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Veröffentlicht am 25.06.2024

Prima Facie

Prima facie
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»𝘋𝘪𝘦 𝘙𝘦𝘤𝘩𝘵𝘴𝘱𝘳𝘦𝘤𝘩𝘶𝘯𝘨 𝘨𝘦𝘩𝘵 𝘪𝘯 𝘚𝘦𝘹𝘶𝘢𝘭𝘴𝘵𝘳𝘢𝘧𝘷𝘦𝘳𝘧𝘢𝘩𝘳𝘦𝘯 𝘷𝘰𝘯 𝘷𝘰̈𝘭𝘭𝘪𝘨 𝘧𝘢𝘭𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘝𝘰𝘳𝘢𝘶𝘴𝘴𝘦𝘵𝘻𝘶𝘯𝘨𝘦𝘯 𝘢𝘶𝘴. 𝘋𝘪𝘦 𝘌𝘳𝘧𝘢𝘩𝘳𝘶𝘯𝘨 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘳 𝘍𝘳𝘢𝘶 𝘮𝘪𝘵 𝘴𝘦𝘹𝘶𝘢𝘭𝘪𝘴𝘪𝘦𝘳𝘵𝘦𝘳 𝘎𝘦𝘸𝘢𝘭𝘵 𝘧𝘶̈𝘨𝘵 𝘴𝘪𝘤𝘩 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘪𝘯 𝘥𝘢𝘴 𝘮𝘢̈𝘯𝘯𝘭𝘪𝘤𝘩 𝘥𝘰𝘮𝘪𝘯𝘪𝘦𝘳𝘵𝘦 𝘚𝘺𝘴𝘵𝘦𝘮 𝘷𝘰𝘯 𝘞𝘢𝘩𝘳𝘩𝘦𝘪𝘵. ...

»𝘋𝘪𝘦 𝘙𝘦𝘤𝘩𝘵𝘴𝘱𝘳𝘦𝘤𝘩𝘶𝘯𝘨 𝘨𝘦𝘩𝘵 𝘪𝘯 𝘚𝘦𝘹𝘶𝘢𝘭𝘴𝘵𝘳𝘢𝘧𝘷𝘦𝘳𝘧𝘢𝘩𝘳𝘦𝘯 𝘷𝘰𝘯 𝘷𝘰̈𝘭𝘭𝘪𝘨 𝘧𝘢𝘭𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘝𝘰𝘳𝘢𝘶𝘴𝘴𝘦𝘵𝘻𝘶𝘯𝘨𝘦𝘯 𝘢𝘶𝘴. 𝘋𝘪𝘦 𝘌𝘳𝘧𝘢𝘩𝘳𝘶𝘯𝘨 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘳 𝘍𝘳𝘢𝘶 𝘮𝘪𝘵 𝘴𝘦𝘹𝘶𝘢𝘭𝘪𝘴𝘪𝘦𝘳𝘵𝘦𝘳 𝘎𝘦𝘸𝘢𝘭𝘵 𝘧𝘶̈𝘨𝘵 𝘴𝘪𝘤𝘩 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘪𝘯 𝘥𝘢𝘴 𝘮𝘢̈𝘯𝘯𝘭𝘪𝘤𝘩 𝘥𝘰𝘮𝘪𝘯𝘪𝘦𝘳𝘵𝘦 𝘚𝘺𝘴𝘵𝘦𝘮 𝘷𝘰𝘯 𝘞𝘢𝘩𝘳𝘩𝘦𝘪𝘵. 𝘚𝘪𝘦 𝘬𝘢𝘯𝘯 𝘥𝘪𝘦𝘴𝘦𝘳 𝘋𝘦𝘧𝘪𝘯𝘪𝘵𝘪𝘰𝘯 𝘷𝘰𝘯 𝘞𝘢𝘩𝘳𝘩𝘦𝘪𝘵 𝘯𝘪𝘦𝘮𝘢𝘭𝘴 𝘨𝘦𝘯𝘶̈𝘨𝘦𝘯, 𝘶𝘯𝘥 𝘥𝘦𝘴𝘩𝘢𝘭𝘣 𝘬𝘢𝘯𝘯 𝘦𝘴 𝘢𝘶𝘤𝘩 𝘬𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘎𝘦𝘳𝘦𝘤𝘩𝘵𝘪𝘨𝘬𝘦𝘪𝘵 𝘨𝘦𝘣𝘦𝘯.« (𝘚.339)

Tessa ist eine erfolgreiche Strafverteidigerin. Sie hat ihr Jurastudium als Jahrgangsbeste abgeschlossen, führt das Leben, was sie sich immer erträumt hat, nur wenige wissen, dass der Weg dorthin hart und steinig war. Vor dem Gesetz sind für sie alle gleich. Es ist ihr egal, ob eine Mandantin schuldig ist… es zählt nur die juristische Wahrheit, also das was zweifelsfrei bewiesen werden kann.
Vor Gericht verhandelt sie recht häufig Sexualdelikte, hat bisher jeden Mandanten frei bekommen. Mit den Zeuginnen geht sie behutsam um, findet aber jeden noch so kleinen Widerspruch in deren Aussgen, die sie letztendlich gegen sie verwendet. Wirklich hinterfragen tut sie dies nicht, es ist nicht ihr Job ein Urteil zu sprechen.
Alles ändert sich schlagartig, als sie selbst Opfer eines sexuellem Übergriffes wird.

»𝘐𝘤𝘩 𝘸𝘦𝘪ß 𝘫𝘦𝘵𝘻𝘵, 𝘸𝘦𝘯𝘯 𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘍𝘳𝘢𝘶 ›𝘕𝘦𝘪𝘯‹ 𝘴𝘢𝘨𝘵, 𝘸𝘦𝘯𝘯 𝘪𝘩𝘳𝘦 𝘏𝘢𝘯𝘥𝘭𝘶𝘯𝘨𝘦𝘯 ›𝘕𝘦𝘪𝘯‹ 𝘴𝘢𝘨𝘦𝘯, 𝘥𝘢𝘯𝘯 𝘪𝘴𝘵 𝘥𝘢𝘳𝘢𝘯 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵𝘴 𝘴𝘶𝘣𝘵𝘪𝘭 𝘰𝘥𝘦𝘳 𝘮𝘪𝘴𝘴𝘷𝘦𝘳𝘴𝘵𝘢̈𝘯𝘥𝘭𝘪𝘤𝘩. 𝘜𝘯𝘥 𝘥𝘰𝘤𝘩 𝘩𝘢̈𝘵𝘵𝘦 𝘢𝘶𝘤𝘩 𝘪𝘤𝘩, 𝘦𝘩𝘦 𝘮𝘪𝘳 𝘥𝘢𝘴 𝘱𝘢𝘴𝘴𝘪𝘦𝘳𝘵 𝘪𝘴𝘵, 𝘮𝘪𝘤𝘩 𝘷𝘰𝘳 𝘎𝘦𝘳𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘩𝘪𝘯𝘨𝘦𝘴𝘵𝘦𝘭𝘭𝘵 𝘶𝘯𝘥 𝘢𝘳𝘨𝘶𝘮𝘦𝘯𝘵𝘪𝘦𝘳𝘵, 𝘴𝘪𝘦 𝘩𝘢𝘣𝘦 𝘴𝘪𝘤𝘩 ›𝘨𝘦𝘪𝘳𝘳𝘵‹.« (𝘚.337)

Tessa muss fortan nicht nur mit den Folgen der Vergewaltigung leben („𝘐𝘳𝘨𝘦𝘯𝘥𝘸𝘰 𝘪𝘯 𝘮𝘦𝘪𝘯𝘦𝘮 𝘒𝘰̈𝘳𝘱𝘦𝘳 𝘴𝘪𝘵𝘻𝘵 𝘦𝘪𝘯 𝘦𝘬𝘦𝘭𝘩𝘢𝘧𝘵𝘦𝘳 𝘚𝘦𝘭𝘣𝘴𝘵𝘩𝘢𝘴𝘴. 𝘎𝘦𝘯𝘢𝘶 𝘷𝘦𝘳𝘰𝘳𝘵𝘦𝘯 𝘬𝘢𝘯𝘯 𝘪𝘤𝘩 𝘪𝘩𝘯 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵, 𝘢𝘣𝘦𝘳 𝘪𝘤𝘩 𝘴𝘱𝘶̈𝘳𝘦 𝘪𝘩𝘯.“ 𝘚.287), sondern sieht sich auch einem Rechtssystem gegenüber, das wenig bis gar nichts von Opferschutz hält. Ihr wird klar, warum so wenig Frauen überhaupt eine Sexualstraftat zur Anzeige bringen und warum noch weniger Täter verurteilt werden.
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Was für ein Buch!!!
Das erste Drittel plätschert so ein bisschen vor sich hin und konnte mich trotz des mitreißenden Schreibstils nicht so richtig erreichen… Ich fand es zwar ziemlich interessant, wie Tessa sich so vor Gericht behauptet und auch ihr Weg dahin war spannend, aber so richtig gepackt hat es mich nicht.
Doch mit dem Wendepunkt in der Erzählung, hat sich auch bei mir etwas verändert. Das Gelesene hat mich völlig vereinnahmt, hat mich betroffen gemacht und wütend… einfach so unendlich wütend… Wütend auf den Täter, der für so viele stellvertretend auftritt, wütend darauf, das er sich keiner Schuld bewusst ist, ganz im Gegenteil anscheinend denkt, dass ihm das zusteht und Tessa mit ihrer Anzeige sein(!) Leben zerstören will, wütend auch auf die Rechtsprechung, die Frauen dazu zwingt den kompletten Übergiff ins kleinste vor vielen fremden Menschen zu schildern und damit das Trauma erneut zu erleben und die am Ende nur nach Unstimmigkeiten in genau dieser Aussage sucht. Man könnte es durchaus als eine umfassende Wut auf das ganze patriarchale System sehen, in dem letztendlich nicht nur Männer eine Rolle spielen.

[2] Auch Frauen, hier durch die Jury, oder auch Kolleginen, vertreten, spielen dieses Spiel mit, fügen sich in das System, schenken Opfern keinen Glauben, aus Angst sich mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen:

„𝘋𝘦𝘯𝘯 𝘸𝘢𝘴 𝘥𝘢𝘯𝘯? 𝘞𝘪𝘳 𝘸𝘢𝘳𝘦𝘯 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘵𝘢𝘱𝘧𝘦𝘳 𝘨𝘦𝘯𝘶𝘨, 𝘦𝘴 𝘢𝘯𝘻𝘶𝘱𝘳𝘢𝘯𝘨𝘦𝘳𝘯. 𝘞𝘪𝘳 𝘥𝘢𝘤𝘩𝘵𝘦𝘯, 𝘸𝘪𝘳 𝘸𝘢̈𝘳𝘦𝘯 𝘴𝘦𝘭𝘣𝘴𝘵 𝘥𝘢𝘳𝘢𝘯 𝘴𝘤𝘩𝘶𝘭𝘥! 𝘞𝘪𝘳 𝘩𝘢𝘣𝘦𝘯 𝘶𝘯𝘴 𝘧𝘶̈𝘳 𝘥𝘢𝘴, 𝘸𝘢𝘴 𝘱𝘢𝘴𝘴𝘪𝘦𝘳𝘵 𝘪𝘴𝘵, 𝘨𝘦𝘴𝘤𝘩𝘢̈𝘮𝘵, 𝘬𝘰̈𝘯𝘯𝘦𝘯 𝘦𝘴 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘦𝘳𝘵𝘳𝘢𝘨𝘦𝘯, 𝘢𝘭𝘴 𝘖𝘱𝘧𝘦𝘳 𝘥𝘢𝘻𝘶𝘴𝘵𝘦𝘩𝘦𝘯. 𝘝𝘪𝘦𝘭𝘭𝘦𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘪𝘴𝘵 𝘦𝘴 𝘥𝘢𝘯𝘯, 𝘸𝘦𝘯𝘯 𝘮𝘢𝘯 𝘥𝘢 𝘷𝘰𝘳𝘯𝘦 𝘴𝘪𝘵𝘻𝘵, 𝘭𝘦𝘪𝘤𝘩𝘵𝘦𝘳, 𝘻𝘶 𝘴𝘢𝘨𝘦𝘯: »𝘋𝘢𝘴 𝘪𝘴𝘵 𝘥𝘰𝘤𝘩 𝘬𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘝𝘦𝘳𝘨𝘦𝘸𝘢𝘭𝘵𝘪𝘨𝘶𝘯𝘨« – 𝘥𝘦𝘯𝘯 𝘸𝘦𝘯𝘯 𝘥𝘰𝘤𝘩, 𝘸𝘦𝘯𝘯 𝘥𝘪𝘦 𝘍𝘳𝘢𝘶 𝘥𝘪𝘦 𝘞𝘢𝘩𝘳𝘩𝘦𝘪𝘵 𝘴𝘢𝘨𝘵, 𝘮𝘶̈𝘴𝘴𝘵𝘦𝘯 𝘸𝘪𝘳 𝘶𝘯𝘴𝘦𝘳𝘦 𝘦𝘪𝘨𝘦𝘯𝘦𝘯 𝘝𝘦𝘳𝘨𝘢𝘯𝘨𝘦𝘯𝘩𝘦𝘪𝘵𝘦𝘯 𝘩𝘪𝘯𝘵𝘦𝘳𝘧𝘳𝘢𝘨𝘦𝘯, 𝘷𝘪𝘦𝘭𝘭𝘦𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘢𝘶𝘤𝘩 𝘥𝘢𝘴 𝘝𝘦𝘳𝘩𝘢𝘭𝘵𝘦𝘯 𝘶𝘯𝘴𝘦𝘳𝘦𝘳 𝘚𝘰̈𝘩𝘯𝘦, 𝘶𝘯𝘴𝘦𝘳𝘦𝘳 𝘔𝘢̈𝘯𝘯𝘦𝘳 𝘶𝘯𝘥 𝘉𝘳𝘶̈𝘥𝘦𝘳.“ (𝘚.235)

Es geht um Klasse, Herkunft, Selbstbestimmung.
Es geht darum, dass nur eine Frau selbst zu entscheiden hat, was mit ihrem Körper passiert und was nicht, und darum endlich den Mund aufzumachen um etwas zu verändern.

„𝘋𝘰𝘤𝘩 𝘯𝘢𝘤𝘩 782 𝘛𝘢𝘨𝘦𝘯, 𝘯𝘢𝘤𝘩𝘥𝘦𝘮 𝘪𝘤𝘩 𝘢𝘭𝘭𝘦𝘴 𝘳𝘪𝘤𝘩𝘵𝘪𝘨 𝘨𝘦𝘮𝘢𝘤𝘩𝘵 𝘩𝘢𝘣𝘦, 𝘯𝘢𝘤𝘩𝘥𝘦𝘮 𝘪𝘤𝘩 𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘝𝘰𝘳𝘻𝘦𝘪𝘨𝘦𝘻𝘦𝘶𝘨𝘪𝘯 𝘸𝘢𝘳, 𝘥𝘪𝘦 𝘞𝘢𝘩𝘳𝘩𝘦𝘪𝘵 𝘨𝘦𝘴𝘢𝘨𝘵 𝘩𝘢𝘣𝘦 – 𝘴𝘱𝘶̈𝘳𝘦 𝘪𝘤𝘩 𝘦𝘵𝘸𝘢𝘴. 𝘐𝘤𝘩 𝘴𝘱𝘶̈𝘳𝘦, 𝘸𝘪𝘦 𝘴𝘪𝘤𝘩 𝘪𝘯 𝘮𝘦𝘪𝘯𝘦𝘮 𝘒𝘰𝘱𝘧 𝘢𝘭𝘭𝘦𝘴 𝘧𝘶̈𝘨𝘵. 𝘐𝘤𝘩 𝘩𝘢𝘣𝘦 𝘮𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘚𝘵𝘪𝘮𝘮𝘦 𝘨𝘦𝘧𝘶𝘯𝘥𝘦𝘯.“ (𝘚.334)

Suzie Miller trifft den Nagel auf den Kopf, prangert das Patriarchat an, fordert uns alle auf uns selbst zu hinterfragen.
Das ist beängstigend und schmerzhaft, aber ein wichtiger Schritt damit Frauen endlich zugehört wird, damit sich etwas verändert…
Es ist an der Zeit laut zu werden, denn:
„𝙅𝙚𝙙𝙚 𝘿𝙧𝙞𝙩𝙩𝙚 – 𝙙𝙖𝙨 𝙨𝙞𝙣𝙙 𝙚𝙞𝙣𝙚 𝙜𝙖𝙣𝙯𝙚 𝙈𝙚𝙣𝙜𝙚 𝙁𝙧𝙖𝙪𝙚𝙣, 𝙙𝙞𝙚 𝙚𝙩𝙬𝙖𝙨 𝙯𝙪 𝙨𝙖𝙜𝙚𝙣 𝙝𝙖𝙗𝙚𝙣.
𝙕𝙪 𝙫𝙞𝙚𝙡𝙚, 𝙪𝙢 𝙨𝙞𝙚 𝙯𝙪 𝙞𝙜𝙣𝙤𝙧𝙞𝙚𝙧𝙚𝙣.“ (𝙎.346)

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Als abschließendes Fazit bleibt mir nicht mehr viel zu sagen: Es war ein Highlight!!! Es war ein Buch, das mich auf eine emotionale Achterbahnfahrt geschickt hat, dass mich gezwungen hat weiterzulesen, obwohl ich hätte schlafen müssen, das mich gefordert und an meine Grenzen gebracht hat. Ein Buch das einfach so unglaublich wichtig ist.
Und es ist ein Buch, dass ich unbedingt noch als Printausgabe haben will, einfach weil ich es im Regal haben möchte…
Ich denke es ist überflüssig zu sagen, dass es ist eine wahnsinnig große Empfehlung ist… ich tu es trotzdem: Lest es unbedingt.

Veröffentlicht am 25.06.2024

Manchmal ist es eine Nacht ohne Morgen

Nacht ohne Morgen
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„𝘌𝘳 𝘸𝘪𝘳𝘥 𝘯𝘪𝘦𝘮𝘢𝘭𝘴 𝘰̈𝘧𝘧𝘦𝘯𝘵𝘭𝘪𝘤𝘩 𝘦𝘳 𝘴𝘦𝘭𝘣𝘴𝘵 𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘬𝘰̈𝘯𝘯𝘦𝘯. 𝘌𝘪𝘯 𝘈𝘭𝘣𝘵𝘳𝘢𝘶𝘮. 𝘚𝘦𝘪𝘵 𝘚𝘢𝘪𝘯𝘵-𝘓𝘰𝘶𝘪𝘴 𝘪𝘴𝘵 𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘦𝘯𝘥𝘭𝘰𝘴𝘦 𝘕𝘢𝘤𝘩𝘵 𝘶̈𝘣𝘦𝘳 𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘓𝘦𝘣𝘦𝘯 𝘩𝘦𝘳𝘦𝘪𝘯𝘨𝘦𝘣𝘳𝘰𝘤𝘩𝘦𝘯.
𝘌𝘪𝘯𝘦 𝘕𝘢𝘤𝘩𝘵 𝘰𝘩𝘯𝘦 𝘔𝘰𝘳𝘨𝘦𝘯.“ (𝘚.242)

Catherine erhält mitten in ...

„𝘌𝘳 𝘸𝘪𝘳𝘥 𝘯𝘪𝘦𝘮𝘢𝘭𝘴 𝘰̈𝘧𝘧𝘦𝘯𝘵𝘭𝘪𝘤𝘩 𝘦𝘳 𝘴𝘦𝘭𝘣𝘴𝘵 𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘬𝘰̈𝘯𝘯𝘦𝘯. 𝘌𝘪𝘯 𝘈𝘭𝘣𝘵𝘳𝘢𝘶𝘮. 𝘚𝘦𝘪𝘵 𝘚𝘢𝘪𝘯𝘵-𝘓𝘰𝘶𝘪𝘴 𝘪𝘴𝘵 𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘦𝘯𝘥𝘭𝘰𝘴𝘦 𝘕𝘢𝘤𝘩𝘵 𝘶̈𝘣𝘦𝘳 𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘓𝘦𝘣𝘦𝘯 𝘩𝘦𝘳𝘦𝘪𝘯𝘨𝘦𝘣𝘳𝘰𝘤𝘩𝘦𝘯.
𝘌𝘪𝘯𝘦 𝘕𝘢𝘤𝘩𝘵 𝘰𝘩𝘯𝘦 𝘔𝘰𝘳𝘨𝘦𝘯.“ (𝘚.242)

Catherine erhält mitten in der Nacht einen Anruf von einem Fremden. Marc stellt sich als Freund ihres Sohnes Alexis vor und teilt ihr mit, dass dieser einen Autounfall hatte und im Koma liegt. Er hat bereits Ticket nach New York gebucht und bietet Cathrine an, sie abzuholen.
Auf der mehrstündigen Reise von Frankreich in die USA lernen sich Marc und Cathrine ein wenig besser kennen und Cathrine muss schmerzlich einsehen, dass sie ihren Sohn nicht so gut kennt, wie sie bisher angenommen hat.
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D‘Halluin steigt direkt mit Spannung in die Geschichte ein. Gleich in der ersten Szene wird Alexis angefahren und es wird klar, dass dies kein Unfall war. Eine Erkenntnis, die ich als Lesende zu der Zeit den Protagonisten voraus habe und die mir von Anfang an einen anderen Blick auf die Geschehnisse ermöglicht.
Im Verlauf des Romans entspannt sich ein schönes Gesamtbild. Wir werfen einen Blick in Alexis und Marcs Vergangenheit, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Alexis ist wohlbehütet aufgewachsen, wird im Alter von 12 Jahren von einem Lehrer sexuell missbraucht und von diesem Ereignis bis heute verfolgt und in seinem Handeln beeinflusst. Der Missbrauch ist auch ein Grund, warum er seinen Eltern bis heute nichts davon erzählt hat, dass er homosexuell ist.
Marc dagegen ist sehr offen damit umgegangen, wurde aber von seinem Vater rausgeschmissen, als dieser es erfahren hat und dieser Riss konnte bis zum Tod des Vaters nicht gekittet werden. Lange Zeit versucht er sich über seine Arbeit zu profilieren, schufftet an der Grenze zum Zusammenbruch.
Innerhalb der Beziehung kommt es immer wieder zu Problemen, die den Ursprung in Vergangenem suchen.
Auch in Cathrines Vergangenheit wird ab und an gesprungen. Sie fragt sich, wem sie trauen kann und inwieweit sie Schuld daran trägt, dass Alexis ihr und der restlichen Familie seine Beziehung bzw. überhaupt die Tatsache, dass er auf Männer steht, verschwiegen hat.
D‘Halluin versteht es eine Geschichte zu erzählen, die einmal mehr klar macht, welch große Bedeutung die Vergangenheit für das Leben in der Gegenwart hat. Wie Ereignisse uns jahrelang beeinflussen können, unser Denken und Handeln bestimmen und sich letztendlich auch auf unsere Umgebung auswirken. Dies alles verflechtet er wunderbar mit einer spannenden Story auf der Suche nach dem Unfallverursacher, sowie einem ansprechendem Schreibstil.
Erwähnenswert finde ich im Übrigen auch die Haptik des Buches.
Von mir eine große Empfehlung für dieses gelungene Debüt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.06.2024

Ein etwas anderer Blick auf die Menschheit

Ganz wie ein Mensch
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„𝘐𝘤𝘩 𝘷𝘦𝘳𝘴𝘶𝘤𝘩𝘦 𝘥𝘪𝘦 𝘔𝘦𝘯𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘻𝘶 𝘷𝘦𝘳𝘴𝘵𝘦𝘩𝘦𝘯 𝘢𝘣𝘦𝘳 𝘴𝘪𝘦 𝘮𝘢𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘦𝘴 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘮 𝘴𝘤𝘩𝘸𝘦𝘳“ (𝘚.8)

In „Ganz wie ein Mensch“ wirft Henry Hoke durch die Augen eines Berglöwen einen Blick auf unsere Welt und die Menschen.
Der ...

„𝘐𝘤𝘩 𝘷𝘦𝘳𝘴𝘶𝘤𝘩𝘦 𝘥𝘪𝘦 𝘔𝘦𝘯𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘻𝘶 𝘷𝘦𝘳𝘴𝘵𝘦𝘩𝘦𝘯 𝘢𝘣𝘦𝘳 𝘴𝘪𝘦 𝘮𝘢𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘦𝘴 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘮 𝘴𝘤𝘩𝘸𝘦𝘳“ (𝘚.8)

In „Ganz wie ein Mensch“ wirft Henry Hoke durch die Augen eines Berglöwen einen Blick auf unsere Welt und die Menschen.
Der Puma wurde aus seinem Gebiet vertrieben und lebt nun einsam in den Hollywood Hills. Er beobachtet und belauscht vorüberziehende Menschen, sieht ein Obdachlosencamp als sein Rudel an, leidet an Nahrungsknappheit, Hitze und fehlendem Wasser. Als ein Feuer ausbricht, ist er genötigt in die Stadt umzusiedeln. Ein vorerst gefährlicher Plan, der sich aber schnell dreht, als er Zuflucht bei einem Teenager findet und vorübergehend zu einem zahmen „Haustier“ wird.

Henry Hokes Betrachtung fesselt… Ich hab das Bich an einem Abend durchgelesen, konnte es einfach nicht weglegen.
Die Sicht des Puma auf den Menschen ist schonungslos. Auf der einen Seite werden immer wieder Gesprächsfetzen, die er aufnimmt, und die von den Problemen der Menschen erzählen, eingebaut. Probleme, die in Anbetracht dessen, dass er selbst täglich um sein Überleben kämpft, absolut nichtig werden. Andererseits erfasst er grundlegende Problematiken, sei es Ressourcenverschwendung, die Leugnung der Klimakrise oder Kämpfe untereinander und kann kein Verständnis dafür aufbringen.
Am Beispiel der „kleinen Slaugther“, die ihn aufnimmt, als er in die Stadt flüchten muss, wird zwar klar, dass nicht alle Menschen „böse“ sind, doch auch hier zeigt sich ein Phänomen, dass den Menschen eigen ist: die Tatsache, dass sie versuchen wilde Tiere zu domestizieren. Der Ausgang ist daher nicht weiter überraschend.

„𝘌𝘴 𝘨𝘦𝘩𝘵 𝘩𝘪𝘦𝘳 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘶𝘮 𝘔𝘶̈𝘴𝘴𝘦𝘯
𝘕𝘦𝘪𝘯 𝘦𝘴 𝘨𝘦𝘩𝘵 𝘶𝘮 𝘞𝘰𝘭𝘭𝘦𝘯
𝘌𝘴 𝘪𝘴𝘵 𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘧𝘶̈𝘳𝘤𝘩𝘵𝘦𝘳𝘭𝘪𝘤𝘩𝘦 𝘌𝘯𝘵𝘴𝘤𝘩𝘦𝘪𝘥𝘶𝘯𝘨 𝘢𝘣𝘦𝘳 𝘪𝘤𝘩 𝘵𝘳𝘦𝘧𝘧𝘦 𝘴𝘪𝘦
𝘎𝘢𝘯𝘻 𝘸𝘪𝘦 𝘦𝘪𝘯 𝘔𝘦𝘯𝘴𝘤𝘩“ (𝘚.180)

„Ganz wie ein Mensch“ ist ein witziges Buch, auch wenn es sich offensichtlich größtenteils um Galgenhumor handelt. Henry Hoke klagt die Menschheit an, stößt den Finger in die offene Wunde und ermahnt, schafft es aber gleichzeitig (durch die Sicht eines Tieres) eine unglaubliche Leichtigkeit in seine Zeilen zu legen.

Ein großartiger Roman, ein tolles Konzept und eine absolute Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 27.02.2024

Gedanken in der Einsamkeit

Die Verletzlichen
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Eine Frau in New York, ein Papagei und ein ungebetener Mitbewohner…
Corona greift um sich. Es ist der erste Lockdown. Eine Frau erklärt sich bereit den Papagei einer Freundin, welche bei ihren Eltern festsitzt, ...

Eine Frau in New York, ein Papagei und ein ungebetener Mitbewohner…
Corona greift um sich. Es ist der erste Lockdown. Eine Frau erklärt sich bereit den Papagei einer Freundin, welche bei ihren Eltern festsitzt, zu betreuen. Sie überlässt einer Ärtzin, die dringend gebraucht wird, ihre Wohnung und zieht bei dem Papagei ein. Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: auch ein junger Mann, der gerade mit seinen Eltern ein nicht allzu harmonisches Verhältnis hat, wird bald als Gast in der Wohnung sein und ihre Geduld mehr als einmal auf die Probe stellen.
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Handlungstechnisch passiert in diesem Roman nicht besonders viel. Es ist Lockdown, alles liegt auf Eis, der Beruf der Protagonistin ist nicht systemrelevant und somit sitzt sie in der Wohnung fest. Bis auf vereinzelte Spaziergänge, verlässt sie diese nicht. Sie hat viel Zeit zum Nachdenken und nimmt die Lesenden genau in diese Gedankenwelt mit.
Es ist ein Ausflug in die Welt der Literatur, in die Vergangenheit, in Einsamkeit und Angst. Sigrid Nunenz reflektiert eine Zeit, die sicher für uns alle schwierig war. Gerade in der Anfangszeit von Corona, war Angst ein vorherrschendes Gefühl. Es gab so viele Infizierte, so viele Tote… beim Verlassen der eigenen vier Wände wurde plötzlich jeder andere Mensch zu einem potenziellen Risiko.
Praktisch über Nacht hat sich unser aller Leben geändert und es wurde zu einer Zeit die jeder Person mal mehr, mal weniger abverlangt hat. Dies hat die Autorin sehr schön eingefangen.
Die Rolle des Papageien in dem Ganzen fand ich beeindruckend. Zum einen symbolisiert er die Wichtigkeit einer Aufgabe in Zeiten, in denen man sonst nicht zu tun hat. Sich um ein Lebewesen zu kümmern, dass auf einen angewiesen ist, kann nachweislich dazu beitragen, sich selbst aus tiefen Gräben heraus zu holen. Durch sein buntes Gefieder bringt er außerdem etwas Farbe in den trostlosen Alltag.
Durch das ungewollte Zusammenleben mit dem jungen Mann, wird überdies die Notwenigkeit von sozialen Kontakten und das Zwischenmenschliche thematisiert.
Wie anfangs schon erwähnt, passiert auf der Handlungsebene fast nichts. Dahingehend ist sicher der Klappentext etwas irreführend. Zumindest mir suggeriert er eine wesentlich eingängigere Erzählung.
„Die Verletzlichen“ ist ein leiser Roman. Es passiert hier sehr viel zwischen den Zeilen und man muss gewillt sein, sich darauf einzulassen. Wenn man dies tut, wird man mit einer literarisch hochwertigen und sprachlich wunderschönen Betrachtung von Individuen in Krisenzeiten belohnt.

Veröffentlicht am 18.02.2024

Die Leichtigkeit zurück erlangen

Der Traum vom Fliegen
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Sofia ist 20 Jahre alt als sie in eine psychiatrische Privatklinik eingeliefert wird. Durch eine immense Gewichtszunahme halten es ihre Väter für wichtig, dass sie sich helfen lässt und um ihnen die Sorgen ...

Sofia ist 20 Jahre alt als sie in eine psychiatrische Privatklinik eingeliefert wird. Durch eine immense Gewichtszunahme halten es ihre Väter für wichtig, dass sie sich helfen lässt und um ihnen die Sorgen zu nehmen, spielt Sofia dieses Spiel mit. Sie hat nicht vor abzunehmen, denn es gibt einen Grund warum sie sich die Kilos erarbeitet hat, nur das sie niemandem davon erzählen kann.
In der Klinik findet sie nicht nur nach und nach wieder zu sich selbst, sondern knüpft auch Freundschaften und erfährt ungeahnte Unterstützung.
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Milena Moser versteht es mit Metaphern zu spielen und eine einzigartige, rührende Geschichte voller Emotionen, Spannung und Einsichten zu kreieren.
Sie zeichnet ein tiefgreifendes Porträt ihrer Protagonistin Sofia, sowie anderer Patientinnen und während man dem Klinikalltag, welcher in meinen Augen sehr gute Ansätze vertritt, folgt, ergibt sich mehr und mehr ein Bild. Psychische Erkrankungen, seien es Essstörungen, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen oder Ängste, werden auf leichte und dennoch eindrucksvolle Weise eingebaut. In der Klinik selbst herrscht ein sehr wohlwollendes und wertfreies Klima.
Den Griff zum „Übernatürlichen“ (um die Symtomatiken und Probleme der Patient
innen zu beschreiben) finde ich sehr geschickt. Die doch sehr schwere Thematik wird dadurch weicher und sicher auch für Lesende, die kein Bezug zu den Thematiken haben, einfacher greif- und erklärbar.
Einen kleinen Kritikpunkt habe ich dennoch: Sofia setzt bei dem Kampf gegen ihre Angst Schmerzreize ein, was ihr auch von ihrer Therapeutin empfohlen wurde. Ich weiß, dass das teilweise auch heute noch als adäquates Mittel gesehen wird, finde es aber im Rahmen des Buches schwierig.
Nichtsdestotrotz ist es ein großartiges Buch und eine klare Empfehlung für euch.