagen gerade noch so befreien kann. Immer und immer wieder. Er trainiert sein neues Können ein wenig und schon hat er es perfektioniert. Deus Ex Machina. Diese Tatsache macht den Plot, der ein beständiges Auf und Ab von Gefangenwerden und Ausbrechen ist, nicht interessanter, sondern stellenweise leider sogar sehr langatmig. Stratus’ Monologe mögen zu Beginn noch interessant zu lesen sein, wirken aber bald gestelzt, konstruiert und zäh. Man liest und vergisst direkt wieder, was er gesagt hat. Auch die Nebenfiguren sind nicht besonders einprägsam. Einzig und allein die zweite Hauptfigur, Tatyana, war meines Erachtens wirklich interessant, mehrdimensional und die treibende Kraft des Romans. Ihre Interaktion mit Stratus hat mir wirklich sehr gut gefallen.

Das Ende bzw. die Auflösung des Mysteriums um Stratus’ Dasein war weder besonders überraschend noch fand ich sie besonders elegant oder spannend, und hier wurde ich vielleicht am meisten enttäuscht. Da möchte ich allerdings nicht sagen, dass es sich hier generell um eine schlechte Idee handelt, sondern sie einfach nicht “meiner Art von Fantasy-Roman” entspricht und ich mir etwas anderes erhofft hatte. Dazu kommt, dass es viele, viele brutale Passagen gibt, die sehr, sehr ausführlich und bildhaft beschrieben werden. Mark de Jager bringt außerdem für mich einfach zu viele Fantasy-Elemente zusammen. All das führt demnach zu meiner Bewertung mit 2 Sternen. Ja, es ist ein Debütroman und Spielraum nach oben muss man ihm zugestehen. Manche Ideen waren interessant, der Beginn war vielversprechend, aber leider verlor sich die Geschichte dann recht zügig, wirkte inhaltsleer mit einem Protagonisten, der leider nicht so vielschichtig war wie erhofft und einer Menge langatmiger Beschreibungen von Gewalt. Nichtsdestotrotz kann ich mir vorstellen, dass Leute, die sowieso jede Fantasy verschlingen, mit diesem Buch ihren Spaß haben könnten. Und für all diejenigen hoffe ich, dass de Jager das Potenzial, das diese Geschichte durchaus hat, in der Fortsetzung nicht verschenkt.

Veröffentlicht am 19.02.2018

Die erstaunliche Familie Telemachus - gleichzeitig normal und erstaunlich abgedreht

Die erstaunliche Familie Telemachus
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Dieses Buch ist so eine große, bunte Überraschungstüte, dass es mir etwas schwer fällt, die richtigen Worte dafür zu finden. Die Familie Telemachus, deren Mitglieder übersinnliche Fähigkeiten besitzen, ...

Dieses Buch ist so eine große, bunte Überraschungstüte, dass es mir etwas schwer fällt, die richtigen Worte dafür zu finden. Die Familie Telemachus, deren Mitglieder übersinnliche Fähigkeiten besitzen, war eins berühmt - bis sie bei einer Show als Bande von Betrügern entlarvt wurde. Einige Jahre später - der Traum von Ruhm und Erfolg im Showgeschäft ist jetzt längst ausgeträumt - leben die Kinder der ehemals erstaunlichen Familie Telemachus ihr eigenes Leben. Die Vergangenheit hat jedoch bei allen von ihnen deutliche Spuren hinterlassen.

In diesem Roman, der sowohl Krimi als auch Familiendrama, Komödie und Coming-of-Age Story ist, tauchen die LeserInnen in das Leben jedes Familienmitglieds ein. Es geht um den Familienpatriarch Teddy, seine Söhne Frankie und Buddy, und seine Tochter, die alleinerziehende Irene sowie ihren Sohn Matty - alle mit ihren exzentrischen Persönlichkeiten, ihren Fehlern, aber auch ihren sympathischen Seiten (wobei die einen davon mehr, die anderen weniger besitzen). Normalerweise bin ich kein Fan von zu vielen Perspektiven, die dann womöglich noch in verschiedenen Zeitebenen umherspringen. Doch Daryl Gregory ist hier etwas gelungen, von dem ich nicht dachte, dass es so elegant und mitreißend möglich gewesen wäre. Und schließlich schafft er es sogar, dass all die verschiedenen Puzzleteile, die nach und nach ins Spiel gebracht wurden, ein großes Bild ergeben.

Die erstaunliche Familie Telemachus ist ein ungewöhnliches Buch, das sich nirgends so recht einordnen lässt. Es ist nostalgisch, es ist lustig, es ist spannend (es gibt deutlich mehr Action und Drama als man annimmt), es ist traurig, es ist berührend. Die Geschichte beleuchtet, wie wichtig die Familie ist, und auch Ehrlichkeit gegenüber denen, die man liebt. Sie zeigt, wie Gaben manchmal mehr Fluch als Segen sein können und beschreibt das Leben einer ungewöhnlichen Familie, das zugleich normal und erstaunlich abgedreht ist.

Am Anfang braucht die Geschichte ein wenig Zeit, um in die Gänge zu kommen. Man lernt nach und nach die einzelnen Figuren in ihrer jeweiligen Erzählperspektive kennen. Mir fiel es jedoch nicht schwer, trotzdem weiterzulesen. Schwer fiel es mir eher, das Buch ab einem bestimmten Zeitpunkt überhaupt noch aus der Hand zu legen. Ich mochte die Figuren, die jede auf ihre Art und Weise liebenswert und interessant waren. Sie alle waren meiner Meinung nach rund und authentisch geschrieben. Alles in allem handelt es sich hier um ein lustiges und fantasievolles Buch, das sich selbst zum Glück nicht ganz so ernst nimmt. Eine (meistens) leichte und lustige Unterhaltung, die wohl eher nicht viel zum Nachdenken anregt, sondern einfach mit seiner Wundertüte an Ideen und den ungewöhnlichen Figuren Spaß macht.

Veröffentlicht am 15.02.2018

Ein einnehmender und vielschichtiger Roman über Abhängigkeit, Schuld und Selbst

Heiße Milch
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Sofia Papastergiadis ist 25 Jahre alt und hat fast ihr ganzes Leben damit verbracht, ihre alleinerziehende Mutter Rose zu umsorgen. Während sie zu einer Expertin und einer medizinischen „Detektivin wider ...

Sofia Papastergiadis ist 25 Jahre alt und hat fast ihr ganzes Leben damit verbracht, ihre alleinerziehende Mutter Rose zu umsorgen. Während sie zu einer Expertin und einer medizinischen „Detektivin wider Willen“ geworden ist, was die rätselhaften Symptome ihrer Mutter angeht, die dazu führen, dass sie die meiste Zeit nicht in der Lage ist, ihre Beine und Füße zu bewegen oder zu spüren, hat Sofia ihr eigenes Leben zurückgestellt und sogar ihre Dissertation abgebrochen. Als sie von einem Arzt in Spanien hört, der mit seinen unkonventionellen Methoden ihre letzte Hoffnung auf Besserung wird, reist sie zusammen mit ihrer Mutter nach Almería. Dort lernt sie nicht nur den dubiosen Dr. Gómez, sondern auch die schöne Berlinerin Ingrid und den Strandwächter Juan kennen, von denen jeder einen Teil auf seine Art und Weise dazu beiträgt, dass Sofia anfängt, über sich selbst und ihr Leben zu reflektieren, und sich als von ihrer Mutter unabhängige Person zu betrachten.

So wie ich „Heiße Milch“ an einem Tag verschlungen habe, so schwer finde ich es, im Nachhinein darüber zu sprechen oder eine Meinung zu formulieren, die der Geschichte und all den Themen und Motiven, die Deborah Levy hier unterbringen will, gerecht wird. Der Roman entfaltet eine ungeheure Sogwirkung, lässt man sich erst einmal auf die Geschichte, die hauptsächlich in der Hafenstadt Almería im Süden Spaniens spielt, ein. Doch ganz wie Sofia sich nicht von den Quallenwarnungen vom Schwimmen im Meer abhalten lässt und immer wieder schmerzende Medusenbisse davon trägt, so fühlt man sich als LeserIn. Man schwimmt in der symbolträchtigen und gelegentlich schwarzhumorigen Sprache voller Metaphern (die allerdings mal mehr, mal weniger schön sind), und immer fühlen sich Szenen an wie Nesseln, deren Gift sich langsam verteilt und die vielschichtiger sind als auf den ersten Blick erfassbar.

So zieht sich beispielsweise der Mythos um die Medusa durch die gesamte Geschichte und greift dabei in die verschiedenen Dimensionen der Erzählung ein, sei es die verkorkste Mutter-Tochter-Beziehung, Sofias Emanzipation oder die Entdeckung ihrer Sexualität. Auch Sprache und ihre Bedeutung, Schuld, Angst und der menschliche Körper spielen eine große Rolle in diesem Buch, das sich um die mysteriösen Symptome von Sofias Mutter dreht, die zusammen mit der konstanten, undankbaren Demütigung und Herabsetzung durch Rose zu Sofias Entfremdung von sich selbst und der Welt, ihren Schuldgefühlen, ihrer Perspektivlosigkeit und ihrem Wunsch nach einem größeren Leben führen.

„Heiße Milch“ ist ein Roman, dessen vielschichtige, (alb)traum-artige Erzählung mich zwar komplett eingenommen hat, manchmal aber nicht richtig zum Punkt zu kommen und die einzelnen Fäden richtig zusammenzuführen schien. Insgesamt gefiel mir Levys oft lyrische und schöne Sprache, mit der sie viel in wenigen Worten sagt. Aber genau so wie die Figuren, die manchmal so schräg überzeichnet und symbolisch aufgeladen waren, dass sie den Punkt erreichten, an dem ich mich von ihnen wieder entfremdet fühlte, so eigenartig waren manche Metaphern, die z.B. einen Körper als ’so lang und hart wie eine Autobahn‘ beschrieben. Nichtsdestotrotz hat dieses Buch einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, nicht zuletzt durch die bizarre Atmosphäre und die Geschichte, die sich entlang so vieler Motive bewegt und dabei bis zum Schluss überrascht.

Veröffentlicht am 10.02.2018

Trotz Makel bezaubernd magisch

In Kalabrien
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Claudio Bianchi lebt seit vielen Jahren allein auf einem Hügel in den Bergen Süditaliens, in Kalabrien. Er teilt sein Leben lediglich mit seinen vielen Tieren, seinen Kühen, Katzen und Ziegen, auf die ...

Claudio Bianchi lebt seit vielen Jahren allein auf einem Hügel in den Bergen Süditaliens, in Kalabrien. Er teilt sein Leben lediglich mit seinen vielen Tieren, seinen Kühen, Katzen und Ziegen, auf die Gesellschaft des gelegentlich vorbeischauenden Postbotens oder anderen Nachbarn, die sich anschicken, ihn zu besuchen, scheint er getrost verzichten zu können - ebenso auf das moderne Leben, dem er sich durch seine Zurückgezogenheit verweigert. Er hat sich der Landwirtschaft und der Dichtkunst verschrieben und erwartet nicht, dass sich in seinem Leben noch viel verändert. Doch dann taucht ein Einhorn auf seinem Land auf. Mit seinem plötzlichen Erscheinen verändert er Bianchis Leben auf ungeahnte Weise, und er muss weite Wege gehen, um diese mystische und wunderschöne Gestalt zu beschützen.

Ich hätte "In Kalabrien“ sehr gern mehr gemocht, als ich es letztendlich tat. Die Geschichte hatte eine sehr schöne, ruhige und magische Atmosphäre, und konnte mich durch Beagles wunderschöne Art zu schreiben und vor allem zu beschreiben, wirklich begeistern. So habe ich das Buch sogar in einem Rutsch durchgelesen. Ich bin kein großer Fan von Einhörnern (auch wenn ich natürlich Beagles „Das letzte Einhorn“ schon kannte und mochte), aber dennoch fand ich die Geschichte um das Einhorn, das Claudio Bianchi liebevoll La Signora nennt, und Bianchi selbst, seine Fürsorge für das magische Geschöpf und die Art und Weise, wie so eine Erscheinung das Leben des Mannes, der so zurückgezogen lebt und versteift auf das ist, was er kennt, sehr einnehmend. Auch das Setting gefiel mir wirklich sehr, in den Bergen Süditaliens, in Kalabrien, am großen Zeh des italienischen Stiefels. Einsam, zurückgezogen, ländlich.

Sobald sich aber herausstellte, dass sich eine Romanze zwischen Claudio Bianchi (eigentlich Ende 40, aber oft wie Ende 60 wirkend) und der ein paar Jahrzehnte jüngeren Schwester des Postboten, Giovanna, entwickeln würde, wurde mir etwas schwer ums Herz und ich fing an, mich mit dieser forcierten und falsch anfühlenden "romantischen Entwicklung" unwohl zu fühlen. Leider hat das meinen persönlichen Lesegenuss doch beeinträchtigt, auch wenn dieser Aspekt der Geschichte eher selten im Vordergrund stand. Als etwas störend empfand ich jedoch auch die häufig in Dialoge eingeworfenen italienischen Wörter und Phrasen. Auch wenn ich die meisten davon auch ohne Nachschlagen verstehen konnte, so trugen sie für mich auch nicht zur Authentizität bei, sondern wirkten ebenfalls eher erzwungen oder etwas fehl am Platz. Schließlich sprechen die Figuren zu jeder Zeit Italienisch, nicht immer nur bruchstückhaft. Und auch das Ende konnte mich leider nicht wirklich überzeugen, war sogar für mich etwas verwirrend und hatte nicht mehr so viel von dem Charme des stillen, magischen Realismus, den die Geschichte zuvor sorgsam entwickelt hatte.

Insgesamt mochte ich „In Kalabrien“, auf wenigen Seiten schaffte es Beagle, viel Inhalt in eine schöne, lyrische Sprache zu packen und eine moderne Geschichte mit Einhörnern zu schreiben. Leider waren mir dafür jedoch die Figuren zu wenig entwickelt und nicht vielschichtig genug, als dass mich ihre persönliche Geschichte wirklich interessierte und bewegte. Hinzu kamen die befremdliche Mai-Dezember-Romanze und ein etwas zu actiongeladenes Ende für die zuvor so stille Erzählung. Kleine Makel, durch welche die eine ansonsten sehr schöne und empfehlenswerte Erzählung leider etwas an Magie verliert.