Mutterliebe
All die kleinen VogelherzenSunday liebt ihr geordnetes Leben mit ihrer Teenagertochter Dolly, obwohl sie spürt, wie diese immer wieder Probleme mit der besonderen Lebensweise der Mutter hat. Als nebenan die charismatische Vita mit ...
Sunday liebt ihr geordnetes Leben mit ihrer Teenagertochter Dolly, obwohl sie spürt, wie diese immer wieder Probleme mit der besonderen Lebensweise der Mutter hat. Als nebenan die charismatische Vita mit ihrem Ehemann einzieht, fegt sie wie ein Orkan in Sundays Leben und in das ihrer Tochter.
Sunday führt als Ich-Erzählerin durch das Buch, der Leser erlebt die Geschichte, alle Ereignisse, alle Gespräche, alle Erinnerungen, einzig aus ihrer Sicht. Schnell ist klar, das Sunday ein besonderer Mensch ist, ohne, dass das dem Leser allerdings in einem Vorwort, oder auf andere Art und Weise erklärt wird. Stattdessen wundert man sich über Sundays merkwürdigen Verhaltensweisen, ihre Eigenart nur möglichst farbloses Essen zu sich zu nehmen, ihre Fixierung auf sizilianische Märchen und Sagen und einen überholten Etiketteratgeber aus den 50er Jahren, ihre Unfähigkeit Gespräche mit anderen Personen zu führen, Emotionen zu zeigen, oder angemessen auf sie zu reagieren. Wer sich mit der Thematik etwas auskennt, wird merken, dass bei Sunday eine kognitive Störung vorliegt, sie leidet an einer Form von Autismus. Leser die sich hier nicht so auskennen, werden die Figur Sunday schnell als schrullig, ja sogar nervig, vielleicht sogar durchgeknallt abstempeln, wie es Sundays Mitmenschen, sogar die Familie tut und das wäre schade, denn es tut ihr unrecht. Leider wird der Umstand das Sunday unter Autismus leidet nur ganz kurz auf dem Buchrücken erwähnt und geht so leicht unter, was schade ist, weil es die Aussage des Buches total verzerrt.
Wenn man Sunday kennenlernt ist es recht einfach ein pauschales Urteil über sie zu fällen, im Verlauf des Buches lernt man sie und ihre Vergangenheit aber immer besser kennen und entwickelt einen gewissen Beschützerinstinkt ihr gegenüber. Besonders natürlich gegenüber Nachbarin Vita, die sich laut, unkonventionell und übergriffig erst in Sundays Küche, dann in ihren Alltag und letztlich zwischen sie und Tochter Dolly drängt. Der Leser ahnt schnell worauf das hinausläuft, Sunday hingegen kann die Zeichen einfach nicht deuten. In dieser Phase des Buches überwiegt die Wut, angesichts ihrer Untätigkeit, aber natürlich ist klar, sie kann einfach nicht aus ihrer Haut.
Viktoria Lloyd-Barlow schreibt unglaublich eindringlich, man folgt gern ihren poetischen Sätzen und den Bildern, die sie damit erzeugt. Sie schafft es gut die verschiedenen Stimmungen einzufangen, Vitas überbordendes Wesen im Gegensatz zu Sundays Ruhe, aber auch deren Ängste, der Druck der auf ihr lastet, die inneren Kämpfe die sie ausficht und verliert und über allem die Spannung, die Vitas Anwesenheit erzeugt, diesen Anflug von etwas Dunklem, Bedrohlichen, dass man nie wirklich zu fassen bekommt.
In all diesen Punkten bin ich bei der Geschichte und diesem besonderen Buch, leider schafft es die Autorin aber in letzter Instanz nicht, mich bis zu Ende hin mitzunehmen. Der Abschluss von Sunday und Dollys Mutter-Tochter-Beziehung wird mir zu oberflächlich abgehandelt. Es werden da noch schnell ein paar erklärende Details hingeworfen und am Ende steht der Leser genauso allein auf der Straße wie Sunday. So virtuos wie die Geschichte bis dahin war, so unbefriedigend und lieblos wird sie abgeschlossen. Schade.